Heute in den Feuilletons Nacktkulturbad und Hakenkreuz-Rundstempel

In einer Ausstellung über die Siebzigerjahre lernt die "Berliner Zeitung", wie wild, interessant und attraktiv Feminismus ist. In der "taz" beschreibt Jimmy Somerville Disco als Untergrund-Phänomen. Der "Standard" erstarrt vor Hitlers Wien 3000.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 24.03.2015

In der Berliner Zeitung empfiehlt Sabine Rohlf allerwärmstens die Ausstellung "Feministische Avantgarde der 1970er Jahre", die zur Zeit in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Sie wundert sich "darüber, dass viele der Exponate jahrzehntelang auf Dachböden verstaubten. Darüber, dass Madonnas Rebel-Heart-Cover im Vergleich zu Soltaus Bild so langweilig wirkt. Darüber, dass junge Frauen neuerdings eine Wut wiederentdecken, die seit dreißig Jahren aus der Mode war. Sie werden diese Ausstellung mögen, weil die Themen sich längst noch nicht erledigt haben. Und weil sie zeigt, dass diese Vertreterinnen eines gern als ideologisch und hausbacken diffamierten Feminismus faszinierend radikal, zuweilen sehr witzig und vor allem hochinteressante Künstlerinnen waren."

Weitere Artikel: In der Welt erzählt Thomas Kielinger anlässlich einer Londoner Ausstellung die Geschichte des Kunsthändlers Paul Durand-Ruel, der als erster an die Impressionisten glaubte. Die Multimedia-Künstlerin Ruth Beckermann hat Alfred Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" in Wien um einen Videoloop ergänzt, berichtet Isolde Charim in der taz (mehr dazu hier). Ingrid Müller (Tagesspiegel) gratuliert dem Fotografen Konrad R. Müller zum Geburtstag.

Besprochen werden Rebecca Raues Installation "ankommen und ablegen" in der Berliner Stiftung St. Matthäus ( Berliner Zeitung ), die Ausstellung "Tanz der Ahnen" im Berliner Gropius-Bau (SZ) und die Ausstellung "Das verschwundene Museum" im Berliner Bode-Museum (FAZ).

Film, 24.03.2015

Im Standard resümieren Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher die Diagonale in Wien. In einer Berliner Reihe mit neuen Filmen aus Ecuador ist insbesondere der Regisseur Javier Andrade zu entdecken, schreibt Silvia Hallensleben in der taz. Außerdem berichtet Hallensleben von der Diagonale in Graz, wo man den vergangenes Jahr gestorbenen Filmemacher Michael Glawogger ehrte. Die indischen Superstars Shah Rukh Khan, Aamir Khan und Salman Khan werben in ihrer Heimat für mehr Toleranz, berichtet Martin Kämpchen in einem FAZ-Porträt.

Literatur, 24.03.2015

In der Welt porträtiert Wolf Lepenies den vom Basketballstar zum Schriftsteller gewandelten Kareem Abdul-Jabbar: "Er hat, wie andere berühmte Sportler auch, zunächst Autobiografien geschrieben ('Kareem', 'Giant Steps'), daneben aber, und das ist ungewöhnlich, Bücher, die den Beitrag der schwarzen Amerikaner zur Kultur und zivilgesellschaftlichen Entwicklung der USA würdigen. Der Autor Kareem Abdul-Jabbar ist nicht weniger interessant als der All-Star. In seinem Lebenslauf gewinnt die Geschichte seiner Konversion zum sunnitischen Islam in unseren Tagen eine besondere Aktualität."

Weitere Artikel: Tim Caspar Boehme spricht in der taz mit Walter Krin über dessen in einem Buch verarbeitete Erfahrungen, jahrelang einem Hochstapler und Mörder, der sich als Rockefeller ausgegeben hat, aufgesessen zu sein. In der NZZ gratuliert Beatrice von Matt dem Schriftsteller Peter Bichsel zum Achtzigsten.

Besprochen werden Karl Heinz Bohrers "Ist Kunst Illusion? " (jein, meint Wolfgang Sofsky in seiner Besprechung in der NZZ , man muss ja nicht gleich "die Wahrheitsfrage der Künste in toto zu verabschieden"), Klaus Modicks "Konzert ohne Dichter" ( Tagesspiegel ), Michail Bulgakows Tagebücher ( FR ), Kristine Bilkaus "Die Glücklichen" ( ZeitOnline ) und der Briefwechsel zwischen Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf ( taz ).

Bühne, 24.03.2015

Für die FAZ hat Hubert Spiegel das heute in Berlin versteigerte Typoskript von Ödön von Horváths bislang unbekanntem Stück "Niemand" eines genaueren Blicks unterzogen: "Horváth hat hier sein Personal bereits komplett beisammen: die kleinen Leute, die unter der Wirtschaftskrise leiden und sich 'eine Moral' nicht leisten können. Die Dialoge sind roh, zynisch und obszön, überbordend gefühlvoll, triefend sentimental. ... 'Niemand' ist ein Frühwerk: stark vom Expressionismus beeinflusst, wild und emphatisch."

Besprochen werden Tilmann Köhlers "Macbeth"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin ("Man hat doch allzu viel Zeit darüber nachzudenken, wie oft man die Hexen jetzt eigentlich schon als Männer, als Teletubbies, als Putin-Trolle, als Supermodels, und als Tamagotchis gesehen hat", stöhnt Matthias Heine in der Welt ) und André Bückers Dessauer Abschiedsinszenierung mit Goethes "Götz von Berlichingen" (SZ)

Musik, 24.03.2015

Mit "Homage" hat Jimmy Somerville ein Album veröffentlicht, das tief in den Disco-Archiven der siebziger Jahre wühlt und plündert. Im taz-Gespräch mit Franz X.A. Zipperer erklärt der Eighties-Star, dass Disco nicht nur für eskapistischen Hedonismus steht: "In den Anfangstagen war Disco keine banale Tanzmusik, es war Teil des amerikanischen Untergrunds, sowohl ein Teil der schwarzen als auch der schwulen und lesbischen Subkultur. Es war eine soziale und politische Bewegung. Es ging um Freiheit und Befreiung. Dann jedoch schlug das weiße heterosexuelle Amerika zu und verleibte sich Disco ein. Und vertrieb die Schwarzen und die Schwulen aus dem Discoparadies. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist Disco zum Geschäftsmodell mutiert".

Für ZeitOnline hört sich Britta Helm durch aktuelle Popveröffentlichungen. Und (via Spex ): Indie-Musiker Sufjan Stevens lässt sein lange erwartetes neues Album beim National Public Radio streamen.

Besprochen werden das neue Album von The Go!Team ( Pitchfork ), Kendrick Lamars neues Album ( Kaput , The Quietus ), Courtney Barnetts "Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit" ( Pitchfork , FAZ ), eine von Ingo Metzmacher dirigierte Aufführung von Gustav Mahlers 6. Sinfonie ( FR ), ein Konzert der Pianistin Maria João Pires mit dem Cellisten Antonio Meneses in der Tonhalle Zürich ( NZZ ), Eberhard Webers Buch "Résumé - Eine deutsche Jazz-Geschichte" ( Tagesspiegel ), ein Konzert von Tony Allen ( Tagesspiegel , ZeitOnline ), das neue Album von Dagobert ( Tagesspiegel ), ein Abend der Konzertreihe "Fokus Zwischentöne" in Frankfurt ( FR ) und das neue Album "Chambers" von Chilly Gonzales (SZ).

Design, 24.03.2015

Besprochen wird die Ausstellung italienischer Mode der Nachkriegszeit im Maxxi in Rom ( NZZ )

Architektur, 24.03.2015

Die Perle des Reichs, so verkündete es 1938 Hitler, sollte Wien sein. Diesem Vorhaben ist jetzt die Ausstellung "Wien. Die Perle des Reiches. Planung für Hitler" im Architekturzentrum Wien gewidmet. Standard-Kritiker Wojciech Czaja erstarrt förmlich vor dem Material: "Weit, beängstigend weit reichen die Visionen der Nazis, wie der 'Stadtplan von Wien im Jahre 3000' beweist. Das Wandbild im Künstlerhaus, das anlässlich des Gschnasfestes 1933 von der Meisterschule Professor Siegfried Theiss gestaltet wurde, übt sich in einem Zukunftsblick auf ein futuristisches Wien mit gigantischem Flughafen, Nacktkulturbad in den Weinbergen, Reisfleischplantagen in Transdanubien, einer Pressluftleitung zum Nordpol sowie einer über die Innenstadt gestülpten Käseglocke. Besonders auffällig ist der Hakenkreuz-Rundstempel der NSDAP, der in Form eines Hochhaus-Clusters aus der Leopoldstadt emporragt."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 24.03.2015

Gar nicht satirisch liest sich der Artikel des Satirikers Wladimir Woinowitsch über die Resowjetisierung Russlands unter Wladimir Putin im politischen Teil der SZ: "Die russische Gesellschaft befindet sich im Kalten Bürgerkrieg, aufgeheizt durch die Übernahme der Krim und den Krieg im Donbass. Der Konflikt zwischen dem Regime, seinen Anhängern und seinen Kritikern hat sich verschärft. Die Atmosphäre des Hasses spitzt sich zu... In dieser Atmosphäre fürchten viele Regimekritiker um ihr Leben und, wie der Mord an Boris Nemzow gezeigt hat, zu Recht."

Weiteres: Ebenfalls in der SZ beklagt Joseph Hanimann, dass man in den französischen Debatten über das Freihandelsabkommen TTIP die Rechte und die Linke kaum noch unterscheiden könne. Jürg Altwegg skizziert in der FAZ die Kulturkämpfe, in die sich Frankreichs politische Lager im Wahlkampf verbissen hatten. Joseph Croitoru schildert ebenfalls in der FAZ, wie unzufrieden Polen und Rumänien mit der deutschen Ukraine-Politik sind.

Gesellschaft, 24.03.2015

Zurückgehaltene Beweisstücke, heimlich aufgezeichnete Geständnisse - Andrea Köhler erzählt die irrwitzige Geschichte des mutmaßlichen Dreifachmörders und Millionenerben Robert Durst, über den HBO eine Doku gedreht hat und ihn in der letzten Episode möglicherweise überführt. In den Nebenrollen: "Seine schöne junge Ehefrau Kathie, ein 'nicht standesgemäßes' Mädchen, das, nachdem die Ehe zunehmend in die Brüche gegangen war, 1982 unter mysteriösen Umständen auf Nimmerwiedersehen verschwand. Susan Berman, die Tochter eines Las-Vegas-Gangsters, die seit dem College mit Robert Durst eng befreundet war und im Jahr 2000 als Zeugin der Anklage mit einer Kugel im Kopf in ihrem Apartment in Beverly Hills gefunden wurde. Und schließlich der säuberlich mit einer Säge zerteilte und in Plasticsäcken entsorgte Nachbar in Galveston, Texas."

Im Guardian sieht Finn Mackay immer noch gute Gründe für den britischen Feminismus: "Westminster politics, for example, is nearly 80% male, and overwhelmingly white; we are still waiting for a government that looks like the people it dares to govern."

Die schrumpfende Bevölkerung und eine zunehmende Konzentration auf wenige Städten wie München, Hamburg und Frankfurt bereitet Arno Widmann in der FR echtes Gruseln: "Die prognostizierten Bevölkerungsentwicklungen eröffnen ganz andere Aussichten. Berlin wird wie ein Raumschiff in einer entvölkerten Landschaft liegen. Die Politik wird nicht in einer Polis gemacht werden, sondern in einem von ihr selbst geschaffenen und genährten Reservat. Es bedarf keiner Mauer mehr, um die gated community der Politik abzuschirmen. Es wird um sie herum eine Wüste entstanden sein, die ihr jede Kommunikation mit der Außenwelt abnimmt."

Religion, 24.03.2015

Sandrine Dionys porträtiert in Libération den Blogger und Buchautor Waleed Al-Husseini, der von den palästinensischen Behörden in Westjordanland zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er seinen Atheismus bekannte, und der es zum Glück ins franzöische Exil geschafft hat: "Als er an der Uni im Westjordanland seinen Freunden seinen Verzicht auf den Glauben mitteilte, wurde die Nachricht sehr schlecht aufgenommen. Sich als Araber, aber nicht mehr als Muslim zu bekennen, ist heute ein Tabu in Palästina, sehr viel schwieriger als noch in den sechziger oder siebziger Jahren."

Weiteres: Bei 3quarksdaily erzählt Mandy de Waal, dass die Schriftstellerin Zainub Priya Dala bei einem Literaturfestival in Durban von einigen Männern mit einem Messer bedroht und mit einem Ziegelstein geschlagen wurde, während man sie als "Rushdie's Bitch" beschimpfte.

Medien, 24.03.2015

Die SZ erscheint in neuem Gewand mit einer Paywall nach Metered Model. Auch die Artikel der Zeitung sind im Netz verlinkt. Anders als die Welt, die zwar alle Artikel der Zeitung ins Netz stellt, aber kein Inhaltsverzeichnis dazu liefert, führt die neue SZ nun alle Zeitungsartikel auf - vielleicht auch, damit sie von Google gefunden werden können und Klicks bringen. Die SZ lässt auf ihrer Erklärseite allerdings offen, wieviele Artikel man lesen darf, ohne dass man zum Bezahlen des einzelnen Artikels oder eines Abos aufgefordert wird. Wir selbst haben es heute ausprobiert und bereits nach dem ersten Zeitungsartikel eine Aufforderung bekommen, ein kostenloses Probeabo für zwei Wochen abzuschließen. Laut Meedia werden aber zehn Artikel monatlich freigegeben. SZ-Online-Chef Stefan Plöchinger veröffentlicht auf seinem Blog eine programmatische Rede, in der er ausführlicher erzählt, was die SZ mit ihrem neuen Modell bezweckt.

Michael Hanfeld empfiehlt das Helmut-Kohl-Interview heute in der ARD, schon wegen der Spitze gegen Helmut Schmidt, der bekanntlich Menschen mit Visionen zum Arzt schickte: Die 'sogenannten Realisten' seien die "Dummköpfe vor der Geschichte" gewesen. Tobias Bühlmann schreibt in der NZZ über den wachsenden Erfolg neuer Podcast-Formate in den USA.

Kulturpolitik, 24.03.2015

Götz Aly widerspricht in der Berliner Zeitung Harald Jähners Befürchtung (von gestern), die Berlin-Ausstellung im Humboldtforum werde einem 'poppig daherkommenden Wilhelminismus' Vorschub leisten. Tatsächlich "soll und sollte Berlin endlich zur eigenen Geschichte zurückfinden. Früher hieß das entsprechende Fach in der Schule Heimatkunde. Es ist abgeschafft. Ebenso fehlt ein berlingeschichtlicher Lehrstuhl an den Universitäten. Auch deshalb gilt es, mehr Stadtgeschichte zu wagen."

Ideen, 24.03.2015

Michael Stallknecht unterhält sich mit Rüdiger Safranski, der trotz allem bleibende Verdienste des Denkers anerkennt (und im übrigen die Petition gegen eine Umwandlung des Heidegger-Lehrstuhl in eine Juniorprofessur unterstützt): "Heidegger hat gesehen, dass man die Macht der Technik zu gering einschätzt, wenn man sie nur als Instrument sieht, er entwickelt vielmehr eine Philosophie des 'Gestells', die besagt, dass wir in einer Zivilisation leben, die die Herrschaft über die Technik verloren hat und selbst zu einem Teil des technischen Prozesses geworden ist. Da hat Heidegger zentrale Anstöße gegeben..."

Es ist Frühling, alles wächst und die Schriftstellerin Barbara Frischmuth denkt im Standard über "den anderen" nach, der im Verhältnis zum Menschen eigentlich nur die Pflanze sein kann: "Im Gegensatz zu uns, die wir alles in bestimmten Organen konzentrieren, setzen sich Pflanzen aus jeweils einfacheren, repetitiven und eigenständigen Modulen zusammen. Das heißt, sie sind teilbar, im Gegensatz zu den tierisch-menschlichen Individuen (den Unteilbaren). Man kann Pflanzen beträchtliche Teile wegschneiden, ohne dass sie dabei zugrunde gehen, am besten erkennbar an Viehweiden, die immer wieder nachwachsen, oder an der Vermehrung durch Stecklinge. Eine Pflanze stelle man sich besser als Kolonie vor, meint [der Forscher Stefano] Mancuso, da ein Baum mehr Ähnlichkeit mit einem Bienen- oder Ameisenvolk habe als mit einem einzelnen Tier. Der neuerdings sehr populäre Begriff der Schwarmintelligenz fällt ebenfalls in diesem Zusammenhang."

Zainub Priya Dala.
Zainub Priya Dala.
Zainub Priya Dala.



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