Heute in den Feuilletons Der gute alte Antagonismus

Tieftraurig schreibt Jonathan Wilson in der "NZZ" über den Bostoner Marathon. Die "Zeit" schwärzt schon mal den Mohammed (und der Perlentaucher regt sich drüber auf). Und deutsche Journalisten neigen nicht übermäßig zu Selbstkritik - kress.de resümiert eine Studie zum Thema.


Neue Zürcher Zeitung, 20.04.2013

Tieftraurig klingt die Schilderung der fröhlichen Atmosphäre, die normalerweise beim Bostoner Marathon herrscht und von der in Boston lebende Schriftsteller und Literaturwissenschafter Jonathan Wilson erzählt: "Mitte April, wenn sich der lange Winter endlich aus Massachusetts zurückzieht, säumen auch die Zeugen des beginnenden Frühlings den Weg der Läufer: blühender Hartriegel und rosa Magnolien, zu deren Füssen sich Krokusse scharen, ein Zweig weisser Kirschblüten, der sich irgendwo über einen Gartenzaun reckt."

Weitere Artikel: Corinne Holtz gratuliert John Eliot Gardiner zum siebzigsten. Susanne-Marie Wrage bleibt für die Kolumne "Schlaflos" wach.

Besprochen wird eine Ausstellung der berühmten Sammlung Eduard von der Heydts in Zürich.

In Literatur und Kunst besingt Nils Metzger das kreative Potenzial von Computerspielen. Reinhard Storz stellt einige Independent-Spiele vor. Und Jan Koneffke empfiehlt die rumänische Autorin Gabriela Adamesteanu, deren Roman "Der gleiche Weg an jedem Tag" von 1975 nun auf deutsch vorliegt. Besprochen wird auch der Roman "Scherben" des gebürtigen Bosniers Ismet Prcic.

Weitere Medien, 20.04.2013

Als höchst konservativ erweisen sich deutsche Journalisten laut einer Umfrage des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus an der TU Dortmund zum Umgang von Journalisten mit Kritik. kress.de resümiert: "Die Journalisten schätzen zwar die Publikumskritik via Facebook oder Twitter, trotzdem sehen sich die Deutschen stärker als andere Länder als 'Gatekeeper', so die Studie. Dass Redaktionen Nutzern die Möglichkeit geben sollten, online an der Produktion von Geschichten mitzuwirken, halten nur wenige für richtig. Sie fühlen sich sogar häufiger ihren Quellen anstatt ihrem Publikum gegenüber in der Verantwortung."

Joseph von Westphalen will ja die Unabhängigkeit der Justiz nicht antasten, aber angesichts der Wirren um das OLG München fragt er sich in seiner Abendzeitungs-Kolumne, "ob man die Herren Richter nicht doch als fantasielose Trotzköpfe ansehen soll, die sich eigenständigkeitsbesessen an Paragrafen klammern und lieber die halbe Außenwelt durcheinander bringen als drei Stühle mehr im Gerichtssaal aufzustellen, und dabei nicht merken, dass sie den guten Ruf ihrer Branche aufs Spiel setzen."

Die Welt, 20.04.2013

Die Kampfansage an das Christentum liegt im Ursprung des Islams, meint der 97-jährige Islamwissenschaftler Bernard Lewis (der zugleich betont, dass das Christentum die Herausforderung mit symmetrische Aggressivitiät angenommen hat). Lewis leitet diesen konfliktuellen Charakter des Islams etwa aus der Architektur des Felsendoms in Jerusalem ab: "Seine Architektur entspricht der der frühesten christlichen Kirchen. Er wurde Ende des siebten Jahrhunderts von einem der frühen Kalifen erbaut und ist das älteste religiöse Gebäude des Islam außerhalb Arabiens. Bezeichnend ist die Botschaft der Inschriften im Innenraum: 'Er ist Gott, Er ist eins, Er hat keinen Teilhaber, Er zeugt nicht, Er wurde nicht gezeugt.' Dies ist eine Kampfansage an die zentralen Grundsätze des christlichen Glaubens." Etwas umstrittener dürften Lewis' Thesen zur aktuellen Lage in Europa sein, die er als die dritte Phase im Kampf der Kulturen darstellt.

Weitere Artikel in der Literarischen Welt: Ruth Klüger schreibt in ihrer Kolumne über Margarete Mitscherlich. Besprochen werden unter anderen Robert Schindels Roman "Der Kalte" über das Wien der achtziger Jahre, Gedichte der Weißrussin Valzhyna Mort, Judith Kuckarts neuer Roman "Wünsche", eine Essaysammlung über die Jugendbewegung (besprochen von Walter Laqueur), und Hanns Zischlers Flanerie "Berlin ist zu groß für Berlin".

Für das Feuilleton besucht Gerhard Gnauck das Warschauer Museum der Geschichte der Polnischen Juden, das zum siebzigsten Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstands eröffnet wurde. Es soll ein Museum jüdischen Lebens in Polen sein und doch sei klar, "dass auch ein solches Museum Antisemitismus und Holocaust nicht ausklammern kann. So werden von den 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche etwa 700 dem Holocaust gewidmet sein. 'Aber es gibt zum Holocaust-Teil keinen separaten Zugang', sagt (der Intiator) Jerzy Halbersztadt. 'Man muss durch die Vorkriegszeit hindurchgehen, sehen, was das für eine Welt war, die da untergegangen ist."

Im Aufmacher schildert Ulf Poschardt den Gangsta-Mafia-Hiphopper Bushido als "Albtraum für Politiker wie Claudia Roth". Barbara Möller greift die Geschichte von den drei Typen aus den Emiraten auf, die von der saudiarabischen Sittenpolizei wegen ihres guten Aussehens ausgewiesen wurden. Und Manuel Brug geht mit dem spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado Steak essen.

Die Tageszeitung, 20.04.2013

Jan Feddersen und Kai Schlieter unterhalten sich mit FAZ-Herausgeber und Autor Frank Schirrmacher über die Ökonomisierung des Denkens und sein jüngstes Buch "Ego". Schirrmacher bekennt: "Ich rede als Kontaminierer. Ich habe zwar nicht bewusst neoliberale Thesen vertreten. Ich hinterfragte aber nicht, was mit den ganzen Thinktanks passierte, die im Kalten Krieg aufgebaut worden waren." Außerdem prognostiziert er, "dass nach den Börsen die Medien zum nächsten automatisierten Markt werden. Schon jetzt verändern Rückkopplungseffekte über Klicks, Echtzeitscreening, Konsumentenplebiszite wie Like-its die Nachrichtensetzung."

Weitere Artikel: Catarina von Wedemeyer besuchte den israelischen Schriftsteller Amos Oz und unterhielt sich mit ihm über seinen Erzählband "Unter Freunden". Katja Lüthge stellt das neue Kindercomic-Programm des Berliner Reprodukt-Verlags vor, das dem Bildungsbürgerdünkel gegen das Genre anspruchsvolle Titel entgegensetzen will. Peter Unfried spicht mit Ralf Fücks, Vorstand der Böll-Stiftung, über Ökokapitalismus. Annabelle Seubert unterhält sich mit dem französischen Philosophen Alain de Botton darüber, ob und wie die Liebe zu halten sei, und fragt sich in einem Essay: "Müssen wir die Liebe neu erfinden?" Der syrische Schriftsteller Odai Alzoubi und der syrische Dramatiker Mohammed al-Attar erklären, weshalb es zu kurz greife, dass westliche Medien von "Bürgerkrieg" in Syrien sprechen: nach ihrer Auffassung handelt es sich um einen Volksaufstand. Auf der Medienseite meint der Publizist Constantin Seibt im Gespräch mit Peter Unfried, dass der Begriff "Qualitätsjournalismus" Quatsch ist und Seriosität allein nicht reicht: "Das beste Mittel, ein Publikum fesseln, ist Kühnheit. Mut bindet."

Besprochen werden die Ausstellung "Un art de la guerre" über den Mitbegründer der Situationistischen Internationale Guy Debord in der französische Nationalbibliothek und Bücher, darunter Geetanjali Shrees Roman "Unsere Stadt in jenem Jahr" und der epische Roman "Europe Central" von William T. Vollmann.

Und Tom.

Perlentaucher, 20.04.2013

Perlentaucher Thierry Chervel kann es kaum fassen. Nicht nur schwärzt die Zeit ohne Not die Mohammed-figur in einer comiczeichnug (siehe Abbildung), sondern sie ist auch noch stolz drauf, und Gero von Randow fabuliert ausführlich über das islamische Bilderverbot. "Randow stellt sich damit in eine große Tradition, die sich in der deutschen Presse eingebürgert hat, seit im Jahr 1989 der Mordaufruf gegen Salman Rushdie lanciert wurde: auf jeden Fall zurückweichen, die eigene Angst als Mut verkaufen und die paar verbliebenen Anhänger der freien Meinungsäußerung und Religionskritik als 'Fundamentalisten der Aufklärung' und Rechtspopulisten verhöhnen."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2013

Hans Ulrich Gumbrecht gibt zu bedenken, "dass jene Wirklichkeits-Koordinaten verschwunden sind, die dem guten alten Antagonismus von 'rechts' und 'links' ihren Sinn gaben, so dass im Kollaps der einen Option durchaus nicht mehr der Triumph der anderen Option liegen muss." Grund dafür sei, dass wir seit Beginn der "Postmoderne" nicht mehr in der "historischen Zeit" lebten.

Weitere Artikel: Dieter (!) Bartetzko amüsiert sich über den Moderator Dieter (!) Moor, der sich offiziell in Max Moor umbenannt hat. Julia Spinola wirft einen blick auf das beginnende Festival "Intonations" im Jüdischen Museum Berlin. Wiebke Hüster gratuliert der Ballettschule der Pariser Oper zum Dreihundertsten. Auf der Medisenseite schreibt Hans-Christian Rössler über Probleme bei der Realisierung eines Arte-Dokumentarfilms über Jerusalem. Für die letzte Seite interviewt Marco Schmidt die Schauspielerin Jessica Chastain, die recht anschaulich von ihrem schwierigen Beginn in Hollywood erzählt.

Besprochen werden Bücher, darunter Ulrich Woelks Roman "Was Liebe ist".

Für die Frankfurter Anthologie liest Silke Scheuermann ein Benn-Gedicht - "aus Fernen, aus Reichen".

Süddeutsche Zeitung, 20.04.2013

In der Wochenendbeilage erklärt Christoph Schmidt, wie E-Book und Schwarmkreativität die Literatur verändern. "Heute stünden Kings so heimlicher wie unheimlicher Verehrerin andere Waffen zu Gebote für ein scharfes Redigat. Sie könnte zum Beispiel einen Shitstorm entfesseln und im Verbund mit der Netzgemeinde sozialen Druck auf den unbotmäßigen Autor ausüben. Sie könnte einen Internet-Account für die Serienheldin anlegen, die ihr Schöpfer sterben ließ, und dieser dadurch zu einem avatar-haften Weiterleben zwischen Realität und Fiktion verhelfen. Sie könnte aber auch anfangen, selbst einen Blog zu schreiben, in dem die literarische Figur neue Abenteuer erlebt."

Weitere Artikel: Pompöse Architektur und eine kluge Hängung sah Gottfried Knapp im Münchner Lenbachhaus, das im Mai nach Renovierung und mit einem neuen Anbau vom Büro Foster + Partners wiedereröffnet. Reinhard J. Brembeck gratuliert dem Dirigenten John Eliot Gardiner zum 70, und bescheinigt ihm, gleich ob bei Beethoven oder György Kurtag, Unangestrengtheit und jugendliche Frische. Joachim Hentschel porträtiert den Berliner Techno-DJ Westbam und stellt dessen neues Album "Götterstraße" vor. Till Briegleb stellt die Mischung aus "Erdung und Aufbruch" vor, die Regisseurin Karin Beier dem Niveauverfall am Hamburger Schauspielhaus entgegensetzen will. Jens Bisky ruft zur Rettung der Berliner Brachflächen auf, denn schlimmer als hohe Mieten seien noch mehr Wohnungsbau. Zu lesen ist ein Nachruf auf den Grafikdesigner Storm Thorgerson, der mit seinen Plattencovern für Pink Floyd und Led Zeppelin Popgeschichte schrieb. Daniel Hug habe die Art Cologne endlich wieder zur wichtigsten deutschen Kunstmesse gemacht, meint Georg Imdahl. In den Nachrichten aus Paris weist Joseph Hanimann auf den 300. Geburtstag der Ballettschule der Pariser Oper hin, der ältesten der Welt. Gemeldet wird, dass der gebürtige Luxemburger Daniel Kampa als Nachfolger von Günter Berg die verlegerische Geschäftsführung bei Hoffmann und Campe übernimmt.

Besprochen werden Anne Fletchers Komödie "Unterwegs mit Mum" mir Barbra Streisand, Lars Eidingers Inszenierung von "Romeo und Julia" an der Berliner Schaubühne, und Bücher, darunter Gottfried Wagners Abrechnung mit Richard Wagner, dem Clan und mit Bayreuth "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" und Marie Francoise Peteuils Biografie über "Helen Hessel. Die Frau, die Jules und Jim liebte".



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