Peinliche Hamburger Kulturpolitik Blind vor lauter Sparwut

Museum dichtmachen, Schauspielhaus schleifen - Hamburgs neuer Kultursenator Reinhard Stuth hat mit seinen Sparplänen die Szene der Stadt nachhaltig verprellt. Proteste und eigene Fehler zwingen ihn jetzt zum Nachgeben. Selbst dabei macht er eine schlechte Figur.

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Kampf, Kampf und noch mal Kampf. Gerne auch in Großbuchstaben. Auf dem schwarzen Brett an der Bühnenpforte hängen sie noch, die Aufrufe zum Widerstand. "Die Kampfansage" lautete das Motto des Deutschen Schauspielhauses, seit Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth im September verkündet hatte, das Theater müsse jährlich 1,22 Millionen Euro einsparen.

Sieben Wochen lang hat das Ensemble demonstriert, das Haus mit Plakaten, Spottschriften und Solidaritätsnoten gepflastert. Sogar ein neues Wappentier ist dabei herausgekommen: Statt des freundlichen Delphin-Logos ziert ein Hai mit gebleckten Zähnen die Website des Theaters. Die Kantine heißt seit einigen Wochen Haifischbar. Anfang November forderte das Ensemble noch den Rücktritt des Senators.

Und jetzt scheint die Schlacht vorbei. Plötzlich hat die Stadt eingelenkt.

Nunmehr hat das Schauspielhaus drei Jahre Zeit, um die Einsparmaßnahmen umzusetzen. Im Gegenzug werden die Altschulden gestundet oder gar erlassen. Sprich: Der Deal läuft auf eine Kürzung von ungefähr 300.000 Euro hinaus. Geschäftsführer Jack Kurfess, der nach dem Rücktritt von Intendant Friedrich Schirmer das Theater leitet, sitzt in seinem Büro und weiß selbst nicht recht, wie ihm da geschehen ist. "Unsere Revolutionsgarden würden vielleicht gerne weiter durch die Straßen ziehen, um die vollständige Rücknahme der Kürzungen zu erreichen", sagt er mit schwäbischem Einschlag. "Aber ich hatte mit den jetzt verbleibenden 300.000 Euro gerechnet."

Der Sinneswandel in der Kulturbehörde sei im Grunde einfach zu erklären: Man habe Senator Stuth klarmachen können, dass eine so massive Mittelstreichung das Haus ruiniert hätte. Kein Kinder- und Jugendtheater mehr, nur noch vier Produktionen pro Spielzeit - das größte deutsche Sprechtheater, vor 110 Jahren aus Eigeninitiative spendabler Hamburger Kaufleute geboren, wäre in der Bedeutungslosigkeit versunken. Das wollte Reinhard Stuth, Jurist, CDU-Parteisoldat und bekennend fachfremd in der Kulturpolitik, dann doch lieber nicht.

Reden statt den Taschenrechner zücken

Erst streichen, dann nachdenken? Kurfess ist angesichts der kulturpolitischen Realsatire um Sanftmut bemüht: "Die haben in der Behörde einfach auf ihr Zahlenwerk draufgeguckt, festgestellt, dass wir mehr bekommen als das Thalia-Theater und uns dann die gesamten Einsparungen für die drei Hamburger Staatstheater aufgebürdet. Ohne mit jemandem zu reden, der was davon versteht." Hamburgs vorherige Kultursenatorin Karin von Welck habe noch gewusst, dass die Sparvorgaben des Senats ohne die Schließung von Kulturinstitutionen nicht umzusetzen sind - und sei lieber zurückgetreten. "Und mit Stuth hat man jemanden gefunden, der gesagt hat: Ich ziehe das durch."

Kulturpolitik per Excel-Tabelle: Dieses Konzept ist dem Hamburger Kultursenator vor die Füße gefallen. Vor allem der Beschluss, mit dem Altonaer Museum eines der vier historischen Museen Hamburg zu schließen, offenbarte die Ahnungslosigkeit des neuen Amtsträgers. 3,5 Millionen Euro wollte Stuth mit der Schließung einsparen - und musste sich von Fachleuten via Presse erklären lassen, dass das nicht möglich sei.

Bund, Länder und Kommunen können nämlich nicht einfach ihre historischen Sammlungen einsparen: Die Auslagerung in selbstständige Stiftungen schützt die Exponate und Archive davor, dass übereifrige Politiker sie verramschen, um sich aus einer aktuellen Haushaltsnot zu befreien. Selbst wenn ein Museum geschlossen wird, müssen die Bestände eingelagert und gepflegt werden.

"Eine Abwicklung von Standorten würde zunächst erhebliche Investitionen, zum Beispiel bei Depotflächen, notwendig machen. Bisherige Kosten für die Betreuung und Pflege der Sammlung blieben erhalten", sagt Kirsten Baumann, Vorstand der Stiftung Historische Museen Hamburgs, zu denen auch das Altonaer Museum gehört. Um es zu schließen, hätte Neusenator Stuth eine Mehrheit im Stiftungsrat gebraucht.

Als abzusehen war, dass er die nicht bekommen würde, zog sein Dienstchef die Notbremse: Ende Oktober lud Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus die betroffenen Institutionen und weitere Kulturschaffende zu einem "Kulturgipfel" in einer senatseigenen Villa an der Außenalster ein. Der Spott des Feuilletons über den nassforschen Kultursenator, die wöchentlichen Demonstrationen der Kulturszene, die 60.000 Unterschriften für die Initiative "Altonaer Museum bleibt": Das Maß war voll.

So zwangen die Proteste den Hamburger Kultursenator dazu, das zu machen, was er von Anfang an hätte machen können: Mit Fachleuten zu reden, bevor er den Taschenrechner zückt. Das Ergebnis? Ist für das Deutsche Schauspielhaus relativ glimpflich ausgefallen. Und auch die Bücherhallen konnten die auf sie entfallenden Kürzungen von anderthalb Millionen auf 500.000 Euro stutzen.



insgesamt 25 Beiträge
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Lady Wanda, 15.11.2010
1. Wem Gott ein Amt gibt...
... dem raubt er den Verstand. ANDERS kann man die mega-peinlichen Vorgänge rund um Hamburgs Kultursenator nicht umschreiben. Wie wäre es denn mal spasseshalber mit der Einsparung von ein paar Senatoren-Stellen? Kommt doch bestimmt auch mal ganz gut...
user_01 15.11.2010
2. ?
Sind in Hamburg n icht immernoch auch die GRÜNEN an der Macht? Sind also all die im Beitrag angesprochenen Maßnahmen auch bzw. maßgeblich von den Grünen mitgetragen worden?
Wattläufer 15.11.2010
3. sparen auch bei der Kultur
Nachdem Ole mit tatkräftiger Unterstützung der GAL die stolze Hansestadt durch sinnlose sog. "Leuchtturmprojekte" ( Elbphilharmonie, Stadtbahn usw. ) in den Schuldensumpf gerissen hat und sich dann nach Sylt davongeschlichen hat, muß die Stadt endlich sparen. Außerdem droht noch das unkalkulierbare Risiko HSH-Nordbank ! Gespart werden muß selbstverständlich auch bei Museen mit 30 Besichern am Tag und Theatern mit leeren Rängen. Problem ist daß Nachfolger Bgm. Ahlhaus sich nicht durchzusetzen kann und statt dessen lieber die Behörden und den Präsidialstab weiter aufbläht mit "Medienreferenten", die die Welt nicht braucht um seine Politik zu verkaufen anstatt lieber Polizisten auf die Straße holen.
sic tacuisses 15.11.2010
4. Da murkselt ein strammer CDU - Partei - Soldat vor sich hin.
Zitat von user_01Sind in Hamburg n icht immernoch auch die GRÜNEN an der Macht? Sind also all die im Beitrag angesprochenen Maßnahmen auch bzw. maßgeblich von den Grünen mitgetragen worden?
Man muß nicht zwingend blöd sein, um bei der CDU Karriere zu machen, aber es erleichtert Die Sache ungemein.
magicw 15.11.2010
5. Stute
Ist der Stuth, Stut, Struth oder wie der heißt, nicht als Kulturstaatsrat mal wegen Unfähigkeit abgesägt worden? Wie kann man den eigentlich zum Senator machen? By the way: Wieviel Zinszahlungen p.a. hat uns die CDU eigentlich mit dieser unsinnigen Elbphilharmonie (schreibt man das so?) eingebrockt? Damit hätte man wahrscheinlich den restlichen Kulturhaushalt finanzieren könnnen? Nix für ungut magicw
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