Passions-Posse Showdown an der Ammer

Drei Jahre vor den nächsten Passionsspielen tobt in Oberammergau ein Machtkampf zwischen Spielleiter Christian Stückl und der Gemeinde. Ein Bürgerentscheid soll am kommenden Sonntag endlich Klarheit bringen.

Christian Stückl geht nicht so schnell die Puste aus. "Unanständig, unverantwortlich und unappetitlich" findet der Regisseur und Intendant, was da in seiner Heimatgemeinde Oberammergau passiert. Nicht um die Passionsspiele gehe es seinen Gegnern, sondern um "persönliche Abrechnung", sagt Stückl, 45, und zündet sich die dritte Zigarette innerhalb einer halben Stunde an.

Kurz vor Drucklegung der Prospekte für die Touristen-Arrangements zu den Passionsspielen 2010 droht der gewählte Spielleiter den Bettel hinzuschmeißen, wenn er nicht inszenieren kann, wie er will und wie er es "einfach schee" fände. Er will, anders als bisher, nicht die ganze Jesusgeschichte am hellen Tag spielen lassen, sondern "Kreuzigung und Auferstehung des Nazareners spätabends in Szene setzen, "mit Lichteffekt und Feuerschein, das ist doch viel dramatischer". Mit großer Mehrheit hatte der Gemeinderat vor einem Jahr Stückls Änderungswünsche beschlossen.

Angeführt von Anwalt Florian Streibl, Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten, haben 655 von 5300 Oberammergauern dreizehn Monate nach dem Gemeinderatsbeschluss und zehn Monate vor den nächsten Kommunalwahlen erkämpft, dass ein Bürgerbegehren am kommenden Sonntag über das sogenannte Nachtspiel entscheiden soll - zwei Tage, nachdem Stückls Insezenierung von Stefan Zweigs Prophetenepos "Jeremias" im Passionstheater am heutigen Freitag Premiere hat.

Stückls Kritiker wehren sich, weil bisher niemand ausgerechnet habe, welche zusätzlichen Kosten etwa durch Theater- und Straßenbeleuchtung für die Gemeinde entstehen. Gastwirte klagen, sie müssten ihr Personal länger bezahlen, wenn die Besucher spät aus dem Theater kommen. Ernsthaft wird eingewendet, das vorwiegend ältere Publikum könne sich im Dunkeln auf dem Nachhauseweg verlaufen. Und weil die Passion nur von Laien gespielt wird, kämen berufstätige Darsteller nach langer Nacht morgens unausgeruht zur Arbeit.

Dickschädeligkeit im Erbgut

"Schmarrn", sagt Anton Preisinger, Gastwirt im Hotel "Alte Post". Die Passionszeit sei nun mal "ein Ausnahmezustand, aber einer, von dem wir den Rest der Zeit leben". Wer mitspielen will, nimmt von jeher unbezahlten Urlaub und bekam zum Ausgleich im Jahr 2000 für sechs Monate Spielzeit zwischen 10.000 und 36.000 Mark Honorar. Die Kosten der Inszenierung müssen beim Ticketpreis berücksichtigt werden. "Da geht"s nicht um"s Nachtspui", sagt Preisinger, "da geht"s um Politik, um Neid und alte Rechnungen." Martin Müller hält seine Wut mit Mühe im Zaum. Der Holzbildhauer leitet die örtliche Laienspielschar, die sich mit eigenen Aufführungen zwischen den Passionsjahren "den Arsch aufreißt" und sich bei den letzten Spielen mit zu kleinen Rollen abgespeist fühlte.

"Hochgepfuschtes Halblaientheater" habe Profi Stückl aus "unserem Spui" gemacht. "Und bildet sich ein, die Passion gehört ihm." Für einen anderen Spielleiter ginge Müller "umsonst auf die Bühne". Und im Dorf sagen die Leute, dass er dabei an sich selber denkt. Dass der Stückl-Christian und die Oberammergauer aus demselben Holz sind, wo Dickschädeligkeit zum Erbgut gehört, macht die Sache nicht besser. Nichts geht dem Dorfsohn, der zwar nicht verloren, aber weit hinausgewachsen ist, so nah wie die Distanz, auf die manch einer in seiner Heimat jetzt zu ihm geht. Andererseits zeichnet den Künstler auch in dieser Auseinandersetzung eine Zampano-Begabung aus, die keiner - am wenigstens er selbst - kontrollieren kann.

Auf Gedeih und Verderb ausgeliefert

Und wenn er den Showdown an der Ammer verliert? Der Kettenraucher holt ausnahmsweise Luft: "Daran mog i gar net denka." Seit mehr als 350 Jahren gehören leidenschaftliche Hingabe und die Leiden des Gottessohnes - beides lateinisch: Passio - in Oberammergau zusammen wie Zoff und Passionsfestspiele. Zum 41. Mal soll 2010 das Gelübde erneuert werden, dem Passion (Mundart) alle zehn Jahre auf die Bühne zu bringen, wenn Gott die Pest von den Bürgern fern hält. Das hat er seit 1634 getan. Dafür hängt nun die ganze Existenz des Herrgottsschnitzer-Dorfes, das sich einmal im Jahrzehnt mit seinem Jesustheater ins Weltbewusstsein spielt, an der biblischen Geschichte.

Fast 100 Millionen Mark haben die Festspiele im Jahr 2000 umgesetzt, 15 Millionen Mark Reingewinn blieben in der Gemeindekasse. Mehr als 520.000 Zuschauer sahen die von Antisemitismus gereinigte und rebellisch bewegte Jesus-Inszenierung, die alle Besucherrekorde brach und selbst wenig gottesfürchtige Kritiker "zwischen professioneller Bühnenkunst, Gottesdienst und Bauerntheater" ("Neue Züricher Zeitung") zu Jubelstürmen hinriss - Regie: Christian Stückl.

Wem die Passion gehört, gehört die Zukunft in Oberammergau. Darum kämpfen Messdiener und Theatermacher, Traditionalisten und Erneuerer. Am Bahnhof ist der Streit zwischen Vergangenheit und Zukunft erstmal entschieden. Leise plätschert das Flüsschen Ammer am ehemaligen Bahnhofsplatz vorbei an Bauzäunen, Kieshalden und Dixiklos, wo das einstige Postkarten-Idyll die Besucher demnächst mit einer kleinen Industrieansiedlung aus Drogerie-, Getränke- und Möbelmarkt begrüßen wird. Wer weiß schon, ob sich sowas hier am Dorfrand lohnt. Einig sind sich die Oberammergauer nur in einem: "Der Passion", sagt Stückl- Gegner-Streibl, "sind wir wirtschaftlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert."

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