Heute in den Feuilletons "Man kann sich davor nur verneigen"

Die Filmkritiker sind sich einig: Der Goldene Bär für Jafar Panahis Film "Taxi" war verdient - aus künstlerischen, nicht aus politischen Gründen. In der "Zeit" versteht Iris Radisch nicht, warum Literaturkritiken unfreundlich sein sollen. 


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 16.02.2015

In seiner Inszenierung von John Osbornes "Der Entertainer" am Schauspielhaus Hamburg setzt sich Christoph Marthaler mit Aufstieg und Fall der traurigen Figur des Alleinunterhalters auseinander. Und dieser Stoff reiht sich ganz exzellent in Marthalers Schaffen über abgestiegene und absteigende Existenzen, erklärt Wolfgang Behrens restlos begeistert in der Nachtkritik: Der Regisseur schaut auf die hier versammelte "Figuren (...) mit böser Distanz und unendlicher Liebe, durch Mitleid wissend und aus Schadenfreude klug. ... [Er] zeigt an diesem Abend lächerliche Menschen bei ihrem Kampf um ein bisschen Würde. Und wie er ihnen dabei in ihrer Lächerlichkeit tatsächlich die Würde bewahrt, das ist schlicht ein Ereignis." Frauke Hartmann (FR) freut sich über einen unterhaltsamen Theaterabend voller "großer Auftritte und schlechter Witze."

Für den Welt-Rezensenten Stefan Grund rettet diese Inszenierung gar das ganze Stadttheater, das in der political correctness zu ersticken drohe: "Im Entertainer machen frei nach Archie Menschen mit Menstruationshintergrund (Frauen) oder Masturbationshintergrund (Männer) Ausländer-Scherze wie 'Was denn nun: liegen die auf der faulen Haut oder nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg' oder 'Pegida montags passt mir ganz schlecht, da läuft erst Großstadtrevier und dann Wer wird Millionär'. Harmlos aber wahr." Weitere Besprechungen bringen SZ und FAZ.

Eine sehr selten aufgeführte Oper, Bohuslav Martinus 1938 erstmals aufgeführte "Juliette", sah Peter Hagmann für die NZZ in Zürich. Musikalisch ist da noch mehr drin, meint er mit Blick auf den Dirigenten Fabio Luisi, aber der Stoff hat Charme: "Eigenartig, was es da zu sehen gibt. Drei ältere Herren etwa, die drei ältere Damen sind. Eine Frau in Rot, leblos am Boden liegend, erschossen von ihrem Geliebten, und in ihrer Rechten hält sie - einen Revolver. Eine hübsche, recht große und sauber glänzende Dampflokomotive, die immer wieder über die Bühne fährt - erst recht dann, wenn berichtet wird, dass es in dieser Stadt keinen Bahnhof gebe. Den ganzen Abend über geht es so im Opernhaus Zürich, denn 'Juliette', die selten gespielte Oper von Bohuslav Martin¿ nach einem Schauspiel von Georges Neveux, spielt genau damit."

Besprochen werden die Richard-Strauss-Oper "Daphne" in Basel ( Welt ), Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyers am Tübinger Landestheater uraufgeführtes Stück "Palmer - Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland" ( Nachtkritik , FAZ), "Romeo und Julia" am Theater Basel ( NZZ ), ein "Aschenputtel"-Ballett in Wiesbaden ( FR ) und Mariame Cléments in Essen aufgeführte Inszenierung von György Ligetis einziger Oper "Le Grand Macabre", die Reinhard J. Brembeck in der SZ ganz wunderbar fand: "Grandiose Sänger, ein hinreißender Dirigent, eine verspielt leichte Regie." Auch Stefan Schmöe hat sich für das Online Musik Magazin prächtig unterhalten und bezeugt "durchweg tolldreistes Theater."

Literatur, 16.02.2015

Die von Jörg Sundermeier im Buchmarkt losgetretene Debatte über die Literaturkritik wird vom Feuilleton auch weiterhin nicht aufgegriffen. Aktuell verweigert sich Iris Radisch in der Zeit, die sich seufzend und achselzuckend darüber wundert, dass der Literaturkritik ihre Freundlichkeit zum Vorwurf gemacht wird.

Im Perlentaucher hatte Thierry Chervel der Debatte mit einem Zahlenvergleich noch einmal Zunder gegeben (mehr hier). Demnach wurden im Perlentaucher im Jahr 2001 4.330 Buchkritiken ausgewertet und im Jahr 2013 nur mehr 2.200. Michael Pilz hat nun auf literaturkritik.de Zahlen des Instituts für Germanistik der Universität Innsbruck verglichen, wonach sich zumindest die Zahl der Literaturrezensionen einigermaßen gehalten hat. Kannes also sein, dass vor allem die Zahl der Sachbuchrezensionen zurückgegangen ist, während die Literaturkritik nach wie vor blüht? "Nun, man wird das - will man nicht allzu plakativ bleiben - sicherlich noch näher untersuchen und differenzieren müssen. Etwa dahingehend, in welcher Form und in welchem Umfang sich die einzelnen Kritiken präsentieren, die im Innsbrucker Zeitungsarchiv als Belletristik-Besprechungen geführt werden, zumal bereits angedeutet wurde, dass hier im Gegensatz zum Perlentaucher auch Kurzbesprechungen zu ihrem Recht kommen und nicht alle diese Texte dem Anspruch klassischer Rezensionen genügen dürften."

Weiteres: Jan Koneffke erinnert sich in der NZZ an Glücksmomente. Besprochen werden Ursula Ackrills "Zeiden im Januar" ( Tagesspiegel ), T.C. Boyles "Hart auf Hart" ( Tagesspiegel ), Reinhard Kleists Comic "Der Traum von Olympia" ( Tagesspiegel ) und Paul Gauguins "Es sprach der Mond zur Erde" (SZ).

Außerdem reicht die FAZ ihre aktuelle Lieferung der Frankfurter Anthologie online nach: Diesmal stellt Joachim Sartorius John Ashberys Gedicht "Spätes Echo" vor:

"Allein mit unserer Verrücktheit und Lieblingsblume
wissen wir, dass nichts wirklich bleibt, über das man noch schreiben könnte.
..."

Musik, 16.02.2015

Für die Jungle World porträtiert Jan Tölva den Experimentalmusiker Thomas Köner, über dessen Arbeiten sich kaum sprechen lasse, "ohne dabei auch Konzepte von Raum und Ort zu thematisieren. ... Es [sind] vor allem die leisen Töne und feinen Nuancen, die seine Musik so interessant machen. Und die Leere dazwischen, eine beinahe erschreckende Stille. Manche Stücke werden von dermaßen wenigen akustischen Ereignissen zusammengehalten, dass sie permanent am Rande des Zerfallens stehen." Auf Bandcamp kann man sich reichlich Musik des Künstlers anhören.

Besprochen werden neue Alben von Frazey Ford (FAZ, Hörprobe), Kendrick Lamar ( Welt ), Atari Teenage Riot ( taz ) und ein Konzert von D'Angelo ( taz ).

Architektur, 16.02.2015

Mit einigem Interesse beobachtet Till Briegleb in der SZ die Diskussionen und Konzeptvorschläge zur "kritischen Rekonstruktion" der Lübecker Innenstadt: In ihm keimt die "Hoffnung, dass auch andere Kommunen entdecken, wie die ständige Denunziation historischer Bauformen als 'nostalgisch', 'unmodern' oder 'Disneyland' nur das Stadtbild verarmt und die Identität von Städten auslöscht. Denn die extreme Vielfalt, mit der die 133 Architekturbüros aus ganz Europa das Thema des Giebelhauses neu interpretiert haben, zeigt deutlich, wo das suggestive Material für eine schöne Stadt zu finden ist: in der gesamten Baugeschichte, und nicht nur im Gesamtheitsanspruch der Bauhaus-Modernisten."

Film, 16.02.2015

Große Einigkeit bei den Filmkritikern: Hochverdient geht der Goldene Bär der Berlinale an Jafar Panahis trotz Berufsverbot in seiner iranischen Heimat unter Guerilla-Methoden entstandene Komödie "Taxi" (hier unsere Kritik). Eine politische Entscheidung? Mitnichten, meint Cristina Nord in der taz: Wer so argumentiert, übersehe "die spezifische Qualität des Films. Dem gelingt es, die Beschränkungen, unter denen er entsteht, zu seinem Vorteil zu wenden, indem er sie reflektiert und das Kino und das Filmemachen gleich mit."

In der NZZ sieht Susanne Ostwald das ähnlich: "Diese Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz des amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky als eine politische anzusehen, wie manche Kommentatoren dies gemacht haben, ist ungerecht und falsch, denn so wird unfreiwillig und indirekt die Argumentation des iranischen Regimes bestätigt und der tatsächlich unstrittige künstlerische Wert des Films infrage gestellt. Prompt haben sich am Sonntag konservative iranische Medien mit genau diesem Argument zu polemischen Ausfällen gegen die Berlinale hinreissen lassen."

Auch Hanns-Georg Rodek von der Welt ist hochzufrieden und hat gleich einen Vorschlag für das nächste Jahr: "Die Berlinale ist also ihrem Ruf erneut gerecht geworden, ein Pflock für Meinungs- und Kunstfreiheit ist eingeschlagen. Jetzt nehmen wir aber mal an, der Film über Edward Snowden, den Oliver Stone gerade in München dreht, würde für die kommenden Festspiele eingereicht. Dann müsste die Hauptfigur doch eingeladen werden, und Moskau liegt näher an Berlin als Teheran, und das Eintreten für Meinungsfreiheit ist nicht teilbar zwischen bequemen und unbequemen Dissidenten, zwischen von der Historie heilig gesprochenen und umstrittenen. Würde die Berlinale für Snowden einen leeren Stuhl aufstellen?"

Außerdem: Anke Westphal (Berliner Zeitung) sieht in "Taxi" auch "ein Dokument befreiender Selbstfindung" vorliegen. In ihrem Abschlussbericht auf ZeitOnline macht sich Wenke Husmann berechtigte Hoffnung, dass Jafar Panahis zehnjährige Nichte Hana Saeidi, die im Film eine Hauptrolle spielt und an seiner Stelle den Goldenen Bären angenommen hat, eines Tages "womöglich eine iranische Filmemacherin sein" wird. Der Tagesspiegel dokumentiert Jafar Panahis Grußschrift an die Berlinale aus dem Jahr 2011. Tilman Strasser fasst im Tagesspiegel die Geschichte der Repression gegen Panahi zusammen. Anke Sterneborg und Susan Vahabzadeh freuen sich in der SZ: "Der Film hat seinen Sieg verdient." Dietmar Dath sekundiert in der FAZ: "Der Künstler strebt aus der geistlosen Enge dessen, was man ihm antut, ins Universelle. Man kann sich davor nur verneigen". Im Berlinale-Blog der FAZ ist Bert Rebhandl mit dem Goldenen Bären für Panahi zwar ebenfalls zufrieden, doch das politische Pathos der Auszeichnung stört ihn dann doch: "Man muss nicht gleich so tun, als würde ein Preis in Berlin das Regime in Teheran in den Grundfesten erschüttern."

Mehr zur Berlinale: Die Kritiker der FAZ bringen abschließende Festivalnotizen. Sehr gerne hat Christiane Peitz (Tagesspiegel) während der Berlinale über Filme geplaudert und zum Ende hin auch Dominik Grafs (in der FAZ von Bert Rebhandl besprochene) Hommage "Was heißt hier Ende?" an den Filmkritiker Michael Althen genossen. Wenke Husmann unterhält sich auf ZeitOnline mit Sebastian Schipper über dessen One-Take-Film "Victoria" (hier unsere Kritik). Claudia Schwarz resümiert in der NZZ drei deutsche Filme auf der Suche nach Heimatgefühl - Anataol Schusters "Ein idealer Ort", Sebastian Schippers "Victoria" und Andreas Dresens "Als wir träumten" - und notiert: "Die Frage, wo und wie das Land sich verortet, stellt sich im gegenwärtigen deutschen Film bemerkenswert frei von Ideologien." Außerdem ein Hinweis: Auf Youtube gibt es Aufzeichnungen sämtlicher Filmgespräche, die bei der parallel zum Festival vom Verband der deutschen Filmkritik organisierten "Woche der Kritik" geführt wurden.

Weiteres: Nach dem Kinostart von "Fifty Shades of Grey" boomt der US-Markt für Sexspielzeug, berichtet Peter Richter in der SZ. Besprochen werden der durch Deutschlands Kinos tourende Dokumentarfilm "Buy Buy St. Pauli" über den Abriss der Esso-Häuser in Hamburg ( Jungle World ), Paul Thomas Andersons Film "Inherent Vice" ( NZZ ) und Kenneth Branaghs Disney-Film "Cinderella" ( Tagesspiegel , Filmlöwin ).

Kunst, 16.02.2015

Für die taz spricht Tilmann Baumgärtel mit Patrick Lichty, dessen Arbeiten gerade in der Berliner DAM-Galerie zu sehen sind. Über sich selbst gibt der Künstler dabei einiges preis: "Mein künstlerisches Motto ist: 'Die Mediatisierung ist die Wirklichkeit.' Ich habe künstliche Linsen in meinen Augen, und ich weiß nicht, ob ich die Welt so sehe, wie sie wirklich ist. Ich habe das Gefühl, ich hätte so einen Cyborg-Blick ... Einerseits habe ich daher versucht, alternative Wirklichkeiten durch Medien zu schaffen, oder mithilfe von Medien dazu beigetragen, die Welt so zu sehen, wie sie ist. ... Andererseits interessiere ich mich dafür, was der Künstler und Theoretiker Marcos Novak 'Transvergence' nennt: etwas wirklich zu machen, das es im Physischen noch nie gegeben hat.

Besprochen wird eine Ausstellung von Emil Otto Hoppés Fotografien in der Mast Bologna ("eine Entdeckung", jubelt Thomas Steinfeld in der SZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 16.02.2015

Noch vor der Meldung, dass der Kopenhagener Attentäter auch noch einen Juden ermordete, kommentierte Brendan O'Neill in Spiked Online: "Besonders verstörend an der Kopenhagener Schießerei ist, dass der Anschlag nicht nur Mohammed-Karikaturisten galt - was ruchlos genug wäre -, sondern gewöhnlichen, interessierten Bürgern, die über den Wert von Meinungsfreiheit sprechen wollten. Diese Versammlung, die nicht nur den Zeichner Lars Vilks, sondern auch den französischen Botschafter hören wollten, fanden sich in einem Kugelhagel wieder, weil sie über 'Islam, Blasphemie und freie Meinungsäußerung' diskutieren wollten."

Für die taz rekonstruiert Reinhard Wolff die Ereignisse von Kopenhagen und schildert den Anschlag auf die Diskussion mit dem schwedischen Zeichner Lars Vilks und dem französischen Botschafter: "Vilks und der Botschafter wurden von ihren Leibwächtern durch eine Hintertür aus dem Saal gebracht. Zusammen mit der Moderatorin der Veranstaltung, der Journalistin Helle Merete Brix, versteckte sich Vilks in einem Kühlraum. 'Wir hielten uns an der Hand und erzählten uns schlechte Scherze', berichtet sie: 'Vilks war ganz entspannt, und seine Leibwächter machten einen tollen Job.' In den von Polizei bewachten, mit Metalldetektoren geschützten Versammlungsraum selbst gelangte der Attentäter nicht. Seine Schüsse feuerte er vor dem Kulturhaus durch dessen Glastür ab. Auf einer Tonaufzeichnung der BBC kann man binnen zwei Minuten etwa 40 Schüsse hören, die Polizei spricht von 200."

Für Le Monde interviewt Annick Cojean den französischen Botschafter in Dänemark, François Zimeray: "Ich bin auf dem Fahrrad angekommen, auf dänische Art, und ich bin in einem gepanzerten Fahrzeug wieder weggefahren. Ich habe ein Umkippen der Gesellschaft erlebt."

In der Berliner Zeitung hofft Arno Widmann, dass sich die Ahnung des französischen Botschafters als falsch erweisen möge, und erinnert an die Vorläufer des deutschen Herbsts: "Es war der 2. Januar 1971, als der damalige Innenminister von Nordrhein Westfalen Willi Weyer erklärte: 'Die Bürger müssen sich an den Anblick von mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten gewöhnen wie ans Steuerzahlen'. Damals führten, wie Heinrich Böll es formulierte, sechs einen Krieg gegen sechzig Millionen. Es waren damals schon ein paar mehr Terroristen hier als heute. Damals gab es auch mehr Attentate. Inzwischen wissen wir, dass die Willi-Weyer-Doktrin den Bürgern mehr Angst gemacht hat als den Terroristen. Sie hat denen bei ihrem Geschäft der Verunsicherung geholfen."

Benjamin Abtan schreibt in Huffpo.fr nach Paris und Kopenhagen: "Diese Morde sind Teil eines totalitären und morbiden Projekts. Sie zielen auch auf eine Radikalisierung der betroffenen Gesellschaften, um einen Konflikt zwischen Islamismus und extremer Rechter zu erreichen, die die selbe Vision, nämlich die eines Kampfs der Kulturen teilen, deren Frontlinie Europa wäre."

Dass die Anschläge immer auch Juden gelten, passt ins Bild und trifft zugleich einen besonders schwachen Punkt des Westens, meint Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen: "Antisemitismus ist die verbindende Schlüsselideologie aller Feinde des Westens. Ob der Islamische Staat, Nazis, Teile der Linken, Pegida oder die Wahnwichtel - Antisemiten sind sie alle. Der Westen ist für sie ein jüdisches Projekt, wer die Juden angreift, greift den Westen und alles, für das er steht an."

Elisabeth Lévy ist in Libération sehr genervt nach dem neuerlichen Aufruf Benjamin Netanjahus an die Juden Europas: "Nach dem Massaker von Vincennes konnte man das für einen Ausrutscher halten, der eher von Gefühlen als von Wahlkampf geleitet war. Nach Kopenhagen ist er nicht mehr von Beleidigung entfernt... Da der Premierminister mich anspricht, bitte ich ihn mit allem Respekt, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern."

Die SZ hat die Karikaturen nie verteidigt, und Sonja Zekri wird mit Lars Vilks erst recht nicht damit beginnen: "Jeder, der noch immer gegen die Veröffentlichung mancher Karikaturen eintritt, weil sie aggressiv rassistisch oder offen herabsetzend sind, weil sie einen Toleranzgewinn behaupten, aber ein soziales Gefälle nutzen, jeder, der sich gegen diese Art von Witzen ausspricht, wirkt wieder ein bisschen feiger." Auch der Perlentaucher hat die Zeichnung 2007 nicht gebracht, weil wir sie ehrlich gesagt ziemlich grottig fand.

Weiteres: Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um den in Dänemark geborenen 22-jährigen Omar Abdel Hamid El-Hussein, meldet das Ekstra-Bladet. In der New York Times informiert Steven Erlanger nach diesem kunst- und judenfeindlichen Anschlag, "dass in Europa ausländer- und muslimfeindliche Gefühle ansteigen und Twitter vor muslimfeindlichen Äußerungen schwirrte". In der FAZ versucht Jürgen Kaube das Phänomen mit dem Begriff der "Wutbürger" in den Griff zu bekommen.

Weiteres, 16.02.2015

Der Neurobiologe Stefano Mancuso beweist im Interview mit Arno Widmann in der FR die Intelligenz von Pflanzen: "Intelligenz zeigt sich darin, dass man versteht, auf die Veränderungen der Umwelt adäquat zu reagieren. Das können Pflanzen ganz offensichtlich deutlich besser als Tiere oder nun gar der Mensch. Mehr als 95 Prozent der Biomasse sind Pflanzen. Das zeigt doch deutlich, wer etwas aus den irdischen Gegebenheiten zu machen versteht und wer nicht. " Und außerdem: "Die Pflanzen haben schon immer die Sonnenenergie genutzt. Das ist deutlich intelligenter, als sich von fossilen Brennstoffen abhängig zu machen."

Politik, 16.02.2015

In der taz erzählt Regisseur Milo Rau weiter von seinen Vorbereitungen auf sein Kongo-Tribunal. In Südkivu hat er den Fürsten der Provinz und seine Chargen getroffen: "Wie soll ich sagen, vom künstlerischen Standpunkt aus sind die amoralischsten Figuren meistens die interessantesten."

Religion, 16.02.2015

Die drei Theologen und Religionshistoriker Gerd Althoff, Thomas Bauer und Perry Schmidt-Leukel machen in der FAZ auf folgenden Umstand aufmerksam: "Wenn also die Beschwichtigungsformel der jüngeren Vergangenheit, Terroranschläge von Muslimen hätten nichts mit ihrer Religion zu tun, durch die intensive Diskussion der jüngsten Ereignisse zumindest in die Defensive geraten ist, dann stellen sich Fragen auch für das Christentum. Die heiligen Texte aller drei monotheistischen Religionen enthalten Passagen, die wörtlich genommen die unnachgiebige Vernichtung von Gottesfeinden, Gottesfrevlern und -lästerern fordern."

Geschichte, 16.02.2015

Nach einer Reise durch Armenien und die Türkei stellt Christian H. Meier in der NZZ fest, dass hundert Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern die Annäherung der beiden Länder allenfalls zaghaft zu nennen ist: "So stechend der Schmerz des Völkermords für die Armenier bis heute ist: Mitunter scheint es, als hätten die offenen Wunden der Vergangenheit ein Schwarzweiß-Denken befördert, das die Nation teilweise lähmt. Aber auch in der Türkei gibt es bis heute fest etablierte Feindbilder. Und ihre Politik des Leugnens sowie die nach wie vor bestehende Diskriminierung der etwa 70 000 im Land verbliebenen Armenier tragen nur dazu bei, das armenische Weltbild zu zementieren."

Heinrich Wefing untersucht in der Zeit, wie berechtigt die griechischen Forderungen nach Reparationszahlungen sind. Aus der Luft gegriffen sind sie nicht, stellt er fest, aber auch nicht richtig: "In Wahrheit nämlich lassen sich solche Fragen nicht juristisch lösen, sondern nur politisch. Sie jetzt zu forcieren, wie es die neue griechische Regierung tut, mag im eigenen Land die Emotionen aufpeitschen, dem Verhältnis zu Deutschland schadet es nur. Das Problem hartnäckig zu ignorieren, wie Berlin es tut, ist genauso schädlich. Historische Schuld lässt sich nicht mit Schulden verrechnen, in keine Richtung. Doch auch moralische Defizite haben einen Preis."



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