Pariser Kunstausstellung Bilder einer Hinrichtung
Enthauptete Leiber, abgeschnittene Gliedmaßen, sezierte Schädel, Leichenberge als Zeichnungen, Gouachen, Druck; Krieg, Folter, Exekutionen in Öl, Tusche oder Radierung, daneben Diebe, Killer, Vergewaltiger auf Plakaten, Fotos oder gar reproduziert als Wachsfigur - und gleich am Eingang eine Guillotine, eingehüllt wie einst in ein schwarzes Tuch. Nein, die jüngste Schau im Musée d'Orsay ist nichts für empfindliche Gemüter.
Dennoch zielt die Ausstellung unter dem Titel "Verbrechen und Strafe" - nach dem Roman von Fjodor Dostojewski - nicht auf Grauen und Gänsehaut. Was aussehen könnte wie ein Panoptikum von Mord und Totschlag, erklärt den Blick von Malern, Bildhauern und Fotografen auf das Phänomen des Verbrechens. "Gezeigt wird menschliches Leid - das der Opfer sowohl von krimineller Gewalt als auch der Gewalt, die von der Justiz sanktioniert wird", sagt Robert Badinter. "Es geht um Reflexion mit den Mitteln der Kunst."
Das Projekt geht auf die Anregung des 81-Jährigen zurück, auf die Idee eines Mannes, der sich während seiner gesamten beruflichen Laufbahn mit Verbrechen beschäftigt hat: Anwalt Badinter war unter Präsident Francois Mitterrand von 1981 bis 1986 Justizminister. Durch seinen persönlichen Einsatz und gegen massiven öffentlichen Widerstand gelang es, dass am 30. September 1980 in Frankreich die Todesstrafe abgeschafft wurde.
Seit mehr als einem Jahrzehnt sinniert der Universitätslehrer und Essayist über die Art und Weise, wie sich Dichtung und bildende Kunst dem "Rätsel vom Kriminellen und der strafenden Gesellschaft" angenähert haben. "Hat sich der Blick des Künstlers auf das Verbrechen entwickelt?", fragt Badinter. "Was kann uns diese Sicht beibringen?"
Der Ruf nach Rache hält sich
Antworten versucht der Rückblick auf mehr als 200 Jahre europäische Geschichte im Musée d'Orsay zu geben. Als Ausgangspunkt wählten Badinter und Kurator Jean Clair die Französische Revolution - der Grund: Noch unter dem Ancien Régime fanden Verhör, Prozess, Richterspruch und Strafe in der Regel hinter verschlossenen Türen statt. Erst ab Oktober 1789 wird die Justiz zum Spektakel. Der Tod durch die Guillotine, die maschinelle Hinrichtung der Verurteilten auf dem Platz der Revolution (heute: Place de la Concorde), wird zur alltäglichen Volksbelustigung - und Kriminelle, Gefängnisse und Enthauptungen geraten zu beliebten künstlerischen Motiven: Mit beinahe morbider Vorliebe konzentrieren sich die Maler auf die Darstellung des Tabubruchs, auf den Moment der Bluttat. Dafür bemüht man biblische Geschichten wie auch antike Mythen als symbolträchtige Vorlagen: Kain und Abel, Judith mit Holofernes, den mordenden Ödipus oder Saturn, der seine Kinder verschlingt.
Zugleich dokumentieren die Künstler die Gewaltexzesse ihrer blutigen Zeit: Louis Villeneuve zeichnet den Kopf Louis XVI. in der Hand seines Henkers, Jacques Louis David malt den im Bad erdolchten Marat als Märtyrer der Revolution, und Goya scheut sich nicht, Kannibalismus darzustellen. Doch neben der unheimlichen Faszination der Gewalt existieren auch erschütternde Anklagen gegen unmenschliche Praktiken von Folter, Gefängnis und Todesstrafe: Viktor Hugos Bilder wie der "Erhängte" oder "Justiz" haben nichts von ihrer Kraft als moralische Anklage verloren.
In der Öffentlichkeit erhält sich freilich der Ruf nach Rache, selbst wenn im 19. Jahrhundert erstmals die Frage nach der Verantwortung des Verbrechers gestellt wird: Es ist die Geburtsstunde der kriminellen Anthropologie, das belegen die Exponate im Musée d'Orsay. Die Wissenschaft widmet sich mit viel Forscherdrang den Gründen des Bösen; man glaubt, die Bluttaten an physischen Eigenschaften oder gar durch den Blick in den geöffneten Schädel festmachen zu können. Und die Polizei versucht erstmals, per Verbrecherkartei der ausufernden Kriminalität Herr zu werden.
"Kein Glück" steht an der Tür der Todeszelle
Neben Künstlern und Grafikern sind es nun auch Fotografen, die sich mit Verve des Themas annehmen. Publikationen wie "Le Petit Journal" widmen fast wöchentlich ihre Titel den Gruselgeschichten: "Les Mystères de Paris" stilisieren Banditen, Mörder und ihre Verfolger zu Helden blutrünstiger Kämpfe und schaffen damit ein neues Genre - sie sind die Paten von Detektivromanen und TV-Krimis. "Das Verbrechen ist Anreiz unserer Phantasien bis hin zu den Fernsehserien der Gegenwart", sagt Badinter. "Es bleibt eine unerschöpfliche Goldader."
Und es bleibt Sujet der Moderne: Paul Cézanne pinselt impressionistisch "Den Mord"; Alberto Giacometti entwirft die skelettierte Plastik einer "Frau mit durchgeschnittenem Hals"; von René Magritte stammt das verstörende Bild "Der bedrohte Mörder". Im Musée d'Orsay bleibt es aber nicht bei der künstlerischen Aufarbeitung - dafür sorgt neben der Guillotine noch ein weiteres, reales Objekt: die Holztür einer Todeszelle, eine Leihgabe des Museums für Strafvollzug in Fontainebleau. Eingeritzt in die Bohlen sind die letzten Worte der Verurteilten, "Adieu, Frisette" oder "Kein Glück".
Wollen die Initiatoren also auch schockieren? Oder versteht sich die Schau als Teil einer Kampagne gegen die Todesstrafe? "Wir wollten kein Horrormuseum, sondern wir befinden uns vor Meisterwerken der Kunstgeschichte", sagt Robert Badinter. "Aber wir haben in der Ausstellung auch das Bild des elektrischen Stuhls von Andy Warhol - das bedeutet, dass der Kampf weitergeht."
"Crime et châtiment", bis zum 27. Juni, Musée d'Orsay, http://www.musee-orsay.fr/de/empfang.html