Heute in den Feuilletons Der verstörende Genuss des Entsetzens

Die "FAZ" staunt über die Bilder des kontroversen Künstlers Boris Lurie. Der "Freitag" ist traurig, dass deutsche Autoren nur noch Bionade und Latte Macchiato trinken. Und die "Welt" informiert über das von dem Multimilliardär François Pinault geplante Kunstmuseum in Paris.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 28.04.2016

Schon seit einigen Wochen zeigt das Jüdische Museum Berlin die bislang größte deutsche Schau zum Schaffen des kontroversen Künstlers Boris Lurie. Von dessen Arbeiten war FAZler Georg Imdahl so begeistert, dass er einen langen Text mit einer wärmsten Empfehlung nachreicht: Dass dieser Verfemte des Kunstbetriebs mit seinen drastischen Collagen so unbekannt ist, darf nicht länger anhalten: "Alles, was traumatisch ist, zerrt Lurie ohne Schleier und Schutzschirm an die Oberfläche. ... Mit der Verzahnung von Gewalt, Tod, Pornografie und Voyeurismus [macht Lurie] auf den verstörenden Genuss des Entsetzens aufmerksam. Diesen erkannte er auch in einer inszenierten Fotografie in den befreiten Todeslagern für Magazine wie Life, in denen die menschlichen Katastrophen ikonisch wirksam neben Reklame eingespiegelt wurden. Nichts lag Lurie also ferner als Sublimierung und Trost durch Kunst." Mehr dazu auch hier im Efeu vom 07. März.

Caroline Kesser besucht für die NZZ die erste Retrospektive des böhmischen Künstlers Pravoslav Sovaks in der Schweiz. "Diese Haltung, mit der er Dinge benennt und Zustände aufs Tapet bringt, ohne die Geschichten zu Ende zu erzählen, wird im 'Graphischen Tagebuch' von 1968/69 besonders deutlich. Hier hat er die Ereignisse des Prager Frühlings verarbeitet, die ihn zur Emigration - seiner eigenen Darstellung nach lediglich ein 'Umzug' - zwangen. Mit Hilfe von Pressebildern schildert er in diesen Farbradierungen Massenkundgebungen und Zusammenstöße von höchster Brisanz, hüllt aber noch die dramatischsten Situationen in den Nebel bloßer Annahmen. Sei es, dass er die Szenen mit Schriften, Zeichen und Symbolen markiert, die den Anschein von Versuchsanordnungen erwecken, sei es, dass er sie ins Unscharfe versetzt. Immer wieder sind es Pfeile, die anzeigen, dass die Geschichte weitergeht."

Weitere Artikel: Im Interview mit der NZZ erklärt der Kunstsammler Hubert Looser, was Zürich tun muss, um als Kunststadt mit Basel mitzuhalten (und sich seiner Sammlung würdig zu erweisen).

Besprochen werden Iris Andrascheks Bildband "Wait Until the Night is Silent" ( Freitag ), die Schau zum 80. Geburtstag von Wolfgang Leber im Märkischen Museum in Berlin ( Berliner Zeitung ), die Ausstellung "Wolfsburg unlimited" im Kunstmuseum Wolfsburg ( Tagesspiegel ), eine Ausstellung mit Kunst aus Papua-Neuguinea im Weltkulturenmuseum in Frankfurt ( FR ) und eine Ausstellung zum Schaffen des Comiczeichners Nicolas de Crécy im Le Centre d'art contemporain im bretonischen Quimper (FAZ).

Literatur, 28.04.2016

Wenn jetzt sogar schon Benjamin von Stuckrad-Barre als ehedem größte Koksnase des Betriebs ein Loblied auf die Nüchternheit und die Askese singt, hat sich im Verhältnis zwischen Literatur und Rausch nun wirklich einiges verändert, merkt ein darüber ziemlich trauriger Michael Kohtes im Freitag an: "Ob ein Georg Trakl ohne Morphin zu seinen nachtschönen Sprachbildern gefunden hätte? Oder gäbe es Hans Falladas Klassiker 'Der Trinker', wäre der Autor nicht selber einer gewesen? Und was würde uns der gewitzte Versfex Peter Rühmkorf bedeuten, hätte er nicht zeit seiner Lunge an der Hanftüte gezogen? - Angesichts dieses Erbes erscheinen die Nachgeborenen samt ihrer Hervorbringungen meist doch ziemlich dröge. Tja, wohin es kommt, wenn das Schreiben vor allem von Bionade und Latte Macchiato stimuliert wird, hatte schon der luzide Horaz erfasst: 'Gedichte, die von Wassertrinkern geschrieben sind, können nicht lange Gefallen erregen.'"

Armenien ist berühmt für seine Buchkultur. Und doch findet man "Bücher, die alle Grenzen überschreiten, als Kulturträger geachtet und wie Goldschätze gehegt werden", nur im Museum, erzählt Claudia Mäder in der NZZ. In Erewan fand sie gerade mal einen Buchladen. Das Problem ist hausgemacht, lernt sie: "Die zu Sowjetzeiten staatlich gesteuerte Verlagsindustrie hatte bis 1991 in hohen Auflagen produziert und die - freilich sorgsam selektierten - Bücher weit ins Volk hinein distribuiert. Als der Sektor nach der Unabhängigkeit privatisiert wurde, entstanden plötzlich unzählige Verlage - aber kaum noch Bücher. Der junge Staat bot mit Subventionen einen Anreiz, ins Buchgeschäft einzusteigen, doch die Zuschüsse kamen nicht der Kultur zugute, sondern versickerten im korrupten System.'"

Weiteres: Für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder Bücher vom Nachtisch. Der Biograf von Harper Lee hat einen weiteren, bislang unbekannten Text der vor kurzem gestorbenen Literatin entdeckt, meldet die SZ: Kurioserweise handelt es sich dabei um einen 1960 in einem Magazin für ehemalige FBI-Agenten veröffentlichten Artikel. Für die FAZ war Katharina Laszlo auf einer Grazer Tagung, die sich mit Arbeitszimmern von Schriftstellern beschäftigte. Jürgen Verdofsky schreibt in der FR zum Tod des Schriftstellers Gerd Fuchs.

Besprochen werden unter anderen Eva Schmidts "Ein langes Jahr" ( FR ), Eric Amblers wiederveröffentlichter Roman "Ungewöhnliche Gefahr" ( Freitag ), Tom Coopers "Das zerstörte Leben des Wes Trench" ( Freitag ), Robert Byrons "Europa 1925" ( Freitag ), Mare Kandres "Aliide, Aliide" ( ZeitOnline ), zwei Bücher über den Putinismus ( NZZ ), Tim Weiners Nixon-Biografie ( Welt ) und Ulrich Ritzels Krimi "Nadjas Katze" ( Welt ). Mehr in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog zur literarischen Blogosphäre.

Film, 28.04.2016

Gammeln, Nichts-Tun, Rumhängen: Ab kommender Woche zeigt das Berliner Zeughauskino eine von den Perlentaucher-Filmkritikern Lukas Foerster und Thomas Groh zusammengestellte Reihe über Arbeitsverweigerung in der BRD-Komödie. Und die ist "durchweg sehenswert", versichert Carolin Weidner in der taz. Darin "werden nämlich plötzlich alle Bundesbürger zu Rohrdommeln, die sich bei Bedrohung senkrecht machen, ununterscheidbar werden und gewollt unauffällig." So zum Beispiel "in Peter Fleischmanns Dokumentarfilm 'Herbst der Gammler' (BRD 1967). Beobachtbar ist dort nicht nur, wie sich der ordentliche Bürger im Kollektiv verhärtet und verbal ausfährt - nein, es wird auch deutlich, welche Sorte Anlass er dafür benötigt: den Gammler. Wer ist der Gammler? In 'Herbst der Gammler' kommen sie als aus Erziehungsheimen ausgerissene junge Männer und Frauen daher, als Saisonarbeiter, als Reisende. Gemein ist ihnen allen die Verweigerung, dauerhaft in einer Gesellschaft unterzuschlüpfen, deren Ideale und Zielvorgaben nicht geteilt werden können."



Für was, bitte, soll man diese Woche in ein neues Superheldenspektakel aus dem Hause Marvel in die Kinos rennen, wenn man stattdessen das indische Großspektakel "Bahubali: The Beginning" von S.S. Rajamouli haben kann? Im Perlentaucher staunt Lukas Foerster: Dieser Film "ist Spektakelkino sondergleichen und außerdem ein popmythologischer Großentwurf ... 'Bahubali: The Beginning' geht in jedem einzelnen Moment aufs Ganze. Insbesondere ästhetisch. 'Bahubali" ist vor allem anderen eine Lehrstunde in Sachen digitaler Expressivität. Alles ist form-, deshalb veränderbar, mal stürzt man vom tropischen Wasserfall in eine Eiswelt, mal wird man vom opulent entworfenen (freilich in der Aufsicht trotzdem ein bisschen nach einer kindlichen Lego-Fantasie ausschauenden) imperialen Palast in den ewigen Dreck geworfen. Oftmals schlägt das Innere nach Außen durch."

Gordian Mauggs Film "Fritz Lang" ist zum Kinostart nahezu einhellig verrissen worden. Im Freitag steht dem Filmemacher nun Georg Seeßlen zur Seite, der zwar auch seine Vorbehalte hat, am Ende aber doch zum Lob tendiert: Denn "ein Film, der mit solcher Hingabe und Liebe zum Detail gemacht ist, ein Film, der für das Augenmenschliche in uns und zugleich als mögliche Kritik daran gemacht ist, oder für den Knall der Wirklichkeit, ein Film, in dem man sich kreativ verirren kann, so ein Film ist doch ein Glücksfall. Dafür ist das Kino gemacht."

Weiteres: Für ZeitOnline spricht Martin Schwickert mit Tom Tykwer über dessen neuen Film "Ein Hologramm für den König", für die Welt führt Hanns-Georg Rodek das Interview (besprochen in FR , taz , NZZ und Perlentaucher ). Martin Steinhagen berichtet in der FR vom Filmfestival Go East.

Besprochen werden Achim Bornhaks Fernsehfilm "Shakespeares letzte Runde" ( FR , hier in der arte-Mediathek), Guillaume und Stéphane Malandrins Rocker-Film "Ich bin tot, macht was draus!" ( SZ , Tagesspiegel ), Simone Jaquements "Chrieg" ( taz ), Edward Zwicks Thriller "Bauernopfer" ( SZ, Tagesspiegel ) und der Superheldenfilm des Monats ( taz , SZ , FAZ).

Architektur, 28.04.2016

Das wird auch die Berliner überraschen: U-Bahnhöfe können gut aussehen, chic geradezu, lernt Paul Andreas, der für die NZZ in Düsseldorf unter Tage geforscht hat: Sechs neue Haltestationen, von den Netzwerkarchitekten aus Darmstadt, zusammen mit der Berliner Künstlerin Heike Klussmann entworfen, "verorten sich im Stadtraum angenehm unauffällig mit Treppenabgängen ohne spektakuläre Einhausung. Unterirdisch warten sie dagegen mit Erlebnissen auf, die den Untergrund als Raumgefüge physisch wahrnehmbar werden lassen und ihn dabei - durch geschickte künstlerische Interventionen - in andere gedankenräumliche Sphären translozieren."

Der französische Multimilliardär François Pinault hat angekündigt, eine neues Museum in Paris zu eröffnen, in der Bourse de Commerce, die dafür von Tadao Ando umgebaut werden soll, berichtet Martina Meister in der Welt: "Pinault wünscht sich, dass das Team um Ando 'ein großes zeitgenössisches Gebäude daraus macht, über das man auch noch im nächsten Jahrhundert sprechen wird'. Die Eröffnung ist bereits für Ende 2018 geplant. Auf die Kosten angesprochen, sagte der Milliardär: 'Ich rechne mit dem Schlimmsten.'"

Weitere Artikel: SZler Gottfried Knapp staunt nicht schlecht bei seinem Besuch in Leipzig, wo die Vorstädte aus dem 19. Jahrhundert prächtig saniert wurden und ringsum spannende Gebäude errichtet oder alte auf interessante Weise umgewidmet werden: "Man ohne Übertreibung von einer zweiten Gründerzeit im baufreudigen Leipzig sprechen." In der NZZ nimmt Jürgen Tietz entsetzt die Beschädigung der Friedrichswerdersche Kirche in Berlin zur Kenntnis, die für luxuriöse Neubauten in Kauf genommen wird. Einen besonders üblen Beigeschmack habe das, "weil hier im Namen der Wiederherstellung eines historischen Stadtgrundrisses in Kauf genommen wird, dass das tatsächlich erhaltene Erbe Berlins beschädigt wird".

Bühne, 28.04.2016

Wenn es darum geht eine "Theaterästhetik des Internetzeitalters" zu schaffen, so ist Intendant Kay Voges vom Theater Dortmund, seit je her sehr offen für Experimente, spätestens mit der von ihm inszenierten "Borderline Prozession" diesbezüglich einer der zentralen Stichwortgeber, lobt Cornelia Fiedler in der SZ: "Mehr als 50 Rollen und Perspektiven werden (...) geschichtet und multimedial verschränkt, das Ensemble erhält Verstärkung von zehn Essener Schauspielstudierenden. Absolut beeindruckend ist, wie das Spiel fürs Publikum und das für die Kamera perfekt harmonieren - so als wären Kino und Theater nie getrennte Künste gewesen."

Weiteres: In der Berliner Zeitung bringt Elmar Schütze ein Update zum Streit um die Zukunft der Bühnen am Berliner Kurfürstendamm. Besprochen wird Herbert Fritschs ersten, kunterbunten Liederabend in Zürich "Wer hat Angst vor Hugo Wolf" (FAZ)

Musik, 28.04.2016

Die Popkritiker sind hin und weg: So gut geraten ist "The Ship", das neue, schwer gesangslastige Album von Brian Eno, auf dem sich der Ambientkünstler sonisch mit dem Untergang der Titanic befasst: "Statt seinen Nachlass zu ordnen, hat Brian Eno im Rentenalter noch einmal radikales Neuland betreten", schreibt Thomas Hübener in der Spex. "Man möchte dort nicht unbedingt Urlaub machen, doch seine karge Schönheit lässt sich nicht leugnen." Benjamin Scheim von Pitchfork hörte "ein großartiges, unerwartetes Album. ... Eno ist ein Künstler, der nach wie vor Ausschau hält nach neuen Technologien und Landschaften." Lottie Brazier von The Quietus fühlt sich daran erinnert, dass Eno "weit mehr ist als bloß ein Ambientkünstler. Was sich darin zeigt, dass er sich den offensichtlichen und gut abgehangenen Tropen des Genres, das er selbst mit auf den Weg brachte, nicht unterwirft."

Weiteres: In Berlin diskutierten unter anderem Diedrich Diederichsen, Christof Meueler und Andreas Hilsberg über die Biografie, die zweiterer über letzteren geschrieben hat, berichtet Jens Uthoff in der taz: Die "Aftershow-Party könnte als Klassentreffen des deutschen Pop durchgehen." Für den Freitag porträtiert Lorina Speder den Soulmusiker Charles Bradley, der überhaupt erst mit 62 bekannt wurde.

Besprochen werden ein Konzert von Lang Lang ( SZ ) und ein Konzert von Kimya Dawson ( Tagesspiegel ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Urheberrecht, 28.04.2016

Die Debatte nimmt nun doch Fahrt auf!

Seit Martin Vogel seine Klage gegen die VG Wort vor dem BGH gewonnen hat (unsere Resümees), klagen Verleger über die Unzumutbarkeit des Urteils und warnen vor dem Niedergang kleinerer Verlage. Lob für Vogel, dessen Prozess immerhin dazu führte, dass eine rechtswidrige Praxis beendet wurde, gab es nicht. Nur die Freischreiber haben ihn am Wochenende mit dem Himmel-Preis 2016 ausgezeichnet. In der Begründung erklärte Freischreiber-Vorstand Henry Steinhau: "Aus Sicht von uns freien Urhebern, die mehrheitlich und hauptsächlich mit Verlagen zu tun haben, stellt sich die Ausschüttungspraxis der VG Wort als eine ungerechtfertigte Bevorteilung jener dar, die uns in den vergangenen Jahren mehr und mehr benachteiligten."

Autoren hatten sich dennoch nicht zu Wort gemeldet. Gestern dann schrieb die Autorin Karen Köhler jedoch einen offenen Brief im Zeit-Blog Freitext an Vogel, in dem sie sich bitter über dessen Vorgehen beklagt. Für sie sind Verlage Partner, keine Gegner: "Ich weiß gar nicht, ob ich selbst überhaupt eine Chance gehabt hätte, veröffentlicht zu werden, weil: Erzählungen, wie ich sie als Debüt veröffentlichte, so sagt man, verkaufen sich in Deutschland nämlich nicht. Dass es aber doch funktionierte, dass meine Inhalte eine größere Leserschaft erreichen konnten - das verdanke ich dem Mut meines Verlages. Solchen Mut kann nur haben, wer dafür den Spielraum besitzt. Und den haben Sie, lieber Martin Vogel, mit Ihrem Prozess und dem daraus resultierenden Urteil nun noch weiter schrumpfen lassen. Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir sogar überhaupt nicht."

Die ersten acht Leserkommentare zu Köhlers Text äußern reines Unverständnis: "ich verstehe das problem nicht so ganz. wenn das verhältnis zwischen autorinnen und verlagen so gut ist - dann passen sie halt ihre verträge und bezahlung/umsatzbeteiligung entsprechend an, der verlag erhält sein geld dann halt nicht mehr aus töpfen, die nicht für ihn gedacht sind - das ist doch kein hexenwerk?", meint etwa merderein. Und Stefan Niggemeier wundert sich in seinem Blog: "An keiner Stelle ist in den Kommentaren und Reaktionen ein Wort des Bedauerns zu hören, dass man offensichtlich jahrelang Urheber um ihnen zustehendes Geld gebracht hat. Wenn die Beteiligung der Verleger in der bisherigen Form gegen das Gesetz verstößt, dann muss eben sofort das Gesetz geändert werden, so die Logik. (Und Union und SPD kann es damit kaum schnell genug gehen.)" Mehr auch von Jan Drees bei lesenmitlinks.de.

Das Börsenblatt hat den bösen Buben Martin Vogel getroffen, der seine Klage gegen die VG Wort tapfer und ganz allein durch alle Instanzen getrieben hat: "Zur Situation kleinerer Verlage, deren Existenz nun durch Rückforderungen der VG Wort bedroht ist, bemerkt Vogel: 'Ich verstehe nur sehr bedingt, wenn nach dem gerade verkündeten Urteil des BGH das Schicksal der kleinen Verlage beklagt wird. Auch sie hätten mit einem für sie negativen Urteil rechnen müssen. Man hat ihnen freilich Sand in die Augen gestreut. Sollten sie jetzt wirtschaftlich in Schwierigkeiten geraten, bedauere ich das natürlich, weil ich selbst ein großer Freund gedruckter Lektüre bin. Aber ich bin auch ein großer Freund gerade derjenigen Autoren, die weit unter dem Durchschnitt verdienen und in prekären Verhältnissen leben. Auch deren Situation muss bedacht werden.'"

In der NZZ baut Joachim Güntner goldene Brücken: "bei Licht besehen hat sich das BGH gar nicht grundsätzlich gegen eine Ertragsbeteiligung der Verleger ausgesprochen. Das Urteil richtet sich gegen ihre pauschale Begünstigung. Die gibt das alte Gesetz nicht her. Auch eine Neufassung sollte das nicht tun. Fairness gebietet, den Verwertungsgesellschaften Verteilungspläne aufzuerlegen, die Ansprüche differenziert gewichten."

Ideen, 28.04.2016

Ohne das Denken der Postmoderne hätte er sich nicht aus den Bindungen der russischen Ideologien befreien können, schreibt der Publizist Boris Schumatsky in der NZZ: "Wenn die philosophische Postmoderne eine Botschaft für die Lebenspraxis hatte, dann diese: Du bist nicht das, was du zu sein scheinst, was deine Herkunft, deine Kultur aus dir machen wollen. Es gibt die unpersönlichen Mächte der Geschichte - sie wollen dich gestalten. Trotze ihnen!" Allerdings schreibt er auch den fatalen "Niedergang der politischen Wahrheit" der Postmoderne zu.

Kulturpolitik, 28.04.2016

Le Monde bringt eine Meldung, die zugleich Erleichterung und Zweifel an der Stichhaltigkeit früherer Berichterstattung auslöst: "Die ersten Befunde einer Expertenkommision, die von der Unesco nach Palmyra gesandt wurde, sprechen zwar über viele Beschädigungen an den berühmten Gebäuden, betonen aber, dass die archäologische Stätte 'im großen und ganzen ihre Intaktheit und Authentizität bewahrt hat'."

Europa, 28.04.2016

Im Gespräch mit Alex Rühle lehnt Armin Thurnher, Mitbegründer des Falters, in der SZ eine europäische Einmischung in österreichische Angelegenheiten nach den jüngsten Erfolgen der Rechtspopulisten ab: "Klagen, die man im Ausland anstimmt, sind ein gefundenes Fressen für hiesige Nationalisten. Noch schlimmer ist es, wenn ausländische Regierungschefs den Finger gegen Österreich erheben. Als 2000 der ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel Jörg Haider in die Regierung geholt hat, erwog die EU Sanktionen. Da sah sich das österreichische Fernsehen veranlasst, große runde Tische zu machen. Alles musste zusammenrücken und extrem österreichisch sein."

Nach einer Diskussion im Jüdischen Museum Berlin über muslimischen Antisemitismus resümiert Jan Feddersen in der taz: "Es geht also um Neid, Missgunst, Gefühle von Unzulänglichkeit, Empfindungen des Versagens: Israel ist aus eigener Kraft ein vitaler Staat geworden, ohne Ölrohstoffe - und modern, nicht mehr feudal mit Autokraten und Oligarchen verfasst. Das war doch die Katas¬trophe: in ¬Israel zu sehen, was auf dem Weg in die kapitalistische Moderne man selbst nicht vermag, von Marokko bis Syrien."

Internet, 28.04.2016

Googles beste Waffe gegen europäische Kartellklagen und Verfahren ist Zeit, schreibt Nicholas Hirst in politico.eu. Schon jetzt hat sich die Situation für die ursprünglich Klagenden radikal verändert: "Die Kläger sind immer irrelevanter geworden. Die Preisvergleichsseiten Ciao und Kelkoo mussten zusehen, wie ihr Traffic zwischen 2007 und 14 nach Comscore-Zahlen um über 65 Prozent verfiel. Microsoft und Yahoo haben die Seiten verkauft. Die beiden Kläger Streetmap und Hot-Maps haben ihre Kartendienste eingemottet. Selbst Microsoft, lange Zeit ein Rivale, zog seine Klagen am Freitag zurück."

Nach Durchsicht einiger Tweets von Sigmar Gabriel versteht Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne, warum es mit den Volksparteien abwärts geht. Diese Tweets haben den "Charme einer Umlaufmappe". Die Politiker hätten inzwischen zwar wahrgenommen, dass es ein Netz gibt, aber "zu oft nicht verstanden, dass die Existenz eines Rückkanals einen Dialog ermöglicht. Das Gegenteil von Beschallung mit drögen Hülsen."

Geschichte, 28.04.2016

Frank-Walter Steinmeier hat in einer vielbeachteten Rede Fehler der deutschen Außenpolitik beim Thema der Colonia Dignidad in Chile eingeräumt, in der Pinochet-Gegner gefoltert wurden. Bernd Pickert in der taz reicht es allerdings nicht, wenn Steinmeier das Versagen auf die Ebene eines individuellen Fehlverhaltens schiebt: "Man darf das getrost bezweifeln. Zwar ist die Colonia Dignidad mit ihrer Perfidie nach innen und ihrer Rolle als Folterlager von Pinochets Geheimdienst einzigartig. Aber, wie Steinmeier selbst andeutet: 'Die Wahrung der Menschenrechte auf anderen Kontinenten war... nicht zentraler Gegenstand in der Außenpolitik der Europäer - auch nicht in der deutschen Außenpolitik.' Nicht Einzelnen war der Kompass verloren gegangen. Sie wussten sich im Einklang mit einer Politik des Wegschauens. Aber das will Steinmeier so nicht sagen. Auch das Wort 'Entschuldigung' wird tunlichst vermieden."



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