Heute in den Feuilletons "Zwei jüdische Angsthasen, die Filme machen"

Zum Münchner Kunstfund stellt die "FAZ" klar, dass verfolgte Künstler auch in der Nazi-Zeit gehandelt wurden. Im "Guardian" kritisiert Tim Berners-Lee die Geheimdienste, die die Welt nur unsicherer machten. Und in der "Zeit" erzählt Claude Lanzmann, wie er sich mit Steven Spielberg versöhnte.


The Guardian, 07.11.2013

Tim Berners-Lee, Erfinder des world wide web, hat in einem Gespräch mit dem Guardian kritisiert, dass die Überwachung der Geheimdienste nicht mehr funktioniert: "Besonders empört war er darüber, dass GCHQ und NSA die online-Sicherheit geschwächt haben, indem sie einen großen Teil der online-Verschlüsselung geknackt haben, auf die Hunderte von Millionen Nutzer angewiesen seien, um ihre Daten sicher zu transportieren. Er nannte die Entscheidung der Dienste, die Verschlüsselungssoftware zu knacken, erschreckend und dumm, den sie widerspreche den Anstrengungen der britischen und amerikanischen Regierungen, Straftaten und Kriegsmittel im Netz zu bekämpfen." Wenn die Verschlüsselung nicht mehr funktioniert, helfe das gerade der organisierten Kriminalität und feindlichen Staaten. "Es ist naiv zu glauben, man könne Schwächen in das System einbauen und dann der einzige sein, der diese Schwächen nutzt."

Weitere Medien, 07.11.2013

Boualem Sansal hat (übrigens auf Anregung der Friedrich-Ebert-Stiftung) ein Buch über den Islamismus vorgelegt. Nadia Agsous interviewt ihn in der huffpostmaghreb. Auf die Frage, ob er in seiner Kritik des Islamismus nicht den Westen zum Modell erhebe antwortet er: "Die Grundfrage ist folgende: Ist das im Moment dominierende Modell westlich oder universal? Wenn man es als westlich beschreibt, spielt man schon das Spiel der Islamisten, die diesm Model das muslimische entgegenstellen. Wenn man stattdessen annimmt, dass der Westen auch aus anderen Kulturen und Zivilisationen geschöpft hat, denkt man in universalen Begriffen."

Neue Zürcher Zeitung, 07.11.2013

Eine ganze Seite ist dem Kunstfund in München gewidmet. Claudia Schoch erklärt, wie komplex die juristische Lage in dem Fall ist: "Die Werke aus den Museen, die Gurlitt von den Nazis erworben hatte, gelten wohl auch heute noch als rechtmäßig durch Kauf in sein Eigentum übergegangen... Sollten die Nazis beziehungsweise der Staat die Werke dem Kunstfachmann Gurlitt jedoch nur anvertraut und etwa in Kommission gegeben haben, damit er sie veräußere, so ist der Händler nicht rechtmäßiger Eigentümer geworden. Insoweit, als er bösgläubig war, konnte er sie auch nicht über die Jahre ersitzen. Bei Bösgläubigkeit wäre eine Rückgabe an den Staat beziehungsweise die Museen möglich."

Hanne Weskott winkt ab: Bevor man sich aufregt, müsse man erst noch viel mehr wissen.

Außerdem: Im Aufmacher schreibt Camus-Biograf Martin Meyer zum 100. Geburstag des französischen Schriftstellers. Bettina Spoerri unterhält sich mit dem Regisseur Thomas Imbach über dessen Historienfilm "Mary Queen of Scots", der am Filmfestival in Locarno und am TIFF in Toronto gezeigt wurde.

Besprochen werden Joseph Gordon-Levitts Regiedebüt "Don Jon" (in dem Michèle Wannaz "Anti-Porno-Propaganda" erkennt) und Bücher, darunter der Roman "Der Garten" von Magnus Florin, welcher dem Naturforscher Carl von Linné gewidmet ist.

Der Tagesspiegel, 07.11.2013

Im Gespräch mit Christiane Peitz erneuert der Berliner Anwalt und Kunstexperte Peter Raue seine bereits im Deutschlandradio erhobene Forderung, den Münchner Kunstfund im Lost Art-Register zu veröffentlichen: "Zu sagen, man wolle mit dem Nichtzeigen die Rechte möglicher Eigentümer schützen, ist geradezu dreist. Wer die Herkunft von über 1400 Bildern selber recherchieren will, braucht bei optimistisch geschätzten zehn Tagen pro Werk 40 Jahre. Das muss man mir erst mal erklären, wie man Kunstwerke, von deren Existenz man bislang nichts wusste, ihren Eigentümern zuordnen kann, ohne sie öffentlich zu machen! Nach Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes gibt es eine Informationspflicht der öffentlichen Hand. Die Öffentlichkeit hat das Recht zu erfahren, was sich in dem Konvolut befindet. Hinzu kommt das Washingtoner Abkommen von 1998: Die Bundesrepublik Deutschland hat sich verpflichtet, alles zu tun, um den jüdischen Familien das Auffinden ihres Eigentums zu ermöglichen."

Die Welt, 07.11.2013

Eva Behrendt porträtiert die Thaterfrau Shermin Langhoff, die einst im Ballhaus Naunynstraße das "postmigrantische Theater" schuf und nun das Maxim-Gorki-Thater übernimmt. Besprochen werden die Filme der Woche, darunter Woody Allens Drama "Blue Jasmine" und eine Neuauflage des "Weißen Rössl".

Aus den Blogs, 07.11.2013

(Via Marcel Weiß) Einige umstürzlerische Gedanken über Lyrik macht sich Kenneth Goldsmith in seinem New-Yorker-Blog: "What if the poetic has left the poem in the same way that Elvis has left the building? Long after the limo pulled away, the audience was still in the arena screaming for more, but poetry escaped out the backdoor and onto the Internet, where it is taking on new forms that look nothing like poetry."

Die Tageszeitung, 07.11.2013

Diedrich Diederichsen stellt Andrew Bujalskis Film "Computer Chess" vor, in dem er Techniknerds und New-Age-Freaks der frühen 80er Jahre aufeinandertreffen lässt. Der Film, schreibt er, handle vom "Charme unterentwickelter Stadien des heute Dominanten und Allgegenwärtigen: Computer, Algorithmen, Videokameras, Nerds, Geeks und Therapiekultur erscheinen als ihre bizarr vertrottelten somnambulen Vorfahren. Nicht nur charmant, sondern auch scheinbar harmlos - das hier Gezeigte verhält sich zur Gegenwart des entwickelten Datenkapitalismus wie ein Dorfschmied zur Panzerfabrik."

Besprochen werden die Ausstellung "BrandSchutz" in Jena, die mit Installationen im Stadtraum Mentalitäten der Intolerenz als Vorstufen des Rechtsextremismus kenntlich macht, die Ausstellung "Kunst & Textil" im Kunstmuseum Wolfsburg, Marc Bauders Frankfurter Banker-Film "Master of the Universe", das von Timon Perabo und Jeton Neziraj herausgegebene Buch "Sehnsucht im Koffer", das Geschichten der Migration zwischen Kosovo und Deutschland erzählt, sowie Jeremy Scahills Abrechnung mit den Methoden von US-amerikanischen Geheimdiensten und Militär "Schmutzige Kriege".

Und Tom.

Die Zeit, 07.11.2013

In den Koalitionsgesprächen steht auch das Thema Internetpolitik auf der Tagesordnung, berichten Götz Hamann und Stefan Schmitt und fordern, dem Innenministerium die Zuständigkeit in IT-Fragen zu entziehen: "Der Innenminister ist für die Innere Sicherheit zuständig, für Terrorabwehr und Verbrechensbekämpfung. Wie soll er da zugleich eine Verschlüsselung fördern, an der selbst Supercomputer scheitern - oder unbefangen Datenschutz-Gesprächsrunden mit großen Internetkonzernen organisieren? Der oberste Dienstherr aller Ermittler kann sich ja nicht vehement gegen das Ausspähen von Kunden und Bürgern wehren."

Im Feuilleton spricht Claude Lanzmann mit Katja Nicodemus über seinen neuen Film "Der letzte der Ungerechten" und erzählt, wie er sich in Cannes mit Steven Spielberg versöhnte, den er vor zwanzig Jahren für "Schindlers Liste" scharf kritisiert hatte: "Ich habe ihm gesagt, dass wir uns letztlich sehr ähnlich sind. Wir sind zwei ängstliche Juden. Der eine zieht sich aus der Affäre, indem es bei ihm immer ein gutes Ende gibt. Und bei mir geht es immer schlecht aus. Mit dem Tod. Aber sonst sind wir gleich. Zwei jüdische Angsthasen, die Filme machen."

Weiteres: Das in Frankfurt entstehende Gebäude der Europäischen Zentralbank von Architekt Wolf Prix "stellt etwas aus, was es in der politischen Ikonografie noch nicht gegeben hat: die eigene Zerrissenheit", meint Hanno Rauterberg. Iris Radisch (pro) und Anna-Katharina Messmer (contra) diskutieren über ein Verbot von Prostitution. Bernd Greiner stellt den Journalisten Jeremy Scahill vor, der die amerikanische Militärstrategie aufdeckt (etwa in seinem jüngsten Buch "Schmutzige Kriege"). Kilian Trotier befürchtet, dass Twitter durch den Gang an die Börse seinen Reiz verliert. Volker Hagedorn geht mit Markus Hinterhäuser, dem Pianisten und designierten Intendanten der Salzburger Festspiele, spazieren. Christoph Dieckmann zieht eine positive Bilanz des Jazzfests Berlin. Am "Vorabend einer Großen Koalition" wünscht sich Martin Eich vom Theater die politische Relevanz, die es in der späten DDR hatte.

Besprochen werden die Filme "Kopfüber" von Bernd Sahling (der aus dem "Allerweltsthema ADHS ein packendes Drama" macht, wie Ursula März feststellt) und "Das große Heft" von János Szász (dessen "sensationelles Feingespür" für Agota Kristofs Romanvorlage Katja Nicodemus beeindruckt), außerdem vier Inszenierungen von Mozarts "Così fan Tutte" in Berlin und Bücher, darunter Stephen Kings neuer Roman "Doctor Sleep".

In der Rubrik Wissen enthüllt der britische Autor und Teilchenphysiker Simon Singh die versteckte Mathematik bei den "Simpsons". Und auf Zeit online berichtet Ulrich Stock ab heute vom Finale der Schachweltmeisterschaft in Moskau. Bereits letzte Woche hatte er den amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand in einem Interview und den Herausforderer, das norwegische Schachwunderkind Magnus Carlsen, in einem Porträt im Zeit Magazin vorgestellt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2013

Mit der Person Hildebrand Gurlitt beginnen die moralischen Kategorien im Hinblick auf die Einschätzung des Kunsthandels im Nationalsozialismus zu wanken, meint Julia Voss nach Durchsicht neuer Dokumente, die belegen, dass Gurlitt als privilegierter Kunsthändler noch 1943 den in Deutschland diffamierten Max Beckmann im Exil besuchte, um ihm Bilder abzukaufen. "In der Nachkriegszeit wurden solche Besuche (...) zu einer schlichten Gut-Böse-Erzählung eingedampft: Jeder, der zu Beckmann ins Exil fuhr, war ein Held, der seine Sicherheit, vielleicht sogar sein Leben riskierte und nichts anderes im Sinn haben konnte, als einem verfolgten Künstler zu helfen. " Doch so einfach sei es nicht, so Voss, denn neue Studien zeigen, dass auch verfemte Künstler in der Nazizeit durchaus gehandelt wurden.

Der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad macht auf die problematische Situation der Christen in Syrien aufmerksam, die sich gesteigerter Gewalt von Islamisten ausgesetzt sehen und in Angst vor einem islamistischen Regime in großen Zahlen das Land verlassen. Auch da das Land eng an die Geschichte des Christentums geknüpft ist, hält er das für eine Katastrophe. "In einigen westlichen Staaten [gelten] für syrische Christen erleichterte Einreisebedingungen. Doch damit wird nur ein alter Fehler wiederholt. Statt Christen zu begünstigen, sollten diese Länder sich für einen Schutz aller Syrer vor der Brutalität des Assad-Regimes und der Radikalislamisten einsetzen."

Außerdem: Richard Gutjahr spricht mit Catherina Afarian von dem auf Genanalyse spezialisiertem Startup 23andme über seinen Gencode. Jan Wiele besucht ein Jazzkonzert von Esbjörn Svensson. Nils Minkmar schreibt zum 100. Geburtstag von Albert Camus. Auf der Medienseite empfiehlt Michael Hanfeld die heute auf arte startende Mini-Serie "Top of the Lake", ein "sechsstündiges Fernsehepos mit allen Höhen und Tiefen".

Besprochen werden eine Frankfurter Konzertreihe zu Ehren von Pierre Boulez und Bücher, darunter Anja Kümmels "Träume digitaler Schläfer".

Süddeutsche Zeitung, 07.11.2013

Nach dem Münchner Kunstfund hat Ira Mazzoni historische Unterlagen über Hildebrand Gurlitt gesichtet, der den in Schwabing angehäuften Schatz zusammengetragen hat. Diese Dokumente zeichnen ein deutlich ambivalenteres Bild als bislang kolportiert: "Eine pauschale Verurteilung verbietet sich also. Zumal die Sammlung Gurlitt bekannt war. Nach dem Krieg reiste sie sogar nach Amerika - ohne dass Restitutionsansprüche geltend gemacht wurden. Auf dem Katalogtitel der American Federation of Art heißt es stolz 'From the Collection of Dr. H. Gurlitt'. Hätte es zu diesem Zeitpunkt Forderungen jüdischer Opferverbände oder Familien gegeben, diese Ausstellung wäre nicht zustande gekommen. Was nicht heißt, dass sich im Nachlass Gurlitt keine Raubkunst befindet."

Online bringt die SZ eine knappe Zusammenfassung der Unterlagen. Außerdem berichtet Jörg Häntzschel, dass die lange Geheimhaltung der Staatsanwalt auch international auf Empörung stößt.

Weitere Artikel: Fritz Göttler erblickt bei der Jerry-Lewis-Retrospektive der Viennale ein ganz eigenes Amerika: Es ist "schwer erträglich, provinziell, selbstgefällig, glamourös, oberflächlich, technicolorbunt, treu dem Konsum ergeben. ... Aber in dieser Unerträglichkeit liegt seine Größe und seine Grazie." Joseph Hanimann liest, was in Frankreich zum Camus-Jubiläumsjahr geschrieben wurde. Renate Klett ist nach dem diesjährigen Dialog-Theaterfestival in Breslau mit seiner "Überdosis an Schrecklichkeiten" und einigen kaum durchschlagenden Vorführungen wenig begeistert. Volker Breidecker besucht eine Tagung über den Autor Peter Rühmkorf im Deutschen Literaturarchiv in Marburg.

Auf Seite Drei porträtieren John Goetz und Bastian Obermayer Sarah Harrison von Wikileaks, die in den vergangenen Monaten Edward Snowden in Moskau betreut hat und sich seit dem letzten Wochenende in Deutschland befindet. Hintergründe dazu sowie Harrisons Statement über ihre Zeit in Moskau bringt die SZ online.

Besprochen werden Hofesh Shechters im Londoner Sadler's Wells aufgeführte Choreografie "Sun" und Bora Dagtekins Film "Fack Ju Göhte".



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