Heute in den Feuilletons "Am Schluss bricht der Eispanzer auf"

Die "NZZ" porträtiert die Sopranistin Nina Stemme. Die "Welt" ist gerührt von der stillen Verzweiflung in Angelina Jolies Beziehungsdrama "By the sea". Die "Libération" analysiert den Wahlsieg des Front national.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 09.12.2015

Von solch schwärmerischen Kritiken können selbst Popidole nur träumen. In Giuseppe Verdis Oper "Giovanna d'Arco", die es zum Saisonauftakt an der Scala in Mailand zu sehen gab, war Anna Netrebko schlicht triumphal. "Dieses samtige Timbre, das besonders in den Höhen Impulsivität und luxuriöse Farbpracht zu vereinen vermag; dieses Spiel mit der Dynamik, woraus ansatzlose Pianissimi erwachsen", schwärmt im Standard Ljubisa Tosic, nachdem sich die Netrebko freigesungen hat. "Sie betört durch springlebendige Unbefangenheit und ihre noch immer volle, in allen Lagen präsente Stimme", schreibt Reinhard J. Brembeck in der SZ. Und FAZ-Kollegin Eleonore Büning pflichtet ihm bei: "Die Netrebko, mit ihren orgelnden Tiefe, ihrer strahlenden Höhe und der berückenden Messa-di-voce-Kunst, steht unbestritten im Mittelpunkt des Abends. Dass daneben die Männerstimmen verblassen, das gehört sich auch so."

Und die Oper selbst ist großartigstes Belcanto, fügt in der Welt Manuel Brug hinzu: "Ganz auf die Singstimme gerade einmal dreier Solisten zugeschnitten, zuweilen a capella als Terzett oder nur mit den nötigsten orchestralen Tupfern unterlegt, kennt dieses Werk von 1845 noch nichts vom sinfonischen Gewebe Wagners oder gar Puccinis. Alles ist hier deklamatorische Kehlenkunst, alles ist Italianità mit bewusst klaren Rhythmen und teuflisch simpler Orchestrierung." Bis zu 2400 Euro soll eine Karte gekostet haben.

Gewiss, Alvis Hermanis' Rückzug aus dem Thalia-Theater wegen dessen Flüchtlingspolitik zeugt nicht von übergroßem Mut, aber den kann man eben auch nicht einfach einfordern, meint in der Basler Zeitung Hansjörg Müller, den die Reaktionen auf Hermanis viel mehr ärgern: "Karin Bergmann, die Direktorin des Wiener Burgtheaters, meinte ihren Hausregisseur in Schutz nehmen zu müssen - und machte dadurch alles nur noch schlimmer: 'Natürlich hat Alvis Hermanis als Osteuropäer eine andere Haltung als wir', sagte sie gönnerhaft. Warum das 'natürlich' so sein soll, begründete Frau Bergmann allerdings nicht und suggerierte damit, der Osteuropäer an sich gehöre eben einer dumpfen, fremdenfeindlichen Masse an, selbstverständlich ganz im Gegensatz zu aufgeklärten deutschsprachigen Theaterleuten wie ihr selbst."

In der NZZ porträtiert Marianne Zelger-Vogt eine Hochdramatische: die schwedische Sopranistin Nina Stemme, die in Zürich erstmals die Turandot singen wird: "Stemmes Markenzeichen sind Wärme, Menschlichkeit. Wie wird sich das mit der grausamen Prinzessin vertragen, die sich den Männern verweigert und ihre Freier mit unlösbaren Rätseln in den Tod schickt? 'Die Turandot ist selbst ein Rätsel. Ihre Emotionen sind bloß aufgestaut, am Schluss bricht der Eispanzer auf. Darauf, wie man diese Entpuppung gestaltet, kommt es an. Ich sehe in Turandot eigentlich eine frühe Feministin.'"

Weiteres: In seiner aktuellen Nachtkritik-Kolumne erzählt Wolfgang Behrens davon, wie er einmal Heiner Müller begegnet ist.

Besprochen werden Sibylle Bergs "Es sagt mir nichts . . ." in der Inszenierung von Martina Gredler am Burgtheater ( Presse , Standard ), ein "Rosenkavalier" mit Anja Harteros und eine "Salome" mit einer überragenden Lise Lindstrom in Wien ( Presse ), Michael Thalheimers Frankfurter "Penthesilea"-Inszenierung (aufs Neue erweise sich der Regisseur "als begnadeter Tragödien-Flüsterer", schreibt Shirin Sojitrawalla in der taz), ein Bochumer "Zerbrochener Krug" in der Regie von Anselm Weber (FAZ) und Yona Kims Inszenierung von Leonardo Vincis und Georg Friedrich Händels "Didonne Abbandonata" im Rahmen des Schwetzinger Winters (FAZ).

Literatur, 09.12.2015

taz-Autoren verabschieden sich wehmütig von der Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten". Jan Schulz-Ojala gratuliert im Tagesspiegel der Schriftstellerin Natascha Wodin zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Peter Kurzecks unvollendet gebliebener Roman "Bis er kommt" ( Freitag ), Andor Endre Gelléris "Die Großwäscherei" ( taz ), Zeruya Shalevs "Schmerz" ( FR ), Ulrich Schachts Novelle "Grimsey" ( Zeit ), Daniel Jüttes bisher nur auf Englisch erschienenes Buch über die Macht von Türen und Toren in der frühen Neuzeit "The Strait Gate" ( NZZ ), Manfred Franks Vorlesungsband "Präreflexives Selbstbewusstsein" ( NZZ ) und eine Ausstellung über Dichterbibliotheken im Literaturmuseum der Moderne in Marbach ( NZZ ).

Film, 09.12.2015

Hannes Stein hat keinen Schimmer, warum seine amerikanischen Kollegen Angelina Jolies Beziehungsdrama "By the Sea" so verrissen haben. Ihn erinnert der Film in der Welt an eine Zweig-Novelle - "es ist dieselbe stille Verzweiflung wie in 'Brennendes Geheimnis' oder 'Verwirrung der Gefühle'. Mit dem winzigen Unterschied, dass Angelina Jolie die Geschichte gut ausgehen lässt." In der Presse winkt Markus Keuschnigg ab: "Eine schöne, reiche Schauspielerin, in vielerlei Hinsicht Inbegriff des glamourösen Hollywood, hinterfragt sich und ihre Kunst. Sie stellt Fragen an das Leben, übersieht aber, dass ihr Elfenbeinturm jeden Existenzialismus verunmöglicht, dass ihre Selbstbespiegelung immer gleichzeitig Selbstzweck ist." "Gepflegte Langeweile", gibt Susan Vahabzadeh in der SZ zu Protokoll.

Weitere Artikel: Der Freitag bringt einen Auszug aus Ashley Clarks neuem Buch über Spike Lee. Tobias Bühlmann berichtet in der NZZ vom Human Rights Film Festival in Zürich. Außerdem hat FAZ Lorenz Jägers Geburtstagsglückwunsch an Hans-Jürgen Syberberg online nachgereicht. Besprochen wird Jacques Audiards Cannes-Gewinner "Dämonen und Wunder" (FAZ, hier unser Überblick über die Festivalberichterstattung).

Musik, 09.12.2015

Die taz-Popkritiker Jens Uthoff und Julian Weber berichten vom ersten Pariser Auftritt der Eagles of Death Metal nach dem Anschlag auf das Bataclan. In der FR erinnert Hans-Klaus Jungheinrich an den Komponisten Jean Sibelius, dessen von den Berliner Philharmonikern eingespielten Sinfonien sich Peter Uehling von der Berliner Zeitung angehört hat. Für The Quietus spricht Harry Sword mit Hardcore's Elder Statesman Henry Rollins.

Besprochen werden Jeremihs "Late Nights - The Album" ( Pitchfork ), Sven Kacireks "Songs from Okinawa" ("ein behutsames Experiment", freut sich Jürgen Ziemer im Freitag), zwei Konzertabende mit Brahms-Symphonien, gespielt von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi in Wien ( Presse , Standard ), ein Auftritt des finnischen Avantgarde-Akkordeonisten Kimmo Pohjonen im Wiener Konzerthaus ( Presse ), die Complete Matrix Tapes von Velvet Underground ( Pitchfork ) und eine Re-Issue der Prisonaires-Aufnahmen ( Zeit ).

Kunst, 09.12.2015

Der Turner-Preis geht in diesem Jahr an die zwischen Kunst, Architektur und Aktivismus changierende Gruppe Assemble. Eine Handgranate ist die Entscheidung, meint Charlotte Higgins im Guardian. "One artist told me that we had been present at the death of the Turner prize. Another was bewildered by the fact that, on the one night of the year that a visual artist might be celebrated and their work brought to a wider audience, the jury had seemed to declare their own artform irrelevant. For once, the annual 'but is it art?' Turner prize conversation was being conducted by artists themselves, rather than by sceptical onlookers." Für SZ-Kritikerin Catrin Lorch ist es ein Signal an die Kunstszene in Großbritannien, die sich sonst demonstrativ am zur Schau gestellten Reichtum berauscht: Diese "Entscheidung ... verpflichtet die Kunst auf soziale Fragen und politische Haltung, kurz: einen sehr zeitgemäßen Realismus."

Außerdem: Für den Freitag erkundigt sich Sarah Alberti über den Verbleib von Olaf Nicolais für die Biennale in Venedig erstellten Boomerangs. In der SZ meldet Johan Schloemann, dass die Glyptothek in München ihre 1808 von Salvatore de Carlis angefertigte Winckelmannbüste zurückerhält.

Besprochen werden eine Ausstellung von Alicja Kwades frühen Videoarbeiten im Trafo in Stettin ( taz ), die Ausstellung über Albrecht Dürer und William Kentridge im Berliner Kupferstichkabinett ( Tagesspiegel ) und die Ausstellung "Dansez, embrassez qui vous voudrez - Fêtes et plaisirs d'amour au siècle de Madame de Pompadour" im Louvre Lens (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 09.12.2015

Der belgische Schriftsteller Erwin Mortier fordert in der NZZ einen neuen Gesellschaftsvertrag, einen der Solidarität, denn das sprachlich zerstrittene Belgien habe viel zu lange die eigentlichen Probleme des Landes ignoriert: "Mittlerweile lebt beinahe ein Drittel von Brüssels Einwohnern in Armut, dreimal mehr als im Rest des Landes. Fast ein Viertel der Hauptstädter bezieht Sozialleistungen und kein Arbeitseinkommen... Als Folge davon bringt unsere Gesellschaft immer mehr nackte Menschen hervor, die sich weder kulturell, sittlich noch intellektuell bilden. Wir schaffen keine mündigen Bürger mehr."

Frankreich lenkt mit seiner Reaktion auf den 13. November von den eigenen Problemen ab, meint Emran Feroz in Qantara: "Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass alle Täter ohne Ausnahme in Frankreich aufwuchsen, ja, selbst Franzosen waren, meint die französische Politik-Elite das Problem lösen zu können, indem sie den IS in Syrien bombardiert. Dabei erwägt sie sogar eine Zusammenarbeit mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der für einen Großteil der Misere und die Entstehung des IS im Allgemeinen mitverantwortlich ist."

Nein, die Stimmen für den Front national lassen sich nicht mehr Protestwählern zuordnen. Die Partei ist seit Jahren etabliert, schreibt Pelletier Philippe in einer ganz interessanten Wahlanalyse in Libération: "Die Verankerung des Front wird erlaubt von einer Geografie der Angst. Angst vor den Folgen der Globalisierung: Verlegungen und Schließungen von Unternehmen, Massenarbeitslosigkeit, Wettbewerbsdruck, Hierarchisierung der Territorien, eine Einwanderung die nur als 'Strom' oder demografische Variable behandelt wird, symmetrische Ghettoisierung der Eigenheim-Vorstädte und der eintönigen Beton-Vorstädte, Aufstieg des islamischen, aber auch christlichen Fundamentalismus, Angst vor Attentaten."

Die "Brexit"-Idee könnte nach Frankreich ausstrahlen, wenn Marine Le Pen tatsächlich einmal Präsidentin werden würde, schreiben Tara Palmeri und Nicholas Vinocur in politco.eu: "Ursprünglich plädierte Le Pen für einen vollständigen Rückzug aus dem Euro, nun will sie innerhalb von sechs Monaten nach einer eventuellen Wahl zur Präsidentin ein Referendum abhalten."

Ideen, 09.12.2015

Thomas Steinfeld berichtet in der SZ von Swetlana Alexijewitschs Nobelpreisvorlesung in Stockholm, in der sie noch einmal über den roten Menschen sprach: "'Der rote Mensch hat es nicht geschafft in das Reich der Freiheit, von dem er in der Küche geträumt hatte. Russland wurde ohne ihn aufgeteilt, er stand vor dem Nichts. Gedemütigt und ausgeplündert. Aggressiv und gefährlich.' Sie sei nicht sicher, sagte sie weiter, ob er in solcher Gestalt nicht immer noch dort stehe."

Politik, 09.12.2015

In der taz ärgert sich Charlotte Wiedemann, ohne Ross und Reiter zu nennen, über die Vorstellung "mancher Medien", auch bei dem Anschlag in Bamako sei in erster Linie der Westen getroffen worden, nicht etwa Mali selbst: "Den armen Gesellschaften ist solch selbstverliebter Opferdiskurs fremd. Dabei ist ihre Lebensweise viel mehr bedroht. Denn die Armen verlieren das wenige, was sie hatten: den innergesellschaftlichen Zusammenhalt, die Gelassenheit, das Laisser-faire. Das Vertrauen in den Nachbarn."

Religion, 09.12.2015

Albertine Bourget erzählt in der NZZ von jungen Jüdinnen und Juden in den USA, die ihren ultraorthodoxen Gemeinden den Rücken gekehrt haben - und dafür böse bestraft werden. Zum Beispiel Leah Vincent: "Mit siebzehn Jahren landete sie auf dem harten Pflaster von New York, verzweifelt einsam und naiv. Monate des Herumirrens folgten, Begegnungen mit skrupellosen Männern, denen sie sich hingab; sie begann sich zu ritzen, beging einen Selbstmordversuch - die Eltern reagierten mit marmorner Kälte. 'Während meiner ganzen Kindheit hatte ich nichts anderes gehört, als dass meine Sexualität das Wichtigste überhaupt an mir sei und dass ich meine Keuschheit bewahren müsse', erzählt sie."

Internet, 09.12.2015

Twitter will leider noch mehr wie Facebook werden und experimentiert mit einer Timeline, die nicht mehr umgekehrt chronologisch, sondern nach Algorithmen geordnet wäre, die man so wenig wie bei Facebook durchschauen kann, berichtet Rachel Pick bei Vice: "Die umgekehrte Chronologie macht Twitter zum Beispiel zum Liebling der Journalisten und aller Leute, die Breaking News ganz oben haben wollen. Diese nützliche Qualität würde zerstört, genau wie die Spaßmomente, wenn etwa die Timeline vor Witzen birst, während man eine politische Debatte im Fernsehen verfolgt..."

Kulturpolitik, 09.12.2015

Bayerns Horst Seehofer hat entschieden: München bekommt einen neuen Konzertsaal, und zwar auf einem Gelände der ehemaligen Pfanni-Werke hinter dem Ostbahnhof. Gottfried Knapp ist in der SZ nicht sonderlich glücklich mit diesem Standort: "Das Konzerthaus wird dort also quasi Untermieter bei den Pop-Veranstaltungshallen werden, die vom Kunstpark Ost übrig bleiben sollen. Doch das eigentliche Problem dieses Standorts ist nicht die Nähe zu den lärmenden Aktivitäten der umliegenden Spielstätten und Kneipen. Es sind vielmehr die Enge des zwischen Fabrikbauten und Straße zur Verfügung stehenden Baugrunds, das Verstecktsein im nur von einer Seite zugänglichen Werksviertel und die miserable Anbindung an den städtischen Raum."

Reinhard J. Brembeck ist ebenfalls in der SZ nur froh, dass überhaupt eine Entscheidung getroffen wurde. Jetzt muss dort nur noch ein innovatives Musikzentrum werden, wie zum Beispiel in Luzern: "Luzern ist viel mehr als die Akustik. Seit der Eröffnung dieses Kulturzentrums ist das musikalisch zuvor unbedeutende Luzern zum Zentrum der Schweizer Konzertszene geworden..." Außerdem: Patrick Bahners, Kulturkorrespondent der FAZ in München, kann die Gegend am Ostbahnhof nicht ausstehen. Und Manuel Brug ruft in der Welt nur "Willkommen in der Pfanni-Arena!" Immerhin erhofft sich Brug aber von der rauen Gegend eine gewisse Auffrischung des doch recht konservativen Münchner Musikprogramms.

Gesellschaft, 09.12.2015

In der FAZ schätzt Helene Brubowski, dass Beate Zschäpe mit ihrer Aussage eine Verurteilung wahrscheinlicher macht, weil ihr damit das Schweigen zu anderen Punkten negativ angelastet werden kann.



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