Heute in den Feuilletons "Schönheit ist greller und fordernder geworden"

Die "Zeit" freut sich über Intellektuelle, denen die Demokratie wichtiger ist als Fahrradhelme. Die "NZZ" begutachtet die Ergebnisse von Schönheits-OPs in Korea. In der "FAZ" agitiert Oskar Lafontaine gegen Windräder.


Der Freitag, 12.12.2013

Ilija Trojanow erklärt, warum er den Aufruf für digitale Demokratie mit initiierte und warum das Credo der Unbescholtenen - "Ich habe nichts getan, also habe ich nichts zu befürchten" - unsinnig ist: Es "erkennt nicht, dass die Kontrolle schon die eigentliche Gefährdung der Freiheit ist - nicht erst die Maßnahme, die sich aus der Überwachung ergibt".

Außerdem trauert Michael Angele anlässlich des Erscheinens der Goncourt-Tagebücher dem einstigen Niveau literarischen Klatsches nach. Facebook ist jedenfalls nciht der Ort dafür: "Keiner, der sein Profilbild drei Mal am Tag wechselt, muss fürchten, dass ihn dafür ein anderer öffentlich belächelt, im Gegenteil, es findet sich auch beim zehnten Mal ein Daumen, der hochgeht."

Matthias Dell und Lukas Foerster unterhalten sich über "Oh Boy", den Zustand des deutschen Kinos und der deutschen Filmkritik.

Die Zeit, 12.12.2013

Im Wirtschaftsteil führen Uwe Jean Heuser und Jana Simon ein ausführliches Interview mit Telekom-Chef René Obermann, der zum Jahresende zum niederländischen Kabelnetzbetreiber Ziggo wechselt. Darin erneuert Obermann seine Forderung nach dem "Schengen-Routing", dass also bei Kommunikation innerhalb des Schengenraums die Daten diesen Raum nicht verlassen: "Man muss nun wirklich keine Daten über Neu Delhi oder Houston leiten, wenn der Absender in Wien und der Empfänger in München sitzt. Diese Selbstverständlichkeit wird in den USA übrigens gar nicht debattiert, sondern praktiziert. Und wir könnten auch hier sehr schnell eine entsprechende Regel einführen, an die sich alle halten müssen. Und zwar ohne großen technischen Aufwand und auch ohne Zusatzgewinne für die Telekom, um diese Sorge gleich zu nehmen."

"Der klassische Intellektuelle kehrt mit Macht auf die öffentliche Bühne zurück", beschreibt Iris Radisch im Feuilleton den "Epochenwechsel", den die Petition "Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter" markiert. Die 562 unterzeichnenden Schriftsteller reagieren damit auf die Passivität einer Politik, die in der Aufklärung der Affäre versagt: "Im Koalitionsvertrag, einem rührend aufgeräumten Selbstentwurf Deutschlands, der sich vom Tragen des Fahrradhelms bis zum altersgerechten barrierefreien Wohnen jedem Detail der deutschen Daseinssicherung und Daseinsfürsorge liebevoll zuwendet, findet man über den größten Lauschangriff in der menschlichen Geschichte nur ein paar dünnlippige Bürokratensätze der Art 'IT-Sicherheit wird zu einer wesentlichen Voraussetzung zur Wahrung der Freiheitsrechte'."

Weiteres: Hanno Rauterberg besucht den Informel-Künstler Karl Otto Götz kurz vor seinem Hundersten im Westerwald. Auch die Neue Nationalgalerie widmet ihm derzeit eine große Retrospektive (links: "24 Variationen mit 1 Faktur (F)" aus dem Jahr 1949). Elisabeth von Thadden informiert über die Sterbehilfe-Debatte, die der gemeinsame Freitod eines Ehepaares in Frankreich ausgelöst hat. Christine Lemke-Matwey unterhält sich mit Christoph Waltz, der am Sonntag mit Richard Strauss' "Rosenkavalier" in Antwerpen sein Debüt als Opernregisseur gibt. Mounia Meiborg portätiert die Schauspielerin Steffi Kühnert, die zur Zeit mit dem Film "Die Frau, die sich traut" im Kino zu sehen ist.

Besprochen werden Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner "Blau ist eine warme Farbe" ("ein in seiner Intensität unerhört schöner Film", schwärmt Katja Nicodemus), der zweite Teil von Peter Jacksons "Hobbit"-Trilogie (ein "Weihnachtsstollen, in den Jackson alles, was fett und lecker ist, hineingestopft hat", meint Ulrich Greiner), die Arte-Dokumentation "Made in Germany" zum 75. Geburtstag von Heino, Hans Neuenfels' Frankfurter Inszenierung von George Enescus Oper "Oedipe" (die Volker Hagedorn in einem saftigen Verriss "völlig versenkt" und bestenfalls "unfreiwillig komisch" findet) sowie Bücher, darunter die erstmals vollständig auf Deutsch erschienenen Tagebücher der Brüder Goncourt .

Im Wirtschaftsteil meldet Alina Fichter, dass der Springer-Konzern durch den Kauf des Nachrichtensenders N24 ins Fernsehen expandiert. Angela Köckritz stellt die staatliche chinesische Suchmaschine Baidu vor. Aus Anlass der vorgestrigen Verleihung des Literaturnobelpreises an Alice Munro veröffentlicht Zeit online ihre erste Kurzgeschichte "The Dimensions of a Shadow" erstmals in deutscher Übersetzung.

Der Tagesspiegel, 12.12.2013

Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der Taskforce zur Erforschung der Sammlung Gurlitt, erklärt im Interview die Aufgabe und Zusammensetzung ihrer Institution. Kurz angesprochen wird auch die Frage der Verjährung, die nach dreißig Jahren Herausgabeansprüche in Deutschland unmöglich macht. Dazu Berggreen-Merkel: "Bayern wird die Aufhebung der Verjährung in den Bundesrat einbringen, und dann müssen die gesetzgebenden Körperschaften, Bundesrat und -tag diskutieren. Der Bund hat sich in Restitutionsfragen übrigens nie auf Verjährung berufen. Bei dem Schwabinger Kunstfund muss jedes Werk in seiner eigenen Rechtssituation beurteilt werden. Es ist die Frage, was gut-, was bösgläubig erworben wurde."

In Sotschi ist man wenig angetan von Reportern, die kritische Fragen zu Korruption, Zwangsumsiedlungen und Menschenrechtsverletzungen in Russland stellen, berichtet Lars Spannagel. "Vor diesem Hintergrund lässt sich auch verstehen, wieso ein norwegisches Fernsehteam bei Recherchen in Sotschi und Umgebung Anfang November immer wieder von der Polizei angehalten, eingeschüchtert und schikaniert wurde. Das russische Außenministerium entschuldigte sich im Nachhinein zwar für das Verhalten der örtlichen Polizei, die Grundhaltung zu kritischen Berichterstattern aus dem Ausland wurde aber klar."

Aus den Blogs, 12.12.2013

(Via kulturimweb.net) "Urheberrechtliche Gründe unterschiedlicher Absurditätsgrade" macht das Cranach Digital Archive geltend, um die bei Wikipedia und Wikimedia Commons hochgeladenen Digitaliste von Cranach-Gemälden zu untersagen - und das obwohl Cranach seit mehr als siebzig Jahren tot ist und "das bloße Scannen oder Fotografieren eines public-domain-Bildes kein neues Copyright schafft", berichtete Netzpolitik bereits vor ein paar Tagen. Zu den Partnern des Cranach Digital Archive gehören unter anderen die Staatlichen Museen zu Berlin und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Ilia Blinderman empfiehlt auf openculture ein kleines Video von Felix Herbst, das die berühmte Schreibmaschine Friedrich Nietzsches, eine Malling-Hansen, erkundet: "The writing ball was the closest thing to a 19th century laptop. The first commercially-produced typewriter, the writing ball was the 1865 creation of Danish inventor Rasmus Malling-Hansen, and was shown at the 1878 Paris Universal Exhibition."


Die Tageszeitung, 12.12.2013

Aya Bach traf den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der in seiner neuen Streitschrift "Allahs Narren" erneut sowohl gegen den Islamismus als auch gegen die in Algerien herrschenden Militärs anschreibt. "Für Sansal gehört nicht nur der Islamismus auf den Prüfstand, sondern der Islam und sein Verhältnis zu Staat und Demokratie insgesamt: 'Was für uns selbstverständlich ist, die Vorstellung vom Staat, können Sie einem Muslim, der sein ganzes Leben mit dem Islam verbracht hat, in der Regel kaum erklären', sagt Sansal. 'Denn im Islam existiert diese Vorstellung nicht. Da ist es vielmehr so: Gott regiert die Menschheit.'"

Besprochen werden eine Doppelausstellung mit Arbeiten von Eva Hesse und Gego, zwei vor den Nazis emigrierten jüdischen Künstlerinnen, in der Kunsthalle Hamburg, Peter Jacksons zweite Hobbit-Verfilmung "Der Hobbit - Smaugs Einöde", die in Rezensentin Barbara Schweizerhof ein "Gefühl des Aufgewärmten" auslöste, der Animationsfilm "Alois Nebel" von Tomas Lunak, eine Adaption der Graphic Novel des tschechischen Zeichners Jaromír 99, und die DVD des Films "New World" des Südkoreaners Park Hoon-jung, in dem es um die Rivalitäten diverser Clans der Mafia in Südkorea und China geht.

Und Tom.

Die Welt, 12.12.2013

Eckhard Fuhr freut sich auf die Große Koalition, die dem Goethe-Institut unter Außenminister Steinmeier und anderen kulturellen Leuchttürmen sicherlich nur Gutes wird widerfahren lassen. Alexander Kohnen staunt über die Deutschen, die laut einer Umfrage Helmut Schmidt als den bedeutendsten Bundeskanzler ihrer Geschichte ansehen - vor Adenauer, Brandt und Kohl. Hanns Georg Rodek unterhält sich mit Peter Jackson über seinen neuesten "Hobbit"-Film. Der katholische Autor Sven Lager freut sich über den neuen Papst.

Besprochen werden die Ausstellung "Ausweitung der Kampfzone" aus Beständen der Neuen Nationalgalerie in Berlin und Filme, darunter der tschechische Animationsfilm "Alois Nebel".

Im Forum wünscht sich Thomas Schmid angesichts einer etatistischen Großen Koalition eine liberale Partei für Deutschland und Torsten Krauel erklärt den Schriftstellern mit ihrem "Poetentraum" von einer digitalen Demokratie warum es gut ist, wenn der Staat in Gestalt seiner Geheimdienste unkontrolliert wuchert.

Neue Zürcher Zeitung, 12.12.2013

In Südkorea gewinnen Schönheitsoperationen an Akzeptanz, berichtet Hoo Nam Seelmann. Bei den meisten Eingriffen geht es darum, asiatischen Mandelaugen eine westlichere Form zu verpassen. "Die Koreaner meinen, Menschen mit zu schmalen Augen machten einen schläfrigen und trägen Eindruck... Die einstige Schönheit, die in der alten Lyrik vielfach besungen wurde, ist wohl im Schwinden begriffen. Man verglich eine anmutige Frau früher mit einer Lotusblume, mit Jade und dem Mond. Die Metaphern tauchen das Objekt des Begehrens in gedämpftes sanftes Licht. Die Schönheit heute ist greller und fordernder geworden."

Weiteres: Ueli Bernays schreibt den Nachruf auf den Jazzgitarristen Jim Hall. Besprochen werden John Neumeiers Inszenierung von Bachs Weihnachtsoratorium in Hamburg ("eine rundum schöne Bescherung", findet Martina Wohlthat), die Filme "All Is Lost" von J. C. Chandor (für Susanne Ostwald ein "emotional aufwühlendes und visuell überwältigendes Erlebnis") und "Les garçons et Guillaume, à table!" von Guillaume Gallienne sowie Bücher, darunter die Studie "Selbst im Spiegel" von Wolfgang Prinz.

Süddeutsche Zeitung, 12.12.2013

Da nach Gurlitt Provenienzforschung nun auch bei der Politik hoch im Kurs steht, will Ira Mazzoni diese auch in die Pflicht nehmen: Die Politik muss endlich unter den von eigener Hand protegierten Privatsammlungen nach dem Rechten sehen, fordert sie, und zwar insbesondere bei den Sammlungen von Georg Schäfer und Lothar-Günther Buchheim, in deren Beständen sie Kunst von zweifelhafter Herkunft vermutet: "Genau diese Sammler waren es, die bald vom Staat, den notorisch unterfinanzierten Kulturbehörden der Länder, den Kommunen, hofiert wurden. Man feierte sie als Mäzene - und finanzierte ihnen und den kostbar gewordenen Sammlungen schlussendlich auch noch eigene Museen. Wer meint, nun greife endlich die Washingtoner Verpflichtung, die öffentlichen Institutionen die moralische Selbstverpflichtung auferlegt hat, verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zurückzugeben, der irrt: Weil sie als private Stiftungen firmieren, bleiben ihre Sammlungen unantastbar."

Weitere Artikel: Paul-Anton Krüger fasst eine Hamburger Diskussion über Cyberwars mit China zusammen (hier eine Aufzeichnung davon). Peter Vogt besucht eine Marbacher Tagung über die Philosophie von Joachim Ritter. Mounia Meiborg bilanziert das Theaterfestival Nordwind, bei dem ihr insbesondere das von Oskaras Korsunova inszenierte Gorki-Stück "Nachtasyl" gefallen hat. Helmut Martin-Jung schreibt zum Tod des Gitarristen Jim Hall. Kia Vahland porträtiert den brasilianischen Rapper Criolo, der die Jugendlichen in seiner Heimat im Sturm erobert hat. Eine Hörprobe finden wir auf Soundcloud:



Besprochen werden Anne Wilds Film "Schwestern", Marc Rensings Film "Die Frau, die sich traut" und Bücher, darunter ein von Nil Baskar und Gabe Klinger herausgegebenes Buch über den amerikanischen Regisseur Joe Dante.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2013

Verena Lueken gratuliert dem amerikanischen Filmmagazin Film Comment zum 50-jährigen Bestehen. Dass sich das Magazin so lange halten konnte, erklärt sie sich unter anderem damit, dass sich die herausgebende Film Society of Lincoln Center im Turnus von knapp allen zehn Jahren neue Chefredakteure leistet. "Um frischen Wind in die Sache zu blasen, statt dem Glanz früherer Jahre allzu sehr hinterherzutrauern, aber auch, um hehre Prinzipien hochzuhalten: zeitgenössisch und gleichzeitig zeitlos zu sein, lesbar und im Denken unerschrocken, intellektuell, aber nicht versnobt. Für eine Weile in den Achtzigern, als das Magazin unter Harlan Jacobsons Regie (...) insgesamt quippier wurde, galt: irre ist nicht verboten." Hier blickt das Magazin selbst auf seine Geschichte zurück.

Weitere Artikel: Der saarländische Landtagsabgeordnete Oskar Lafontaine stellt sich schützend vor die deutsche Kulturlandschaft, die insbesondere im Landkreis Merzig von Windrädern bedroht sei: "Das Gefühl für Poesie und Schönheit wird wohl nicht mehr ausreichen, um diese Brutalität zu stoppen." Emran Feroz ärgert sich über das Racial Profiling der deutschen Polizei, dessentwegen er bei Zugfahrten immer wieder anlasslose Passkontrollen über sich ergehen lassen müsse. In Belgien begünstigen deutlich bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten die Geburtenrate, erklärt Nils Minkmar. Wolfgang Sandner schreibt den Nachruf auf den Jazz-Gitarristen Jim Hall. Auf Youtube erleben wir ihn nochmal auf der Bühne:



Besprochen werden Peter Jacksons zweiter "Hobbit"-Film, Anne Wilds Film "Schwestern", John Neumeiers in Hamburg aufgeführte Choreografie von Bachs "Weihnachtsoratorium", die neue Biokunststofffassade auf dem Stuttgarter Uni-Campus, eine Ausstellung über Gisela und Alfred Andersch im Zürcher Museum Strauhof, die neuen Videospiele "Assassin's Creed 4" und "Beyond: Two Souls" sowie Bücher, darunter Inge Jens' "Am Schreibtisch" über Thomas Mann und seine Welt.



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