Heute in den Feuilletons "Zurück in die Zukunft, Teil IV"

Claude Lanzmann erzählt der "taz", wie er die Nazis austrickste. In der "SZ" sucht Jörg Scheller vergeblich nach Arnold Schwarzeneggers semantischem Kern. Die "NZZ" widmet sich dem Judentum. Und Ahmad Mansour denkt in der "FAZ" über Ehrenmorde nach.


Die Tageszeitung, 02.02.2013

Im Gespräch über seine Dokumentarfilme verrät Claude Lanzmann Cristina Nord unter anderem auch, wie es ihm unter dem Pseudonym Claude-Marie Sorel gelang, alte Nazis zumindest vor die versteckte Kamera zu kriegen: "Sie waren klug. Und deshalb musste ich dieses Forschungsinstitut für Zeitgeschichte erfinden, dessen Direktor, also ich, einen Brief ausstellte, laut dem Dr. Sorel in Deutschland war, um die Errungenschaften der Reichsbahn zu erforschen. Das Wort 'Juden' verwendete ich nie. Ich bot auch Geld an, sagen wir: Schmerzensgeld. Aber es war und blieb schwierig." Die Berlinale zeigt ab kommenden Freitag Lanzmanns Filme in einer Hommage.

Außerdem: Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich philosophiert über Duchamps Readymades. "Perfide" findet es Wolf Schmidt, wie "mitreißend" die Serie "Homeland" ist, die dieses Wochenende im deutschen Fernsehen startet. Jürn Kruse erläutert die Hintergründe der möglichen FR-Übernahme durch die FAZ. Carolin Weidner besucht die Transmediale. Ambros Waibel erinnert sich an die jugendliche Melancholie, die ihn einst in den Ruinen der Villa Adriana befiel. Sebastian Gubernator trifft schwule Jugendliche in der Provinz.

Besprochen werden Bücher, darunter Almudena Grandes' Roman "Der Feind meines Vaters".

Und Tom.

Aus den Blogs, 02.02.2013

Auf Netzpolitik verweist Markus Beckedahl auf ein aktuelles Radiofeature des Deutschlandfunks über Wau Holland, Hacker-Pionier und Gründer des Chaos Computer Clubs, und damit auch über ein Stück Computer-Kulturgeschichte in Deutschland. Hörenswert!

Die Welt, 02.02.2013

Binnen-I, Schrägstrich, Unterstrich, Asterisk - in den vergangenen dreißig Jahren hat es allerlei Anstrengungen zu einer schriftsprachlichen Gleichbehandlung gegeben, bilanziert die Ethnologin Ingrid Thurner in einem Essay und befürchtet, dass der Schuss längst nach hinten losgegangen ist: "Hat nicht die fortgesetzte Betonung des eigentlich Selbstverständlichen, nämlich der Mehrgeschlechtlichkeit, die gesellschaftlichen Ungleichheiten nicht nur nicht aufgeweicht, sondern sogar zementiert? Denn ständig wird da implizit betont, dass es kein Miteinander gibt, keine Komplementarität der Geschlechter, keine Übergeschlechtlichkeit, die einfach nur alle Menschen umfasst."

Im Feuilleton meldet Manuel Brug die überraschende Rücktrittsankündigung des Berliner Ballettchefs Vladimir Malakhov. Die preisgekrönte US-Serie "Homeland", die am Sonntag auf Sat1 anläuft, "macht da weiter, wo '24' aufgehört hat", meint Anne Waak. Guido Knopp erzählt Iris Alanyali bei einem Zanderfilet, "warum er sich als Kind prügelte". Felix Stephan berichtet ergriffen von einem Konzert des Hamburger Elektromusikers Pantha du Prince im Berliner HAU. Mark Reichwein schildert in seiner Kolumne die Bedeutung, die die Basler National-Zeitung während des Dritten Reiches für deutsche Exilautoren hatte.

In der Literarischen Welt wirft Elke Heidenreich einen Blick auf das frisch angebrochene Wagner-Jahr und warnt: "Ab jetzt wagnert's". Julian Heun füllt den "Fragebogen für Debütanten" aus. Buch der Woche ist "Weitermachen ist mehr, als ich tun kann", der erste Band von Samuel Becketts ausgewählten Briefen. Außerdem besprochen werden unter anderem Ulrich Woelks Roman "Was Liebe ist", frühe Briefe von Hermann Hesse, der Roman "1948" von Yoram Kaniuk, Norman Maneas Roman "Die Höhle", Reiner Sörries' Kulturgeschichte der Trauer "Herzliches Beileid", Mara Hvistendahls Studie über "Das Verschwinden der Frauen" in Indien und China sowie Simon Winchesters Biografie des Atlantiks.

Neue Zürcher Zeitung, 02.02.2013

Literatur und Kunst widmet sich heute ganz dem Judentum. Der Schriftsteller György Konrad kommt in seinen Überlegungen zur jüdischen Identität auch auf folgenden Gedanken: "In blöden Zeiten entwerfen die Menschen vom jeweils anderen Hirngespinste, akzeptieren ruhmselige Selbstbildnisse und stellen nationale Abstraktion über das Personale. Für den Fall eines Siegs: Seid nicht vergnügt, denn auf der anderen Seite weinen Familien!"

Außerdem; Der Historiker Dan Diner schlägt den Bogen von der Diaspora zur heutigen Ambivalenz der Mainstream-Israelis gegenüber den Siedlern. Stefana Sabin erklärt, warum es keine jüdische Literatur gibt. Der Philosoph Paul Mendes-Flohr fragt nach dem jüdischen Denken. Christoph Schulte macht sich für die wissenschaftliche (Selbst-)Erkundung des Judentums stark. Alfred Bodenheimer blickt auf den Wandel der jüdischen Gemeinden in der Schweiz. Michael Brenner widmet sich den Synagogenbauten in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

In der Kultur bewundert Peter Hagmann, wie unverzagt Gerard Mortier Madrids Teatro Real durch die spanische Krise manövriert. Werner von Koppenfels erlebt die Mutter aller "Shitstorms" bei Jonathan Swifts "Gulliver". In der Reihe zur Demokratie widmet sich heute Katrin Meyer dem Begriff der Volkssouveränitat.

Süddeutsche Zeitung, 02.02.2013

Sehr verärgert reagiert die Historikerin Karen Greenberg auf Kathryn Bigelows so gepriesenen wie kontrovers diskutierten Film "Zero Dark Thirty", in dem eine CIA-Agentin Osama Bin Laden jagt. Sie findet es traurig, dass der Film "genauso gut von dem kleinen Kreis von Sicherheitsberatern hätte geschrieben werden können, die dem damaligen Präsidenten George W. Bush bei der Planung seiner Strategie nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 berieten. ... Es ist auch ein Film, den diejenigen in der Obama-Regierung unterstützen könnten (und das auch tun), die so eifrig dafür eintreten, dass niemand für diese beschämende Politik zur Verantwortung gezogen wird. Er könnte genauso gut 'Zurück in die Zukunft, Teil IV' heißen, weil der Film, genauso wie das Land, an das er sich wendet, in der Zeitschleife von Rache und Hybris festzustecken scheint." Hier findet sich der Text im englischen Original. Unser Perlentaucher-Kritiker deutet den Film unterdessen als "bildpolitische Intervention".

Der Kulturtheoretiker Jörg Scheller ist am Ende der Begegnung mit Arnold Schwarzenegger in Köln verwirrt: "So manifest und monumental Schwarzenegger auch wirken mag, so diffus ist sein semantischer Kern. Nach einem nicht übermäßig festen Händedruck verlässt man das Hotelzimmer in dem verwirrenden Gefühl, mit einem Konservativen, einem Progressiven, einem Grünen, einem Ressourcenkiller, einem Macho, einem Charmeur und einem Roboter gleichzeitig gesprochen zu haben."

Weitere Artikel: Es "könnte ganz Großes gelingen", meint Reinhard J. Brembeck nach einem von Valery Gergiev dirigierten Bruckner-Abend in der Münchner Philharmonie, der Gergiev ab 2015 als Chefdirigent voranstehen wird. Dass er dort in Zukunft neben Wagner und Bruckner auch Gegenwartskomponisten wie Dutilleux und Messiaen aufführen will, verrät er Tim Neshitov im beistehenden Gespräch. Peter Richter staunt über das New Yorker Grand Central Terminal, in dem er sich als Mensch "in höhere Dimensionen" gehievt fühlt (mit dieser tollen Fotostrecke auf In Focus lassen wir uns einfach etwas mithieven). Stephan Speicher begeht in Eisleben die neueröffnete Erweiterung von Luthers Sterbehaus.

Besprochen wird das Buch "Ganz oben. Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft", in dem eine anonyme Autorin von den Demütigungen berichtet, denen sie durch männlichen Kollegen ausgesetzt ist.

"Er ist verwegen politisch und deshalb auch nicht mehr totzukriegen", schreibt Wili Winkler in der SZ am Wochenende über den Westernfilm, der mit Tarantinos "Django Unchained" gerade eine Renaissance erlebt. Anja Perkuhn ist begeistert von den Repair Cafés, in denen Bastler kaputte Technik wieder zum Laufen bringen. Frank Nienhuysen erinnert an den Kampf um Stalingrad vor 70 Jahren.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2013

Der deutsch-palästinensische Psychologe Ahmad Mansour ruft dazu auf, endlich den Ursachen für die Ehrenmorden in traditionell-islamischen Milieus auf den Grunde zu gehen: "Ohne die gängigen Erziehungsmethoden in diesen Milieus unter die Lupe zu nehmen, wird man den Ursachen nicht auf die Spur kommen. Sanktionierte Gewalt in der Familie, die Akzeptanz gewaltlegitimierender Männlichkeitskonzepte und eine kollektivistisch angelegte Identität führen oft dazu, dass Männer die Zurückweisung ihrer Frauen oder Freundinnen nicht ertragen können oder dürfen. Selbst auf geringe Überforderung reagieren sie mit physischer und verbaler Gewalt."

Verena Lueken unterhält sich mit der iranischen Künstlerin und diesjährige Berlinale-Jurorin Shirin Neshat über das Verhältnis von Kunst und Kino: "Ich glaube, das Kino ist sehr offen für Experimente geworden, sehr offen, sich zu erweitern. Bildende Künstler bringen eine gewisse Naivität mit, eine Rohheit und Primitivität, die willkommen ist. Auch beim Publikum."

Weiteres: Dieter Bartetzko entschlüsselt die gotischen Wandmalereien im Frankfurter Dom. Stefan Koldehoff berichtet, dass in Rom Modiglianis Nachlassverwalter Christian Grigori Parisot verhaftet wurde, der wissentlich Fälschungen als Originale deklariert haben soll. Thilo Bode plädiert angesichts der Verarmung in den südeuropäischen Ländern für eine "Verkleinerung der Währungsunion". Online wird gemeldet, wie sich Google mit Frankreichs Verlagen auf einen 60-Millionen-Fonds geeinigt hat, um einer Sondersteuer zu entgehen.

Besprochen werden zwei Ausstellung in Berlin zur Machtübernahme der Nationalsozialisten vor achtzig Jahren, David Grossmans Trauerbuch "Aus der Zeit fallen", Adolf Muschgs Roman "Löwenstern" und als Hörbuch "Der große Legendenschatz".

In der Frankfurter Anthologie stellt Oliver Vogel Rilkes Gedicht "Des Lebens goldner Baum vor":

"Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
tragischer Klage wunderlich entstellt..."



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