Party-Event "Bimbo Town" Schwing das Roboterbein!

Roboterzirkus mit fleischfressenden Sofas: Die Fabrikhallen der Baumwollspinnerei bieten nicht nur der "Neuen Leipziger Schule" eine Heimat, auch die skurrilste Party der Republik wird hier gefeiert. Einmal im Monat lädt Aktionskünstler Jim Whiting zu Maschinenspuk und Sperrmüllseligkeit.
Von Eva-Maria Lemke

Die fransige Stehlampe in der Bibliothek geht plötzlich aus. Das ist Georgs Zeichen. Der junge Mann greift zur Taschenlampe und taxiert die Unterseite des Schreibtischs. Ein Griff in die Mechanik, die Lampe funzelt auf und die Bibliothek setzt sich wieder in Bewegung. Mitsamt den Bücherregalen trudelt die fahrbare Insel davon. Die fünf Mädchen auf den altersschwachen Sesseln des Gefährts kreischen. Sie steuern durch eine Kleinstadt, in der sich einmal im Monat das Partyvolk versammelt: Das ist das "Bimbo Town" in Leipzig. Hier feiern junge Menschen die skurrilste Party Deutschlands, in einer Mischung aus Roboterzirkus und Räuberhöhle.

Mechaniker Georg bezieht schon mal Stellung am anderen Ende der alten Fabrikhalle. Er sorgt für den reibungslosen Ablauf der beliebten Bettenfahrt. Ein Dutzend Ehebetten werden dabei, von schweren Drahtseilen gelenkt, durch die Menschenmassen kutschiert. Wer sich auf den weichen Kissen niederlässt, unternimmt eine Rundfahrt durch einen verhexten Sperrmüllreigen – vorbei an rudernden Tentakeln aus Zinkbadewannen und Sesseln mit dem Temperament eines Rodeo-Pferds. Über dem Budenzauber in der riesigen Halle liegen Geräusche von Hydraulik und Hysterie. Das amüsierwillige Publikum ist ebenso zahlreich wie vielfältig: Punks dirigieren tanzende Roboterbeine, Familien gehen spazieren und Betriebsausflügler lassen sich jauchzend von einer hungrigen Couch verschlucken.

Frivole Badewannen und ein U-Boot-Ballett

Das "Gobbling Sofa" - schlingende Sofa - schaukelt kurz unheilvoll mit der Sitzfläche, dann saust die Lehne nach oben und man landet weich im Schlund des geblümten Zweisitzers. Noch gemütlicher ist es im "Couchette Bath", einer Etagere aus schaumgefüllten Badewannen. Der Name lehnt sich an die französischen Schlafwagen an - und klingt ebenso frivol wie das Treiben, das sich zu späterer Stunde in den Wannen abspielt. Die Abgeschiedenheit eines Schlafwagens ist den Badenden aber nicht vergönnt. Direkt neben der Cocktailbar gelegen, trennt das "Couchette Bath" nur eine Glasscheibe vom schaulustigen Tanzvolk.

Eigentlich sind die aberwitzigen Attraktionen aber nur Kulisse für Trapezkünstler, scherzende Scharlatane und Performancekünstler, die einmal im Monat die kleine Bühne bevölkern. Sie kommen auf Einladung von Jim Whiting, dem Schöpfer des "Bimbo Town". Auf das Adressbuch des britischen Aktionskünstlers dürften Zirkusdirektoren und Galeristen wohl gleichermaßen neidisch sein.

Der 56-Jährige selbst ist irgendetwas dazwischen. Jim Whiting lebt in seiner eigenen Welt. Und das wörtlich, denn er bewohnt einen selbst gezimmerten Wohnkubus inmitten des "Bimbo Town"-Budenzaubers. Hier wartet er die strapazierten Bauteile seines Maschinentheaters und schweißt, stanzt und schraubt neue Bewohner zusammen. Seine neueste Idee: eine Kreuzung aus U-Booten und mechanischen Fabelwesen. Die Aquarien mit dem Unterwasserwalzer sollen das "Bimbo Town" bald um eine Attraktion bereichern.

Das gesamte Gelände bildet die Quersumme von Jim Whitings Biografie. Den studierten Elektroingenieur führte sein Gestaltungswille zum Bildhauerei-Studium ans St. Martins College in London. Dort setzte er die Träume um, die seine Kindheit bestimmten: Roboter, motorisierte Beine und mechanische Gelenke. Diese Visionen entstanden, als Jim Whiting im Kleinkindalter an Rachitis erkrankte und metallene Stützschienen tragen musste. Während er sich das Krankenbett mit den Beinschienen teilte, wuchs die Faszination für die mechanische Nachahmung des Organischen.

Versteckt im wilden Westen der Stadt

Die hydraulisch bewegten Maschinenmenschen waren es schließlich, die seine Karriere begründeten: Der amerikanische Jazz-Star Herbie Hancock ließ Whitings geisterhaft zuckende Anzughosen in einem Musikvideo auftanzen, André Heller buchte ihn neben Salvador Dalí, Joseph Beuys und Roy Lichtenstein als Ausstatter für den Kunstjahrmarkt "Luna Luna". Doch Jim Whitings Erfindergeist war mit seinen Maschinenmenschen nicht erschöpft: Er träumte von einer Stadt in der Stadt, einem Mikrokosmos im Verborgenen. Er suchte nach einem geeigneten Versteck, verwarf stillgelegte Bergbauschächte und feuchte Keller – und fand das Areal in der Baumwollspinnerei.

Seit vier Jahren residiert sein schrecklich-schönes Sammelsurium nun in der roten Backsteinhalle auf dem ehemaligen Spinnereigelände. Der Titel "Bimbo Town" ist dabei liebevoll belustigend gemeint: Als "Bimbos" werden in Whitings Heimatstadt London die Angehörigen der Partygemeinde tituliert, die sich allein dem Spaß verpflichtet fühlen. Die Halle auf dem stillgelegten Industriegelände soll ihnen Lebensraum bieten - in illustrer Nachbarschaft. Nebenan, auch auf dem Gelände der Baumwollspinnerei, residieren die Künstler und Galerien der "Neuen Leipziger Schule".

Dem Roboter-Notarzt Georg sind die prominenten Nachbarn egal, als er in den Morgenstunden das ausklingende Partytreiben in der Halle vier verlässt. "So richtig werde ich wohl nie verstehen, wie das alles funktioniert", sagt er mit einem müden Kopfschütteln. Aufregend sei es für ihn aber trotzdem, einmal im Monat Teil der verrückten Welt von Jim Whiting zu sein.

Mitarbeit: Christian Fuchs

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.