Heute in den Feuilletons Theater wie "schnittige Unternehmensberatung"

In der "FR" und der "Berliner Zeitung" erklärt Ralf Bönt, was er mit "Kritik von links" am Feminismus meint. In der "taz" fasst sich Micha Brumlik angesichts eines "friedensbewegten" Appells in Sachen Iran und Israel an den Kopf. In "NZZ" und "SZ" geht die Debatte über den "Kulturinfarkt" weiter.


Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 03.04.2012

In einem Interview, das als Wiedergutmachung für eine extrem polemische und offenbar sinnentstellende Kritik an seinem Buch "Das entehrte Geschlecht" gedruckt wird, erklärt der Schriftsteller Ralf Bönt, was er mit dem Buch bezweckt: "Viele Frauen irritiert es, dass ich den Feminismus gerade nicht nach den alten Mustern kritisiere, sondern, wenn Sie so wollen, von links. Ich möchte den enthaltenen Freiheitsgedanken weiterführen und greife einen autoritären Feminismus an, der uns daran hindert, besser atmen zu können."

Die Erschießung des unbewaffneten schwarzen Amerikaners Trayvon Martin zeigt für Sebastian Moll den Rassismus der amerikanischen Gesellschaft, den die Bürgerrechtsanwältin Michelle Alexander mit ihrem Buch "The New Jim Crow" mit zahlreichen Fakten belege: "Alexander geht soweit zu behaupten, das Strafvollzugssystem der USA werde dazu missbraucht, ein permanentes rassisches Kastensystem aufrechtzuerhalten."

Besprochen werden Milan Peschels Inszenierung von Sven Regeners Roman "Der kleine Bruder" am Berliner Maxim-Gorki-Theater und Peter Berlings Buch "Hazard & Lieblos" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 03.04.2012

Als dumm und beschämend brandmarkt Micha Brumlik die Erklärung aus der Friedensbewegung, die am Samstag in der SZ als Anzeige veröffentlicht wurde. Darin fordern die Unterzeichner das Ende von Kriegsdrohungen und Sanktionen gegen den Iran. Besonders empört Brumlik, dass die Erklärung mit keinem Wort den Grund für Israels Atomwaffen erwähnt, nämlich dass sich seine Nachbarn weigern, Israel anzuerkennen: "Die unbestritten höchste Instanz des Landes, Revolutionsführer Chamenei, hat Israel undementiert als 'Krebsgeschwür', das zu beseitigen sei, bezeichnet. Dass die 'Erklärung' diesen Umstand mit dröhnendem Schweigen übergeht, beweist nur, wie geschichtsvergessen ihre Verfasser sind."

Als ein "Abenteuer des Verstandes", nicht des Gefühls hat Niklaus Hablützel Berliner "Lulu" von Andrea Breth und Daniel Barenboim erlebt. Auf die Knie aber geht er vor Mojca Erdman, die mühelos bewältigte, was Alban Berg der Lulu in die Partitur geschrieben hat: "Sie kann das alles nicht nur irgendwie über die Rampe bringen, sie kann es singen. Mit vollkommen beherrschter, klarer Stimme selbst in jenen Höhen, die eigentlich nicht mehr singbar sind, und passt ihr Timbre mühelos allen Gattungen an, mit denen Berg herumgespielt hat, als der dieses seltsame Stück schrieb."

Besprochen werden das Album "Dirty Dancing" des Münchner Duos Schlachthofbronx, eine Ausstellung zu Nikolaus Heidelbach im Frankfurter Karikaturenmuseum und zwei Bände zur Anti-AKW-Bewegung.

Und Tom.

Aus den Blogs, 03.04.2012

Stephan Weichert hat eine Studie zur Innovation im deutschen Journalismus durchgeführt, die er demnächst vorstellt. Auf Vocer hat er die Ergebnisse der Studie in fünfzehn Thesen zusammengefasst und muss trocken konstatieren: Innovation gab es in Amerika, Großbritannien, selbst Frankreich, während "im deutschen Journalismus eher kleinere Einzelprojekte unter dem Schutzschild starker Verlagsmarken vorangetrieben werden - etwa bei Spiegel Online, Welt und Zeit Online, die hierzulande als Wegbereiter, vor allem im Bereich des Datenjournalismus und der Datenvisualisierung, gelten. Von ihnen gehen dezente Impulse aus, die von einer Revolution der Branche allerdings meilenweit entfernt sind. "

Neue Zürcher Zeitung, 03.04.2012

Sieglinde Geisel streift bei einem Stadtspaziergang auch das Thema Kulturförderung. Der Kulturbetrieb, erkennt Geisel, habe die Berührungsangst gegenüber der Kunst zum System gemacht: "Ob ein Antrag den Fördermittelkriterien (Altersgrenze 35, Aufführungen in mehreren Ländern, Mitwirkung von Osteuropäern usw.) entspricht, ist leichter und ungefährlicher zu beurteilen als das Werk, über dessen Förderungswürdigkeit entschieden werden soll."

Brigitte Kramer besucht das restaurierte Wohnhaus von Joern Utzon auf Mallorca. Jürg Huber berichtet vom Lucerne Festival. Für die Medienseite besucht Stephan Weichert in New York Aron Pilhofer, den Herold des sehr im Trend liegenden Datenjournalismus.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Peredwischniki", die in der Chemnitzer Kunstsammlung die Malerei des russischen Realismus zeigt, Tom McCarthys Roman "K.", Anita Albus' Proust-Essay "Im Licht der Finsternis" und Julio Llamazares' Band über spanische Kathedralen "Rosen aus Stein" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 03.04.2012

Via BoingBoing) Der Telegraph bringt eine Bilderstrecke mit den hässlichsten Gebäuden der Welt.

(Via @anked) Der SPIEGEL alarmiert: "Die Musikbranche feiert den 100. Geburtstag des Tonträgers und wagt sich nicht einzugestehen, daß das 'Jahrhundert der Schallplatte' zu Ende geht. Erstmals werden mehr Tonband-Kassetten als Schallplatten verkauft. Vor allem die Leerkassette stellt die Musikfirmen vor kaum lösbare Probleme: Sie verlieren durch Überspielungen in Westdeutschland pro Jahr rund eine Milliarde Mark. Das Unterhaltungsgewerbe steuert in eine Existenzkrise." Der Artikel ist genau 25 Jahre alt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2012

Rainer Meyer (gleich Don Alphonso) eröffnet eine kleine ethnografische Serie über italienische Gegenstände und beschäftigt sich in der ersten Folge mit den Rollläden vor italienischen Geschäften. Nils Minkmar mokiert sich über das Magazin Cicero, das sich bei einem Beitrag über eine saarländische Abgeordnete der Piratenpartei investigativ verrannte (man lese die Kommentare bei Cicero!) Volker Stollorz erzählt vom Umgang mit gezüchteten und möglicherweise gefährlichen Viren. Dirk Schümer glossiert Wiener Nöte mit der politisch-korrekten Benennung einer beliebten Süßspeise, des "Mohrs im Hemd". Oliver Tolmein klärt über ein viel diskutiertes Urteil zur ärztlichen Sterbehilfe auf. Aus Slate übernimmt die FAZ die Kolumne des Internetskeptikers Evgeny Morozov, diesmal über "Roboterjournalismus" (hier das Original). Für die Medienseite hat Nina Rehfeld die fünfte Staffel der "Mad Men" geguckt.

Besprochen werden zwei Ausstellungen über Marcel Duchamps Münchner Zeit (drei Monate vor hundert Jahren) im Lenbachhaus und dem Architekturmuseum in München, Roberto Ciullis Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm" in Mülheim und Bücher, darunter ein "Lexikon der Globalisierung" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 03.04.2012

Die Theaterintendanten hierzulande "regieren (...) ihre kleine Welt wie einst die Aristokratie Europa", meldet sich Michael Stallknecht in der Debatte um das "Kulturinfarkt"-Buch zu Wort und hält die Kritik an Theater und Kulturbetrieb nicht von vornherein für völlig verwerflich, wobei er allerdings findet, dass sich das Theater schon von selbst der von den Buch-Autoren empfohlenen kapitalistischen Logik angeglichen habe: "Wie die schnittigste Unternehmungsberatung suchen die Theater vor allem nach blutjungem künstlerischen Personal. Das produzierte Überangebot an Neuem, aber Unfertigem lässt die Aufmerksamkeit des Publikums beständig weiter erodieren. Deshalb werden die Preise gesenkt und die Karten unter dem Vorwand aller nur möglichen Ermäßigungen verhökert."

Weiteres: Laura Weissmüller inspiziert das in neuem Gebäude nun wiedereröffnete Filmmuseum in Amsterdam, das mit seiner Lage nördlich des Hauptbahnhofs nun auch den bislang kaum beachteten Norden der Stadt in die Aufmerksamkeit rücke. Immer mehr junge Amerikaner haben keinen Führerschein, nimmt Willi Winkler betrübt zur Kenntnis, der darüber "die große amerikanische Autofahrt" an ihr Ende gekommen sieht. Jonathan Fischer unterhält sich mit dem Bluesmusiker Dr. John. Annett Scheffel berichtet von einem Workshop in Jena zum Werk Georg Kleins.

Besprochen werden die Ausstellung "Der Mensch und seine Objekte" im Museum Folkwang in Essen, eine Ausstellung über Wolfgang Rihm im Museum für Literatur am Oberrhein, Andrea Breths Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" an der Berliner Staatsoper und Bücher, darunter eine Studie der Kulturwissenschaftlerin Linda Maria Koldau über Titanic-Legenden (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).



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