Heute in den Feuilletons "Die Haut bei lebendigem Leib abgezogen"

"FAZ" und "taz" sind ergriffen von Liao Yiwus Friedenspreisrede, in der sich der Schriftsteller wünscht, China möge auseinanderbrechen. Die "Welt" mokiert sich über Günter Grass' Israel-Besessenheit. Und die "Süddeutsche Zeitung" beschäftigt sich mit dem Film "Die Wand".


Die Tageszeitung, 15.10.2012

Sehr bewegt berichtet Detlev Claussen von der Friedenspreisrede des chinesischen Schriftstellers und Dissidenten Liao Yiwu, der noch einmal klarstellte, welch Verbrechen auf dem Tiananmen-Platz 1989 verübt wurde: "Liao erinnerte an seine eigene Verwandlung durch den 4. Juni, als ihm nach der Inhaftierung im Knast 'die Haut des Poeten bei lebendigem Leibe' abgezogen wurde. Liao zitierte den älteren Kollegen Liu Shahe, der 1957 in Ungnade gefallen war: 'Wir sind nun keine Dichter mehr, wir sind zu Zeugen der Geschichte geworden.' Liaos Arbeit entwickelt die Kraft des Wassers, von der die taoistische Philosophie spricht. Die 'mündliche Überlieferung der Wahrheit' (Liao) stärkt das Erinnerungsvermögen und unterspült die Legitimationsgrundlagen der Macht. In dieser Tradition liegt die Hoffnung begründet, die in Liaos Rede zur leitmotivischen Gewissheit wird: 'Dieses Imperium muss auseinanderbrechen.'"

Dirk Knipphals blickt sich zum Abschluss noch einmal auf der Buchmesse um und beschließt, sich keine Sorgen zu machen: "Einen Ort und Anlass zum Quatschen und Kennenlernen sowie als Anlass für Dienstreisen braucht es auch im Zeitalter der Onlinekommunikation. 2012 hat einem wenigstens die Hoffnung gelassen, dass es diesen Ort weiterhin hier in Frankfurt im Oktober geben wird. Eine Übergangsmesse vom reinen Papierbuch zum komplizierteren Nebeneinander verschiedener Angebote also? Schon. Aber darüber hinaus lässt sich sogar die weitergehende These vertreten, dass dies die letzte Übergangsmesse gewesen ist."

Simone Kaempf hat sich im Maxim Gorki Theater die Bühnenadaption von Yassin Musharbashs Roman "Radikal" angesehen. Birk Grüling schreibt einen Nachruf auf den Hamburger Musiker und Künstler Nils Koppruch.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2012

Wohlwollend resümiert Angela Schader die Buchmesse, die ihr mit Gästen wie Bill Manhire, Chris Price, Alan Duff und Witi Ihimaera ein vielschichtiges Neuseeland präsentierte: "Kulturkollisionen und -fusionen, verkehrte Welten, die gerade im Kopfstand zu sich kommen."

Weiteres: Achim Engelberg stellt den bulgarischen Schriftsteller Angel Wagenstein vor, Sproß einer stolzen Bolschewiken-Familie, Partisan und Drehbuchautor für mehrere Filme Konrad Wolfs. Besprochen werden Christian Spucks Choreografie von Prokofjews "Romeo und Julia" im Opernhaus Zürich und Matthias Kaschigs Inszenierung von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" in Bern.

Weitere Medien, 15.10.2012

Joseph von Westphalen stellt in seiner Abendzeitungskolumne folgenden Leitsatz zum Internet auf: "Computer, Internet und Suchmaschinen sind nicht Teufelszeug, das uns dumm macht, sondern wurden gerade noch rechtzeitig erfunden, um die Menschheit vor der Verblödung und dem drohenden Gedächtnisverlust zu bewahren. Wer vor dem Computer geistig verarmt, würde das auch ohne ihn tun."

Die Welt, 15.10.2012

Für Liao Yiwu ist China, wie es jetzt existiert, nicht reformiertbar, lernte Thomas Schmid am Samstag in der Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den chinesischen Schriftsteller: "In seiner Paulskirchenrede aber entwickelte er einen in China vollkommen tabuisierten politischen Vorschlag, der bestechend ist und die Kraft großer politischer Philosophie atmet. China, sagte er, müsse aufhören, Reich, müsse aufhören Imperium zu sein. Der Gedanke des, so die alte staatsoffizielle Formulierung, 'einen Reichs unter dem Himmel', also der Gedanke des unteilbaren Reiches, das keine Provinz abzugeben hat und keine Autonomie gewährt: Das gehört, wenn man so will, zum Allerheiligsten des offiziellen chinesischen Selbstverständnisses. Der Zweifel daran ist strikt verboten."

Weiteres: In der Glosse mokiert sich Jan Küveler über Günter Grass' Besessenheit von Israel. Julika Meinert lässt sich im Hamburger Völkerkundemuseum von Joe Harawira die Kultur der Maori erklären. Besprochen werden ein Konzert von Jennifer Lopez und ein Konzert der Sängerin Dillon, beide in Berlin.

Aus den Blogs, 15.10.2012

Wir gratulieren Sarah Khan (Website), die als erste Preisträgerin mit dem Michael-Althen-Preis für Kritik ausgezeichnet wurde. Prämiert wurde ihr in Cargo veröffentlichter, sehr persönlicher Text über eine Episode der Serie Dr. House. Im Cargo-Blog dokumentieren die stolzen Redakteure den Artikel: "Dr. House mit dem steifen, schmerzenden Bein, am Gehstock, humpelnd, ist ein Nachfahre von Sherlock Holmes. Detektivisch, egozentrisch, betäubungsmittelabhängig, genial, unbeirrt von sozialen Konventionen und ohne Empathie. Das Bullshit-Gelaber, bei Arztserien üblich (das die Muppet Show so schön persiflierte: Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn sie Doktor Bob sagen hören wollen: 'Sehen wir es von der guten Seite. Wenn er es nicht schafft, wissen wir wenigstens die genaue Zeit, wann er hinüber gegangen ist. Mu-har-har-har.'), wurde von dem sarkastischen House ins beleidigende Gegenteil gedreht." Die Preisverleihung findet heute Abend im Deutschen Theater in Berlin statt.

An bedrückenden Buchmesse-Beobachungen nicht eben arm sind Ekkehard Knörers Frankfurter Notizen im Merkur-Blog: So gibt es in den weiten Hallen neben den sehr umdrängten Ständen der großen und den nicht umdrängten der kleinen Verlage "auch recht große und außerordentlich unbesuchte Stände mit sehr hässlichen Büchern, das sind die der Book-on-Demand- und Vanity- und Self-Publishing-Verlage. ... Und ein wenig staune ich schon, dass in Zeiten, in denen Self-Publishing zur echten Alternative zu reifen beginnt, die hier entstehenden Bücher in ihrer Gestaltung noch immer so frei sind von jedem Appeal für Auge und Hand. Noch schlimmer allerdings geht es bei der Frankfurter Verlagsgruppe zu. Eine Frau liest mit Mikro etwas, in dem ihre Oma vorkommt, ins Leere, beiseite steht ein wohl zum Verlag gehörendes Scheinpublikum von sediert dreinblickenden Männern in dunklen Anzügen, die aussehen wie Mitglieder eines Vereins, der sich die Abschaffung von Intelligenz, Witz und Humor zum Ziel gesetzt hat. ¡No pasarán! (Will ich hoffen.)"

Bei Markus Trapp stoßen wir auf den Hinweis auf einen offenbar sehr sehenswerten arte-Porträtfilm über Umberto Eco, der noch für wenige Tage in der Mediathek steht. Und auf Twitter weiß das Magazin der SZ, wie man einem neuen Rekordhalter gratuliert.

Weitere Medien, 15.10.2012

Auch Judith von Sternburg zeigt sich in der FR tief beeindruckt von der Friedenspreisrede Liao Yiwus, der heute in Deutschland im Exil lebt: "In China, sagte Liao Yiwu, habe er sich 'im eigenen Land heimatlos gefühlt': 'Das Elend wurde immer schlimmer, und die Menschen stumpften immer weiter ab, während die chinesische Wirtschaft zunehmend florierte.' Die Geschichte des chinesischen Großreiches habe seit jeher 'gewaltige Blutspuren durch die Geschichte gezogen'. Reichseiniger Qin Shihuang habe vor mehr als 2.000 Jahren 460 Philosophen lebendig begraben und Bücher aus hunderten Jahren verbrennen lassen. Auf ihn habe sich Mao Zedong berufen und ihn habe er bei Weitem übertreffen können."

Andrea Dernbach liest im Tagesspiegel das hochaktuelle Buch "Mein Bund, den ihr bewahren sollt - Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung" der Rabbinerin und Urologin Antje Yael Deusel, die die Beschneidung trotz möglicher Komplikationen emphatisch bejaht. Auch Aufklärung vermag da nichts: "Natürlich gibt es Menschenrechtsargumente, den Kinderschutz. Aber Deusel erinnert daran, dass auch solche Argumente von Judenfeinden seit Jahrtausenden genutzt werden."

Das Ebook boomt dank erotischer Literatur, schreibt Frederic Happe für AFP und Business Insider und zitiert den deutschen Branchenkenner Roman Jansen-Winkeln: "Jansen-Winkeln said he believed more than 80 percent of readers of erotic literature were female. 'We don't actually see the gender of the customer but... the writing itself is aimed at women, and it's written mostly by female authors who are writing for women,' said Ferris, of Accent Press which also publishes thrillers and cook books. Discretion could be the key."

Aus den Blogs, 15.10.2012

In Interview mit den Medienfischen spricht Christoph Kappes über den Ebook-Verlag Sobooks, den er zusammen mit Sascha Lobo gründet: "Wir glauben daran, dass der Markt sich in Kostenlosangebote und Qualitätsangebote teilt, und wir wollen vor allem letzteres bedienen. Das bedeutet auch, dass unser Focus anders als bei vielen anderen Startups nicht so sehr Selfpublishing ist. Wir zielen auf gute Autoren, und wir können als Plattform auch fremde Verlagsangebote integrieren, das würden wir sogar sehr gern, wenn die Verlage mitmachen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2012

Sechsmal hat Liao Yiwu in seiner Friedenspreisrede sich auf Deutsch gewünscht, dass China auseinanderbrechen möge. Andreas Platthaus schreibt dazu: "Liao Yiwu begründete damit eine neuen Rolle seiner selbst: als Radikalreformer seines Landes. Er stellt nun die raison d'être der Volksrepublik als Nachfolgerin des Kaiserreichs in Frage. Und das in einer ganz ruhigen, beinahe stoisch auf Chinesisch vorgetragenen Rede, in der die fremdartig klingenden sechs deutschen Sätze wie Zäsuren eingebaut waren..."

Weitere Artikel: Jan Wiele macht kulturkritische Anmerkungen zu einer von ihm beobachteten Infantilisierung der Buchmesse und wendet sich gegen die "Self-Publishing-Ideologie", gegen die er "kreativen Widerstand" von Literaten fordert. Auf Seite 1 des politischen Teils begrüßt dagegen Georg Giersberg den Wandel im Buchmarkt. Ulf Meyer besucht das neue Astrup-Museum in Oslo (Bilder und Informationen).

Besprochen werden Luk Percevals Dramatisierung von Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein", ein Konzert Jennifer Lopez' in Berlin und Bücher, darunter ein Band mit ausgewählten Schriften der Juristin und Kulturwissenschaftlerin Cornelia Vismann.

Süddeutsche Zeitung, 15.10.2012

Franziska Augstein fasst Liao Yiwus auf Chinesisch gehaltene Friedenspreisrede zusammen. Der Soziologe Stefan Kühl geht mit den Kompetenzdebatten und Studienauflagen im Hochschulbetrieb hart ins Gericht. Jens Bisky flaniert über das Gelände der Buchmesse, die der Krise zum Trotz, "wie es ihre Aufgabe ist, Normalität" inszeniert. Nach dem alles in allem für gelungen befundenem "Foreign Affairs"-Festival in Berlin schwirrt Peter Laudenbach "der Kopf vor Eindrücken". Peter Richter schlendert durch das äußerlich abweisende West Hollywood, wo Michael Maltzan für die Galerie Regen Projects ein Haus gestaltet hat, "das man schon eine Kreuzung vorher sehen kann (normalerweise heißt das Auffinden von Adressen in dieser Stadt ja: erstmal vorbeifahren und dann wenden müssen)." Außerdem wird das neue großformatige Kulturmagazin Upon Paper vorgestellt.

Besprochen werden neue DVDs, Martina Gedecks neuer Film "Die Wand", Dan Snaiths neues Album "Jialong" (auf dem "ein Profi Amateure um ihre Naivität" beneidet, wie Alexis Waltz beobachtet), eine Ausstellung über R. B. Kitaj im Jüdischen Museum in Berlin und ein Buch von Bernd Stöver über Geschichte und Kultur der USA.



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