Heute in den Feuilletons Ist das digitale Leben wirklich so schlimm?

Die "Jungle World" fragt: Warum hasst die Linke Design? Die "NZZ" lässt sich vom Handwerk des indischen Architekturbüros Studio Mumbai inspirieren. Nach einem ersten Rundgang über die Berlin-Biennale sind die Kritiker in "Welt" und "taz" deprimiert: alles ein großes Proseminar über die Gefahren der virtuellen Realität.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 04.06.2016

In Berlin hat die 9. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst eröffnet. Das New Yorker Kuratorenkollektiv DIS hat insbesondere die Post-Internet-Art in deren Mittelpunkt gerückt. An hektischen, glitzernden Buzzwords herrscht daher kein Mangel, so der recht griesgrämig berichtende Ingo Arend in der taz: Man schütte "ein Füllhorn cooler Thesen aus, wie der 'Post-Gegenwart', der 'Paradoxie des Virtuellen als Realen' und des 'Universellen, das in eine Vielzahl von Unterschieden aufgesplittert' ist. Ganz so 'breaking' sind sie dann doch nicht. Und ihre Spiegelung in der Kunst fällt eher mau aus." Mitunter fühlt sich der Kritiker auch einfach bloß "in ein Proseminar über Virtuelle Realität im Kunstgeschichtsstudium der 90er Jahre zurückversetzt."

In der Welt zeigt sich Swantje Karich nach einem ersten Rundgang über die Biennale ratlos und bald auch sehr müde "angesichts von so viel Übertreibung und Verkleidung. Irgendwann fragt man sich: Ist das digitale Leben wirklich so schlimm? Im Katalog schreibt die Autorin Meredith Meredith: Das 'ändert nichts an dem Gefühl der Einsamkeit und Unruhe hier an der Speerspitze der besten Zeit, die es je gab'. Einsamkeit, Unruhe - überall. In jedem Bild, in jeder Szene, jeder Skulptur, jedem Video."

Deutlich aufregender findet das alles Jens Balzer von der Berliner Zeitung: Gewiss, es buzzt und blinkt und hypt hier allerorten, doch wer da die Flucht ergreift, habe angesichts der "überraschend sinnlichen" Qualitäten der Exponate und Installation eindeutig das Nachsehen: "Zwar beschwören die programmatischen Texte des Katalogs die reflexive Selbstüberspitzung der Post-Internet-Kunst ebenso wie den Akzelerationismus. Doch wird die Kritik am hyperbeschleunigten und ausweglos ambivalenten Zustand der Gegenwart auch auf dieser Biennale immer noch gern im Modus der Negativität und Entschleunigung formuliert und im überkommenen Ton des Sakralen." Außerdem berichten Nicola Kuhn ( Tagesspiegel ), Christiane Meixner ( Tagesspiegel ) und Kolja Reichert (FAZ).

Weiteres: Nicola Kuhn schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Kurators Frank Wagner. Und zum Nachhören beim Hessischen Rundfunk: Ein großes Radiofeature über "die Bilderwelten des Hieronymus Bosch".

Besprochen werden Neo Rauchs neue, in seiner Galerie Eigen+Art in Berlin gezeigten Bilder ( Berliner Zeitung ), eine dem frühen Buchdrucker Aldo Manuzio gewidmete Ausstellung in Venedig ( Tagesspiegel ) und die Ausstellung "Zerbrechlicher Luxus" im Römisch-Germanischen Museum in Köln (FAZ).

Bühne, 04.06.2016

Für die Sendereihe "Bayerisches Feuilleton" im BR porträtieren Christoph Krix und Hermann Scherm das Metropoltheater in München, das 2015 als "bestes Offtheater" ausgezeichnet wurde. In der SZ porträtiert Isabel Winklbauer die Ballerina Laura Hecquet (mehr in le Monde). Für die FAZ unterhält sich Astrid Kaminski mit den Athener Theatermachern Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris über die Situation des griechischen Bühnenbetriebs.

Besprochen wird Peter Konwitschnys Inszenierung seines dritten Kantatenprojekts nach Bach am Theater Chur ( NZZ ).

Design, 04.06.2016

Die Jungle World befasst sich im thematischen Schwerpunkt mit schlichten Designmöbeln von Bauhaus bis Ikea. Paul Verlautenheide wirft den Linken ihren Dünkel vor, auf den man immer dann stößt, sobald es um Design geht. Dabei ist Links-Sein und Design doch geradezu bestens miteinander vereinbar: Denn "die Suche nach Schönheit ist eine allgemeinmenschliche Angelegenheit, sie entspricht einem elementaren Bedürfnis. Schönheit muss deshalb allen Menschen zugänglich gemacht werden. Oscar Niemeyer drückte die Konsequenz dieser Idee sehr einfach aus: 'Der Architekt übt seine Funktion nur dann wirklich aus, wenn er seinen Beruf bewusst als politische Tat begreift.' Das gilt für Gestaltung im Allgemeinen. Design ist nicht einfach die Formgebung einer Oberfläche, es meint in seiner primären und emphatischen Bedeutung die Gestaltung von Lebensumständen. Es ist materialistisch im eigentlichen und ursprünglichen Sinne."

Außerdem in der Jungle World: Martina Mescher erklärt, wie es dazu kam, dass die DDR den Bauhaus-Stil gerade nicht umarmte, sondern sich stattdessen in den "realsozialistischen Biedermeier" flüchtete. Mit Ikeas "Ivar" kam in den 60ern und 70ern zumindest ein Hauch von Revolution in die Wohnstuben, schreibt Uli Krug. Und Julia Hoffmann spricht mit Van Bo Le-Mentzel über Wohnraum und seine HartzIV-Möbel zum Selberbauen.

Literatur, 04.06.2016

Im Interview mit der Literarischen Welt spricht der norwegische Autor Jon Fosse über Erfolg, Tod, seinen Schüler Karl Ove Knausgard und Schreiben in der Abgeschiedenheit: "Ich bin jetzt seit vielen Jahren Schriftsteller und habe in dieser Zeit auch versucht, meine eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Aber diese Versuche sind kläglich gescheitert, haben nie den Zustand des Schwebens erreicht, der wahre Literatur auszeichnet. Ich musste also lernen, bei Null anzufangen,nicht von eigener Erfahrung oder einer Recherche auszugehen, sondern buchstäblich mit nichts zu beginnen und zu begreifen, dass das Schreiben für mich ein Akt des Zuhörens ist. Zuhören fordert enorme Konzentration - und das, was Meister Eckhart als 'Abgeschiedenheit' bezeichnet hat."

Jetzt, nachdem die großen ideologischen Schlachten geschlagen sind, manifestiert sich in der kolumbianischen Literatur eine ganz neue Haltung: "Statt wie die Alten immer nur Opfer fremder Mächte sowie eigener Tyrannen zu sein, möchten die Jüngeren Herren der eigenen demokratischen Geschichte werden", schreibt Andreas Breitenstein in der NZZ. Beispielhaft ist da für ihn der neue Roman von Hector Abad über eine Familie, die auf der Finca "La Oculta" eine lange Geschichte der Gewalt durchlebt. Am Ende keimt "wieder die Hoffnung auf Frieden und Fortschritt auf, doch ohne La Oculta, wie sie einmal war, ist die Welt eine andere und die Familie ein Schatten ihrer selbst. Ist es verwegen, aus 'La Oculta' schließen zu wollen, worin Abads liberaler Geist wurzelt? Es ist das Wissen um das eigene Fremd- und Verschontsein, das Bewusstsein, dass Glück letztlich immer nur ein Glück im Unglück ist, und die Erfahrung, dass die Welt sich dem letzten Erkennen entzieht."

In unserer Lyrikkolumne "Tagtigall" berichtet Marie Luise Knott vom Poesiefestival "Spier, Dancing in Other Words" in Kapstadt, wo sie unter anderem von den Raps des Xhosa-Dichters Sivatho Rigala ganz und gar gebannt wurde: "Der Rhythmus reißt mit, die Geschwindigkeit der Gaumenbewegungen und die enorme Klangvarianz faszinieren; es klackert und schnalzt und zischt, manche Töne werden im Einatmen, andere im Ausatmen produziert. Ein für Europäer völlig fremder Reichtum." Zum Glück hat sie Klangbeispiele mitgebracht.

Weitere Artikel: Für den Zündfunk des Bayerischen Rundfunks wirft Jan Drees einen ausgiebigen Blick in die syrische Literatur, die mit den Migranten nach Deutschland kommt. Christine Wolter besucht für die NZZ den Reporter Paolo Rumiz in Triest. John Banville erzählt, wie er zu der Musikkugel kam, die als Talisman auf seinem Schreibtisch steht. Und Mona Sarkis erklärt in der NZZ, warum es in Ägypten so wenige Krimis gibt, obwohl Kairo ein fantastischer Krimischauplatz ist. Beim Frankfurter Festival Literaturm diskutierten Brigitte Kronauer, Martin Mosebach und Ernst Osterkamp über das Bild im Roman, berichtet Andrea Pollmeier in der FR. Doris Akrap und Annabelle Seubert plaudern für die taz mit Stefanie Sargnagel. Nach enttäuschenden Verkaufszahlen schränkt Egmont-Ehapa sein erst vor wenigen Jahren eingerichtetes Graphic-Novel-Segment künftig stark ein, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel. Für die literarische Wochenendreportage der FAZ hat Klaus Benesch in Südtirol Mary de Rachewiltz besucht, die Tochter von Ezra Pound. Außerdem zum Nachhören beim Bayerischen Rundfunk: Jochen Racks Feature über die ökonomische Lage deutscher Schriftsteller.

Besprochen werden u.a. Judith Hermanns "Lettipark" ( taz , Zeit ), Riad Sattoufs Comic "Der Araber von morgen ( NZZ ), Hazem Ilmis Roman "Die 33. Hochzeit der Donia Nour" ( NZZ ), Volker Hagedorns Biografie der Musikerfamilie Bach ( Welt ), Gioacchino Criacos "Schwarze Seelen" ( taz ), Michael Schneiders "Ein zweites Leben" ( FR ) und Monika Marons "Krähengekrächz" ( FR ).

Film, 04.06.2016

Die taffen Frauen in Jodie Fosters "Money Monster" (gespielt von Julia Roberts) und James Vanderbilts "Der Moment der Wahrheit" (gespielt von Cate Blanchett) hält Marie Schmidt von ZeitOnline nur auf den ersten Blick für emanzipierte Figuren: "Bei genauer Betrachtung sind sie doch klassische Wesen aus Männerfantasien: Frauen als instinktgetriebene Manipulatorinnen."

Weitere Artikel: Um Frauenfantasien geht es in der SZ-Reportage von Philipp Bovermann, der sich sehr für feministische Pornografie interessiert. Für critic.de bespricht Manon Cavagna den raren BRD-Film "Utopia" mit Manfred Zapatka, den das Berliner Zeughauskino heute Abend im Rahmen seiner Werkschau Sohrab Shahid Saless zeigt. Für den Tagesspiegel wirft Carolin Haentjes einen Blick auf das heute in Berlin beginnende Jüdische Filmfestival, mit deren Leiterin Nicola Galliner Kerstin Krupp ein Gespräch für die Berliner Zeitung geführt hat. Esther Buss führt in der Jungle World durch das Programm des Berliner "Unknown Pleasures"-Festivals, das amerikanisches Independentkino zeigt, darunter den neuen Film "In Jackson Heights" des Dokumentarfilm-Großmeisters Frederick Wiseman. Detlef Kuhlbrodt ist für die taz nach Potsdam gefahren, wo das Studio Babelsberg sich eine "Neue Berliner Straße" als Studioset-Upgrade gegönnt hat.
Tilman Krause besuchte für die Welt "Chaplin's World" in Vevey am Genfer See.

Besprochen werden Maria Schraders Stefan-Zweig-Film "Vor der Morgenröte" mit Josef Hader ( Freitag , mehr hier), James Vanderbilts "Truth - Der Moment der Wahrheit" mit Cate Blanchett und Robert Redford ("Möglicherweise ist der Film für die Amerikaner nicht ganz so erschreckend langweilig wie für die Europäer", grübelt Barbara Möller in der Welt ) und Werner Penzels "Zen for Nothing" über ein japanisches Bergkloster (FAZ).

Architektur, 04.06.2016

Corinne Elsesser hat für die NZZ eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zum Werk des Architekturbüros Studio Mumbai besucht. Alles "sehr haptisch und materialbezogen", stellt sie fest. "Für das indische Studio Mumbai ist das Handwerk ein Leitmotiv. Bijoy Jain, Architekt und Gründer des Büros, legt großen Wert auf traditionelle Bautechniken, die, wie er feststellen musste, in Indien fast verloren gegangen waren. ... In der Ausstellung sucht man vergebens nach Plänen und exakten Zeichnungen. Stattdessen fallen die vielen kleinen Ideenstudien aus verschiedensten Materialien auf. Diese dienen den Handwerkern als Vorlagen und finden anschliessend Eingang in ein originalgroßes Modell. Direkt am Bauplatz wird ein solches Mock-up aufgebaut, weiter optimiert und schließlich realisiert. Die Bauteile werden in einem dem Studio angegliederten Workshop vorgefertigt und vor Ort eingebaut."

Musik, 04.06.2016

"Pop und Tod I + II" heißt das neue Doppel-Konzeptalbum der lange als Insidertipp gehandelten Band Die Heiterkeit um Stella Sommer. Die demonstrative Lustlosigkeit und Betrübtheit findet Daniel Gerhardt von ZeitOnline in den Nachwehen des AnnenMayKanterei-Hypes schon mal sehr sympathisch: "Eine Reihe junger Bands pflegte zuletzt die heimelige Einrichtung in lauwarmer Lebensrealität ... Die Heiterkeit grenzen sich damit von musikalischer Kernigkeit ab, aber auch von den Verbrüderungsangeboten, die viele ihrer Zeitgenossen und Weggefährten machen. Zwischen Gitarrentrott und Kunstliedklavier klingt die Band stattdessen zerbrechlich und uneindeutig. Sie bleibt angenehm schwach auf der Brust und entwickelt, aller Materialfülle zum Trotz, keine Meisterwerksambitionen."

Konstantin Nowotny vom Freitag klingt allerdings schon ein ganzes Stück weniger begeistert: Die Musik kippe bei allen interessanten Ansätzen doch "manchmal ins Eintönige", auch die Texte seien nicht immer ganz auf der Höhe: Ironische Meta-Ebene? Oder vielleicht doch "ein bisschen dünn. Das stört aber kaum, denn die Perlen überwiegen." Da verließ ihn wohl der Mut zum Verriss. Wir hören dennoch rein:



Bei den konsequent auf süße Eingängigkeit gebürsteten Sounds von Jaakko Eino Kalevi wird taz-Popkritiker Julian Weber zur "Stubenfliege", die sich aufs Wonniglichste von diesem Sirup gefangen nehmen lässt, so easy klingen hier die Melodien. "Sein Song 'Deeper Shadows' mit dieser heimtückischen Hookline, die einen wochenlang verfolgt, ist so ein großes Easy." Zu hören gib es eine Musik mit "soften und spacigen Grooves zum Tanzen, die sich mit Kitsch solidarisch erklären, aber qua Melodienreichtum auch zum psychedelischen Freak-out eingeladen werden."

Weitere Artikel: Von den jungen, nach Deutschland kommenden Migranten verspricht sich SZler Jonathan Fischer mit Blick auf die prosperierende HipHop-Szene in Frankreich so einiges: Sie sind "Vorboten einer Zukunft, in der Hip-Hop und irgendwann auch der Pop mehr und mehr nichtwestliche Elemente aufnehmen wird." Die Frischzellenkur hat Pop vielleicht wirklich bitter nötig, denn der SWR lässt Georg Diez, Thomas Hecken und Ernst Hofacker bereits darüber diskutieren, ob Pop nicht schon veraltet. In der Welt hört sich Manuel Brug durch das Label der Berliner Philharmoniker.

Besprochen werden Daniel Kramers Fotoband "Bob Dylan: A Year and a Day" ( CulturMag ), Paul Simons neues Album "Stranger to Stranger ( Welt , FR ), und Mobys autobiografisches Buch "Porcelain" (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 04.06.2016

Wenn Britannien sich tatsächlich mit dem Brexit beschädigt, dann kriegt es zurück, was es ausgeteilt hat, schreibt Martin Kettle in einem ziemlich beeindruckenden Essay für den Guardian. Einer der Hauptfaktoren ist für ihn die britische Presse: "Wir werden den Preis für unsere Medien bezahlen. Britischer Journalismus hält sich für besonders großartig. Ich glaube, es ist erhellender, ihn sich als besonders grauenhaft vorzustellen. Wenige europäische Länder haben so parteiische, irreführende aggressive Zeitungen wie einige der übermächtigen Titel in diesem Land. Ein Brexit ist nur wegen der Presse möglich geworden. Wenn es keine anderen guten Gründe gäbe zu bleiben, dann wäre für mich die Hoffnung, dieser Presse ihren Triumph in europäischen Dingen zu verweigern, für mich schon ausreichend."

Die FPÖ behauptet, sie sei die neue Mitte. Das ist alles andere als harmlos, schreibt Isolde Charim in ihrer Kolumne für die Wiener Zeitung: "Normalität ist etwas, das hergestellt wird... Wem es gelingt, zu definieren, was politisch 'normal' ist, der hat die Mitte, die politische Mitte besetzt. Deshalb ist die Mitte auch kein unschuldiger Nullpunkt, wo die Gesellschaft als einheitliche zu sich kommt. Sie ist vielmehr ein weißer Fleck, der erobert wird. Der Ort einer politischen Vormachtstellung. Und um diese ringt die FPÖ. Wenn sie sich zur 'neuen Mitte' erklärt, so nicht, weil sie plötzlich moderat geworden wäre."

Außerdem: FAZ-Redakteur Paul Ingendaay war dabei, als Thilo Sarrazin in Berlin ein Buch des ehemaligen tschechischen Präsidenten und EU-Feinds Vaclav Klaus über die "Migrationskrise" vorstellte - das laut Ingendaay zu einer Programmschrift der AfD werden könnte.

Politik, 04.06.2016

"Bangladesch ist für Leute, die sagen, dass Homosexuelle Rechte haben sollten oder dass der Islam nicht auf alles Antworten hat, einer der gefährlichsten Orte der Welt geworden", schreibt der Economist: Und die "angeblich säkulare Regierung des Landes zieht lieber die Toten in den Schmutz, als dass sie ihre Mörder fasst. 'Unsere Gesellschaft erlaubt keine Bewegungen, die unnatürlichen Sex fordern', sagte der Innenminister Asaduzzaman Khan Kamal, nachdem der homosexuelle Aktivist Xulhaz Mannan ermordet worden war. Sheikh Hasina, der Premierminister verglich die Texte des ermordeten Bloggers mit Pornografie. Diejenigen, die säkulare Stimmen mit Stahl zum Schweigen bringen, werden kaum je gefasst."

Medien, 04.06.2016

Die taz arbeitet sehr ausführlich die Affäre um den "Keylogger" Sebastian Heiser auf, der im letzten Jahr die Dateien seiner taz-Kollegen ausspioniert hatte. Im Editorial heißt es beruhigend: "Nach dieser Recherche wissen wir mehr. Nichts deutet darauf hin, dass der Kollege für jemand anderen als für sich selbst spioniert hat."

Weiteres: In Spanien entstehen immer mehr - und wirtschaftlich durchaus erfolgreiche - neue Online-Medien, die kritischer und unabhängiger über politische Skandale berichten als die großen Zeitungen, informiert Cornelia Derichsweiler in der NZZ. In der Welt kritisiert Alan Posener die Art und Weise, wie die FAS das berühmt-berüchtigte Boateng-Zitat von Alexander Gauland präsentierte.

Kulturpolitik, 04.06.2016

Für die taz unterhält sich Anne Haeming mit der Museumshistorikerin Sharon MacDonald, die das Humboldt-Forum berät und einen Bezug der Ausstellungen zur Gegenwart wünscht: "Es wäre radikal gewesen, gar nicht erst vom 'ethnografischen' Museum zu sprechen. Solche Kategorien schränken von vorneherein ein. Beim Humboldt-Forum gab es anfangs ein starkes Bedürfnis, ethnografische Exponate als Kunst auszustellen, mit Fokus auf ihrer Schönheit... Vorbild war auch das Musée du Quai Branly in Paris - und klar, das lockt viele Besucher an. Aber diese Haltung ist meiner Meinung nach hochproblematisch, es ist entpolitisiert. Das mag für Museen mit westlicher Kunst funktionieren. Ethnografische Kuratoren arbeiten so schon lange nicht mehr."

A propos Musée du Quai Branly. Dort bereitet man eine Ausstellung über den Sammler (und Ex-Président de la République) Jacques Chirac vor, über den man alles mögliche sagen kann, nur nicht, dass er keinen Humor hat. Als besondere Hommage auf Chirac wird auch die im untenstehenden Tweet gezeigte japanische Theatermaske ausgestellt - Chirac ist ein Verehrer japanischer Kunst und wird sich über die Anspielung freuen, meint Emmanuelle Jardonnet in le Monde.

Geschichte, 04.06.2016

Die polnische Regierung will das geplante Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs auf eine national-erbauliche Perspektive zusammenkürzen und wird damit nicht einmal der polnischen Position in der Geschichte gerecht werden, meint Timothy Snyder, der zum internationalen Beirat des Museums gehört, in der taz. Wie neuartig international die Perspektive des Museums ist, zeigt Snyder unter anderem am Beispiel des Themas Bombardierungen: "Für einige Deutsche bilden diese Bombardements eine Art 'Ausgleich' für die deutschen Gräueltaten im Krieg. Doch eine Globalgeschichte der Bombardierung von Zivilisten zeigt, dass die Italiener sich des gleichen Mittels schon viel früher in Äthiopien bedienten und dabei der gängigen europäischen Imperialpraxis folgten. Und es war Deutschland selbst, das diese imperiale Praxis nach Europa brachte, zunächst während des Spanischen Bürgerkriegs und anschließend, in massiver Weise, während des Einmarschs in Polen."

Ideen, 04.06.2016

Achille Mbembe wird groß in Libération porträtiert. Im Gespräch mit Sonya Faure und Cécile Daumas sagt er zur Kopftuchdebatte diesen seltsamen Satz: "Der terroristische Moment reaktiviert paranoide Dispositionen, die in jeder Gesellschaft latent existieren. Wenn die Angst und das Vorurteil so innerlich und intensiv werden, dann wird es zu einem fast analen Bedürfnis, den potenziellen Feind zu demaskieren, seine tiefe Identität zu zeigen. Ich fürchte, dass die Fixierung auf das Kopftuch eher mit dieser Form der Analität als mit dem Laizismus zu tun hat."

Die Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco äußert sich in der selben Nummer eher kritisch zum "Differnzialismus", den sie auch von Mbembe repräsentiert sieht.

Gesellschaft, 04.06.2016

Muhammad Ali ist gestorben. Hier sieht man, warum er der Größte war:



Und hier sieht man, warum er als "Defense Master" erst recht der Größte war:



In einer Woche beginnt die Fußball-Europameisterschaft. In der NZZ grübelt Rene Scheu aus diesem Anlass über "dieses Ding", den Ball, nach: "Fußball beginnt nicht im Kopf, sondern auf dem Platz. Das Spiel hebt - streng philosophisch gesprochen - mit einer epoché im Husserlschen Sinne an, einer Einklammerung der Seinsgeltung der alltäglichen Welt. Wenn der Fußballer das Spielfeld betritt, bewegt er sich in einer besonderen existenziellen Sphäre." In der Welt liest Rainer Moritz neue Bücher zum Thema.

Und: In der Welt sucht Heinz Bude das große, Angst vertreibende Lachen in Deutschland.



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