Heute in den Feuilletons "Wie eine Falle"

Die "Zeit" ahnt, warum Chris Dercon in Berlin einen so schweren Stand hat. Die "New York Review of Books" gruselt sich vor Goyas alten Frauen. Und die "taz" empfindet die Bühnenversion von Krachts "Imperium" als Lachnummer.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 29.04.2015

Peter Kümmel erkennt in der Zeit, warum die Berliner Theaterfürsten mit ihren langen Herrschaftszeiten, die Besitzstandswahrer und Widerstandsdarsteller so ein großes Problem mit Chris Dercon als neuem Volksbühnen-Intendanten haben. Zum einen nähmen sie ihm übel, dass er die Technik des Aufstiegs durch klugen Seiteneinstieg ersetzt ("So geht's also auch? An uns vorbei?"). Dann aber: "Dercon ist charmant, und das ist eine für den schnell beleidigten Berliner vollständig unheimliche Charakterdisposition. Diese spürbar positive Energie muss den örtlichen Häuptlingen wie eine Falle vorkommen."

Im Zeit-Interview mit Kümmel macht Dercon dann sehr deutlich, warum er London verlässt, in dem die Kunst total durchökonomisiert ist und ein Stadtteil wie Kensington mit seinen Investorenwohnungen zu dreißig Prozent leer steht: "Berlin ist auch nicht einfach. Aber hier kann man vorausblicken. Hier hat man die Chance, mitzumischen und nachzudenken darüber, was eine Stadt braucht, die sich sozial derart schnell entwickelt."

Für einen guten Ulk, aber nicht viel mehr hält Alexander Kohlmann in der taz Jan Bosses am Thalia Theater aufgeführte Bühnenbearbeitung von Christian Krachts Roman "Imperium" über einen irren Radikal-Vegetarier, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwecks Gründung einer Aussteiger-Kolonie in die Südsee aufmacht. Ein bisschen verschenkt findet Kohlmann das in Hamburg: "Wohlhabende Zöglinge, die sich in hanebüchene Ideologien verirren - es gibt viele Engelhardts in unserer Gegenwart. Im Thalia-Theater wird so leider zur Lachnummer, was auch als Kontinuität einer sehr deutschen Befindlichkeit funktionieren würde. Denn 'Imperium' ist nichts anderes als ein weiteres Kapitel von Krachts langjähriger Obduktion der deutschen Seele."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung porträtiert Susanne Lenz Mateja Meded und Jasmina Music, deren Stück "Common Ground" beim Berliner Theatertreffen gezeigt wird Martin Kušej bleibt bis 2021 Intendant des Münchner Residenztheaters, meldet Egbert Tholl in der SZ. Stefan Michalzik schreibt zum Tod der Tänzerin Vivienne Newport. Josef Oehrlein berichtet in der FAZ vom Auftakt der Schwetzinger Festspiele. Außerdem bringen die Berliner Festspiele in ihrem Blog ein Gespräch zwischen Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens, und Regisseur Nicolas Stemann, dessen Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" das Theatertreffen am Freitag eröffnen wird.

Besprochen werden Paul Dukas' Oper "Ariane et Barbe-Bleue" in der Strassburger Rheinoper ( NZZ ), Eva Maria Höckmayrs Inszenierung von Carl Philipp Telemanns Oper "Emma und Enighard" an der Staatsoper in Berlin (mit "vielen wunderschönen, ironischen Bilder", lobt Nikolaus Hablützl in der taz ) und Aufführungen von Mussorgskis "Chowanschtschina" und Puschkins "Boris Godunow" in Moskau (FAZ).

Architektur, 29.04.2015

Roman Hollenstein besucht für die NZZ im römischen Ara-Pacis-Museum eine Ausstellung über die Neustadt EUR, die auf dem Gelände der für das Jahr 1942 von Mussolini geplanten (aber nie realisierten) Weltausstellung E'42 in Rom errichtet wurde. Ihre Entwicklung kann man auch in vielen italienischen Filmen nachverfolgen: "Erscheint das vernachlässigte Expo-Areal 1945 in Roberto Rossellinis Widerstandsfilm 'Roma città aperta' noch als gespenstige Kulisse, so wird das daraus entstandene EUR-Quartier 1962 in Federico Fellinis 'Boccaccio 70'-Episode 'Le tentazioni del dottor Antonio' zur surrealen Szenerie und in Michelangelo Antonionis 'L'eclisse' zum Ort existenzialistischer Leere. In Vittorio de Sicas 'Il boom' (1963) steht EUR für den Aufschwung all'americana, um sich in Elio Petris 'La decima vittima' (1965) in ein modisches Science-Fiction-Ambiente und in Bernardo Bertoluccis Spionagefilm 'Il conformista' (1970) in einen eisigen Stadtraum zu verwandeln." Wenn das kein Stoff zum Googlen ist!

Außerdem: "Renzo Piano hat einen Raum geschaffen, der die Distanz zur Kunst abbaut", schreibt Sebastian Moll in der Berliner Zeitung über das neue Gebäude des New Yorker Whitney-Museums (mehr dazu hier).

Musik, 29.04.2015

Tazler Matthias Manthe genießt die Gänsehautmusik auf Benjamin Clementines Debütalbum "At Least For Now": "Auf dem Weg der Selbstwerdung besingt er die Einsamkeit." Hier eine aktuelle Liveaufnahme.

Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Stephan Szillus den Gangsterrapper Xatar. In der FAZ spricht Lena Bopp mit der Chansonsängerin Juliette Gréco, die demnächst auf Abschiedstour nach Deutschland kommt. "Ja zur Elite! Nein zu noch mehr Markt und Musikvermittlung!" ruft Christine Lemke-Matwey in der Zeit und findet ganz ernsthaft, dass die Berliner Philharmoniker am 11. Mai Christian Thielemann zum neuen Chefdirigenten wählen müssen.

Besprochen werden ein Auftritt von Christian Gerhaher ( SZ ), "The Waterfall" von My Morning Jacket ( Spex ), das neue Blur-Album ( Pitchfork ), das Deichkind-Konzert in Berlin ( Berliner Zeitung ) sowie ein Auftritt der Schlagzeuger Robyn Schulkowsky, Joey Baron und Christian Tschuggnall ( taz ).

Literatur, 29.04.2015

Susanne Mayer porträtiert in der Zeit die amerikanische Autorin Lydia Davis, die mit ihren präzisen, witzigen und philosophischen Gedanken die Miniatur als Literaturgattung neu erfunden hat: "Gelegentlich sind die Storys so kurz, dass sich das Thema nur abstößt von einer Zeile, das Thema kann Trauer sein oder Verwunderung oder Schmerz. Da ist eine Aura von Ernsthaftigkeit, im Text, aber auch bei der Autorin. Sie zeigt sich schon darin, wie Davis sich hält, sehr gerade, mit ihrer großen Brille ihr Gegenüber anschauen. Was sieht sie? Ein wenig fürchtet man sich."

Besprochen werden unter anderem Friedrich Liechtensteins Autobiografie "Super - Mein Leben" ( Nachtkritik ), Michael Hagners "Zur Sache des Buches" ( Freitag ) und Inger-Maria Mahlkes "Wie ihr wollt" (FAZ).

Film, 29.04.2015

Großer Jubel bei Michael Kienzl von critic.de über die längst überfällige Veröffentlichung von Will Trempers "Flucht nach Berlin" auf DVD: In diesem Film von 1961 "präsentiert sich das deutsche Kino von einer viel zu selten gezeigten Seite, bei der sich das Populäre und das Unbequeme nicht ausschließen müssen. Wie in amerikanischen B-Movies wird hier nicht nur hartes, unsentimentales Genrekino mit Schlägereien und Verfolgungsjagden geboten, sondern auch eine Bühne für Figuren geschaffen, die in größeren Produktionen keinen Platz finden. ... Es ist bezeichnend, dass der Aufschwung des Förder- und Autorenkinos in den späten 1960er Jahren mit dem frühen Ende von Trempers Karriere zusammenfiel." Für kino-zeit.de bespricht Falk Straub die Veröffentlichung.

Weiteres: In der taz spricht Cristina Nord mit der Regisseurin Mia Hansen-Løve, die mit ihrem neuen Film "Eden" die House-Szene im Paris der frühen 90er Jahre wiederauferstehen lässt. Michael Hanfeld meldet in der FAZ, dass die fünfte Staffel von "Homeland" im Studio Babelsberg gedreht wird.

Besprochen werden der Actionthriller "The Gunman" mit Sean Penn ( Berliner Zeitung , ZeitOnline ), der auf DVD wiederveröffentlichte Italothriller "Revolver" mit Oliver Reed ( Hard Sensations ), Zelimir Zilniks Dokumentarfilm "Destination Serbistan" ( Cargo ) und Marjane Satrapis "The Voice" (FAZ).

Und arte erinnert in seiner cinephilen Online-Videoserie "Blow Up" an den Kunstporno "Behind the Green Door", mit dem die Mitchell Brothers 1973 die Filmfestspiele in Cannes aufmischten.

Kunst, 29.04.2015

Aus dem strahlenden Londoner Frühling ins Herz der Finsternis - so fühlte sich Jenny Uglow, als sie die Ausstellung "Goya: The Witches and Old Women Album" in der Londoner Courtauld Gallery besuchte, erzählt sie im Blog der New York Review of Books: "Moving into the room devoted to the 'Witches and Old Women' album, single figures, or groups of one or two, rarely more, float on the page, with no setting behind them, the brushstrokes swirling and darting, as if alive. It isn't only the witches - the dark, demonic cast - who are horrifying but the whole chorus of the aged, clinging to life. The small faces, brilliantly drawn, reveal bony bumps of skull, thinning hair, toothless jaws, furrowed brows. Gender vanishes - it's hard to tell a decrepit, balding man from an old crone. Death is near: you can smell sickness."

Für die FAZ hat sich Hannah Feiler die von der Frankfurter Schirn in Auftrag gegebene, von der Künstlerin Britta Thie umgesetzte Web-Serie "Transatlantics" angesehen. Die Serie biete "eine Mischung aus Generationen- und Selbstporträt, satirischen Anklängen auf die digitale Bohème und futuristisch angehauchter Überhöhung der Gegenwart", erklärt die Kritikerin. Die Serie sei "keine generelle Kritik am digitalen Zeitalter; vielmehr ein lustvoller Umgang mit den Möglichkeiten, die sich, künstlerisch gesehen, durch den Einsatz von Technik ergeben. In der Selbstverständlichkeit, mit der die heute selbstverständliche Dauerpräsenz mobiler Kommunikationsgeräte gezeigt wird, lässt sich ein Hauch Skepsis ahnen." Hier die erste Episode.

Weiteres: In der Welt unterhalten sich die Künstler Katharina Sieverding (milde kritisch) und Gregor Schneider (kompromisslos kritisch) über die Biennale in Venedig. Besprochen werden die "sorgfältig kuratierte" Retrospektive Anne-Mie van Kerckhoven im Kunstverein München ( SZ ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Ideen, 29.04.2015

Einige haben sich daran gestört, dass Salman Rushdie auf Twitter die Autoren als "Pussies" bezeichnet hat, die die Würde des Islams respektiert und Charlie Hebdo nicht gefeiert sehen wollen. James Wolcott bekennt, zwischen den Fronten zu stehen, verteidigt in Vanity Fair aber drastische Begriffe: "Schreiben heißt kämpfen, um Ishmael Reed zu zitieren, und Kampf ist ein Zeichen für Leben, Konsens ist nur ein wohlwollender Würgegriff. Und dies ist eine Schlacht um etwas Wichtiges, und nicht der übliche Kulturkrieg."

Rushdie zieht den Begriff auf Twitter zurück, wenn auch mit mehr argumentationstechnischer Begründung:


Der Student und Blogger Karthick Ram Manoharan verteidigt die Ehrung für Charlie Hebdo in der Huffpo und kritisiert die angelsächsischen Reflexe der Political Correctness: "Charlie Hebdo bewies einen moralischen und intellektuellen Mut, den die meisten Medien in der angelsächsischen Welt sich nicht zu zeigen trauen - den Willen gegen Frömmler aller Arten und Farben aufzustehen. Während die Linksliberalen hierzulande meist in White-guilt trips abdriften und Europa für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen, haben die Hebdo-Journalisten in der Tradition Voltaires und Molières gnadenlos alle verhöhnt, die Macht beanspruchen, ob es die französische Regierung ist, die Le Pens oder die Islamisten."

Die Autorin und einstige PEN-Präsidentin Francine Prose begründet ihren Gala-Boykott im Guardian: "Ich verabscheue Zensur jeder Art und den Gebrauch der Gewalt um Schweigen zu erzwingen. Ich glaube, Charlie Hebdo hat jedes Recht zu publizieren, was es will. Aber das ist nicht dasselbe wie zu sagen, Charlie Hebdo verdiene einen Preis. Wie ein Freund mir schrieb: Die Meinungsfreiheit erlaubt es Nazis in Skokie, Illinois, zu demonstrieren, aber wir geben ihnen dafür keinen Preis. Ein Preis impliziert für mich Respekt und Bewunderung für ein Werk."

Ganz anderes Thema: In der NZZ berichtet Dieter Thomä von der Philosophen-Tagung in Siegen, wo Martin Heidegger zu Grabe getragen wurde und damit all "die Juden- und überhaupt Menschenfeindlichkeit seiner Philosophie, das Verstiegene und Verächtliche, das in den 'Schwarzen Heften' auf die Spitze getrieben wird". Allerdings gehört Thomä zu denen, die noch etwas gelten lassen wollen von Heideggers Denken, wie er offen schreibt: "Ich gewann den Eindruck, dass manche radikale Heidegger-Kritiker auf der Tagung eine Mimesis an den Aggressor betrieben. Sie übernahmen nämlich eine der fragwürdigsten Vorlieben Heideggers und deutelten so lange an einem Wort herum, bis das gewünschte Ergebnis erzielt war. Auf diese Weise verwandelte sich etwa das 'In-der-Welt-Sein' des frühen Heidegger in die 'philosophische Basis für jede Form des Rassismus'."

Europa, 29.04.2015

Der Politologe Peter Kielmansegg wirft Navid Kermani in der FAZ vor, mit seiner Kritik an Europa in der Flüchtlingsfrage (unser Resümee) dem moralischen Dilemma der Frage auszuweichen: "So ist es nicht verwunderlich, dass Kritiker Europas Interventionen gleichermaßen fordern und verurteilen. Durch die Intervention im Irak sei der Westen mitschuldig geworden am Chaos im Nahen Osten, heißt es, durch die Nichtintervention in Syrien aber genauso."

Internet, 29.04.2015

In der Zeit kann Ulrich Greiner Ijoma Mangolds Eloge auf Facebook natürlich nicht unwidersprochen lassen: "In schöner Offenheit sagt Mangold, die Facebook-Debatten seien der 'Backstagebereich der gedruckten Zeitungswelt'. Backstage! Ist das nicht der Ort, wo die Groupies und die Möchtegernkünstler hinstreben? Solange es die wunderbare Bühne der Zeitungen noch gibt, sollten wir dort unser Können zeigen."

Gesellschaft, 29.04.2015

Sehr aufregend fand es Ilija Trojanow in Oxford, wo er sich - nach lateinischem Tischgebet - über die Rasanz des technologischen Fortschritts für die taz aufklären ließ: "Eine besonders eindrückliche Grafik zeigt, wie lange es gedauert hat, bis eine neue Erfindung 50 Millionen Nutzer gefunden hat: Beim Telefon 75 Jahre, beim Radio 38 Jahre, beim Fernseher 13 Jahre, beim Internet 4 Jahre, bei Facebook 3,5 Jahre, bei Angry Birds nur 35 Tage!" Und noch etwas hat er gelernt: "Im Schaufenster von Oxfam inmitten Oxfords prangt ein rotstrotzendes Plakat, dass die gleiche Information spektakulärer auf den Punkt bringt: Jenen achtzig Menschen, die in einem Doppeldeckerbus Platz finden, gehört die Hälfte allen Vermögens."

In der SZ denkt Gustav Seibt über Erbschaften nach, in künstlerischer, aber vor allem doch in finanzieller Hinsicht: "Ob die Lässigkeit des Erben moralisch so viel unangenehmer sei als der brutale Aufstiegswille des sich nach oben boxenden Chefs, das fragte nur Jens Jessen im Wirtschaftsteil der Zeit. Unabhängig von dem moralisch-ästhetischen Gesichtspunkt lässt sich allerdings auch ganz nüchtern ökonomisch fragen, was sinnvoller oder auch nur erfolgsversprechender für die Unternehmen ist - das Erbschaftsprinzip oder das individuelle Leistungsprinzip des angestellten Managers, der sich gegen innere und äußere Konkurrenz nach oben kämpft." Auf jeden Fall gibt es weniger Falten!

Medien, 29.04.2015

"Die einen wollen etwas von Google, die anderen kriegen etwas von Google", meint Anne Fromm in der taz zu den großzügigen Plänen des Konzerns, Zeitungen wie FAZ, Zeit, Guardian und La Stampa mit 150 Millionen Euro für Wohlverhalten zu belohnen, pardon: für die gemeinsame Entwicklung nachhaltiger Nachrichtenmodelle. "Hand in Hand", zitiert Fromm Googles Manager D'Asaro Biondo, "wie ein verliebtes Pärchen": "Außerdem sollen Google-Mitarbeiter Journalisten schulen. Google also, der große Zampano, auf der Suche nach dem Journalismus von morgen - zumindest für die einen. Die anderen, das sind Axel Springer, Burda und die Funke Mediengruppe, vereint in der VG Media, die seit Jahren mit Google streiten. Sie sind der Meinung, dass Google ihnen die sogenannte Snippets, die kurzen Auszüge in der Nachrichtensuche, bezahlen sollte. Wie absurd diese Forderung ist, zeigt das krüppelige Leistungsschutzrecht, in dem der Streit gemündet ist. Nun hat sich also Google die Verlage geangelt, die weniger gestänkert haben."

In der SZ schreibt Claudia Tieschky etwas verlegen über die Initiative, denn auch der Süddeutsche Verlag wird sich daran beteiligen. Allerdings ist ihr sehr wohl bewusst, dass Google dringend der Imagepflege in Europa bedarf: "Ob die Initiative dem Journalismus wirklich hilft, ob der Konzern im Valley bessere technische Lösungen für Europas Journalismus im Netz entwickelt und wem das alles hilft, das kann im Moment niemand sagen."

Im Google Blog ist die Rede des für stategische Partnerschaften zuständigen Carlo D'Asaro Biondo veröffentlicht, der erklärt, wie Google im Rahmen seiner "Digital News Initiative" Geld über Medien verteilen wird. Zu den Partnern gehören in Deutschland die FAZ und die Zeit , die wohlweislich nicht der VG Media angehören und von Google kein Geld für Leistungsschutzrechte wollen. "Der Zweck ist, Zuschüsse an Projekte zu vergeben, die neues Denken im digitalen Journalismus unter Beweis stellen. Niemand weiß, woher die nächste große Idee kommt - aber wir wollen die Ideen jener stimulieren, die der Sache am nächsten sind und am besten wissen, wie sich Journalismus verändert. Jeder, der mit Online-News in Europa arbeitet, kann sich bewerben, inklusive nationaler und regionaler Medien und neuer Akteure." Auf der Website wird recht vage erklärt, wer über die Vergabe der Zuschüsse entscheiden soll: "Die Digital News Initiative wird zusammen mit einer Beratergruppe aus Verlegern und Organisationen mit Expertise in Förderung von Journalismus Kriterien und Prozeduren aufstellen."

Thomas Stadler nimmt in seinem Blog Internet-Law unterdessen einen Artikel Ulrike Simons in der Leipziger Volkszeitung auseinander, der die Forderungen der in der VG Media organisierten Zeitungen aus dem Leistungsschutzrecht beziffert: 6 Prozent der deutschen Google-Umsätze hätte man dort gern. Anders als dort nahegelegt, so Stadler, nimmt "das Gesetz in § 87f Abs. 1 UrhG kleinste Textausschnitte ausdrücklich vom Schutzbereich des Leistungsschutzrechts aus. Die verkehrsübliche Suchmaschinenfunktionalität soll nach dem Willen des Gesetzgebers nämlich gerade frei vom Leistungsschutzrecht bleiben. Diese wesentliche Einschränkung, die gerade zum Schutz der normalen Suchmaschinenfunktionalität in das Gesetz aufgenommen wurde, findet sich im Tarifwerk der VG Media nicht." 6 Prozent vom Google-Umsatz entsprächen mindestens 240 Millionen Euro im Jahr.

Höflich abwartend ist Christian Meiers Kommentar zur Digital News Initiative in der Welt aus dem Springer Verlag, der die Allianz für das Leistungsschutzrecht anführt: "Es wäre verfrüht, in dem Angebot vor allem ein Danaergeschenk zu sehen. Und doch bleiben Fragen offen: wer entscheidet, an welche Verlage wie viel Geld fließt?"

Weiteres in Medien: "Nennt es eine mobile Mehrheit: Zu Beginn des Jahres 2015 hatten 39 der 50 Top-News-Seiten (in Amerika) mehr Seitenaufrufe von mobilen Geräten als von Desktop-Computern", schreibt Amy Mitchel vom Pew Research Center und analysiert neueste Studien des Instituts.



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