Heute in den Feuilletons Die Pracht der Farben

Der "Berliner Zeitung" wird beim Anblick von Sean Scullys Bildern in Shanghai ganz schwindelig zumute. Der "Standard" erkundet die Geschichte der Zeitreise in der Science-Fiction-Kultur. Die "Welt" lässt sich von Gaby Hauptmann das Verhältnis von Mann und Frau am Rande des Feuilletons erklären.


Efeu - Die Kulturrundschau

Musik, 06.12.2014

Die von Felix Kubin herausgegebene Compilation "Science Fiction Park Bundesrepublik" dokumentiert den im Zuge von Punk am Vorabend der Neuen Deutschen Welle entstandenen, mit primitiven Mitteln hantierenden Tape-Underground der frühen 80er, erklärt Timon-Karl Kaleyta im Freitag: "Einige der hier versammelten Stücke [sind] schlicht unhörbar, aber darum geht es nicht. Die naiven Arrangements und dadaistischen Texte haben eine eigene Anziehungskraft und sind nicht selten wahnsinnig komisch ... Wir sehen den ästhetischen Urboden, auf dem später sowohl Helge Schneider als auch die Hamburger Schule ihr Feld bestellen werden."

Auf ZeitOnline kann Daniel Gerhardt dem neuen Album "A Better Tomorrow" des Wu-Tang Clan allenfalls positiv abgewinnen, dass es überhaupt zustande gekommmen ist. Eric Pfeil schreibt im Poptagebuch für den Rolling Stone eine Lobeshymne auf George Jones. Für die FR plaudert Max Dax mit H.P. Baxxter. Im Tagesspiegel meldet Nadine Lange den Tod des Popmusikers Nick Talbot alias Gravenhurst. In der FAZ gratuliert Gerhard R. Koch dem Geiger Walter Levin zum 90. Geburtstag.

Bühne, 06.12.2014

Die Zahl der Szenen ist zwar überschaubar, die es aus Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" in Thorsten Lensings in den Berliner Sophiensälen aufgeführte, aber dennoch vierstündige Bühnenadaption geschafft haben. Doch Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung begeistert sich ohnehin vor allem für die schauspielerischen Details dieser Aufführung. Wie André Jung zwar menschenartig, aber dennoch voll überzeugend einen Hund spielt etwa: "Verwandlung ohne Lüge", jubelt der Kritiker. Auch die weiteren Leistungen entzücken sein Herz: "Der Unterschied zwischen Schauspieler und Figur wird nicht versteckt (...) Sie bleiben, wer sie sind, aber es vollzieht sich doch in den Handlungen, Sprechweisen und Texten eine Annahme des lebendigen Wesens, das Dostojewskij den Figuren eingehaucht hat. Nein, es handelt sich nicht um Magie. Es ist ein pures Spiel mit offenen Karten. Ein Machen ohne Vormachen."

Auch Eva Biringer (Nachtkritik) staunt über die Leistungen der Schauspieler, denen es gelingt, "durch minimale Körpersprache, noch vor der eigentlichen Sprache, maximal komplexe Figuren zu erschaffen." Die Moral der Inszenierung stimmt sie allerdings skeptisch: "Kinder und Tiere sollen der Schlüssel sein zum Paradies?" In der SZ bespricht Mounia Meiborg die Aufführung.

Sehr wenig Freude hatte Nikolaus Merck (Nachtkritik) an der von Jürgen Kuttner zusammengestellten Jubiläumsrevue zum hundertjährigen Bestehen der Berliner Volksbühne. Was hätte man da nicht auf die Beine stellen können, stöhnt er. "Stattdessen gab, wie zu erwarten, Jürgen Kuttner den Dampfplauderer. ... Der Phantomschmerz an diesem Abend ist gewaltig. ... Man kann nur hoffen, dass die Geburtstagsfeier zum 50. Jahr von Frank Castorfs Intendanz in 2042 besser gelingen wird." Außerdem berichten die Berliner Zeitung , der Tagesspiegel und die FAZ von dem Abend.

In der Welt stellt Stefan Grund die junge Schauspielerin Anna Drexler vor, die in Schnitzlers "Das weite Land" ihr Debüt am Deutschen Theater in Berlin geben wird. Besprochen wird zudem Hans-Werner Kroesingers "Exporting War" am HAU in Berlin ( Tagesspiegel ).

Literatur, 06.12.2014

Die Schriftstellerin Gaby Hauptmann plaudert im Gespräch mit der Welt über ihre Freundschaft zu Martin Walser und das Erfolgsrezept ihrer Bücher: "Romane mit Sex und über Beziehungen. In denen es lustig zugeht und erotisch. Die Frauen durch ein Leben begleiten, das nicht viel mit dem von Gaby Hauptmann zu tun hat. Sie verraten mehr über das Verhältnis von Mann und Frau als mehrere Meter Gender-Literatur, weil sie aus der Mitte des bundesrepublikanischen Lebens geschnitten sind, nicht aus deren feuilletonistischen Rändern."

Weiteres: In der SZ macht sich Lothar Müller Gedanken über den Anonymus in der Literatur. Außerdem präsentieren zahlreiche taz-Redakteure und -Autoren ihre Lieblingsbücher des Jahres - hier der Überblick.

Besprochen werden u.a. Marcel Beyers neuer Gedichtband "Graphit" ( Standard ), Christoph Steinbachers Gedichtband "Tief sind wir gestapelt" ( Standard ), Ulf Erdmann Zieglers "Und jetzt du, Orlando!" ( Zeit ), Neuauflagen von "Der Schwan mit der Trompete" und "Aladin und die Wunderlampe" ( taz ), Denise Minas Krimi "Das Vergessen" ( FR ), Hans-Magnus Enzensbergers "Tumult" (FAZ, mehr) und Jonathan Franzens "Kraus-Projekt" ( SZ , mehr).

Film, 06.12.2014

Tim Caspar Boehme (taz) kämpft bei den "ausladenen Kampfhandlungen", die Peter Jackson im dritten und abschließenden Teil seiner "Hobbit"-Verfilmung in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, mit der Müdigkeit und ist am Ende doch erleichtert, als Bilbo Beutlin am Ende wieder ins grüne Auenland darf.

Im Standard wirft Alois Pumhösel einen Blick auf die Geschichte der Zeitreise in der Science-Fiction-Kultur und bemerkt: "Einmal ist es da, um lehrreich andere Zeiten auszumalen, dann stehen wieder Zeitreiseparadoxien selbst im Zentrum: Was passiert, wenn man zurückreist und seinen Großvater tötet?"

Besprochen wird außerdem der Gangsterfilm "The Drop", der James Gandolfini in seiner letzten Rolle zeigt ( FAZ ).

Kunst, 06.12.2014

Unter strenger Geheimhaltung ist die antike Skulptur des Ilissos aus dem British Museum als Leihgabe für eine Ausstellung in der St. Petersburger Eremitage verschifft worden. Gina Thomas findet diese Geste in der FAZ sensationell: Das "Petersburger Museum [verkörpert] die Ideale der Aufklärung, die das gemeinsame europäische Erbe geprägt haben. In diesem Sinne ist auch die Reise des Ilissos zu sehen, zumal vor dem Hintergrund der neuerlichen Spannungen zwischen Moskau und dem Westen."

Keine Reproduktion kann die Wirkung von Sean Scullys Bildern vermitteln, berichtet Julia Grass in der Berliner Zeitung: "Verstehen kann man das erst, wenn man selbst die Augen zusammenkneifen musste um den Schwindel zu unterdrücken, der einen angesichts der 'Backs and Fronts' überkommt - einer riesigen Komposition aus vertikalen und horizontalen Streifen in grellen Farben auf zusammengezimmerten Leinwänden. Auch der Name seiner Serie 'Wall of Light' (...) macht erst Sinn, wenn man sie wirklich vor sich sieht. ... Erst dann nimmt man die Pracht der Farben richtig wahr, wird aus Senfgelb ein Kornfeld und aus Rot die Terrakotta-Wand eines Hauses in der Toskana." Alleiniger Wermutstropfen: Zu sehen sind Scullys Bilder derzeit in einer großen Retrospektive im fernen Shanghai.

Im Interview mit Sandra Danicke vom art-magazin spricht Gregor Schneider über seine Erfahrungen und Pläne mit dem von ihm gekauften Geburtshaus Goebbels: "Ich habe es nicht ausgehalten, dort zu schlafen oder zu essen. Die Geschichten haben mich eingeholt. In dem Haus hat sich die Vergangenheit bis in die Gegenwart gefressen. Innen war ja alles noch erhalten, und im Garten standen noch der Abort und der Haustierstall! Die Wandschränke waren voll mit Büchern aus der Zeit des Nationalsozialismus. Material, das alle Vorurteile bestätigt: alte Zeitungsausschnitte über Adolf Hitler. Kartons mit Büchern und Magazine über Phrenologie, Schädelvermessung und Rassenkunde." Entdeckt hat er es über eine Anzeige in einem Immobilienportal: "Wer viel Platz für die Familie benötigt (...) und ein wenig handwerkliches Geschick mitbringt, kann sich in diesem Wohnhaus eine gemütliche Wohnoase schaffen."

Philipp Meier gönnt sich in der NZZ einen Abstecher nach Miami zur 12. Art Basel, bewundert Werke von David Hockney, Anselm Kiefer oder Georg Baselitz und zeigt sich insgesamt begeistert: "Die diesjährige Ausgabe der Art ist qualitativ so inspirierend, dass es Sammlern nicht schwerfallen sollte, fündig zu werden. Die hier versammelten Galerien, die zu den renommiertesten weltweit zählen, haben jedenfalls das Beste für diese Schau zurückgehalten, wie es den Eindruck macht."

Ebenfalls in der NZZ hat sich Roman Hollenstein die in der Münchener Pinakothek der Moderne gezeigte Retrospektive des Werkes der aus Italien stammenden Architektin Lina Bo Bardi, die in Brasilien mit ihrer Verbindung von Natur und moderner Architektur Karriere machte, angeschaut. In ihrem Werk, etwa im 1968 geöffneten Neubau des MASP, erkennt er unter anderem eine "kraftvoll-muskulöse Antwort auf die feminin gekurvten Arbeiten eines Niemeyer, Costa oder Reidy."

Besprochen wird ein Bildband über die Wittelsbacher (SZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 06.12.2014

Micha Brumlik fürchtet in der taz, dass sich die politische Krise in Israel zu einer veritablen Krise des jüdischen Volkes ausweiten kann, wenn nämlich die Regierung ihre Pläne wahrmacht, Israel zum "Staat des jüdischen Volkes zu erklären:  Abzusehen ist daher, dass jene Juden der Diaspora, die die prophetischen, die universalistischen Werte des Judentums über nackten Partikularismus und blinden Selbstbehauptungswillen stellen, sich von Israel und dem Zionismus abwenden werden. Die damit aufziehende Krise, die künftige Spaltung des Judentums, zeigt sich vor allem in den USA. Dabei geht es ausnahmsweise nicht um die 'außenpolitische' Frage des israelischen Verhältnisses zu den Palästinensern, sondern um die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora."

Im taz-Interview mit Christiane Müller-Lobeck erklärt der  Islamwissenschaftler Behnam Said, der auch als Referent beim Hamburger Verfassungsschutz arbeitet, wie das Sektierertum des Islamischen Staats zu seinem großen Schwachpunkt wird: "Das führt bei ausländischen Kämpfern zu Enttäuschungen. Sie haben gedacht, sie beteiligen sich am Aufbau eines islamischen Staatswesen. Und dann sehen sie Muslime gegen Muslime kämpfen. Nicht wenige kehren deshalb desillusioniert zurück."

Catrin Lorch präsentiert in der SZ Äthiopien als neuen "afrikanischen Tigerstaat" vor: "Das Land, das der Westen als stabile, gemäßigte Diktatur einordnet, hat Ghana und Kenia mit seiner Wirtschaftskraft überholt."

Kulturpolitik, 06.12.2014

Ausgesprochen fragwürdig findet Anika Baunack in der Jungle World die Deutschland-Ausstellung "Memories of a Nation" des British Museum, die weder politische noch historische Zusammenhänge aufmache: "Das Verschweigen des deutschen Antisemitismus verweist auf ein weiteres Problem der Ausstellung: die Vernachlässigung der Gesellschaft zugunsten der Nation. Es wird zu keinem Zeitpunkt klar, wessen Erinnerungen die Ausstellung überhaupt präsentiert. Durch den affirmativen Bezug auf das Konstrukt der Nation kann jede Beschreibung ihrer Geschichte und Regungen lediglich auf der Ebene des Stereotyps verharren. Die deutsche Gesellschaft tritt nie wirklich in Erscheinung, wirkt vollkommen konfliktfrei und homogen."

Gesellschaft, 06.12.2014

In der SZ gibt sich Tim Neshitov als einer derjenigen zu erkennen, für die Deutschland das beliebte Einwanderungsland ist und erklärt das unter anderem so: "Ein paar Monate nachdem ich gekommen war - Studium in Regensburg -, rief mich ein Herr Müller vom Bayerischen Landeskriminalamt am Handy an. Grüß Gott, wollen wir mal einen Kaffee trinken? Wer sagt da Nein. Wir trafen uns in einem Café, kurz vor Weihnachten, Herr Müller war nett. Er wollte wissen, ob die russischen Behörden nicht Druck auf mich ausübten, damit ich Informationen nach Moskau liefere. 'Gewisse Informationen, wissens?' Ich wusste von nichts, ehrlich, ich war froh, dass ich sein Bairisch verstand... Kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen war, wurde in meiner Heimatstadt Sankt Petersburg ein Strafverfahren gegen mich eröffnet - von Polizisten, die mit Heroin dealten."

In der Welt freut sich Uwe Schmitt auf die Zukunft mit Robotern und Cyborgs, würde nur gern sicher gehen, dass er nicht eines Tages von ihnen abgemurkst wird. Nur leider wird es in absehbarer Zukunft nichts mit einer Roboter-Ethik: "In Japan, wo beinahe ein Drittel aller Roboter entwickelt und gefertigt werden, ist die Einsicht, dass eine Robo-Ethik von Menschen geschaffen werden muss, bevor die Maschinen sie ihnen aufzwingen, wenig verbreitet. Umso offener ist das Land für Technik. Der Ahnenkult Shinto spricht Menschen, Tieren und Gegenständen göttliche Seelen (Kami) zu. Tote wie Ungeborene leben unter den Menschen, Felsen, Autos, Computer leben ... In Japan ermahnen Eltern ihre kleinen Kinder: "Sei lieb zu der Flasche, es tut ihr weh, wenn du sie zerschlägst.'"

In der FAZ begrüßt Christian Geyer die Einsicht unter Neurobiologen, dass nicht jede Lebensuntüchtigkeit ein Fall für die Psychiatrie ist.

Geschichte, 06.12.2014

Stephen Tree erinnert in der NZZ an Rudolf Kasztner, der von Adolf Eichmann 1300 ungarische Juden freikaufte: "Rudolf Kasztner steht beispielhaft für die Unmöglichkeit, sich dem absolut Bösen gegenüber moralisch absolut richtig zu verhalten - und für die Schwierigkeit, dieses Verhalten im Nachhinein gerecht zu beurteilen."

Internet, 06.12.2014

Sabine Sasse berichtet in der FAZ von Überlegungen der Polizei, auch im Internet "auf Streife" zu gehen. Kleines Problem: Polizisten müssen jedem Verdacht nachgehen. "Polizisten, die im Internet 'Streife laufen', müssten deshalb jede Beleidigung, Bedrohung, Volksverhetzung oder Urheberrechtsverletzung, die sie in einem Forum, Chat, Blog oder als Kommentar auf Youtube entdecken, aufnehmen und der Staatsanwaltschaft melden."

Ideen, 06.12.2014

Der "ironische Hedonismus", mit dem das 20. Jahrhundert zu Ende ging, ist zum Glück vorbei, doch wurde sie, wie Martin Meyer in der NZZ glaubt, durch eine um sich greifende Angst abgelöst, die nicht einmal durch "realitätsnahen Fatalismus" gemildert werde: "Heute ist Angst an eine bemerkenswerte Enttäuschung gekoppelt. Nachdem uns nämlich aufgegangen ist, dass die seit 1989 genährten Hoffnungen auf eine selbstverantwortete Welt des ewigen Friedens in Wohlstand und Toleranz zu weiten Teilen ein Trugbild waren, ist Angst eine Schwester der Frustration. Das heißt: Irgendwie und an vielen Fronten ist es nicht gelungen, das Schicksal der Menschen im Auftrag von Vernunft und Autonomie zu packen, zu gestalten, dann zu globalisieren und endlich zu ernten."

Im Interview mit Angelika Brauer plädiert der Philosoph Michael Hampe im Tagesspiegel für eine "nichtdoktrinäre Philosophie": "Die Akademisierung ist aus meiner Sicht tatsächlich eine Gefahr für die Kraft der Philosophie, weil sie dazu führt, dass man die Wirkung der Texte nicht mehr zulässt. Die Begeisterung, mit der man das Philosophiestudium beginnt und die fast immer etwas mit der Suche nach Antworten auf Sinn- und Glücksfragen zu tun hat - die wird einem an der Universität in wenigen Semestern ausgetrieben. Hier geht man davon aus, dass Lebensfragen nur dilettantisch zu behandeln sind."

Weiteres: Ulf von Rauchhaupt freut sich in der FAZ über die "Einstein Papers", die von der Universität Princeton komplett und hervorragend ediert ins Netz gestellt wurden. Volker Gerhardt denkt in der NZZ über die Möglichkeiten einer rationalen Theologie nach.



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