Heute in den Feuilletons "Meinungsmacht, größer als die aller Medienkonzerne"

"FAZ" und "Welt" greifen in der Debatte um Leistungsschutzrechte Google an. "Die Zeit" bringt ein großes Interview mit Rainald Goetz über dessen Arbeit und die Kritik an seinem neuen Roman. Die "SZ" berichtet von einem informellen CDU-Geheimdienst, der gegen Willy Brandt kämpfen sollte.


Die Welt, 29.11.2012

Google hat es gewagt, auf seiner Plattform seine Meinung zum Leistungsschutzrecht zu sagen, die nicht der streng objektiven Meinung von Medienlobbyisten entspricht. Damit ist Google für Ulrich Clauss quasi Stalin: "Googles Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht ist ein Angriff auf die Grundrechte: Es geht um die informationelle Enteignung des Menschen im Namen einer totalitären Wachstumsstrategie."

Weitere Artikel: Henryk Broder betrachtet eine Ausstellung junger politischer Plakatkunst in Heidelberg, in dem sich der politische Mut zum Beispiel äußert, "indem ein Gestalter beziehungsweise eine Gestalterin einen gelben Stern zeichnet, in dessen Mitte ein Wort und eine Zahl stehen: 'Hartz 4'." Und Eckhard Fuhr stellt die neue Deutsche Digitale Bibliothek vor.

Besprochen werden eine Ausstellung mit arabischer Fotografie in London und Filme, darunter Sherry Hormanns Komödie "Anleitung zum Unglücklichsein".

Die Tageszeitung, 29.11.2012

Ziemlich billig ist die Kapitalismuskritik in Andrew Dominiks Thriller "Killing Them Softly", meint Thomas Groh. "Man mag sich gut vorstellen, dass die literarische Vorlage von George V. Higgins aus dem Jahr 1974 weniger als geradliniger Actionthriller, wohl aber als Auslotung von Figuren- und Interessenskonstellationen glänzend funktioniert. Doch statt sich darauf zu konzentrieren, tüncht Andrew Dominik seinen Film noch tief in Subtext-Schmiere ein. Kaum eine Sequenz, die nicht via Fernsehen oder Radio Finanzkrise und Präsidentschaftswahlkampf in den Film hievt, um mit raunender Lakonie Gosse und erste Etage des Landes nebulös aufeinander zu beziehen."

Weiteres: Stefanie Grimm berichtet über ein heute stattfindendes Soli-Konzert, mit dem neue Abos für das feministische Missy Magazine geworben werden sollen. Besprochen werden die Schau "Die Stadt, die es nicht gibt" im Ludwig Forum Aachen, eine Retrospektive von Frank Stella mit Arbeiten von 1958 bis heute im Kunstmuseum Wolfsburg, François Ozons neuer Film "In ihrem Haus" und Matthew Akers' Dokumentarfilm "The Artist is Present", der die Performerin Marina Abramovic über ein Jahr lang begleitete.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2012

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften stellt die Überarbeitung des Grimmschen Wörterbuchs in Buchform ein, berichtet Joachim Güntner. Stattdessen wird das traditionsreiche Werk Teil des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache im Internet: "Für Bibliophile mag das keine gute Nachricht sein, für Wissenschafter und Nutzer aber durchaus. Ein digitales lexikografisches System ist dynamisch. Ihm sind keine durch das Format diktierten Beschränkungen auferlegt. Man kann so viele Wörter erfassen, wie es sinnvoll erscheint, und die lexikografische Analyse darf tief eindringen."

Besprochen werden die Filme "The Angels' Share" von Ken Loach ("mühelos und überzeugend wechselt der Film zwischen den disparatesten Gefühlslagen", meint Susanne Ostwald) und die David Mitchell-Adaption "Cloud Atlas" (die dem Zuschauer, wie Simon Spiegel findet, ihre "Botschaft rücksichtslos aufs Auge" drückt), eine Ausstellung im Kunstmuseum Budapest über den Einfluss der Werke alter Meister auf Cézanne, eine Ausstellung in Mannheim über Chinas zeitgenössische Architekturszene sowie Bücher, darunter Stefan Breuers Studie über "Carl Schmitt im Kontext".

Süddeutsche Zeitung, 29.11.2012

Haben CDU und CSU 1969 eine Art internen Geheimdienst gegründet, um die junge Regierung Willy Brandt aus dem Amt zu holen? Die von der Politikwissenschaftlerin Stefanie Waske zusammengetragenen, heute im Zeit-Magazin vorgestellten Informationen dazu hält Willi Winkler jedenfalls für eine "kleine Sensation", nur um wenig später abzuwiegeln: "So schön unheimlich sich die Geschichte liest, sie ist doch ein bisschen schmalbrüstig. Das liegt schon daran, dass es sehr schwierig ist, das Klima der frühen Siebzigerjahre in der Bundesrepublik zu rekonstruieren."

Weitere Artikel: Bei der im Vorfeld von Problemen gebeutelten "Ring"-Inszenierung in Buenos Aires trat schlussendlich doch keine Katastrophe ein, bemerkt ein sachte staunender Egbert Tholl.

Auf der Medienseite erklärt Ove Saffe, Geschäftsführer des SPIEGEL-Verlags, im Interview mit Caspar Busse und Katharina Riehl, dass der SPIEGEL angesichts eines Rückgangs der Anzeigenerlöse um zehn Prozent über Kündigungen und Einsparungen nachdenkt und außerdem "sehr viel entschiedener als bisher neue Erlösmodelle ausprobieren" will. SPIEGEL ONLINE soll aber nicht kostenpflichtig werden: "SPIEGEL ONLINE ist ein nachrichtlich getriebenes Produkt - diese Angebote sind kostenfrei, seit es das Internet gibt. Man darf nicht so tun, als hätten wir im Internet mit werbefinanzierten Inhalten eine Unart erfunden, das Privatfernsehen finanziert seine Inhalte seit Jahrzehnten so. Jetzt kann man natürlich darüber streiten, ob das eine historische Fehlentwicklung ist. Rückgängig machen können Sie diese Entwicklung jedoch kaum."

Besprochen werden die Ausstellung "Seducey by Art" in der National Gallery in London, Francois Ozons neuer Film "In ihrem Haus", Robert Lorenz' neuer Film "Back in the Game" mit Clint Eastwood in der Hauptrolle, Stefan Puchers "Sommernachtstraum"-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater, Andreas Scholls Album "Wanderer" und Bücher über Gartenkunst, darunter Horst Bredekamps "Leibniz und die Revolution der Gartenkunst".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2012

"Hetze" wirft Michael Hanfeld dem Internetkonzern Google vor, der es wagte, auf seiner Plattform gegen Leistungsschutzrechte für Presskonzerne einzutreten. Er murkst zunächst die üblichen Verdächtigen ab - die "Kostenloskultur" - und entlarvt das Wesen des "Google-Imperialismus": "Niemand kennt den Algorithmus, der die Reihenfolge der Google-Suchmaschine bestimmt, niemand weiß, welchen Anteil vom Erlös das Unternehmen den Partnern seines Anzeigenprogramms zubilligt. Nichts fürchtet der Konzern mehr als die Forderung nach Transparenz und die Frage nach seiner Meinungsmacht, die größer ist als die aller anderen Medienkonzerne." (Nun, heute werden die Politiker wohl eher nochmal vor der Meinungsmacht von FAZ und Co. kuschen.)

"In Iran ist ein Menschenleben weniger wert als eine Ware", schreibt Amir Hassan Cheheltan im Feuilleton nach dem Tod des inhaftierten, iranischen Bloggers Sattar Behesti (mehr bei The Atlantic). Mit "wahrer Lust" durchstöbert Andreas Kilb die prallen Datensatz- und Digitalisatbestände der gestern online gegangenen Deutschen Digitalen Bibliothek. Andreas Platthaus besucht eine Abendveranstaltung mit Ruth Barnett, der Tochter von Robert Michaelis, dessen Lebensgeschichte Ursula Krechel in ihrem Roman "Landgericht" verarbeitete. "Ein formales Wunder", jubelt Jürgen Kaube nach der Lektüre von "The Notting Hill Mystery", dem heute vor 150 Jahren unter Pseudonym erschienenen ersten Kriminalroman der Literaturgeschichte (hier ein Scan der Originalausgabe). Regina Mönch liest eine Studie, die gründlich aufräumt mit dem Klischee vom einsamen, gelangweilten Rentner.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Marina Abramovic: The Artist Is Present", der Thriller "Killing them Softly" mit Brad Pitt, Rossinis "Semiramide" am Opernhaus Kopenhagen, neue Alben von Wussy (Thorsten Gräbe schwärmt von "schönsten Dröhnnummern") und Francoiz Breut (Lena Bopp schmilzt beim "Weltraumpop" dahin) und Bücher, darunter Anna Weidenholzers Roman "Der Winter tut den Fischen gut".

Die Zeit, 29.11.2012

"Normalerweise verlangt man heutzutage vom Erzähler, seine Figuren nicht zu bewerten. Das soll dem Leser überlassen bleiben." "Ja, das hasse ich". So bürstet man seine Interviewer ab. Rainald Goetz (Bücher) steigert sich auf drei Seiten dann noch erheblich. Sehr schön auch dies: "Ich habe mir oft gedacht, dass es für den Künstler und für den Autor immer schwieriger wird, seine Sachen weiterzumachen. Und für den mittleren Normalo wird es immer einfacher. Das macht den Umgang mit Kritikern zum Beispiel mit der Zeit schwierig."

Weitere Artikel: Abgedruckt sind Auszüge aus dem Briefwechsel Peter Handke ("Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich.") und Siegfried Unseld ("Dein Gedicht lesend, über den See blickend, einen Welschriesling Kabinett vom Neusiedlersee genießend, denke auch ich an die Dauer unserer Beziehung, die ich mir so wünsche.") Die israelische Soziologin Eva Illouz kritisiert im Interview zwar das "dumme Zeug", das Judith Butler über Hamas und Hisbollah sagte, "aber man kann und muss die rassistischen Auswüchse meines Landes kritisieren". Annegret Ehrhart besucht die Kunstmesse Contemporary Istanbul. Katja Nicodemus schreibt den Nachruf auf Larry Hagman.

Außerdem hat die Zeit heute eine Musikbeilage (im Aufmacher porträtiert Volker Hagedorn die Geigerin Isabelle Faust) und eine Literaturbeilage (mit Interviews mit Nadine Gordimer, Julie Otsuka - hier eine Leseprobe aus ihrem wunderbaren Roman "Wovon wir träumten" - und Philippe Pozzo di Borgo).

Besprochen werden Mozart-Inszenierungen von Neuenfels und Kosky in Berlin, Francois Ozons Film "In ihrem Haus", ein Dokumentarfilm über Marina Abramovic, "The Artist is Present", und die Dali-Ausstellung im Centre Pompidou.



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