Twitter, Facebook und die Antidemokraten Wie uns die Maschinen unterjochen

Trump, der Terminator? Der Journalist und Aktivist Paul Mason beschreibt den US-Präsidenten als Handlanger eines Automaten-Kapitalismus - und fordert zur Gegenwehr einen neuen maschinenbasierten Humanismus.

Szene aus "Terminator"
Cinema Publishers Collection/ imago images

Szene aus "Terminator"

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Twitter nutzen oder meiden? Trump dämonisieren oder als Unfall der Geschichte aussitzen? Mit Rechten reden oder versuchen, sie zu ignorieren? Sagen wir mal so: Der linke Vorschlags-Algorithmus, wie wir mit Fake News, Antidemokraten und Rechtspopulisten umgehen sollen, ist zurzeit ziemlich unterkomplex. Wenn nun der britische Autor Paul Mason eine "Krise des progressiven Denkens" diagnostiziert, mag man ihm nicht widersprechen.

Sein Buch "Klare, lichte Zukunft" ist auch der Versuch, die Schockstarre zu überwinden. Mason ist Wirtschaftsjournalist und Politaktivist, er begleitete ganz unterschiedliche Protestbewegungen auf dem Globus, die Anti-Trump-Demos in Washington genauso wie die gegen Erdogan im Gezi-Park in Istanbul. Mason weiß um die befreiende Bedeutung, die Twitter und Facebook für diese Bewegungen hatten, er weiß aber auch um das demokratiezersetzende Potenzial der Technologiekonzerne.

Ein Widerspruch, den er nicht aufgelöst bekommt, dem er aber in seiner 400-seitigen Tour de Force durch die Ideen- und Wirtschaftsgeschichte eine gute, nervöse Energie abgewinnt für den Entwurf eines neuen Humanismus: Er versucht, den Gefahren eines Automaten-gestützten Autoritarismus von rechts ein ausdrücklich Automaten-basiertes Streben nach Aufklärung und Menschlichkeit von links entgegenzusetzen.

Paul Mason
Getty Images

Paul Mason

Masons Analyse der Gegenwart und Entwurf der Zukunft sind verwegen, aber weitgehend konsistent. Gerade in Sachen Donald Trump: Der US-Präsident sei eben kein Unfall der Geschichte, sondern ihr unvermeidliches Resultat. Mason sieht ihn als Fratze eines voll automatisierten Kapitalismus, als Terminator einer Maschinenmacht, die den Menschen für den Markt unterjocht.

Dass hinter Trumps Aufstieg eine Allianz aus libertären, demokratiefeindlichen Unternehmern und Technologieinvestoren steht, ist bekannt. Einer der wichtigsten Protagonisten ist der Finanzier Robert Mercer. Der Experte für Computerlinguistik baute mit seiner Expertise den Hedgefonds Medallion auf, der laut Mason bislang 55 Milliarden Dollar Gewinn abgeworfen hat. Auch an Cambridge Analytica, der Datenanalysefirma, die Facebook-Daten missbraucht haben soll, um sie für den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 zu verwenden, war er beteiligt.

Der Algorithmus, die Marktmacht

Mercer steht, ähnlich wie die Koch-Brüder, für das Streben nach einem Kapitalismus ohne Staat, in dem der Markt eine Art höhere Macht bildet. Seine Wurzeln hat dieses Denken im Neoliberalismus der letzten 30 Jahre, der den Markt als eine Art Weltgeist feierte, der schlauer ist als der Mensch - und also auch dessen demokratische Institutionen nicht zu achten hat.

Ein Aspekt, der sich mit der Ideologie der Alt-Right-Bewegung deckt, deren Vordenker zum Teil in von den Koch-Brüdern finanzierten Thinktanks geschult wurden. Gemeinsam plant man den algorithmisch organisierten Angriff auf Konsumenten und User. Mason: "Die Identität jedes vernetzten Menschen hat sich in ein gesellschaftliches Schlachtfeld verwandelt. Das wiederum erklärt, warum sich autoritäre Regierungen und rechtsextreme Bewegungen auf dem Informationskrieg in den Köpfen der vernetzten Individuen konzentrieren."

Donald Trump
Andrew Harnik/ AP

Donald Trump

Fanatiker des Marktes treffen auf Fanatiker des rechten Denkens, ein gefährliches Bündnis. Das auch deshalb entstehen konnte, weil man glaubte, dass nach dem endgültigen Zusammenbruch der totalitären Systeme 1989 die liberalen Demokratien mit ihren freien Marktwirtschaften als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen seien. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama prägte damals den Begriff vom Ende der Geschichte. Aber das war es eben nicht, wie wir spätestens jetzt angesichts des Wiedererstarkens totalitärer, auf Informationstechnologie beruhender Herrschaftssysteme erkennen müssen.

Der Kredit, das Koks des kleinen Mannes

Der Grund liegt auch darin, dass man über die letzten drei Jahrzehnte alle politischen Krisen mit einer Verschärfung der Marktwirtschaft bekämpft hat: Der Mensch wurde als Konsument in das System gezwungen, und wann immer das System erschüttert wurde - Staatspleite in Argentinien, Korruptionsskandal um Enron, etc. -, wurde er als Konsument noch ein bisschen mehr an die Kandare genommen. Der Kitt des Systems war der Kredit, das Koks des kleinen Mannes. 2008 dann die Bankenkrise, der Kater nach dem Rausch.

Mason: "Man gab das neoliberale Modell auf oder gestaltete es neu, und in dem neuen Modell mussten die Staaten um ihr Stück eines kleineren Kuchens kämpfen - diese Option bezeichne ich als 'nationalen Neorealismus'." Man könnte ihn auch Wirtschaftsnationalismus nennen, und Trump mit seinem ewigen Handelskriegsgeschrei ist natürlich dessen oberster Repräsentant.

Preisabfragezeitpunkt:
18.05.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Paul Mason
Klare, lichte Zukunft: Eine radikale Verteidigung des Humanismus

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
415
Preis:
EUR 28,00

Ging es früher um die Entfesselung auf einem realen globalen Markt, dringt der von Trump für seine libertären Technologieunternehmerfreunde vorangetriebene Neoliberalismus ins Virtuelle vor. Der Mensch muss sich nun völlig dem Algorithmus eines Marktes unterwerfen, der von Automaten kontrolliert wird.

Dialektik vom Feinsten

Ein düsteres posthumanistisches Szenario - dem Mason in der zweiten Hälfte seines Buches ein lichtes neu-humanistisches entgegensetzt. Für ihn geht es nicht darum, die Maschinen abzusetzen, sondern sie einzubinden in einen neuen Gesellschaftsentwurf, in dem künstliche Intelligenz, Robotik und Biotechnologie und andere Schreckgespinste einer sich automatenhaft verselbstständigenden Zukunft dem Menschen in seinem Menschsein von Nutzen sind. Dialektik vom Feinsten.

Dafür kramt Mason, der auch als Berater für den Labour-Chef Jeremy Corbyn fungiert, den alten Marx raus und poliert ihn so lange, bis darunter der junge, rigoros humanistische Marx zum Vorschein kommt, nach dem es der, so Mason, "biologisch angelegte Zweck" des Menschen sei, sich durch Technologie zu befreien. Plakativ zugespitzt hieße das: Facebook und Co. werden zu Treibern der Menschheits-, ja gar der Evolutionsgeschichte.

Gegenwartsbefund von Francis Fukuyama

Mason zeichnet das Ideal einer hochvernetzten Gesellschaft, die im Bot- und Algorithmen-gestützten Dauerkommunikationsbetrieb zu einem hochkomplexen Interessenausgleich gelangt, oder besser noch: die Notwendigkeit von Interessengruppen gleich hinter sich lässt.

Wie zuletzt Fukuyama in seinem Essay "Identität" sieht auch Mason, obwohl im Gegensatz zu diesem von weit links kommend, in der Identitätspolitik das größte Problem, um eine starke liberale Erzählung gegen die neue gesellschaftliche Spaltung und den disruptiven Terror zu finden. Er schreibt: "Eine alternative, radikalere Form des Humanismus in der Tradition von Vernunft und Aufklärung zielt auf die völlige Befreiung des Menschen einschließlich der Befreiung von Identitäten."

Es lassen sich etliche Schwachstellen in Masons Vision finden, etwa die Unberechenbarkeit autokratischer oder totalitärer Systeme wie Russland und China, die in der Entwicklung künstlicher Intelligenz keinerlei ethischen Abwägung zu treffen haben und sich deshalb auch niemals in einen neuen humanistischen Gesellschaftsentwurf einbinden lassen.

Trotzdem schleudert Mason der in linken und liberalen Kreisen verbreiteten Analyse-Erschöpfung und Technologie-Müdigkeit mit seiner Vision einer Klasse vernetzter Individuen, die für eine Gesellschaft mit Mensch und Maschine kämpfen, ein schönes Utopia entgegen. Man wird ja wohl noch mal denken dürfen.



insgesamt 8 Beiträge
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axel.hag 13.05.2019
1. Unterjochung
Nicht erst seit wir Maschinen künstliche Intelligenz einhahauchen, sondern seit immer mehr Menschen blind und hirnlos Vorschriften umsetzen, die bei näherem betrachten generell passen, aber in Einzelfällen leider nicht. Immer weniger wenden Regeln sinngemäß an, sondern Wort für Wort. Wo ist da der unterschied zu einer Programmierten Maschine. Beides nicht menschlich, nicht menschenwürdig.
didel-m 13.05.2019
2. Na wie gut, daß die herbeigeredete KI noch nicht mal ansatzweise geht
Ansonsten ist das alles ziemlich diffus. Am Ende wird dann wohl das störrische Volk das machen, was es immer tut: einfach was es will.
secret77 13.05.2019
3.
Ich sehe nicht wirklich, was Masons Utopia sein soll. Die zwei radikalsten Entwicklungen aktuell sind Chinas Guter-Bürger-Bonus-Programm, basierend auf Vernetzung, und die sonst in vielen Ländern sich abzeichnende "Rettung der wirklich Vermögenden in der globalen Katastrophe", wie es Bezos nun laut mit seinen Umzugsplänen zum Mond ausgesprochen hat. Die einen versuchen also noch die Massen irgendwie zu steuern, die anderen gehen eh davon aus, dass man besser zu den wenigen Gewinnern der Überbevölkerung gehört. Mason nun glaubt an einen Humanismus, dem die Maschinen dienen. Aber WAS sollen sie dienen? Wir haben uns doch längst auf Materialismus und Konsum reduziert und uns damit selbst zu Maschinen gemacht. Wie sollte in amazon und facebook soll die Rettung liegen? Humanismus benötigt meiner Meinung nach zwei Dinge: Transzendenz, um ein anderes als eine Konsum/Maschinen-Bewusstsein zu erleben und Reduktion auf Wesentliches, um dafür empfänglich zu sein. Wenn wir aber weiterhin glauben, nur im Konsum liege Sinn und Heil, dann ist es denke ich egal, ob der chinesische oder der Trump'sche Weg gewinnt.
advocatus diaboĺi 13.05.2019
4. Die Welt ist doch so einfach
es gibt Gute und Böse....die Guten sind human und links....die Bösen stehen rechts und sind populistisch.....und dann gibt es auch noch die "Technik" und das "Nezt".....wenn es von den "Bösen" genutzt wird, muss es geregelt werden....so einfach ist die Botschaft...und dann gibt es auch noch den Kapitalismus, den Urgrund für alles Übel....den soll ein kollektiver "Humanismus" überwinden zusammen mit dem individuellen Egoismus...Thomas Morus lässt Grüssen...
merapi22 13.05.2019
5. Transhumanismus ist unsere Zukunft
Zitat von secret77Ich sehe nicht wirklich, was Masons Utopia sein soll. Die zwei radikalsten Entwicklungen aktuell sind Chinas Guter-Bürger-Bonus-Programm, basierend auf Vernetzung, und die sonst in vielen Ländern sich abzeichnende "Rettung der wirklich Vermögenden in der globalen Katastrophe", wie es Bezos nun laut mit seinen Umzugsplänen zum Mond ausgesprochen hat. Die einen versuchen also noch die Massen irgendwie zu steuern, die anderen gehen eh davon aus, dass man besser zu den wenigen Gewinnern der Überbevölkerung gehört. Mason nun glaubt an einen Humanismus, dem die Maschinen dienen. Aber WAS sollen sie dienen? Wir haben uns doch längst auf Materialismus und Konsum reduziert und uns damit selbst zu Maschinen gemacht. Wie sollte in amazon und facebook soll die Rettung liegen? Humanismus benötigt meiner Meinung nach zwei Dinge: Transzendenz, um ein anderes als eine Konsum/Maschinen-Bewusstsein zu erleben und Reduktion auf Wesentliches, um dafür empfänglich zu sein. Wenn wir aber weiterhin glauben, nur im Konsum liege Sinn und Heil, dann ist es denke ich egal, ob der chinesische oder der Trump'sche Weg gewinnt.
Bedeutet, Gier, Hass und Neid wird überwunden, denn nur gemeinsam können wir alle Weltprobleme lösen. Nicht Konkurenz, noch vom Staat geplante Vorgabe wie jeder zu Leben hat, wird sich durchsetzen. Der Mensch möchte ein freies selbstbestimmtes Leben führen. Mit zunehmenden Wissen und daraus resultierenden technischen Möglichkeiten, können wir mit immer weniger Aufwand an Ressourcen, Energie und meschlicher Arbeitskraft, immer mehr und bessere Güter/Dienstleistungen anbieten. Bald hat es 3D-Meterie-Drucker womit wir jedes Produkt wie bei Star Trek erzeugen können. Die Star Trek Gesellschaft wird unsere Zukunft sein, wo sich jeder das nehmen kann was er benötigt. Das UBI-BGE ist der erste Schritt dahin und die heutigen Probleme sind bald gegenstandslos. Es braucht nur genügend Menschen die daran glauben und arbeiten.
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