"Penthesilea"-Premiere in Berlin Die Flirthotline-Amazone

Wie man große Dramenliteratur mit Effekten verhunzt, beweist mal wieder die Berliner Schaubühne: Dort degradierte Regisseur Luc Perceval Kleists Penthesilea zur erotomanen Tussi. Tragisch ist hier nur das Unbeholfene der Inszenierung.

Von Christine Wahl


Das Problem ereilt nicht nur zeitgenössische Kabinette: Auch die mythische Amazonenkönigin Penthesilea - daran lässt die Berliner Schaubühne keinen Zweifel – erweist sich als leidlich regierungsunfähig. An pragmatische Koalitionen oder anderweitige Staatsgeschäfte ist jedenfalls nicht zu denken: Der Beraterinnenstab hat alle Hände voll zu tun, die zierliche, unter permanentem körperlichen Überdruck agierende Regierungschefin ruhig zu stellen.

Schauspieler Stachowiak, Schüttler: Kleist für die Hotline
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Schauspieler Stachowiak, Schüttler: Kleist für die Hotline

Denn angeblich ist sie – was das amazonische Grundgesetz strikt verbietet – hoffnungslos dem Griechen Achilles verfallen und sucht auf dem Schlachtfeld, wo sich die Kriegerinnen per Zufallsprinzip Sexualpartner zur staatlich verordneten Fortpflanzung erkämpfen, mit pathologischer Leidenschaft dessen Nähe. Auch wenn das in Luk Percevals Inszenierung nicht immer leicht nachzuvollziehen ist – so albern, wie der Grieche vor ihr posiert oder auf dem Niveau einer Vorabendserie mit Kussmündern um sich wirft.

Eigentlich verliert Heinrich von Kleists Penthesilea in brillanten, Schlachtbeschreibung und Liebestaumel überblendenden Versen jeglichen Boden unter den Füßen. Der belgische Schaubühnen-Hausregisseur Luk Perceval indes kann oder will mit dieser außerordentlichen Sprache aber so wenig anfangen, dass er sie vom live improvisierenden Jazzgitarristen Jean-Paul Bourelly abendfüllend mit einem atonalen Begleitsound verrühren lässt. Der Schaubühnen-Pressetext spricht in diesem Zusammenhang von "Experimentaljazz im Krieg der Geschlechter" - und trifft damit genauer, als ihm lieb sein kann, den schütteren Gehalt des Abends.

Helden beim Kuschelrock

Man muss sich das in etwa so vorstellen: In der berühmten Liebesszene, dem 15. Auftritt, umfasst Rafael Stachowiaks Achill Penthesilea – in Gestalt Katharina Schüttlers eine schmale Kindfrau –beherzt von hinten, um seine Hände anschließend besitzergreifend über ihren Bauch und Busen fahren zu lassen. Das mythische Duo erinnert in dieser Szene an ein nicht mehr ganz taufrisch verlobtes Paar, das beim Kuschelrockkonzert wild entschlossen frühere Leidenschaften wieder emporzugraben hofft.

Aber gemessen an den eigentlichen Schwierigkeiten des Abends sind das noch theatrale Peanuts: Die große Krux besteht darin, dass sich das Trauerspiel, sobald ihm das himmelstürzende Gefühl abgeht, im Grunde erledigt hat. Und wenn einem Abend der Stoff fehlt, lassen Stellvertreter-Pobleme nicht lange auf sich warten: Da erstarrt alles zur leeren Pathosformel mit erhöhter unfreiwilliger Komikgefahr.

Entsprechend läuft der musikalische und körperliche Aktionismus, in den sich Percevals Inszenierung vor dem Text flüchtet, ins Leere einer hohlen Kunstanstrengung. Die Bühne von Annette Kurz ist ein abstrahiertes Schlachtfeld, auf dem die illustrativ eingeschlammten Jungs und Mädels ein anspruchsvolles militärisches Konditionstraining absolvieren: Gern wird hier bis zur Erschöpfung im Kreis gerannt.

Reiten auf der Mikro-Welle

Vom Schnürboden hängen, ebenfalls kreisförmig angeordnet, in Kopfhöhe der Darsteller Mikrofone herab. Das ist insofern wichtig, als Percevals Zugriff im Wesentlichen zwei Sprechmodi vorsieht: Entweder schreien sich die Schauspieler – gepusht von den adäquat jaulenden Gitarrenimpros im "Krieg der Geschlechter" – die Gesichter unter der lehmfarbenen Schminke knallrot. Oder sie flüstern ihren Kleist bedeutungsschwanger und gern in maximaler Entfernung vom aktuellen Gesprächspartner in eben jene Mikros hinein.

Das klingt im Resultat nach einer Mixtur aus Radiothriller und Flirthotline. Da können auch Schauspielerinnen vom Format einer Carola Regnier als Oberpriesterin oder einer Bettina Stucky, die hier Penthesileas Vertraute Prothoe spielt, naturgemäß wenig ausrichten.

Bei Katharina Schüttler, die für ihre "Hedda-Gabler"-Darstellung von der Kritikerjury des Fachmagazins "Theater heute" zur "Schauspielerin des Jahres 2006" gekürt wurde, scheinen - wie momentweise auch bei Regnier - am Ende immerhin blasse Ahnungen auf, wie es hätte werden können: Wenn Penthesilea endlich einmal auf Zimmerlautstärke und komplex in ihrem Außersichsein agieren und die berühmten Zeilen sprechen darf: "Küsse, Bisse. Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen."

Trotzdem: Ein schwacher Trost!



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