Heute in den Feuilletons "Diese Mordanschläge schüchtern uns ein"

Durs Grünbein porträtiert in der "FAZ" Imre Kertesz als existenziellen Außenseiter per se. In Bagdad gibt es derzeit mehr Konzerte als Terroranschläge, erzählt in der "taz" nicht ohne Stolz der irakische Cellist und Dirigent Karim Wasfi.


Efeu - Die Kulturrundschau

Literatur, 02.04.2016

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren veröffentlichte der kleine amerikanische Verlag Grove Press Autoren wie Henry Miller, die Beat-Poeten, europäische Avantgardisten wie Beckett, Genet, Ionescu, Sartre oder Pinter. Doch zuerst musste Verleger Barney Rosset in einer Reihe spektakulärer Gerichtsprozesse das Recht auf obszöne Sprache durchsetzen. Lektor Fred Jordan versucht im Welt-Interview mit der Berliner Autorin Julia Kissina die Atmosphäre dieser Zeit zu beschreiben: "Die Revolution lief parallel zu meinem Leben ... Für Sie dürfte es schwierig sein, zu verstehen, wie die Welt zwanzig Jahre vor Ihrer Geburt aussah. Das war eine andere Welt. Eine völlig andere Welt. Mental. Die Gegenkultur siegte. Das beeinflusste alle Lebensbereiche, das allgemeine Bewusstsein. Das ist es, was passiert ist! Aber bevor das passierte, herrschte eine viktorianische Moral. All die Jahre über. Ja, wir reden von einer Kulturrevolution! Durch unsere Aktionen hat sich die Kultur verändert. Unsere Art zu sprechen, unser gesamtes Vokabular stand auf den Seiten von Büchern, die es vor uns nicht gegeben hatte. Das war eine absolut neue Erfahrung. Ein enormes Ereignis."

Wie erkennt man sich als Kind seiner Zeit? Vor allem "heute, da die Reproduktionsmedizin die Genetik von der Genealogie abkoppelt", fragt Andrea Köhler in der NZZ. Geantwortet haben mehrere Autoren, die eher zurück als nach vorn gucken: René Scheu schreibt über die Genealogie des modernen Unternehmers, Jochen Hörisch über die Genealogie der Erbschaft, Stephan Wackwitz über die Genealogie des Familienromans, Paul Nizon über die Genealogie des Schriftstellers, Philipp Theisohn über die Genealogie der Außerirdischen und Nora Gomringer über die Genealogie der Dichter-Tochter.

In der FAZ erinnert sich Durs Grünbein an Imre Kertesz als "existenziellen Außenseiter per se. Fremd in der Welt, der bürokratisierten Gesellschaft, der Ehe, der Nation und unter Schriftstellern sowieso. Ein Niemals-Mitläufer, Verächter sämtlicher Ideologien, einer der größten Morallehrer meiner Zeit, ein echtes Vorbild fürs Leben. Seine Form des Widerstands war die kluge Naivität. Skeptisch zu bleiben, wo die meisten Bescheid wissen und die Worte gebrauchen als ein für alle Mal ausgestanzte Formeln. Es war ihm nicht gegeben, sich einzufügen in die bestehenden Ordnungen. Seine Isolation in einer Kultur der allgemeinen Komplizenschaft, der Kontrolle und Konkurrenz war vollkommen."

Warum werden so wenige Bücher von Frauen ins Englische übersetzt? Mit Preisen ausgezeichnet? Verlegt? Besprochen? Die Übersetzerin Katy Derbyshire hat fürs Zeit-Blog 10 nach 8 mal angefangen zu zählen und kommt zu deprimierenden Ergebnissen: "Am Ende einer Woche voller erdrückender Statistiken bringt eine Liste das Fass zum Überlaufen: Der niederländische Europäische Literaturpreis hat gerade seine Longlist bekannt gegeben. Eine Freundin fragt auf Twitter, ob ich sie gesehen habe; meine krankhafte Zählerei hat mir inzwischen einen gewissen Ruf beschert. Die Liste beinhaltet mehr Bücher mit nackten Frauen auf dem Umschlag als Autorinnen. 19 ernst dreinblickende Männer und Katja Petrowskaja."

Weitere Artikel: In der NZZ schildert Wilhelm Droste die Reaktionen in Ungarn auf den Tod von Imre Kertesz. Der Comickünstler Craig Thompson spricht im Interview mit der taz über seinen neuen Comic "Weltraumkrümel" und seine Workshops in Jordanien. Dirk Pilz gratuliert in der FR Rolf Hochhuth zum 85. Geburtstag. In der FAZ erklärt Mona Jaeger Literaturgeografie am Beispiel des Vierwaldstättersee. Die Welt bringt einen Auszug aus Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Panikherz".

Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung zu Thomas Manns "Zauberberg" im Münchner Literaturhaus ( NZZ ) und Comics von Rodolphe Töpfer ( NZZ ).

Architektur, 02.04.2016

Das Art Magazin stellt eine Ausstellung des Museum of Modern Art in New York über japanische Architektur im Informationszeitalter vor. Zum Tod der Architektin Zaha Hadid schreiben Sophie Jung in der taz , Laura Weißmüller in der SZ und Christian Thomas in der FR .

Kunst, 02.04.2016

Im Interview mit LenseCulture erzählt die Reportagefotografin Glenna Gordon von ihrer Arbeit in Nigeria, wo sie zuerst Hochzeiten fotografierte, und erklärt, warum sie lieber Artefakte fotografiert als Fakten. Zum Beispiel anlässlich der Entführung nigerianischer Schulmädchen durch Boko Haram: "A lot of editors were asking me for photos of the protests in solidarity of the 'Bring back our girls' movement, but I knew going in that direction would have distracted me from what I wanted to do. So, I turned down those jobs and used the protests as an opportunity to meet people from Chibok, the town where the girls were kidnapped. At one protest, I met a man who helped me collect the majority of the items belonging to the girls. I then photographed them in a studio in Abuja, the capital."

Besprochen werden die Christoffer Willem Eckersberg gewidmete Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle ( FAZ ), die Ausstellung "Against Design" zum Werk des Architekten und Designer Josef Frank im Wiener Museum für angewandte Kunst (FAZ), eine Ausstellung mit den Porträts der Malerin Vigée Le Brun im Metropolitan Museum in New York (SZ), die Schau "Nervöse Systeme" im Haus der Kulturen der Welt ( taz , NZZ ), die Ausstellung "Father Figures Are Hard To Find" in der NGBK in Berlin ( taz ) und die Ausstellung "One, No One and One Hundred Thousand" in der Kunsthalle Wien ( Standard ).

Bühne, 02.04.2016

Besprochen werden Anne Lenks Inszenierung "Hiob" nach Joseph Roth am Deutschen Theater Berlin ( taz , Berliner Zeitung , Tagesspiegel ), Simon Stones Inszenierung des "Peer Gynt" am Schauspielhaus Hamburg ( FAZ , Standard ) und die Oper "Vampir - Musiktheater nach Heinrich Marschner" an der Komischen Oper Berlin ( FAZ ).

Musik, 02.04.2016

"Wir haben eine neue Konzertreihe, in der wir an verschiedenen Orten improvisieren. Tatsächlich überholen wir gerade mit unseren Konzerten statistisch die Anzahl von Terroranschlägen in Bagdad", erzählt der Dirigent und Cellist des Irakischen Nationalorchesters Bagdad Karim Wasfi in einem schönen Interview mit der taz vom Leben als Musiker in Bagdad. "Diese Mordanschläge schüchtern uns ein. Es gibt Tote. Es ist entsetzlich. Trotzdem: Die Terroristen haben nur einen kurzzeitigen Effekt. Ich will nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse, zwischen Schönheit und Brutalität wiederherstellen. Ich will, dass Schönheit überwiegt. ... Unsere Konzerte sind ein Zeichen für Zivilisation. Kultur wird zum Lebensstil. Nicht die Terroristen, sondern wir entscheiden, wie wir leben wollen."

Im Magazin AnOther unterhalten sich Björk und die Komikerin Julia Davis über ihre Arbeit, Einflüsse und Inspirationen. So erzählt Björk: "The best bits are the ones I don't understand. When I was a kid I had a long walk to school, and in the winter it was pitch black in the mornings. It is kind of crazy thinking about it now, letting a six-year-old walk 40 minutes to school. ... I am actually better for it, but me and my mates laugh now, because we would never do it to our kids. So, anyway, just without being conscious of it I'd make up melodies, and it still works for me. I go to my cabin, go for a walk in the mountains, and after 20 minutes you just start humming and then the melodies kind of pop out, you know? I was just listening to my dictaphone from the aeroplane, and it is helpful to record ideas, but actually the best melodies are the ones you remember - they come back to you. You just wake up in the morning and they're there, going in circles."

Weiteres: Eine Reportage im Resident Adviser schildert Amerikas schwulen Techno-Untergrund. Besprochen werden Todd Rundgrens "Com­plete Bearsville Albums Collection" ( taz ), das neue Album der Pet Shop Boys ( FR , SZ ), die Zürcher Erstaufführung von Jörg Widmanns Trompetenkonzert "ad absurdum" ( NZZ ) und ein Liederabend der bulgarischen Sopranistin Krassimira Stoyanova in Zürich ( NZZ ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 02.04.2016

Christiane Müller-Lobeck erklärt in der taz, warum die Rückeroberung Palmyras für die syrische Bevölkerung nicht unbedingt eine Verbesserung darstellt: "Was für ein gelungener PR-Schachzug der russisch-syrischen Koalition. Sein Schaden für Syrien ist allerdings kaum zu ermessen. Denn dort weiß jeder, dass Palmyra auch der Ort eines der schauderhaftesten Gefängnisse des Assad-Regimes war. Tadmor (Dattelhain) sein Name, nach dem altsemitischen Namen für Palmyra. Die Sprengung des Knasts, nicht die des Weltkulturerbes, war die erste 'Amtshandlung' der IS-Truppen nach der Eroberung der Stadt im vorigen Mai - auch das natürlich eine PR-Maßnahme."

Gesellschaft, 02.04.2016

Etwas sarkastisch äußert sich der schwule Journalist Elmar Kraushaar, Autor der taz-Kolumne "Der schwule Mann", im Interview mit Tilmann Warnecke vom Tagesspiegel zum Stand der Schwulenbewegung: "Der Schwule heute, mit der Homo-Ehe und dem endgültigen Streben nach Gleichstellung, ist noch viel mehr als früher unter Druck, sich als guter Schwuler darzustellen. Der kennt Darkrooms oder Grindr nur vom Hörensagen, denn er lebt mit seinem Partner und mit seiner Joghurtmaschine in geordneten Verhältnissen. Das gute Image, das man sich hart erarbeitet hat, will man sich nicht wieder kaputtmachen zu lassen."

Medien, 02.04.2016

Die taz bringt einen Vorabdruck aus Stefan Reineckes Biografie über Christian Ströbele, wo es auch um die frühen Tage der Zeitung geht: "Beim taz-Plenum 1980 gerät Ströbele, sonst stets als hilfreicher Mediator anerkannt, selbst unter Beschuss. Ein Redakteur wirft ihm Bigotterie vor - der Anwalt fordere Aufhebung der Arbeitsteilung und selbst bestimmte Arbeit, doch in seiner Kanzlei tippe ihm seine Sekretärin 'die Papiere über alternatives Arbeiten.' Dabei, so Ströbele säuerlich, habe der tazler auch noch 'hämisch gegrinst'." Barbara Möller attestiert Reinekes Biografie in der Welt das Verdienst, "gezeigt zu haben, dass hinter dieser Harmlosigkeit verströmenden Fassade der ungebeugte linke Antinationalist steckt, der seine in Stein gemeißelten Ressentiments gegen die USA und Israel pflegt".

Timothy Garton Ash wirft der BBC in der Berichterstattung über "Brexit" oder "Bremain" eine reichlich verklemmte Haltung vor. Weil sie Angst habe vor Repressionen der Brexit-Seit, die ihr eine "Schlagseite" vorwerfe, lehne sie sich gewissermaßen nach hinten und ergänze jedes Argument einer Seite mit einem Argument der Gegenseite: "Das ist keine Bevorzugung der einen oder anderen Seite. Es ist, was der amerikanische Medien-Analytiker Brooke Gladstone einmal elegant 'Fairness bias' nannte. Man gibt ungleichen Argumenten die gleiche Sendezeit, ohne zu erwähnen, dass eine Seite bei diesem oder jenem Punkt mehr Beweise oder einen größeren Rückhalt bei Experten habe."

Außerdem: Für die Medienseite er taz liest René Martens im Internet zirkulierende Propagandamagazine des "Islamischen Staats". Die Welt wird heute siebzig und hat die Gestaltung ihrer Seiten, um sich einen besonders jungen Anstrich zu geben, dem ebenfalls siebzigjährigen Udo Lindenberg übergeben. Springer-Vorstand Mathias Döpfner schreibt den Geburtstagsartikel selbst. In der SZ berichtet Nikolaus Piper über die Planung der Arthur-Ochs-Sulzberger-Nachfolge in der New York Times.

Ideen, 02.04.2016

Durch den Streit zwischen Olivier Roy und Gilles Kepel (unsere Resümees) hat sich die Frage nach den Ursachen des Terrors auf die Alternative "Islamisierung von Radikalität" oder "Radikalisierung des Islams" verengt. Isolde Charim ist in der Wiener Zeitung eher auf der Seite von Olivier Roy. Danach haben sich die jungen Terroristen den Islam angezogen wie ein Kleid: "Ein Paradoxon. Wenn sie ihre Religion selbst wählen - noch dazu eine besonders rückständige Form des Islams -, was bedeutet dann diese Wahl? Sie entscheiden sich damit für eine Religion, die genau dieses Moment der Wahl, des Entscheidens nicht kennt. Mit einer ganz modernen, ja mit einer ganz säkularen Geste katapultieren sie sich ins 7. Jahrhundert - und verwandeln die Religion damit in ihr Gegenteil: in eine Identität."

Europa, 02.04.2016

Carolin Emcke hat in ihrer SZ-Kolumne ein gewisses Verständnis für das Wüten Tayyip Erdogans: "Wieso sollte Erdogan glauben, dass dieselbe Bundesrepublik, die bei der Frage der Reduzierung der Flüchtlinge inzwischen wenig zimperlich agiert und sich um rechtliche oder humanitäre Standards des Umgangs mit Flüchtlingen in der Türkei nicht groß schert, es mit Presserechten so genau nimmt?"

Ähnlich sieht es Ursula Rüssmann in der FR: "Die EU macht den Rechtsbruch zum System, indem sie Ankara Tausende Flüchtlinge zuführen will, die von dort, wohl ohne angemessenes Prüfverfahren, weitergereicht werden an zerrüttete oder diktatorisch regierte Herkunftsländer."



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