Heute in den Feuilletons "Mit überbordender Freude an Situationskomik"

Maren Ade versetzt mit ihrer Komödie "Toni Erdmann" die Kinokritiker in Cannes in einen Glücksrausch. Die "NZZ" reist zur Biennale nach Dakar. Und die "Welt" erlebt bei der Kölner Fernand-Léger-Schau reinste Harmonie.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 17.05.2016

Maren Ades Komödie "Toni Erdmann" versetzt die deutschen Kritiker in Cannes in Glücksgefühle. Selbst im internationalen Kritikerspiegel des Branchenblatts Screen bekommt der Film 3,8 Punkte, so viel wie noch nie ein deutscher Film. Nach dieser Komödie um eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung hat das Festival "verrückt gespielt", schreibt Tobias Kniebe in der SZ, und diese Aufregung habe sie "tatsächlich verdient." Der Film ist "überraschend, unangenehm, erfrischend sowie, mitunter, geradezu irrsinnig komisch", schreibt Lee Marshall für ScreenDaily. Tim Caspar Boehme von der taz bezeugt eine anarchische Komödie, "die mit überbordender Freude an Situationskomik völlig ernste Fragen über das Leben im Allgemeinen verhandelt, und zwar so, dass man aus vollem Herzen lachen kann, ohne dass der Erkenntniswert oder anderes darunter leiden müsste." Beatrice Behn von Kino-Zeit lobt schwärmerisch: "Ein Meisterwerk, nicht nur der deutschen, sondern der internationalen Filmkunst."

Ähnlich sehen das FR , critic.de , Tagesspiegel und die FAZ in ihrem Festivalblog. Rüdiger Suchsland von Artechock hält den Film allerdings nicht für so sensationell wie die Reaktionen darauf. Wenke Husmann von ZeitOnline hat mit Maren Ade gesprochen. Susanne Ostwald erlebt auf dem Festival für die NZZ eh einen Höhepunkt nach dem anderen.

Im Tagesspiegel ist Jan Schulz-Ojala auch hingerissen von Jim Jarmuschs "Paterson", der von einem Gedichte schreibenden Busfahrer erzählt: "Dieser Film ist zwar eine Liebeserklärung ans Schreiben und erst recht eine ans Lieben, zuallererst aber eine an das Sein. Nichts schöner, als für so etwas morgens zu erwachen ganz von allein. Weitere Besprechungen bei taz , Kino-Zeit , critic.de .

In der Welt ist Hanns-Georg Rodek auch sehr beeindruckt von Mohamed Diabs Film "Eshtebak", der vom Zusammenbruch des solidarischen Grundkonsens in der ägyptischen Gesellschaft erzählt: "Er spielt vor drei Jahren während der gewalttätigen Demonstrationen, die den Muslimbrüder-Präsidenten Mursi zu Fall brachten. In dem engen, stickigen Raum eines Gefängniswagens findet sich ein Querschnitt der ägyptischen Gesellschaft wieder, und zwischen den Lagern gibt es ein paar Akte individueller Hilfe, aber im wesentlichen Abgrenzung, Misstrauen, Hass."

Weiterhin aus Cannes besprochen werden Ken Loachs "I, Blake" ( FAZ , FR ) und Steven Spielbergs "Big Friendly Giant" ( Kino-Zeit ). Mehr Besprechungen und Neuigkeiten auf den fleißig aktualisierten Websites von critic.de und Kino-Zeit .

Abseits von Cannes: Für den Tagesspiegel spricht Carolin Haentjes mit Micah Magee über ihren Film "Petting Zoo". Besprochen werden Adolf Winkelmanns Verfilmung von Ralf Rothmanns Ruhrpottroman "Junges Licht" ( FAZ , Intellectures ), Matt Browns Biopic "Die Poesie des Unendlichen" über den Mathematiker S. Ramanujan ( Tagesspiegel ), Omar Fests "Remainder" ( Das Filter ), Christophe Honorés Verfilmung des französischen Kinderbuchklassikers "Les Malheurs de Sophie" ( NZZ ) und die neue "Game of Thrones"-Episode ( ZeitOnline ).

Kunst, 17.05.2016

Die Biennale von Dakar hat ihr künstlerischer Leiter Simon Njami unter den Titel der "Wiederverzauberung" gestellt. "Seien wir die Wilden, die zurückkommen an die Quelle der Dinge", schreibt er im Katalog. In der NZZ ist David Signer erleichtert, dass sich Afrikas Künstler nicht wirklich auf diese Form der kontinentalen Selbstexotisierung eingelassen haben. Er hat nämlich sehr eindrückliche Aktionen und Performances erlebt: "Wie die Ägypterin Amira Parree, in unzählige Streifen schwarzen Papiers gehüllt, langsam über den Boden robbt, fast nicht mehr als Mensch erkennbar, ist unheimlich. In der Performance 'Chant des Couleurs' des Kameruners Bartélémy Toguo kontrastiert die Wut und Energie, mit der Hindernisse und alte Modelle zerschlagen werden, mit der Trauer des Sterbens. Somnath Mukherjee wirbelt kulturelle Zuschreibungen durcheinander, wenn er senegalesische Tänzerinnen makellose indische Tänze aufführen lässt. In Alexis Peskines Installation 'Raft of Medusa' stillt eine afrikanische Migrantin in Paris ein weißes Baby. Akirash Akindiya sorgt in den Straßen von Dakar für Aufruhr mit der Parade seiner halbnackten Lehmmenschen."

Diese Kunst braucht Größe, stellt Hans-Joachim Müller in der Welt im Kölner Museum Ludwig fest, die Fernand Légers Glauben an die Moderne sehr bildgewaltig in Szene setzen: "Es bündelt die Eindrücke, wenn man gleichsam ertrinkt in den 50 Quadratmetern Leinwand, die der Maler für die Weltausstellung in Paris 1937, also am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, mit welligen und gerüstähnlichen Bildzeichen füllt, um die überwältigten Sinne an 'Le Transport des Forces' (Kraftübertragung) zu erinnern. Was er sagen möchte, ist nichts weniger, als dass es um den harmonischen Austausch zwischen Natur und Technik ums Beste bestellt ist. Und nichts hat Fernand Léger von seinem lebenslangen Programm abbringen können, 'für die Schönheit des modernen Zeitalters Äquivalente zu finden'."

Georg Imdahl schreibt in der FAZ zum Tode des Künstlers François Morellet. Zeit Online bringt eine Strecke mit Fotografien von Nick Brandt.

Besprochen wird die Filminstallation "7 Tage" des Künstlerduos M+M im Museum für Fotografie in Berlin ( Tagesspiegel ).

Bühne, 17.05.2016

Wenn Flüchtlinge auf der Bühne stehen und dem Publikum für Kolonialismus und Kapitalismus die Leviten lesen, erteilt sich das bußwillige juste milieu im Theater selbst die Absolution? Solchen sarkastischen Einschätzungen erteilt Christiane Peitz in einem Essay über den Flüchtling auf der Bühne im Tagesspiegel eine klare Absage: "Empathie ist das Privileg der Kultur. Ohne Teilhabe, den Clash des Eigenen mit dem Anderen und die Vision einer offenen Gesellschaft wäre sie armselig. Es ist gut, wenn auch staatliche Bühnen ganz praktisch helfen." Wobei Sie eindeutig für Werke plädiert, die sich nicht schon in der Stilisierung des eigenen Mitgefühls erschöpfen: Denn "was bitte erhellen die überwiegend plakativen Aktionen des chinesischen Konzeptkunst-Stars Ai Weiwei?"

Weiteres: Die FAZ hat Hubert Spiegels Gespräch mit der Schauspielerin Bettina Hoppe über Shakespeare, Frauenrollen und patriarchale Intendantenkultur online nachgereicht. Die AfD will die Potsdamer Aufführung des Stücks "Illegale Helfer" verbieten lassen, meldet Katrin Bettina Müller in der taz. Peter von Becker begibt sich auf die Suche nach dem bedeutendsten Theaterkritiker Berlins. Gerhard Stadelmaier schreibt in der FAZ zum Tod der Kostümbildnerin Moidele Bickel: "Das Theater wird ärmer."

Besprochen werden ein Theaterprojekt über Migranten von Matteo Marsan, Dania Hohmann, Ulrich Waller bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen ( nachtkritik ), Milo Raus "Five Easy Pieces" in Brüssel ( nachtkritik ), die Deutschlandpremiere von Joshua Harmons "Bad Jews" am English Theatre Frankfurt ( FR ) und Sebastian Hartmanns Adaption von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" am Deutschen Theater Berlin ( taz ), Daniela Löffners Inszenierung von "Mephisto" nach Klaus Mann am Schauspiel Bochum ( nachtkritik , FAZ), Nuran David Calis' Münchner Bühnenadaption von Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" über den Genozid an den Armenieren ( nachtkritik , SZ, FAZ) sowie Ives Thuwis' und Sebastian Nüblings Musik- und Tanztheaterabend "Melancholia" am Theater Basel ( nachtkritik , SZ).

Literatur, 17.05.2016

Als ziemlichen Hohn empfindet der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, dessen Roman "Der Kalligraf von Isfahan" in seiner Heimat nicht gedruckt werden durfte, die blumigen Sentenzen, die Funktionäre aus Politik und Kultur zu Beginn der Teheraner Buchmesse von sich gaben. In der FAZ schreibt er: "Der Direktor der iranischen Nationalbibliothek verliert kein Wort darüber, warum die Werke der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller des Landes, in einem Racheakt sämtlich der Opposition zugerechnet, in der iranischen Nationalbibliothek, der wichtigsten und größten Bibliothek des Landes, nicht existieren. Der Direktor dieser Bibliothek erklärt in seinem Zeitungsbeitrag übrigens auch: 'Das Lesen fördert die kulturelle Widerstandsfähigkeit!' Das Lesen welcher Bücher?"

In höchsten Tönen preist Ludger Lütkehaus in der NZZ Yan Liankes Roman "Lenins Küsse", als Buch von außerordentlichem Rang, vergleichbar nur noch mit Yu Huas "Brüder": "Es ist vielschichtig. Es verbindet abgrundtief wechselnde Stimmungslagen - tiefernste, bestürzende, bittere, zynische - mit komischen, heiteren, humoristischen, grotesken. Man liest es mit Spannung und Empathie."

Iris Radisch schreibt in einem online nachgereichten Zeit-Artikel über zwei der Öffentlichkeit bislang nicht bekannte Liebesbriefe zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann. Im bislang bekannten Briefwechsel stellen diese Blätter "ein Missing Link" dar: "Es sind Ausnahmebriefe, deren biografische und literaturgeschichtliche Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. 'Die Briefe zeigen', sagt (Herausgeberin) Barbara Wiedemann, 'dass es ganz viele Möglichkeiten gab, wie die Beziehung hätte werden können. Für Celan war es offensichtlich denkbar, seine Familie zu verlassen. Sie haben aber auch eine wichtige Bedeutung für manche Gedichte, die man vor diesem Hintergrund neu lesen muss.'"

Weiteres: In der FAS erklärt Michael Martens, warum der Literaturnobelpreisträger Ivo Andri¿ auf das späte Kontaktgesuch Ernst Jüngers nie reagiert hat. Für die Tell Review berichtet Sieglinde Geisel vom Neuruppiner Reiseliteraturfestival "Neue Spur", das zwar "locker und entspannt" etwas "abseits des Literaturbetriebs" stattfinde, für diesen aber von "überraschender Relevanz" sei. Die FAZ hat Ursula Scheers Feature über die Autorin Elena Ferrante online gestellt. Lothar Müller empfiehlt in der SZ Düsseldorf, sich besser als "dritte Goethe-Stadt" zu positionieren. Außerdem eine sehr unterhaltsame Lektüre: Thomas Davids online nachgereichtes Gespräch mit Autor Feridun Zaimoglu über Schmuck, Stilfragen, Männer und Machogehabe aus der Aprilausgabe des Frankfurter Allgemeinen Magazins.

Besprochen werden Garry Dishers Krimi "Bitter Wash Road" ( SZ , unsere Besprechung hier), Katharina Winklers "Blauschmuck" ( FAZ ), Kristina Schilkes Debüt "Elefanten treffen" ( Tagesspiegel ), Sarah Kuttners "180° Meer" ( Zeit ) und neue Hörbücher, darunter das zu John Dos Passos' "Manhattan Transfer" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Lars Gustafssons Gedicht "Es soll ein Tag sein":

"Es soll ein Tag Anfang August sein
die Schwalben fort, doch eine Hummel
noch irgendwo, die im Himbeerschatten
..."

Musik, 17.05.2016

Die alte Streitfrage: Ist Ambient bloße Wattierungs- und Tapetenmusik und damit des ideologiekritischen Generalverdachts würdig? Mitnichten, meint Nicklas Baschek auf Zeit Online und sieht sich mit den neuen Veröffentlichungen von Tim Hecker und Brian Eno als Kronzeugen auf der sicheren Seite: "Geht es nicht eigentlich darum, den Entdeckergeist zu wecken? Wie das Kind, das mit der Lupe den Käfer betrachtet, so ist es mit der Ambient Music unter Kopfhörern. Was höre ich da? Field Recordings wollen akustisch entschlüsselt werden. Lowercase, eine radikalisierte Form des Ambient, in dem leise und unhörbare Sounds extrem verstärkt werden, verführt dazu, in diese Stille genau hineinzuhorchen."

Weiteres: Udo Lindenberg wird 70 - für die SZ hat Torsten Groß ein langes Gespräch mit dem Panikrocker geführt, MDR (hier) und WDR (dort) ehren ihn mit Dokumentarfilmen und Porträts. Die taz-ler steuern zu Ehren des Geburtstagskindes kleine Erinnerungsnotizen bei: Es schreiben Julian Weber, Katrin Gottschalk, Jens Uthoff, Jenni Zylka, René Martens und Peggy Parnass. Matt Grosing porträtiert für Pitchfork den Outsider-Jazzer Sam Gendel und dessen Band Inga. Für die FR spricht Stefan Schickhaus mit Pianist Steffen Schleiermacher über den Komponisten Erik Satie. In der Royal Albert Hall hat Iggy Pop einen großen Auftritt hingelegt, berichtet Julian Marszalek auf The Quietus - und du liebe Güte, was für eine Power der gute Mann mit 69 Jahren noch hat. Hier umarmt er mal eben das ganze Publikum.

Besprochen werden neue Platten von James Blake und Christian Naujoks ( Kaput ), Ash Kooshas "I Aka I" ( Jungle World ), Miles Davis' "The Complete Prestige 10-Inch LP Collection" ( Pitchfork ) und ein Konzert von Gregory Porter ( FR ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Religion, 17.05.2016

Im Interview mit Guillaume Goubert und Sébastien Maillard von der katholischen Tageszeitung La Croix sagt Papst Franziskus auf den ersten Blick überraschende Dinge: "Ein Staat muss laizistisch sein. Konfessionelle Staaten enden schlecht. Ich glaube, dass Laizität zusammen mit einem soliden Gesetz, das Religionsfreiheit garantiert, einen Rahmen bietet, mit dem man vorankommen kann. Wir sind als Kinder Gottes und mit unserer Menschwürde alle gleich. Aber jeder muss das Recht haben, seinen Glauben nach außen zu bekunden. Wenn eine muslimische Frau Kopftuch tragen will, soll sie es tun dürfen. Das gleiche, wenn ein Katholik ein Kreuz trägt." Ob er sich demnächst in Deutschland gegen den staatlichen Einzug von Kirchensteuern wendet?

Gegen Kulturkonservatismus und die Rede von "Werten" im konservativen Sinne wendet sich der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der SZ: "Man muss Einwanderern die Einsicht nahebringen, dass es in einer offenen, religiös und weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft allein die Rechtsordnung ist, die das friedliche Zusammenleben der vielen verschieden Denkenden und Lebenden ermöglicht. Rechtsgehorsam ist dabei prägnant zu unterscheiden von irgendwelchen 'einheimischen Kulturwerten', auf die manche die Zuwanderer gern verpflichten möchten. Auf der Wiesn mögen auch Deutschitaliener Tracht tragen. Aber niemand darf ihnen dies vorschreiben."

In der Welt sieht Henryk M. Broder keinen Widerspruch zwischen beidem. Er wünschte sich, hiesige Bischöfe würden einmal dies sagen: "Wir sind kein allzu christliches Land mehr. 30 Prozent der Deutschen gehören der evangelischen Kirche an, ebenso viele der katholischen. Aber 34 Prozent sind konfessionslos, und es werden immer mehr. Dennoch sind wir ein christlich geprägtes Land, deswegen feiern wir Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Allerheiligen und Weihnachten, auch wenn viele von uns nicht wissen, was diese Feste bedeuten. Eine, zwei oder drei Millionen 'mehr Muslime' werden die 'christliche Kultur' oder das, was von ihr übrig geblieben ist, nicht zum Verschwinden bringen, auch dann nicht, wenn immer mehr Kirchen zu Moscheen umfunktioniert würden. Aber die weltliche Kultur, die sich gegen zahllose Verbote mühsam durchsetzen musste, wird Schaden nehmen, nein, sie hat es schon getan."

Europa, 17.05.2016

Marlene Streeruwitz spricht mit Ralf Leonhard in der taz über das Versagen der Volksparteien in Österreich, über die nach wie vor nicht erreichte Gleichstellung der Frauen und über Reaktionen auf den Rechtspopulismus: "Wenn aber nun, wie in Österreich, von der Freiheitlichen Partei Österreichs das vertrags­theoretische Modell der Demokratie der Gleichen verlassen wird und ein hierarchisches Modell vorgelegt wird, in dem über Geburtszugehörigkeit Ausschlüsse vorgesehen sind, dann ist dieser Staat an einer Grundfrage angelangt. Eigentlich müssten SPÖ und ÖVP fusionieren, um - ähnlich wie die Demokratische Partei in den USA - einen Block gegen das Aufkündigen des Modells zu bilden."

Jan Feddersen fordert auch im Deutschlandfunk eine Entschuldigung der Politik für die Behandlung schwuler Männer in der frühen Bundesrepublik nach dem bewusst aus der Nazizeit mitgeschleppten Paragrafen 175: "Homosexualität war verboten. Es war eine entwürdigende Zeit für schwule Männer. Die Nachbarn - Denunzianten? Die Eltern - enterbend und Kontakt abbrechend. Arbeitskollegen - gern die 'warmen Brüder' im Job an die Personalabteilung verpetzend. Und auf der Straße bei Umfragen? 'Die haben sie wohl vergessen zu vergasen' - so viele Stimmen aus der früheren Volksgemeinschaft."

Der deutsch-syrische Autor Rafik Schami wendet sich in Qantara gegen "Islamophobie": "Alle sind für den Hasser gesichtslose Muslime. Nun versetzen wir uns für nur fünf Minuten in die Seele eines friedlichen Menschen dieses Landes, der durch Zufall der muslimischen Minderheit angehört. Er bekommt nach all den Jahrzehnten die Ohrfeige der Diffamierung, ob durch eine dämliche Karikatur, die seinen Propheten mit einer Bombe im Turban darstellt, oder durch die Tiraden eines Thilo Sarrazin und dessen Verteidiger Udo Ulfkotte und Peter Sloterdijk. Durch die ständige Diffamierung der Muslime erhöhen die Hasser den Anteil der Muslime, die sich in diesem Land nicht akzeptiert fühlen."

Kulturpolitik, 17.05.2016

Was bedeutet die Krise der großen Energiekonzerne eigentlich für die Kultur in NRW, fragt Michael Kohler in der SZ: "Ohne die finanzielle Unterstützung von Unternehmen wie Eon oder RWE gerieten viele Museen und Festivals in Schwierigkeiten. Gerade die mit den Bodenschätzen des Ruhrgebiets groß gewordenen Energiekonzerne gehören zu den fleißigsten Kultursponsoren in NRW - und kämpfen derzeit ums langfristige Überleben. Und wenn es RWE schlecht geht, spürt man das im Essener Museum Folkwang doppelt."

Gesellschaft, 17.05.2016

Kaum hatte Woody Allen mit seinem neuen Film das Festival von Cannes eröffnet, trat Allens Sohn Ronan Farrow wie so oft an die Öffentlichkeit, um den angeblichen Missbrauch seiner Schwester als Siebenjährige durch Allen anzuprangern. Der Vorwurf, erhoben 1993 während der Scheidungsschlacht zwischen Allen und Mia Farrow, war 14 Monate lang gerichtlich untersucht und schließlich abgewiesen worden. Das er trotzdem immer wieder verbreitet wird, nagt auf die Dauer am Prinzip der Unschuldsvermutung, warnt im Guardian Catherine Shoard: In Allens Fall "wird es abgetan, das Gesetz ignoriert und statt dessen auf Gerüchte gesetzt. In seinem Artikel hat Farrow die Presse angegriffen, weil sie Allen 'keine harten Fragen' stelle. Aber das hat sie und die Antwort ist jedesmal dieselbe: Er weist die Vorwürfe zurück und glaubt, dass seine ehemalige Partnerin die Kinder gegen ihn aufgehetzt habe - was übrigens auch Ronans Bruder Moses glaubt."

Geschichte, 17.05.2016

Auf Zeit online erinnert Martin Gehlen an das vor hundert Jahren geschlossene Sykes-Picot-Abkommen, mit dem Franzosen und Briten nach der Niederlage des Osmanischen Reiches die arabische Welt unter sich aufteilten. Das für den Kampf gegen die Türken versprochene arabische Großreich blieb dabei auf der Strecke: "Sykes' schnurgerade 'Linie im Sand', wie sie der britische Historiker James Barr 2011 in seinem Buch über die Schicksalsjahre nach dem Ersten Weltkrieg nannte, teilte die Region in eine französische und eine britische Machtsphäre - ungeachtet der Wünsche der Bevölkerung, ungeachtet aller ethnischen und konfessionellen Grenzen, quer durch zahlreiche Stammesgebiete. Das riesige neue Kolonialgebiet aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches mit seinen 20 Millionen Menschen erstreckte sich von Beirut bis an den Persischen Golf, von Ostanatolien bis zum Sinai. 'Selbst unter den Maßstäben der Zeit war es ein schamlos eigennütziger Pakt', urteilte James Barr über diesen imperialen Coup."

Medien, 17.05.2016

Wutbürger hier, Wutjournalisten dort. In der NZZ kritisiert Heribert Seifert anhand vieler verlinkter Beispiele - von FAZ bis Freitag - den Ton, in dem deutsche Journalisten "gegen den Feind von rechts" pöbeln und jede differenzierende Debatte unmöglich machen: "So überraschte der Berliner Tagesspiegel seine Leser mit einem Beitrag, in dem er den Prügelmeuten der sogenannten Antifa ausdrücklich dankte, weil sie mit ihren Gewaltaktionen den politischen Gruppen, die sie zu Nazis erklären, die Wahrnehmung von Rede- und Demonstrationsfreiheit nach Kräften unmöglich machen. [...] In der Zeit findet sich die Forderung nach 'Notstandsgesetzen gegen den Mob', worunter man dort die Teilnehmer an rechtlich zulässigem öffentlichem Protest gegen eine Unterkunft für Einwanderer versteht. Es ist dieselbe Autorin, die vor ein paar Jahren in der Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau Thilo Sarrazin eine 'lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur' genannt hat und die jetzt unter dem Zeit-Signet verlangt, Kundgebungen zu verbieten, Telefone zu überwachen und aufzuhören zu 'labern, schreiben und argumentieren'."

(Via turi2 ) FAZ und SZ, Le Monde und El Pais müssen sich warm anziehen! Die New York Times will online aggressiv international expandieren und nimmt dafür in den nächsten drei Jahren 50 Millionen Dollar in die Hand, berichten Joe Pompeo and Alex Spence in Politico Media: "'Jede Abteilung des Unternehmens muss kreativ darüber nachdenken, wie sie eine größere nicht-amerikanische Leserschaft und wachsendes Einkommen außerhalb der USA erzielen kann', schrieb CEO Mark Thompson in einem Memo im April, das auch vom Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. und Chefredakteur Dean Baquet gezeichnet war. 'Wir wollen ein wesentlich größeres und intensiver lesendes Publikum in den Kernmärkten außerhalb der USA.'" Auf diese Weise will die New York Times ihren Umsatz aus der digitalen Ausgabe auf 800 Millionen Dollar jährlich steigern.

In amerikanischen Internetmedien wird weiter heftig über Facebook diskutiert. Tony Haile setzt in recode.net seine vierteilige Serie über die Auswirkungen von Facebook auf Medien fort - mit dem harschen Thema der Adblocker, gegen die sich die Medien kaum wehren können und die sie selbst durch Zulassen exzessiver Werbung gefördert haben. Dagegen setzt Facebook "Instant Articles", also die direkte Veröffentlichungsmöglichkeit auf Facebook, die Medien anlocken soll: "Instant Articles gibt den Medienunternehmen zwei Möglichkeiten der Refinanzierung. Sie können entweder ihre eigene Werbung platzieren und hundert Prozent der Einnahmen einstecken, oder Facebook verkauft für sie Werbung und gibt ihnen einen Siebzig-Prozent-Anteil. Das bedeutet also, dass Facebook Hosting und Refinanzierung auf die Liste seiner Dienstleitungen für Medien setzt. Den Medienunternehmen bleibt nur die einzige und riskanteste Aktivität: Inhalte schaffen."

Ein wenig abtörnend klingt da eine von Lucia Moses in Digiday.com verbreitete Erkenntnis: Ganze "43 Prozent der Facebook-Nutzer wissen die ursprüngliche Quelle der Nachrichten, die sie auf Facebook lesen, nicht zu nennen".

Der Fotojournalismus ist eine künstlerisch-handwerkliche Praxis, die an einem Wahrheitsbegriff festhalten muss, schreibt das Magazin Disphotic in einem Editorial zur Diskussion um den berühmten Fotografen Steve McCurry, dem digitale Manipulationen in seinen Fotos nachgewiesen wurde - störende Elemente, die per Photoshop beseitigt wurden. "Enthüllungen über digitale Bearbeitungen von Fotos ziehen stets den Zorn von Fotojournalisten auf sich, aber die Ironie liegt darin, dass sie nur eine von vielen Formen sind, in denen im Fotojournalismus manipuliert wird. Dieselben Leute, die jemanden wie McCurry scharf verurteilen, weigern sich einzugestehen, in welchem Ausmaß auch ihr eigener Prozess der Veröffentlichung von Bildern Manipulationen ausgesetzt ist, von Interaktionen mit den fotografierten Menschen, über bestimmte Arrangements beim Fotografieren oder der Auswahl der Bilder, bis hin zu redaktionellen Bearbeitungen, die den visuellen Effekt erhöhen sollen." Mehr zur Diskussion über Steve McCurry hier bei Petapixel und hier in der Huffpost.



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