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05. September 2009, 12:04 Uhr

Perceval-Premiere

Aufdrehen im Kennedy-Karussell

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Sie mussten schon ordentlich was hinbrettern, die frisch berufenen Stars des Hamburger Thalia Theaters. Und sie hatten den Dreh raus: Neuintendant Joachim Lux und Hausregisseur Luk Perceval verwandelten den Mythos der Kennedys in ein virtuoses Sprachkarussell.

Historienalarm! Die Wahrheit über die Kennedys auf der Bühne: Kann das gut gehen? Ein Königsdrama von Shakespeare-Dimensionen über Amerikas Beste? Es klang im Vorfeld gefährlich nach Schicksalssymphonie auf Originalinstrumenten. Dass es dennoch vom Start weg ein spannender, swingender Abend wurde, lag am souveränen Konzept, am blendend aufgestellten Ensemble und beeindruckend effizientem Bühnenbau. Eigentlich alles wie immer am Thalia, so schien es. Doch unter dem neuen Intendanten Joachim Lux und seinem Oberspielleiter Luk Perceval läuft schon jetzt manches anders - und einiges vielleicht sogar besser.

"The Truth about The Kennedys" heißt das Projekt, und der Titel kokettiert mit einer zum Scheitern verurteilten Wahrheitssuche. Fakten über Fakten aus Büchern und Dokumentationen tischt das Spiel auf, doch die Menschen verschwimmen darin wie die überlebensgroßen Bühnen-Projektionen ihrer Fotos.

Ein Bild von einem Mythos

Ein monumentales Bauwerk aus Zeitungen begrenzt den Bühnenraum nach hinten, einschüchternde Medienmacht und Projektionsfläche für die überlebensgroßen Portraits der historischen Figuren - ein ebenso schlichtes wie kraftvolles Bild.

Das Ensemble spielt heldenhaft gegen dieses Verschwinden an. Tempo ist das Stilprinzip. Es gibt kaum feste Rollen, ständig wechselt die Perspektive, die Sprachebene, der Klang, das Arrangement der Stimmen und Körper: ein Lehrstück über Personenregie, das Luk Perceval hier über Stunden zelebriert und das zu keiner Sekunde an Intensität verliert.

Es dreht sich - buchstäblich - alles um die Kennedys, die Familie kreist nur um sich selbst. Selten war der Einsatz einer schwindlig machenden Drehbühne sinnvoller. Percevals sinnliche Vision verwendet zahlreiche historisch überlieferte Zitate und Texte, die nahezu alle Stationen von Aufstieg und Fall der Kennedys abbilden. Bis hin zum Tod von Ted Kennedy, der noch ganz aktuell mit heißer Nadel an den Schluss des Stücks gesetzt wurde.

Schreckliche Karriere-Furie

Dass es dennoch keine erbaulich dramatische Geschichtsstunde mit Guido-Knopp-Appeal wurde, lag auch am makellosen Spiel des Ensembles.

Allen voran lieferte Bibiana Beglau eine atemberaubend gespenstische Darstellung der Clan-Mutter Rose Kennedy, einer Furcht einflössenden Karriere-Furie, die ihre Söhne zu Höchstleistungen im Politzirkus antreibt. Beglaus Ausdruck funktioniert mit beängstigender Präzision auf allen Ebenen: Körper, Gestik, Mimik und Diktion sind geradezu altmodisch beeindruckender Akkuratesse und wirken dennoch wie entfesselt in der Darstellung von Zickentum und latentem Wahnsinn.

Männliche Kennedy-Mythologie gab es von Hans Kremer, der schon unter Jürgen Flimm erfolgreich am Thalia spielte und die Familiencharakteristik stringent vom Aufsteiger und ehemaligen Kneipenbesitzer Joe Kennedy her entwickelte. Kraftvoll und sinnliche ergänzte ihn Bernd Grawert, der als Medienmacher und später Ted Kennedy neben aller Schmiere und Pointensicherheit mit unglaublich ausgefeilter Sprache beeindruckte - vor allem in den Parts ohne Mikrophon.

Raserei des Textes

Überhaupt arbeiteten Perceval und sein Ensemble mit der Sprache und ihrem Klang äußerst virtuos: Stets fügten sich Erzähltes, Gespieltes und Dargestelltes zu einem einheitlich homogenen Tableau, einem festen Gewebe. Der Wechsel von technisch verstärktem zu unverstärktem Sprechen befeuerte zusätzlich die Dramaturgie. Wenn auch die Schauspieler Texthilfe durch deinen Prompter bekamen, tat dies der rein technischen Wirkung keinen Abbruch: Diese flutende Textmenge in der rasenden Geschwindigkeit könnte über so lange Zeit wohl ohnehin niemand bewältigen. Es überwältigte auch so.

Obwohl sich im zweiten Teil des Monsterdramas leichte Ermüdungserscheinungen einstellten, rauschte am Ende jubelnder Beifall aus dem Premierenpublikum auf. Kein Zweifel: Ein sehr entspannt wirkender Joachim Lux und ein immer schelmisch lächelnder Luk Perceval waren im besten Sinne in Hamburg angekommen. Wenn das die Visitenkarten des neuen Teams war, darf man beruhigt sein. Thalia bleibt Spitze.


"The Truth about the Kennedys", Thalia Theater, Hamburg. Tel. 040/32 81 44 44

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