Heute in den Feuilletons "Popherzen genussvoll durchlöchert"

Die "Welt" zerschießt Werke von Jeff Koons. Die "SZ" beschwört den wohltuenden Einfluss von Drogen auf HipHop. Und die "FAZ" freut sich über ein Hörspiel aus dem Nachlass von W.G. Sebald.


Efeu - Die Kulturrundschau

Musik, 10.07.2015

"Highlife on the Move" ist der erste, vom Musikethnologen Markus Coester zusammengestellte Sampler, der in 38 Songs die Vielfalt des westafrikanischen Musikstils "Highlife" vorstellt, freut sich Knut Henkel in der NZZ. Ursprünglich in Nigeria und Ghana beheimatet, brachten ihn Musiker wie Fela Kuti, Steve Rhodes oder E. C. Arinze nach London, wo er mit Calypso, Mambo und kubanischen Vibes angereichert wurde: "Doch auch in Westafrika widerhallten die Beats aus der Karibik. Musiker wie Ali Ganda aus Sierra Leone, der zur Unabhängigkeit einen Calypso komponierte, oder John Santos Martins, der auf 'Highlife on the Move' mit zwei Songs zu hören ist, machten in Westafrika als Calypsonians von sich reden. ... Jedoch auch Einflüsse karibischer Beats und kubanischer Big Bands wurden im Highlife verewigt. 'Highlife No. 5' von Ginger Folorunso Johnson etwa ist eine mitreißende Tanznummer, die dem kubanischen Mambo ein Denkmal setzt."

Künstler wie ASAP Rocky und ILoveMakonnen nähren den Hip-Hop derzeit mit allerlei Drogenexperimenten abseits von Hasch und Kokain der psychedelischen Ästhetik an. Sehr zur Freude von Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter, ausgewiesene Experten auf diesem Gebiet, die in der SZ schreiben: "Herausgekommen ist dabei der größte anzunehmende Glücksfall im Pop: etwas Neues. Während sich der psychedelische Indie-Pop im Retrowahn verzettelt, hat die Bewusstseinsveränderung in Hip-Hop und R&B eine weitere Öffnung der Genres zur Folge. Der Pilzfreund ILoveMakonnen verabschiedet sich sehr konsequent von Macho-Klischees ... Flying Lotus belebte mit seinem Konzeptalbum nicht nur den Jazz, er offenbarte auch eine unkonventionelle synkretistische Spiritualität. Und ASAP Rocky und seine Produzenten (...) haben die alte Struktur aus Breakbeat, Bass, Sampling, Shouting, die seit ihren Anfängen die offenste im Pop ist, weil sie jeglichen Stil schlucken kann, noch einmal zerlegt und in eine neue Form gegossen."

Das Berliner Festival Heroines of Sound würdigt mit Daphne Oram die Begründerin des legendären BBC Radiophonic Workshops und damit eine bislang sehr unbesungene Pionierin der elektronischen Musik, schreibt Ingo Techmeier in der taz. Ihre Leidenschaft für die elektronische Tonerzeugung entdeckte sie während des Zweiten Weltkriegs, als sie "wie viele andere Frauen in der Männerbastion Radio [arbeitete]. Hier begann sie ein Doppelleben: Nach Feierabend stellte sie sich aus Tonbandgeräten und anderen Gerätschaften ein eigenes Studio zusammen, das sie allmorgentlich wieder abbaute." Hier kann man sich ein Radiofeature über Oram anhören und in folgenden kurzen Ausschnitt dreht sie die Knöpfe an den Apparaten in ihrem Heimstudio.

Weitere Artikel: In der NZZ stellt Hanspeter Künzler das Musiklabel World Circuit vor, das gerade eine neue CD der wunderbaren kongolesischen Band "Mbongwana Star" herausgebracht hat. Für die taz spricht Klaus Walter mit den Pöbel-Postpunks Sleaford Mods, die sich mit schwuler Proletenhaftigkeit zum Sprachrohr aller Unterdrückten machen möchten. Im VAN Magazin berichtet Cornelia De Reese von ihrer Suche nach Beethovens Handschriften. In der SZ bringt Josef Kelnberger Hintergründe zur Fusion des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart mit dem Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Auf The Quietus eröffnet Tomas Fraser "One Take", eine neue Kolumne über Grime Music. Und nach einem Monat Pause bringt Roland Graffé von Machtdose wieder seinen Podcast mit Entdeckungen aus der Netzaudio-Szene.

Besprochen werden Tilman Baumgärtels Buch "Schleifen" über die Geschichte des Loops in der Musik ( Freitag , hier beim Merkur ein kleiner Auszug aus dem Vorwort), das neue Album von K.I.Z. ( ZeitOnline ), das Album "Vantdraught 10" des Kuba Kapsa Ensemble ("ein Fest für Freunde der Minimal Music", jubelt Curt Cuisine von Skug), Mark Knopflers Berliner Konzert ( Tagesspiegel , Welt ), ein Konzert von von Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis in Zürich ( NZZ ) und The Internets "Ego Death" ( Pitchfork ).

Kunst, 10.07.2015

Kluge Gedanken zum Thema Kunst und Gewalt macht sich in der Welt Verena Straub, die die Ausstellung "Fire and Forget. On Violence" in den Berliner Kunst-Werken besucht hat. Mittendrin kommt ihr der eigene Neandertaler in die Quere, als sie in eine Art Egoshooter-Spiel von Hunter Jonakin Werke von Jeff Koons abschießen darf: "Was für eine Freude, wenn die Vitrine mit den schwimmenden Basketbällen in tausend Stücke zerspringt oder man die hochpreisigen Popherzen genussvoll durchlöchert. Bis der fiktive Ausstellungswärter ermahnt: 'What are you doing? Don't you know that art is about the acceptance of others?' Die ikonoklastische Aggression gegen die Koonsche Kitschästhetik hat dann ein Ende, wenn man selbst zur Zielscheibe der bewaffneten Aufseher wird. Blut rinnt am Bildschirm herunter. Game Over."

Außerdem: Für die SZ spricht Till Briegleb mit dem Kurator Christian Jankowski über dessen Pläne für die Manifesta in Zürich im kommenden Jahr.

Besprochen werden Jimmie Durhams Ausstellung "Here at the Center" im Neuen Berliner Kunstverein ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Sommer Nacht Traum" im Sinclair-Haus in Bad Homburg ( FR ), die Doug-Aitken-Schau in der Schirn ( FR ) und die Ausstellung "Katharina Grosse - Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume" im Museum Wiesbaden (FAZ).

Film, 10.07.2015

Die Begeisterung weiter Teile der queeren Community (etwa hier) über die Netflix-Knastserie "Orange is the New Black" kann Paulette Gensler in der Jungle World nicht teilen: Dass die Szene die lesbischen und queeren Sexbeziehungen unter Knastbedingungen feiert, hält sie für eine sträfliche Verharmlosung der dem Gefängnissystem inhärenten Machtzuspitzungen: "Die 'prison wives' sind direkter Ausdruck von Herrschaft und jede Ideologie von Konsensualität verschweigt dies nicht nur, sondern ist im gleichen Zuge sogar affirmativ, da sie alle Erkenntnisse von Studien über Sexualität im Strafvollzug (...) verhöhnt."

Besprochen werden David Robert Mitchells "It Follows", der "beste Horrorfilm des Jahres", so Harald Peters in der Welt , der algerische Western "Den Menschen so fern" mit Viggo Mortensen ( FAZ , Tagesspiegel ), der Dokumentarfilm "Mollath - Und plötzlich bist du verrückt" zum Fall Gustl Mollath ( Tagesspiegel ) und Jochen Alexander Freydanks "Kafkas Der Bau" ( Tagesspiegel , FR ).

Bühne, 10.07.2015

Claus Peymann kann Rekordzahlen am Berliner Ensemble verbuchen, leider nur mit "überraschungsarmem Theater", meint in der NZZ Dirk Pilz, der es darum auch ganz in Ordnung findet, dass Oliver Reese ab 2016 den Intendantenposten am BE übernimmt. Marc Zitzmann berichtet vom Festival d'Aix-en-Provence.

Besprochen werden Hofesh Shechters Tanztrilogie "Barbarians" bei den Berliner Festspielen ( NZZ ) und Choreografien von Marie Chouinard und Sharon Eyal beim Stuttgarter Tanzfestival Colours (SZ).

Literatur, 10.07.2015

Morgen sendet der WDR zur Freude Jochen Hiebers die Hörspielbearbeitung eines Fernseh-Drehbuchs aus dem Nachlass des Schriftstellers W.G. Sebald. "Jetzund kömpt die Nacht herbey" befasst sich mit dem Leben Immanuel Kants und ist "ein wunderbar altmodisches Hörspiel" geworden, versichert der FAZ-Kritiker, "genauer noch: ein Hörbild (fast schon) seligen Gedenkens, in dem mal ein Hund bellt, mal eine Kirchenglocke die Stunde schlägt, mal ein karges musikalisches Motiv ertönt - und darüber eine so schöne wie schreckliche Weltfülle entsteht, wenn und weil die Figuren über das Erdbeben von Lissabon, die Französische Revolution, die Planetenbahnen, die Meteoritenschwärme, den Kaffee im Hause Kant, das Älter- und Immer-weniger-Werden des Philosophen räsonieren."

Weiteres: Katharina Granzin berichtet in der taz von der Verleihung des Internationalen Literaturpreises an Amos Oz und dessen deutscher Übersetzerin Mirjam Pressler. Die Zeit hat den Text der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie über die Entführung ihres Vaters online gestellt. Lena Bopp hörte für die FAZ Clemens Meyers Frankfurter Poetikvorlesung, wo es neben Ausflügen in die Meyer'sche Privatmythologie zwischen unter anderem Karl May und Charles Bronson auch "Slapstick, Stand-up-Comedy und Improvisationstheater" gab. Martin Halter besucht für die FAZ das Hesse-Museum in Gaienhofen. Tim Neshitov wirft für die SZ einen Blick in die Welt der "Booktuber" genannten Buchrezensentinnen auf Youtube (wie etwa Sara Bow), die sich durch einen sehr emphatischen Zugriff auf ihr Steckenpferd auszeichnen ("Mir hat das Buch sehrsehrsehrsehrsehr gut gefallen"), damit aber monatlich mitunter wahrscheinlich deutlich mehr verdienen dürften als wohl die allermeisten freien Literaturkritiker der Feuilletons ("an die 800 Euro").

Und noch etwas nachgereichter Rainald-Goetz-Content anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises an den bekennenden Perlentaucher-Fan: Im Onlinearchiv des Bayerischen Rundfunks finden sich inszenierte Lesungen seines Romans "Johann Holtrop" (hier) und seines Berichts "loslabern" (hier), beide durch den Autor selbst.

9Punkt - Die Debattenrundschau

Ideen, 10.07.2015

Caroline Fourests Buch "Eloge du Blasphéme" gehört in Frankreich zu den Bestsellern der Saison. Es resümiert die Debatten zu Charlie Hebdo und um Islam und "Islamophobie" in Frankreich und bezieht einen dezidiert laizistischen Standpunkt. Slate.fr präsentiert ein Video, in dem Fourest auf ihre Thesen zurückkommt und erläutert den in Deutschland nicht sehr bekannten Hintergrund: "Die Leichname der Opfer vom 7. Januar waren noch nicht kalt, da fing der Streit zwischen jenen, die 'Charlie waren' und den 'pas Charlie' an." Im Buch Fourests gehe es im wesentlichen "um die Spaltung der Linken zwischen jenen, die die Hauptgefahr im religiösen Fundamentalismus sehen und jenen, die finden, dass die Karikaturisten der Zeitschrift nur ihren Hass auf die Schwächsten ausgelebt und die Muslime gedemütigt hätten. Fourest gehört natürlich zu Ersteren, einer Strömung der Linken, die sich als laizistisch und republikanisch begreift und die gegen die letzteren Position ergreift: Globalisierungsgegner, Antiimperialisten und die radikale Linke."

Patrick Bahners, Kulturkorrespondent der FAZ in Bayern, folgte einem Vortrag der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer zu Politik und Religion im Islam, fand aber keine Antwort auf die Frage, "ob der Islam in die säkulare Moderne passe". Krämer redete in einer vom Theologen Friedrich Wilhelm Graf und dem Indologen Jens-Uwe Hartmann konzipierten Vortragsreihe über Religion und Politik an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Europa, 10.07.2015

Nicholas Hirst besucht für Politico.eu die verfallende belgische Industriestadt Verviers, wo einige Tage nach den Pariser Massakern ein terroristischer Anschlag vereitelt wurde: "Radikalismus ist nichts Neues in Verviers. Viele Anschläge in den westlichen Ländern haben einen Bezug zu Verviers. Laut einer amerikanischen Stiftung sind Fundraiser von Hamas in der Stadt aktiv, und es gibt Berichte, dass Anrufe der Attentäter von Madrid 2004 nach Verviers gingen... Kritiker behaupten, dass der nachlässige Umgang mit Minderheiten in Belgien den Radikalismus begünstigte."

Recht illusionslos äußert sich Schriftsteller Petros Markaris im Gespräch mit FAZ-Redakteur Hubert Spiegel zur griechischen Politik: "Es ging doch in Wirklichkeit nie um ein Ja oder Nein zu Europa oder zum Euro. Was für ein Theater! Das Referendum hat nur einer Person genutzt: Alexis Tsipras. Er ist jetzt eine Art Regent. Man konnte ja sofort sehen, wie stark er sich jetzt fühlt, als er schon am nächsten Tag Varoufakis rauswarf."

Urheberrecht, 10.07.2015

Die Reiss-Engelhorn-Museen drohen, die Wikipedia juristisch zu belangen, weil die Online-Enzyklopädie vom Museum gefertigte Reprografien gemeinfreier Werke veröffentlichte. Jetzt verteidigen sich die Museen in einer Presseerklärung (hier als pdf-Dokument) gegen Kritik: "Gerade unter dem demokratie-theoretischen Ansatz der freien Wissensvermittlung finden wir es nicht nachvollziehbar, wenn Dritte - und sei es im Rahmen eines Projektes wie Wikipedia - ohne demokratisch legitimiertes Mandat uns an dem Entscheidungsprozess, wie mit unseren Arbeitsergebnissen umgegangen wird, nicht beteiligen wollen. Wir sind nicht danach gefragt worden, ob wir damit einverstanden sind, dass unsere Arbeitsergebnisse bei Wikipedia veröffentlicht werden." Für die Nutzung solcher Bilder verspricht das Haus seiner Ansicht nach faire Preise: "Unsere Gebührenordnung sieht für Internetnutzungen unterschiedslos einen einheitlichen Gebührensatz vor. Es kommt also nicht darauf an, wer die Anfrage stellt und welche Nutzung vorgesehen ist. Für eine zeitlich unbegrenzte Nutzung einer Fotografie im Internet fallen 250,00 EUR an." Hier die Auffassung der Wikipedia zum Thema.

Es hat sich ein kleines bisschen was getan in Sachen Urheberrecht in der EU, berichtet Torsten Kleinz auf Zeit online: Das EU Parlament hat gegen die befürchtete Abschaffung der "Panoramafreiheit" gestimmt. Und "der sogenannte Reda-Report - benannt nach der Piraten-Abgeordneten Julia Reda - wurde heute mit breiter Mehrheit angenommen." Er soll die Harmonisierung des Urheberrechts in der EU vorantreiben.

Die Digitale Gesellschaft kommentiert den Report kritisch: "Trotz vereinzelter guter Ansätze bleibt das Parlament damit insgesamt viel zu verzagt. Anstatt weitreichende Empfehlungen zu machen, die das vollkommen veraltete EU-Urheberrecht an die Nutzungsgewohnheiten und Herausforderungen des digitalen Zeitalters anpassen, wurde der ursprüngliche Entwurf an vielen Stellen aufgeweicht und verwässert." Links zum Thema gibt's bei Netzpolitik.

Kulturpolitik, 10.07.2015

Drastische Konsequenzen malt Cornelius Tittel in der Welt an die Wand, falls das von Monika Grütters gewollte Kulturgutschutzgesetz durchkommt. Er stellt sich etwa eine alte Dame vor, die ein Kunstwerk aus ihrer Wohnung verkaufen will und nicht weiß, dass es national relevant ist: "Der Staat hat nach dem geplanten Gesetz nun das Recht, sich Zutritt zur Wohnung zu verschaffen, die Kunstwerke zu begutachten und gegebenenfalls einzuziehen. Eine Geldbuße bis 100.000 Euro ist möglich. Formal ist das ein korrektes Verfahren. Aber es birgt natürlich Risiken des Missbrauchs, gerade weil das Bundesgesetz gar nicht definieren kann, was in den jeweiligen Bundesländern von den Behörden als Nationales Kulturgut angesehen wird. Ein 'hinreichender Verdacht' reicht rechtlich aus, um die Sicherstellung zu erlauben."

Politik, 10.07.2015

Aus der südsyrischen Stadt Suwaida werden wertvolle antike Kulturschätze in Sicherheit gebracht, meldet Joseph Croitoru in der NZZ. Bei den Bewohnern weckt das Ängste: dass sich das Regime an dem Verkauf bereichern wolle. Und dass es nicht vorhabe, die Stadt gegen die anrückenden Islamisten zu verteidigen: "Gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Sana versicherte der Leiter des städtischen Denkmalschutzamts Hussein Zain al-Din zwar, dass die wichtigsten Exponate des Museums inzwischen sicher verwahrt seien. Sein Statement ließ aber die Skepsis bei den Bewohnern Suwaidas nur noch weiter wachsen. Auch sie deuten die schon länger andauernden und offensichtlich kaum zu verheimlichenden Maßnahmen zur Sicherung der mehr als 2000 Museumsstücke als Indiz, dass Damaskus schon bald zum Rückzug blasen und sie im Stich lassen werde."

Am morgigen Samstag wird das iranische Regime wieder den sogenannten "Quds-Tag" begehen, bei dem es darum geht, den Willen zur Vernichtung Israels zu demonstrieren. Im Tagesspiegel ruft die Historikerin Ulrike Becker zum Protest gegen den Berliner Ableger des Quds-Tages auf: "Der Quds-Marsch in Berlin ist keine Demonstration eines kleinen Berliner Bündnisses, sondern eine Macht-Demonstration des iranischen Regimes... Es ist deshalb wichtig, dass ein breites gesellschaftliches Spektrum zu Protesten gegen den Quds-Marsch aufruft und der islamistischen, antisemitischen und homophoben Propaganda und Praxis des iranischen Regimes entgegentritt."

Geschichte, 10.07.2015

Zum zwanzigsten Jahrestag des Massakers von Srebrenica haben die Briten dem UN-Weltsicherheitsrat eine Resolution vorgelegt, der die Verantwortlichen des Völkermords nennt, berichtet Erich Rathfelder in der taz. Der Vorstoß symbolisiert, "dass die jetzt führenden Politiker und Diplomaten in Europa und den USA bereit sind, über die eigenen Schuldzusammenhänge in der damaligen internationalen Gemeinschaft zu sprechen. Zwar werden die wichtigsten Dokumente, die zur weiteren Aufklärung der Vorgänge von damals beitragen könnten, immer noch zurückgehalten... Doch man hat schon jetzt Beweise genug: Alle in Bosnien und Herzegowina beteiligten Mächte und die UNO haben im Vorfeld des Genozids von Srebrenica Schuld auf sich geladen, weil sie um des 'Friedens' willen einen Kompromiss mit den Kriegstreibern und Mördern angestrebt haben."

Medien, 10.07.2015

Der künftige Chefredakteur der taz und Nachfolger von Ines Pohl heißt Georg Löwisch, meldet Christian Meier in der Welt. Löwisch hatte Ende der neunziger Jahre bei der taz volontiert, bevor er als Textchef zum Debattenmagazin Cicero ging - was ihn zum idealen Kandidaten macht: "In der Regel sind ideale Chefredakteure solche, die eine Redaktion gut kennen, in der Zwischenzeit aber auch Abstand gewonnen haben, um mit einem Blick von außen ans Werk gegen zu können. Doch er muss seine Kollegen mitnehmen. Die Redaktion der taz hat ein Statut und entsprechende Mitbestimmungsrechte. Entscheidungen können Chefredakteure oft nicht einfach über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg treffen. Das macht den Job zuweilen nicht einfach."

Überwachung, 10.07.2015

Wie in dieser Woche veröffentlichte Wikileaks-Dokumente belegen, war das abgehörte Handy der Kanzlerin nur die Spitze des Eisbergs: tatsächlich geht die Überwachung deutscher Spitzenpolitiker und -beamter zurück bis in die Amtszeit von Helmut Kohl, berichtet Astrid Geisler in der taz. Doch die Reaktion der Bundesregierung liegt irgendwo zwischen Augenrollen und Achselzucken: "In Regierungskreisen hieß es informell, man wundere sich in dieser Sache über nichts mehr. Beschwerden in Washington seien offenbar sinnlos. Der Vorsitzende des NSA-Ausschusses, Patrick Sensburg, sagte, es sei wenig sinnvoll, 'jede Woche, wenn neue Veröffentlichungen an den Tag kommen, wieder den Botschafter einzubestellen'."

Was aber sollte die Politik auch tun, fragt Malte Lehming im Tagesspiegel mit realpolitischem Blick auf die Enthüllungen: "Selbst Oppositionspolitikern der Linken, die sonst nie um derbe Worte verlegen sind, fällt außer Gemeinplätzen wie 'nicht länger bieten lassen!' oder 'Rückgrat zeigen!' wenig ein. Kein Wunder. Denn der doppelte Einwand - die Amerikaner können, erstens, ziemlich viel, und zweitens hält sich auch der BND im Ausland nicht immer streng an Recht und Gesetz - lässt sich nur schwer entkräften."

Angesichts der totalen Lethargie der Politik über immer neue Lauschattacken rät Michael Hanfeld in der Leitglosse des FAZ-Feuilletons: "Wenn die Institutionen angesichts neuer Wikileaks-Dokumentenberge sich nicht mehr rühren, scheint es also an der Zeit zu sein, dass die Bürger zur juristischen Selbstverteidigung greifen. Wer auch immer seine Nummern in der NSA-Rasterfahndung findet - die zu bestätigen es die Selektoren-Liste braucht, an welche die Bundesregierung die Abgeordneten nicht heranlässt -, sollte klagen."



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