Heute in den Feuilletons "Heilandsgeschichte mit debilen Schunkelredundanzen"

In der "Welt" ärgert sich Iris Alanyali über Kinderlieder. In der "SZ" behauptet Joni Mitchell, dass es mit dem Pop in den Achtzigern bergab ging. Die "Berliner Zeitung" blickt mit gemischten Gefühlen auf die Regierungszeit von Klaus Wowereit.


Efeu - Die Kulturrundschau

Musik, 12.12.2014

Techno? House? Hört heute doch jeder, kann man nicht mehr machen, meint der Musiker Mathias "Munk" Modica im Interview mit der Welt: "Ich möchte nicht der Szene und der Gesellschaft entsprechen, in der ich mich selbst bewege. Ich mache elektronische Musik, die aber nicht den Erwartungen derjenigen entspricht, die nach Berlin kommen, um elektronische Musik zu hören, wo sie dann überall läuft, im 'Berghain' und im Kaufhaus. Ich war beim Internisten in Charlottenburg, wo 70-jährige Damen hingehen, wache vom Eingriff auf und höre Deep House. Der Internist sagt: Das stört niemanden. Eine Großmutter kann bei DJ Dixon wunderbar relaxen. Da kann ich nicht auch noch Deep House spielen."

Joni Mitchell braucht man mit moderner Popmusik gar nicht erst kommen, erfahren wir im SZ-Gespräch mit Andrian Kreye. "In den Achtzigerjahren ging das alles den Bach runter. Der Sound wurde richtig scheiße. Dieses Geknister, viel zu viele Höhen. Ich weiß nicht, ob die Produzenten plötzlich alle auf Koks waren. Und dann haben sie sich alle diese Spielereien und Effekte gekauft. Nein, Musik ist Ende der Siebzigerjahre gestorben. Zu viel Technologie, zu viele Knöpfe."

Warum muss Musik für Kinder so bevormundend sein? fragt eine schwer genervte Iris Alanyali in der Welt. "Aber jetzt, im Advent, wollen wir uns nicht beklagen. Wir zünden Kerzen an, schmettern mit dem Nachwuchs 'Dicke Rote Kerzen' und ertragen im Kindersender Radio Teddy sogar Weihnachtsmusik, die Luther zum Übertritt zum Islam bewegt hätte. 'Hurra Christkind' etwa, das die Heilandsgeschichte mit debilen Schunkelredundanzen wie 'Hurra, hurra, das Christkind ist da, wir feiern jedes Jahr, la-la-la-la-la' kaputtkrakeelt. Denn schon allein die Tatsache, dass es nur vor Weihnachten möglich ist, drei Tage lang Radio Teddy hören zu können, ohne ein einziges Mal auf 'Bewegung, Bewegung!' ('... die hält uns gesund') von Burgfräulein Bö zu stoßen, lässt uns juchzen und fröhlich sein."

Weitere Artikel: Große Freude hat Joe Banks von The Quietus an der hauntologischen Musik von The Advisory Circle auf dessen neuen Album "From Out Here". Bei diesem handelt es sich um eine "neuen Zwecken zugeführte Audio-Postkarte, die vollgesogen ist mit der gestelzten Förmlichkeit und Wunderlichkeit einer vergangenen Zeit." Hier gibt es Auszüge aus dem Album zu hören. In der taz freut sich Klaus Walter über die Rückkehr der legendären Post-Punkband The Pop Group, deren ursprüngliches Geheimrezept er bei dieser Gelegenheit auch gleich verrät: "Das klassische produktive Missverständnis. Weiße Jungs lieben schwarze Musik, versuchen sie nachzuahmen, scheitern und nutzen das Scheitern als Chance mal wirklich. Und Punk als Lizenz zur Aktion." Nicht eine einzige Träne weint David Hugendick (ZeitOnline) der sich verabschiedenden Gothic-Schlagerband Unheilig nach: "Noch nie klangen Leben und Tod so banal wie nach einem ganzen Album dieser Band. " Nadine Lange vermutet im Tagesspiegel unterdessen einen "perfiden Langzeit-Marketingplan". In der SZ porträtiert Harald Eggebrecht die Violinistin Julia Fischer. Die Jungle World erinnert sich wehmütig ans goldene Zeitalter des Mixtapes. Und Drowned In Sound kürt seine 50 Lieblingsalben des Jahres.

Besprochen werden Mortis' "Hollywood-psychose" ( taz ) und die Compilation "Science Fiction Park Bundesrepublik" über den BRD-Tapeunderground der 80er ( Jungle World ), ein Konzert von Metronomy ( Berliner Zeitung ).

Bühne, 12.12.2014

Nachtkritik-Gründerin Esther Slevogt führt die Legitimationskrise der Theater und die Zeitungskrise in ihrer auf der Tagung der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins gehaltenen Rede miteinander eng: Theater und Zeitung waren einst die Foren der bürgerlichen Öffentlichkeit: Doch "diese einst so bedeutsame identitätspolitische Errungenschaft des Bürgertums [ist] längst zum Ausschlussinstrument geworden, ihr Bildungskanon ebenso wenig noch konsensfähig wie ihre Repräsentationspraxis. Im Theater kann man zur Zeit Theaterstilen und Repräsentationsformen sozusagen auf offener Bühne beim Vermodern zusehen." Denn Öffentlichkeit, meint sie weiter, findet heute längst im Netz statt: Dies "ist in der Belle Etage der Hochkultur lange nicht zur Kenntnis genommen worden, wo man immer noch den Standpunkt vertrat (und womöglich im Stillen bis heute vertritt), es reiche bereits aus, das Publikum aufzufordern, den Computer wieder auszumachen und ins Theater zu kommen."

Weitere Artikel: Für die Nachtkritik liest Wolfgang Behrens aktuelle Theatermagazine. Patrick Bahners sieht in New York neue Stücke von Ayad Akhtar, in denen sich Juden, Moslems und Liberale in bunter Mischung verbal an die Kehle gehen: "Wenn auf der Bühne die verbalen Bomben gezündet werden, geht tatsächlich ein Aufseufzen durch die Reihen."

Besprochen werden Enrico Lübbes Inszenierung von "Zeiten des Aufruhrs" in Leipzig (SZ) und Lloyd Riggins' Inszenierung von August Bournonvilles "Napoli" in Hamburg (FAZ).

Film, 12.12.2014

Im Filmmuseum München diskutierte der Bundeskongress der Kommunalen Kinos über Film und Digitalisierung, berichtet Dunja Bialas auf Artechock. Tröstend wirkt sein Ausblick nicht gerade: "Das Ende des Films als Medium hat weit­rei­chende Folgen für die kultu­relle Praxis, die sich einst mit ihm verband. Der Ort für 'Film' wird in Zukunft nicht mehr der reale Ort des Kinos sein, sondern hat sich ins Internet virtua­li­siert. Mit dem Wechsel vom Einz­el­bild zum Einzel-Bit geht nicht nur die Ablösung der Medien einher, sondern es vollzieht sich ein schlei­chender Kultur­wandel, der das Ende des Kinos einläutet."

Weitere Artikel: Toby Ashraf unterhält sich in der taz mit der Regisseurin Joanna Hogg über deren Film "Exhibition" (unsere Kritik hier). Für die Berliner Zeitung unterhält sich Patrick Heidmann mit Regisseur Jason Reitman über dessen neuen (im Tagesspiegel besprochenen) Film "#Zeitgeist".

Besprochen werden außerdem Nuri Bilge Ceylans "Winterschlaf" ( Tagesspiegel , Zeit , kritiken.de , Welt , mehr), Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "Maidan" ( taz ), Adriana Altaras' "Titos Brille" ( taz ) und der letzte "Hobbit"-Film ( FR , mehr).

Literatur, 12.12.2014

Die Kritiker-Jury des Tagesspiegels geben ihre Lieblingscomics des Jahres bekannt.

Besprochen werden Barbara Yelins Graphic Novel "Irmina" ( NZZ ), Roddy Doyles "Punk is Dad" ( FR ), Ulla Hahns "Spiel der Zeit" (SZ) und eine Gesamtausgabe von Ernst Tollers Werken (FAZ).

Kunst, 12.12.2014

Im Musée d'Art moderne de la Ville de Paris lässt sich, wenn auch unter etwas beengten Verhältnissen, der Simultanismus von Sonia Delaunays zwischen Malerei, Mode und Design changierender Kunst entdecken, berichtet Lena Bopp in der FAZ: Dabei handelt es sich um den "Versuch, die Reizüberflutung der modernen Welt mittels kontrastierender Farben und Formen abzubilden ... Farben, Formen, der Stoff des Kleides und die tanzende Frau, die es trägt, greifen somit auf mehreren Ebenen genau jene Gleichzeitigkeit von Sinneseindrücken auf, die Delaunay und ihre Freunde (...) inspirierte."

Besprochen werden eine Lutz-Friedel-Ausstellung in Berlin ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Im Licht der Menora" im Jüdischen Museum in Frankfurt (FAZ), die Ausstellung "Deutschland 1945 - Die letzten Kriegsmonate" in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin (FAZ) und eine Ausstellung über den Münchner Rokoko in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München (SZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 12.12.2014

Einige Osteuropaforscher und Publizisten, darunter Karl Schlögel, Karol Sauerland und Marieluise Beck, antworten bei change.org mit einem Gegenaufruf auf den Putin-freundlichen Aufruf einiger Elder Statesmen und Artists (wir berichteten): "Es gibt in diesem Krieg einen eindeutigen Aggressor, und es gibt ein klar identifizierbares Opfer. So wie die Defekte anderer einst okkupierter Staaten nicht den verbrecherischen Charakter ihrer Besetzungen relativieren, können die Unzulänglichkeiten des ukrainischen politischen Systems nicht gegen die russische Annexion der Krim und notdürftig verschleierte Intervention in der Ostukraine aufgerechnet werden."

Wolf Lepenies reagiert in der Welt bewundernd auf einen in der Revue internationale et strategique erschienenen Artikel Jean-Luc Melenchons. Der Linkspopulist fordert die Franzosen darin auf, ihre Verantwortung für die Meere und Position als maritime Großmacht wieder zu entdecken: "Wenn Mélenchon bekennt, es gehe ihm darum, Frankreichs Rang in der Welt zu sichern und wenn er diesen Rang ausdrücklich gegenüber den USA und Deutschland sichern will und mit der Distanzierung von der Nato verbindet, erinnert dies an die politischen Leitlinien Charles de Gaulles."

Im Interview mit Sandra Kegel von der FAZ spricht der römische Publizist Angelo Bolaffi über das angeschlagene Verhältnis zwischen Deutschland und Italien und sucht nach Gründen: "Die Sparmaßnahmen machen das Land kaputt, heißt es. Dieses Narrativ hat sich inzwischen festgesetzt, das lautet: Ja, Italien hat ein paar Probleme, mit der Mafia, mit der Korruption, mit der Bürokratie, mit der Wirtschaft - aber gäbe es Frau Merkel nicht, dann könnten wir investieren, es ginge allen besser, und wir hätten wieder Arbeit. Das ist Keynesianismus für Kinder."

Für die NZZ begleitete Joachim Güntner eine Reise der Akademie für Sprache und Dichtung nach Athen, wo griechische und deutsche Intellektuelle über Stimmung und Kulturleben im Land diskutierten.

Politik, 12.12.2014

Birgit Walter schaut in der Berliner Zeitung zurück auf Klaus Wowereits Wirken als Berliner Kultursenator. Ihr Resümee: Gut beratene Personalpolitik, ansonsten wenig Erfolge: "In Berlin laufen die Dinge einfach weiter wie immer... Die Politik unternimmt keine Anstrengungen, die Szenen von Künstlern in der Stadt zu halten, dem Mangel an Räumen und steigenden Mieten zu begegnen. Ab einem bestimmten Level ist Armut nicht mehr sexy. Seine wahnsinnige Anziehungskraft aber holt Berlin aus dieser Mischung, prekärem Charme und kulturellem Reichtum." In der taz würdigte Jan Feddersen am Montag schon das "Und das ist auch gut so": "Mit diesem Satz hatte Klaus Wowereit diese gewisse eisige Diskretion homosexuellen PolitikerInnen gegenüber pulverisiert. Bis dahin galt: Don't ask, don't tell."

Gesellschaft, 12.12.2014

In der SZ berichtet Jörg Häntzschel wie die Air Force Psychologen James Michel und Bruce Jessen das Folterprogramm der CIA entwickelten: "Mitchell und Jessen hingegen folterten mit Wasser, Licht und Country-Musik, sie hinterließen keine physischen Spuren (sieht man von den Gefangenen ab, die später unter ihrer Hand starben). Sie standen nicht für blutige Marter, sondern für 'erlernte Hilflosigkeit', so die euphemistische Formulierung."

David Uberti berichtet in der Columbia Journalism Review zum gleichen Thema, wie die CIA die Medien manipulierte, um die in der Folter-Thematik positiv zu stimmen.

Ideen, 12.12.2014

Der jetzt überall groß gefeierte Martin Luther in allen Ehren, meint der Philosoph Otfried Höffe in der NZZ. Aber "Ohne Zweifel bietet die bei der Enthüllung eines Kant-Porträts unlängst in Berlin ausgerufene 'Kant-Dekade' eine willkommene Ergänzung zur 'Luther-Dekade' (2007 bis 2017). Denn die Reformation, darf man nicht vergessen, gab trotz ihrer religiösen Erneuerung auch Anlass für Jahrzehnte konfessioneller Religionskriege."

Ebenfalls für die NZZ besucht Alena Wagnerová eine Jesus-Figur, der eine Granate das Kreuz wegsprengte, in Lothringen, die für Karl Kraus in seinen Polemiken im Ersten Weltkrieg eine Rolle spielte.

Medien, 12.12.2014

Einige - eher internetaffine - Verbände von Zeitungen und Onlinemedien wenden sich in einem offenen Brief an EU-Kommissar Günther Oettinger gegen das spanische Leistungsschutzrecht, das Google und co. zwingen will, für Snippets zu bezahlen, berichtet Stefan Kempf bei heise.de: "Die Herausgeber fürchten, dass es ihnen die neue Gesetzgebung schwerer machen werde, 'gehört zu werden sowie neue Leser und Publikumssegmente zu erreichen'. Es würden neue Eintrittsbarrieren für Online-Dienste, aber auch für alte Hasen im Mediengeschäft beim Verbreiten ihrer Publikationen im Internet geschaffen." Zu den Verbänden gehört die deutsche Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL), der der Perlentaucher angehört. Hier der Aufruf als pdf-Dokument. Paul Ingendaay berichtet unterdessen in der FAZ, dass Google News seine iberische Seite schließt.

Jeff Jarvis nimmt gegen dieses spanische LSR in seinem Blog nochmal heftig Stellung, bekennt sich aber auch als Google-Fan, dem Google seine jüngsten Reisen nach Europa bezahlte. An die Adresse Googles sagt er: "Mehr als alle andere wünschte ich mir, dass Google häufiger das Netz um seiner selbst willen verteidigt. Ich wünschte, dass Google das Netz aggressiver gegen NSA und GCHQ verteidigt."

(Via turi2 ) Für alle Medien, die noch kein Geld von Google bekommen, bietet sich laut Petra Sorge bei Cicero.de noch ein anderes Geschäftsmodell: Auf einer vom Tagesspiegel veranstalteten "Agenda"-Konferenz konnten sich Lobbyisten Redezeit kaufen, um vor Politikern und "Entscheidern" zu sprechen. Tagesspiegel-Herausgeber "Sebastian Turner hatte in einem Dokument, das nur an die Lobbyisten ging, das eigentliche Ziel der Großveranstaltung erklärt: Der 'ganze Kongress' sei 'den Impulsen von Interessengruppen gewidmet'. Gemeint waren etwa die Automobilindustrie, die deutschen Banken, die Zigarettenlobby oder der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Diese halten kurze Vorträge von fünf bis acht Minuten - sogenannte 'Briefings'. 'Vorstellungen für die Zukunft des Landes' nennt Turner das." Für eine Konferenz soll ein Lobby-Verband schon mal 36.000 Euro bezahlen.



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