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19. Dezember 2014, 15:37 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Erschrecken vor dem Gestapo-Schatten

Eine Kolumne von

Deutschland ist nationaler geworden seit der Wiedervereinigung: Das zeigt der Zulauf für Pegida - und auch die Bereitschaft der Medien, auf rechte Argumente einzugehen.

Rein sprachlich gesehen ist Pegida irgendwo zwischen Gestapo und Hanuta zu verorten - es ist, wie Hogesa auch, die Rückkehr der dreisilbigen Abkürzung in den deutschen Sprachgebrauch. Und damit, so scheint es, erst mal das Ende von "ARD, ZDF, C&A", von "BRD, DDR und USA" (Die Fantastischen Vier).

Gestapo (erfunden 1933) und Hanuta (erfunden 1959) markieren auch die Koordinaten der Angst, die diese fremdenfeindliche Bewegung auslöst - zwischen Volksgemeinschaft, Verbrechen, Verdammnis und der Erlösung durch Konsum und Kapitalismus.

Aber was soll man machen, wenn die Kraft des Konsumismus nachlässt: Das ist das Erschrecken des Hanuta-Landes vor dem Gestapo-Schatten, das ist, mal wieder, die andauernde (und nicht unberechtigte) Angst der Deutschen vor sich selbst.

Was passiert hier also gerade, was sind das für Bilder, die aus Dresden kommen? Welcher Film geht da wieder los? Der von 1933, der 1945 angehalten wurde? Der von 1948, als sich die Länder teilten? Oder der von 1989, als Deutschland wieder da war, der von 1993, als Deutschland wieder brannte, der von 2006, als Deutschland sein "Sommermärchen" feierte?

Oder alle gleichzeitig?

Geht also die ganze deutsche Scheiße wieder von vorne los, das fragen sich viele, und es gibt auch Leute, die sich schon Gedanken machen darüber, in welches Land sie am besten auswandern wollen - die "Huffington Post" hat acht Gründe für die Emigration zusammengetragen, Fazit: "Deutschland müffelt".

Sehnsucht nach politischer Führung

Wie das riecht, der rechte Opportunismus, das demonstrierte diese Woche zum Beispiel die Seite eins der "Frankfurter Allgemeinen", wo das politische Ressort mit wehenden Fahnen auf die Pediga-Bewegung zulief.

Erst mahnte der Herausgeber Berthold Kohler, man müsse als direkte Konsequenz aus Pegida eine Einwanderungspolitik entwerfen, die sich "strikt an den Interessen des eigenen Landes" orientiert - was dem Grundrecht auf Asyl diametral entgegensteht.

Und einen Tag später kam der neue rechte Hofhund Jasper von Altenbockum zum Einsatz, der meinte, Pegida sei nur "ein anderes Wort für die Sehnsucht nach politischer Führung" - als sei das je das Argument gewesen, wenn irgendwo 15.000 oder 75.000 Menschen gegen Atomkraft oder für mehr Lohn auf die Straße gehen.

Aber es gibt eben eine Bereitschaft, auf rechte Argumente einzugehen, es gibt das relativierende Palaver davon, dass man die Ängste "ernst nehmen" müsse (wieder Kohler). Zu diesem publizistischen Rechtsruck passt auch, dass sich die "Neue Zürcher Zeitung", so wurde diese Woche berichtet, um einen klareren rechten Kurs bemüht und dafür schon mal den bisherigen Chefredakteur gefeuert hat.

In Deutschland, wo "Volk" schon immer wie "Volksgemeinschaft" klang und der Menge leicht etwas Dunkles, Drohendes anhaftet, ist die Sache noch einmal brisanter: Die Autosuggestion, dass es rechtes Denken nicht mehr gab, weil es rechtes Denken nicht mehr geben durfte, war eine Existenzgrundlage des Nachkriegsdeutschlands, im Westen zumindest.

Im Osten war die Sache nach 1945 anders - und Pegida zeigt, dass dieses Land, so wie es manche befürchtet hatten, mit der Wiedervereinigung tatsächlich nationaler und rechter geworden ist.

Das Klima von Angst und Opportunismus, wie es in Dresden besonders gut zu beobachten ist, ist dabei durchaus zeittypisch - auf den Ruinen des Neoliberalismus, so scheint es, werden gerade die Koordinaten der kommenden Zeit neu verhandelt. Und die Freiheit hat es da besonders schwer.

Dazu passt etwa die fatale Entscheidung von Sony, den satirischen Film "The Interview" über das Mordkomplott an einem nordkoreanischen Diktator nicht in die Kinos zu bringen, nachdem Hacker erst Hollywood-Interna und -Gossip veröffentlicht hatten und dann mit Terror drohten: Zuerst gibt man die Freiheit der Kunst auf und dann die Freiheit überhaupt.

Und auch die Meldung von dieser Woche, dass der Europäische Gerichtshof die Hamas von der Liste der Terrororganisationen streicht, passt in diese Einschüchterungszeit: Denn wie, wenn nicht als Terroristen, soll man Menschen bezeichnen, die dafür sind, ein anderes Land, Israel, zu vernichten?

Es war, mit anderen Worten, keine gute Woche für die Freiheit.

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