Georg Diez

Terror in Paris Hedonismus und Hass

Wenn Jugend auf Jugend schießt, wenn 25-jährige Franzosen 25-jährige Franzosen töten, dann liegt die Antwort auf viele Fragen genau dort: bei der Jugend.
Trauer nach den Anschlägen von Paris: Eine gespaltene Gesellschaft

Trauer nach den Anschlägen von Paris: Eine gespaltene Gesellschaft

Foto: Frank Augstein/ AP/dpa

Was bedeutet es, wenn auf der Titelseite von "Charlie Hebdo" steht: "Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner"?

Was sind die sozialen und ökonomischen Grundlagen für dieses "sie" und "wir", was ist die politische Bedeutung dieser beiden Wörter und wie hängt sie mit "Waffen" und "Champagner" zusammen?

Und was bedeutet es, wenn der Hedonismus als Argument verwendet wird, dafür, dass die Wut sich gegen die Menschen im "Petit Cambodge" und im "Bataclan" richtete, und dafür, dass diese Wut nicht siegen wird?

Ist der Hedonismus eine politische Bewegung? Und wie unterscheidet sich russischer von amerikanischem Hedonismus, französischer von saudi-arabischem?

Und was bedeutet es, wenn es heißt, die Attacken von Paris seien "ein Angriff auf unseren Lebensstil", ein Angriff auf "unsere Art zu leben"?

Wie konstituiert sich dieser Lebensstil, was sind die Voraussetzungen dafür, was sind die, wieder, sozialen und ökonomischen Bedingungen und die Ausschlusskriterien für diesen Lebensstil?

Anders gefragt: Wer feiert im zehnten und im elften Arrondissement von Paris, und was wissen sie, was wollen sie wissen von denen, die sich das alles nicht leisten können?

"Der französische Staat ist für Daesh verantwortlich"

"Die Mutter Frankreich hat einen Teil ihrer Kinder einfach vergessen", sagt Mourad, blaue Daunenjacke, dunkle Bartstoppeln. Er steht in einer Seitengasse, der Gebetsraum der kleinen Moschee befindet sich hinter einer grauen Eisentür. Das 11. Arrondissement bietet Platz für alle, sagen sie in Paris. Diese Gesellschaft hat keinen Platz für ihn, sagt Mourad.

Er stammt aus Tunesien, er fühlt sich in seinem Viertel zu Hause. Mehr als in dieser Stadt. Mehr als in diesem Land.

"Der französische Staat ist für Daesh verantwortlich", sagt er und fügt hinzu: "Niemand mag Gewalt. Aber diese Anschläge machen doch eines deutlich. Diese Gesellschaft ist tief gespalten." Daesh, so nennen sie in Frankreich die Terrororganisation IS.

Eine Straße weiter nur ist die große Moschee in diesem Viertel, sie ist benannt nach Omar Ibn el-Khattab, der zweite Kalif des Islam, von den Sunniten verehrt, von den Schiiten nicht anerkannt. Mehrere hundert Männer kommen hierher zum Beten. Die Moschee machte vor ein paar Jahren Schlagzeilen, es ging um vier Dschihadisten, die hierher zum Gebet kamen.

Whalid Oualid ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man sich unter einem Salafisten vorstellt. Er ist Informatiker, Kind tunesischer Eltern, er bietet Lerngruppen an, um seine Schüler auf die wichtigen Universitäten des Landes zu bringen. "Wenn du jemanden tötest", sagt er, "bist du kein Muslim."

Auch Whalid Oualid hat leuchtende Augen, wenn er von seinem Viertel erzählt. Muslime, Juden, Christen, Atheisten, sie alle leben hier friedlich zusammen, sagt er. Es ist das Modell der Stadt, der Offenheit, der Toleranz, das die Terroristen angegriffen haben. Ihr Feind ist das Funktionieren.

Ihr Feind ist der Alltag. Ihr Feind ist die Normalität. Ihr Feind ist das gelungene Zusammenleben von Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit. Ihr Feind ist der Frieden, deshalb bringen sie Tod und Schrecken.

"Das ist doch unser Land", sagt Slaimi, der sich in das Gespräch einmischt. "Mein Sohn ist sieben. Er hat von den Anschlägen gehört und hat gesagt: Papa, was machst du, wir müssen Frankreich verteidigen."

George Packer hat im Sommer in seiner großen Reportage über die Pariser Banlieues geschrieben, dass auch "mehr Jobs und bessere Wohnungen den französischen Dschihad nicht beenden werden".

Algerienkrieg als komplexe Verdrängungsleistung Frankreichs

Gleichzeitig hat er beschrieben, wie Architektur zu Politik wird, er hat beschrieben, wie weit der Weg von Saint-Denis zu den Champs Elysées ist, wie groß die Verdrängung der französischen Gesellschaft ist, wenn es um die Geschichte der nordafrikanischen Kolonien geht und speziell um die Gegenwart der Kinder und Enkel von dort.

Algerienkrieg? 200 Tote in Paris, am 17. Oktober 1961, es war nur eine Demonstration für die Unabhängigkeit Algeriens. Erst 2012 hat François Hollande dieses Massaker zugegeben, die Toten schwammen in der Seine, heute gibt es eine Bronzeplakette.

Auch das ist eine Realität, die komplexe Verdrängungsleistung dieser französischen Gesellschaft, die den Hintergrund bildet für den Hedonismus, der am 13. November angegriffen wurde, der Hedonismus derer, die ihn sich leisten können.

Sorglos seien sie gewesen, die Menschen in den Restaurants, sagt der Philosoph Patrice Maniglier, der die von Jean-Paul Sartre und anderen gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" leitet und, wie seine Freunde, regelmäßig im Le Petit Cambodge gegessen hat.

Nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher im Januar brachte er eine Ausgabe über den Islam und den Staat heraus. "Die meisten Menschen", sagt Maniglier, "wissen nichts vom Islam. Sie alle haben die Rückkehr der Religion unterschätzt."

Sie sollten getroffen werden bei diesen Anschlägen, die Orte waren genau bedacht. Hier treffen sich die Kreativen, die Gutverdienenden, die Jungen, die Gewinner der Gesellschaft. "Bobos", so nennen sie sich selbst. Es sind Leute, die links denken und rechts leben.

Der amerikanische Kolumnist David Brooks prägte den Begriff im Jahr 2000 mit seinem Buch "Bobos in Paradise". Es ist eine Abkürzung von "Bohemien-Bourgeois", also Bürger, die wie Künstler leben. Oder wie Kinder.

"Es sind Menschen", sagt Maniglier, "die das Gesetz der Gewalt nicht anerkennen. Sie sind keine Realisten. Sie leben mit einer Fortschrittsillusion. Aber die Dinge entwickeln sich nicht notwendigerweise zum Besseren."

"Man kann nicht alles soziologisch erklären"

Es war kein Bahnhof, der getroffen wurde wie 2004 in Madrid, ein Ort der gesellschaftlichen Infrastruktur. Es waren keine Zeichner, Karikaturisten, Journalisten, Repräsentanten des öffentlichen Diskurses. Es waren Menschen, die ein Bier trinken oder einen Feuertopf essen wollten.

Die Auswirkungen werden gravierend sein, meint Maniglier. "Man kann nicht alles soziologisch erklären", sagt er. "Das Böse existiert."

Nach den Anschlägen habe sich politisch nicht viel geändert, sagt er. Er spricht von "15 Jahren voller Fehler", von der "Blindheit des Westens", von der "Mitschuld am Elend in der Welt". Es klingt, als ob bald Zahltag ist.

Die französische Gesellschaft beschreibt Maniglier als entpolitisiert. Die Menschen hätten verlernt, dass sie Teil sind von etwas, dass sie sich engagieren müssen, dass sie dafür arbeiten müssen, Bürger zu sein. "Sie denken nur daran, dass sie gut leben wollen", sagt Maniglier, der kein Moralist ist.

Wenn er aber von "Relativismus" spricht, dann hat das keinen negativen Beiklang. Es ist ein anderes Wort für Toleranz.

Er glaubt, dass sich die französische Gesellschaft, die so rigoros auf alten Prinzipien von Elite und Abstammung aufgebaut ist, verändern wird, wenn die "Werte", die nun so reflexhaft beschworen werden, hinterfragt und schließlich verändert werden, offener, kosmopolitischer, wacher.

Dazu gehört auch, dass Frankreich das Konzept der Laizität, also der strengen Trennung von Staat und Religion, überdenkt. Oder besser: Dass klar wird, dass die Laizität den Staat betrifft, der religionsneutral zu sein hat, und nicht den Bürger, dessen Recht es ist, religiös zu sein, mit allen äußeren Zeichen wie dem Kopftuch.

"Eine Mehrheit der französischen Gesellschaft versteht Demokratie und Laizismus sehr eng, sehr aggressiv", sagt etwa der politische Philosoph Yves Sintomer, "das ist oft regelrecht islamfeindlich".

Die Distanz des Staates zu jeder Art von Religion, die eine Errungenschaft der französischen Revolution war und im Jahr 1905 Gesetz wurde, wurde zu einer Skepsis gegen Religion im öffentlichen Raum überhaupt.

"Aber das ist ein Missverständnis", sagt Simonter. Er war mit seinem sechsjährigen Sohn im Stade de France. Er hörte die Explosionen. Er dachte sich nichts dabei. "Erst als ich wieder daheim war und im Fernsehen die Bilder sah, habe ich wirklich verstanden, was alles passiert war."

Eine tiefe Identitätskrise der französischen Gesellschaft

Den Laizismus heute hält er für "eine Maske des Nationalismus". Tatsächlich, so Sintomer, der 2004 eine Studie über das Kopftuchverbot veröffentlichte, sei die Integration in Frankreich weiter, als öffentlich wahrgenommen wird, das belegten alle wesentlichen Statistiken.

"Viel mehr muslimische Frauen als noch vor ein paar Jahren studieren und arbeiten", sagt Sintomer, "sie sind freier in der Ehe, sie bekommen weniger Kinder, was ein Zeichen von größerer Selbständigkeit ist."

Die französische Gesellschaft sieht er dennoch in einer tiefen Identitätskrise: Auf der einen Seite der paternalistische Staat mit stark autoritären Zügen und auf der anderen Seite die immer noch verdrängte Tatsache, dass man langsam, wie ganz Europa, welthistorische Provinz wird.

Zu dieser kollektiven Verdrängungsleistung gehört für Sintomer auch der Algerien-Krieg, der kaum aufgearbeitet wurde und wie ein unsichtbares Trauma die Gesellschaft überwölbt. "Wir wissen so wenig", sagt er, "das ist auch politisch gefährlich."

Wenn es also tatsächlich so war, dass am 13. November Jugend auf Jugend geschossen hat, wenn 25-jährige Franzosen 25-jährige Franzosen getötet haben, dann liegt die Antwort auf viele Fragen dort, bei der Jugend.

Der Dschihad sei die "Gegenkultur unserer Zeit", sagt Sasha Havlicek vom Institut for Strategic Dialogue, es ist eine Jugendrevolte mit Waffen.

Und so trafen am 13. November tatsächlich zwei Arten der jugendlichen Selbstverwirklichung aufeinander, der Hedonismus und der Hass.

"Charlie Hebdo" hat recht: Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner.

Aber warum?

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