Heute in den Feuilletons Am freigelegten Busen

In der "NZZ" berichtet Alberto Nessi, wie er Schriftsteller wurde. Die "FAZ" hört eine "Ouverture spirituelle" - und in Stuttgart wird gezeigt, warum Wilhelm I. von Württemberg auf Gemälden nackte Frauen sehen wollte.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 21.07.2014

Mit der Inszenierung von Friedrich Hebbels "Kriemhilds Rache" nimmt Dieter Wedel nach 13 Jahren seinen Hut als Intendant der Wormser Nibelungen-Festspiele. In der Nachtkritik findet Harald Raab die Inszenierung trotz der martialischen Vorlage ziemlich gelungen. Das liegt für ihn im wesentlichen an der jungen, aus Leipzig stammenden Schauspielerin Charlotte Puder. Sie "lotet die ganze seelische Bandbreite der Kriemhild aus: ihren Schmerz, ihre Empörung, dass da nicht Gerechtigkeit ist für den Mord an ihrem Gatten Siegfried. Sie will den Mörder Hagen verurteilt sehen. Empörung schreit sie heraus, als ihre Brüder, auch der unschuldige Giselher, dem Mordgesellen die Treue halten, bis alles in Scherben fällt. Einer für alle, alle für einen: Spießgesellenmoral. Charlotte Puder vermittelt mit erschreckender Konsequenz einer Nemesis ihren Weg zur Rächerin, zur Herrin über Leben und Tod, weil sie sonst keine Sühne erlangen konnte: 'Ich schlag den Drachen tot und jeden mit, der sich zu ihm gesellt und ihn beschützt.'"

Außerdem: Eckhard Fuhr stört sich in der Welt daran, wie der Hunnenkönig Etzel "zum multikulturellen Musterknaben" stilisiert wird. Helmut Schödel von der SZ amüsierte sich bei drückender Hitze merklich unter Niveau: "Ein bisschen mehr Verstand hätte die Aufführung durchaus verdient." Deutlich gebannter saß Martin Halter von der FAZ im Publikum: "Die Atmosphäre von Misstrauen, Angst und grimmigem Wahn, die den Endkampf umwabert, ist mit Händen zu greifen, die Anspielungen auf den Vernichtungskrieg im Osten sind deutlich."

Georg Schmiedleitner erzählt im Interview mit der Presse, wie er Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" in Salzburg aufführen will: "Dreieinhalb Stunden gutes Sprechtheater. Wir konzentrieren uns auf die Sprache, machen die Aufführung pur, ohne Kriegskulisse, ohne viel Bühnenbild. Wir wollen keinen Naturalismus, sondern zusätzliche Bilder im Zuseher erzeugen, auch durch Verschlüsselungen. Das Publikum soll nicht zugemüllt werden, sondern der Schrecken über diesen Krieg soll in ihm entstehen. Es herrscht Kabarettverbot bei der Darstellung, ganz im Sinn des Autors."

Weitere Artikel: Nach dem Besuch der Tanzveranstaltung "Open Spaces" ist taz-Autorin Astrid Kaminski insbesondere vom Veranstaltungsort, den Uferstudios im Berliner Wedding, schwer begeistert: "Nach einem Ort mit vergleichbarem Potential muss man derzeit in Berlin lange suchen." Außerdem hat die FAZ mittlerweile Gerhard Stadelmaiers Rundumschlag wider einige Tendenzen im deutschen Theater online gestellt. Und arte bringt den letzten Auftritt von Monty Python in London, bei dem sich auch Marion Löhndorf für die NZZ amüsieren durfte.

Besprochen werden Julian Crouchs und Brian Mertes' Salzburger "Jedermann" ( Nachtkritik , Presse ) sowie Akram Khans und Israel Galváns im Festspielhaus Hellerau in Dresden aufgeführte Choreografie "Torobaka" (SZ).

Literatur, 21.07.2014

In der NZZ erzählt der Tessiner Alberto Nessi, wie er zum Schriftsteller wurde: "Obwohl es nicht leicht ist, die eigene Vergangenheit zu durchschauen, glaube ich sagen zu können, dass das Schreiben bei mir aus einer Verstümmelung entstand, aus einer Schuld und einer Entdeckung. Die Verstümmelung war der Tod des Vaters in meinem fünfzehnten Altersjahr; die Schuld betraf jene einfache Welt, welche ich verlassen hatte, um mit der Schule fortfahren zu können, ich, der als Erster meiner Familie den Weg der höheren Bildung einschlug; die Entdeckung bezog sich auf die Existenz einer Wirklichkeit parallel zur alltäglichen."

In der taz erzählt der irakischstämmige Schriftsteller Fadhil al-Azzawi Lewis Gropp unter anderem davon, wie er im Exil in der DDR gegängelt wurde. Jan Brandt erinnert in der Zeit an Uwe Johnson. Lucy Fricke berichtet in der taz vom literarischen Berliner Abend "Texte & Töne", bei dem im Literarischen Colloquium Berlin Literatur und Musik miteinander verbunden wurden. In amerikanischen Romanen dient der Holocaust immer öfter als dramatischer Hintergrund für eine Liebesgeschichte, notiert ein abgestoßener Hannes Stein in der Welt. Kersten Knipp schreibt in der NZZ zum Tod des brasilianischen Autors João Ubaldo Ribeiro.

Besprochen werden Burkhard Spinnens "Zacharias Katz" (SZ), Alexander Kluges "30. April 1945" ( taz , mehr), Ulrike Draesners "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" ( Tagesspiegel ) und neue Bücher über die Ursprünge der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert ( FR ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Musik, 21.07.2014

Ganz verzückt berichtet Gerard Rohde vom Auftakt der Salzburger Festspiele, der konzertanten "Ouverture spirituelle" mit geistlicher Musik aus verschiedenen Kulturkreisen. Bestnoten gehen an Orchester samt Chor - "großartig", jubelt der Kritiker -, sondern auch an die Architektur: "Im Salzburger Dom, diesem Wunderwerk der Kirchenarchitektur, erlebte man so etwas wie eine Oper, eine barocke Theatralische Aktion, mit wandernden Musikern und Sängern, die von Emporen und hochgelegenen Balkonen herrliche Raumklänge erzeugten, mit zartesten Echowirkungen und schwebenden Klängen."

Außerdem: Ueli Bernays (NZZ) erlebte einen riskanten Auftritt von Wayne Shorter und Herbie Hancock beim Montreux Jazzfestival. Wilhelm Sinkovicz unterhält sich für die Presse mit dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard, der in dieser Saison  34 Mal die 24 Präludien und Fugen des ersten Bandes von Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertem Klavier" spielen wird. Samir H.Köck erinnert in der Presse daran, wie Martha Reeves vor 50 Jahren den Song "Dancing in the Street" aufnahmen, der zu ihrem Leidwesen zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung wurde. In der SZ berichtet Jörg Scheller von seiner Begegnung mit Gott, also Lemmy Kilmister von Motörhead: "Die Apotheose des Lemmy (...) ist ein Glanzstück profaner Heilsgeschichte." Moritz von Uslar berichtet in der Zeit von einer eher frostigen Begegnung mit Poptheoretiker Diedrich Diederichsen: "Wir haben uns auf sehr animierende Art null verstanden."

Besprochen werden ein Konzert von Van Morrison ( taz ), ein Dokumentarfilm über das Metal-Festival in Wacken ( FAZ ), eine Beethoven-Aufnahme des Trio Zimmermanns (FAZ) und das neue Album der Manic Street Preachers (FAZ).

Film, 21.07.2014

In ihrer Reihe mit historischen Zeitungsberichten aus Zeiten des Ersten Weltkriegs bringt die taz einen Essay von George Bernard Shaw über das Kino als moralische Anstalt, der im Original 1914 erschienen ist. Sebastian Saam berichtet für den Tagesspiegel vom Filmfestival in Odessa. Nachrufe auf den Schauspieler James Garner schreiben Daniel Kothenschulte in der FR , Dietmar Dath in der FAZ und Gerhard Midding in der Welt .

Kunst, 21.07.2014

So prüde war das 19. Jahrhundert gar nicht und Wilhelm I. von Württemberg mochte Kunst überhaupt nur, wenn sie schöne nackte Frauen zeigte, lernt Tilman Krause in einer Stuttgarter Ausstellung über Wilhelm I. als Sammler: "Napoleon III., der seinen Pappenheimer kannte, schenkte ihm denn auch auch mal eine Leda, der der Schwan auf eine Weise an den freigelegten Busen geht, wie Meister Fragonard das nicht drastischer hätte darstellen können. In Paris lehnte 1855 die Auswahlkommission für die alljährliche Kunstausstellung 'Salon' die Leda rundweg ab, aber der Kaiser der Franzosen wusste, wem man mit so was eine Freude machen konnte. Und nun können erstmals, wie in vielen Fällen bei dieser Ausstellung, die Stuttgarter und andere Menschen diese Freude teilen, wenn sie es denn möchten. Und sie sollten!"

Ingo Arend ist für die taz nach Brüssel gefahren, zu der von Katerina Gregos kuratierten Ausstellung "No Country for Old Men" im Kunstpalast Bozar. Diese lässt 32 Künstler zu Wort kommen, die sich mit der Krise in Griechenland auseinandersetzen. Das Resultat ist gelungen, meint Arend: "Die Schau erschöpft sich keineswegs in Sozialrealismus und Agitprop. ... Die Mischung aus Wut, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, die den Kern der griechischen Krise ausmacht, ist zwar in allen Werken zu spüren. Zumeist überführen die beteiligten Künstler sie aber in eine metaphorische Ästhetik."

Außerdem: Online ist jetzt Hanno Rauterbers Bericht aus der Zeit über die umstrittenen Manifesta in St. Petersburg. Luisa Maria Schulz schreibt in der FAZ über die Brandschäden an der School of Arts in Glasgow.

Besprochen werden eine Ausstellung von Alfred Hrdlickas Radierzyklus "Wie ein Totentanz" im Willy-Brandt-Haus in Berlin ( Tagesspiegel ), eine Ausstellung von Krass Clements Fotografien in der Berliner Galerie Argus Fotokunst ( Tagesspiegel ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 21.07.2014

Bei propalästinensischen Demonstrationen sind antisemitische Parolen inzwischen Alltag. Die Achse des Guten verlinkt auf ein Video von einer Demo in Berlin mit der Parole: "Jude Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein." Filipp Piatov kommentiert in der Welt: Meinungsfreiheit steht immer über Objektivität. Doch wenn aus Israelkritik antisemitische Hetze wird, ist eine Grenze überschritten. Für Juden kommt die Gefahr lange nicht mehr nur von rechts. Die meisten haben noch nie einen Nazi gesehen. Aber jüdische Schüler bekommen antizionistische Drohbriefe, wenn Israel auf den Raketenbeschuss der Hamas reagiert. Der lauteste Teil der Unterstützer Palästinas hat jegliches Maß verloren und gibt allen die Schuld, die Kippas oder Davidsterne tragen. Das ist Rassismus."

In Paris wurde eine propalästinensische Demo unterdessen verboten, weil es bei der letzten derartigen Gelegenheit zu Angriffen auf Synagogen kam. Am Wochenende wurden trotzdem in Sarcelles bei Paris, wo es eine große jüdische Gemeinde gibt, viele Geschäfte in Brand gesteckt, darunter ein koscherer Lebensmittelladen, berichtet Le Monde. "Krieg in Gaza und hier ein Pulverfass", titelt Libération. Auf Rue89 wird bewundernd über andere Länder berichtet, wo solche Demos nicht zu Ausschreitungen führen, zum Beispiel in Irland (was nicht heißt, dass es dort nicht zu antisemitischen Sprüchen kommt, wie die Transparente auf den Fotos zeigen). In London demonstrierten 15.000.

Bernard Schalcha schreibt auf La Règle du Jeu: "Es handelt sich sehr wohl um einen asymmetrischen Konflikt, denn Israel bekämpft einen politisch-militärischen Gegner, während die Hamas Krieg gegen die Juden führt. Mahmud Abbas, Chef der palästinensischen Autonomiebehörde beschuldigt die Israelis, im Gaza-Streifen einen 'Genozid' zu verüben und macht sich somit zum Sprachrohr einer infamen Propaganda, die von allen antisemitischen und negationistischen Kräften auf dem Planeten mit Genuss weiterverbreitet wird."

Kann gut sein, dass die Meldung nur ein Propagandatrick ist, aber Sonja Zekri greift sie trotzdem in der SZ auf: Angeblich hat die Isis damit gedroht, die Kaaba zu zerstören, um den Götzendienst von Mekka zu beenden. Zuzutrauen wäre es den Gotteskriegern, meint Zekri: "In Mosul besetzten sie die chaldäische Kirche, rissen die Kreuze und eine Heiligenstatue herunter und hissten ihre schwarze Flagge. Verglichen mit der Aggression gegen die eigenen islamischen Heiligtümer wirkt dies fast milde. Eine der ersten Anordnungen der Dschihadisten nach der Eroberung Mosuls war die Zerstörung der 'heidnischen Tempel', sprich: der schiitischen Heiligtümer."

Medien, 21.07.2014

Und dann noch dieses Zitat von Christian Wulff, das auch das Altpapier aufgegriffen hat: "Nach dem Freispruch hieß es dann: Na ja, rechtlich mag das alles in Ordnung sein - aber moralisch! Das erinnert mich an eine Jagdgesellschaft, die ein nicht zum Abschuss freigegebenes Tier erlegt und anschließend sagt: War trotzdem richtig, das Tier hatte Tollwut."

Außerdem: Andrej Ivanji berichtet in der taz, in welch prekärer Lage sich Serbiens Medien befinden, politisch und ökonomisch.

Internet, 21.07.2014

John Biggs guckt sich für Techcrunch die Bestseller des Kindle Unlimited-Programms an, in dem man für 9.99 Dollar im Monat unter 600.000 Titeln wählen darf, und findet wie zu erwarten keine Titel der großen fünf Verlage: "Tatsächlich haben die meisten großen Verlage ja gerade daran gearbeitet, in andere Partner zu investieren. Oyster Books profitiert zum Beispiel von diesem Anti-Amazon-Gefühl, während Häuser wie Zola Books von Insidern aus der Verlagsszene gegründet wurden. Ob diese Dienste reüssieren werden, ist ein andere Frage."

Seine ganz eigene romantische Berechnung der Zeit führt Roman Bucheli in der NZZ aus. All die Apps auf seinem Handy verhindern, dass er auf Ab- und Umwege gerät: "Es zeigt mir mich als Stecknadelkopf, wo ich früher umständlich Landkarten und Stadtpläne vor mir ausbreitete und auf der Suche nach mir selber ins Sinnieren geriet über unaussprechliche Straßennamen, verwunschene Winkel oder kuriose städtische Topografien. Ich fand stets mehr als nur mich selber - und erkannte darin die Prämie für den - zugegeben: gelegentlich und zumal bei Wind und Regen aussichtslosen - Kampf mit unübersichtlich gefalteten Stadtplänen groß wie Tischtücher."

Politik, 21.07.2014

In Blog der LRB stellt James Meek klar, dass die Welt gut ohne Russland auskommen kann. Russland ist nicht "der Osten" und auch lange nicht so groß und bedeutend, wie es glaubt: "Ich sprach vor kurzem mit einem Abgeordneten, der öfters von einem Geschäftsmann mit Verbindungen in die Ukraine und nach Russland bearbeitet worden war. Der Abgeordnete schüttelte den Kopf und sprach vom Risiko, Russland zu provozieren, einem Land mit 300 Millionen Einwohnern. Ich erklärte ihm, dass er wohl die Bevölkerung der alten UdSSR meine. Als die Sowjetunion auseinanderfiel, wurde die Hälfte seiner Einwohner, vor allem Ukrainer, Kasachen, Usbeken und so weiter Bürger der neuen Länder. Die tatsächliche Einwohnerzahl beträgt 143 Millionen, also ungefähr die Größe von Deutschland und Britannien zusammen, und ist damit jetzt schon kleiner als Pakistan, Bangladesch oder Nigeria. Die Zahl entspricht außerdem den früheren kommunistischen Ländern Osteuropas plus Ukraine."

Mit Ach und Krach und internationaler Unterstützung konnte das Filmfestival von Odessa in diesem Jahr eröffnen, wurde jedoch vom Abschuss der malayischen Maschine kalt erwischt, berichtet Sebastian Saam im Tagesspiegel: "Festivalchefin Julia Sinkyevich sagt alle weiteren Partyteilnahmen ihres Teams ab und lässt den roten Teppich zwei Tage vor Ende des Festivals einrollen. Vor der Muzkomedija werden 298 Kerzen für die Opfer der Katastrophe angezündet. Man sei 'tief getroffen', erklärt sie. Auch im kommenden Jahr soll es wieder ein Festival in Odessa geben. Noch weiß niemand, ob der Konflikt sich nicht vielleicht auch bis hierher ausweiten wird. Auf den Festivalpartys äußert so mancher Besucher die Vermutung, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis auch hier Barrikaden aufgebaut werden."

Kulturpolitik, 21.07.2014

Sehr mutig findet Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung die Entscheidung, das geplante fluffige Einheitsdenkmal in Leipzig nicht zu bauen. "Recht so! Ein Projekt, das sich nicht als sinnreich erwiesen hat, muss gestoppt werden können. Es ist absurd, dass sich Rechnungshöfe oder Politiker immer wieder über angeblich umsonst ausgegebene Planungsgelder erregen. Auch eine abgebrochene Planung ist zu etwas gut: Man weiß, dass es so nicht geht, andere Lösungen preiswerter, effizienter, sinnreicher sein können."



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