Heute in den Feuilletons "Der Geschmack tendiert zur halbkünstlerischen Mitte"

Die "FAZ" kritisiert die Jury des Deutschen Filmpreises, die "Süddeutsche" nimmt das Amsterdamer "Anne Frank"-Musical gegen Kritik in Schutz - und die "taz" meint, dass in der Debatte um konfliktscheue Gegenwartsliteratur die Diskutanten konfliktscheu seien.


Efeu - Die Kulturrundschau

Literatur, 12.05.2014

So viele Schriftsteller wie in den vergangenen Tagen dürften sich schon lange nicht mehr in Berlin aufgehalten haben. In der Berliner Zeitung berichtet etwa Sabine Vogel davon, dass am vergangenen Freitag 23 Schriftsteller im Berliner Literaturhaus ihr Projekt "August 1914" vorgestellt haben, für das die Autoren in den Zeitungsarchiven in ihren Heimatstädten Meldungen und Texte zum Beginn des Ersten Weltkriegs recherchieren und auswerten.

Außerdem diskutierten beim Europäischen Schriftstellerkongress 29 Autoren darüber, welche Rolle die Literatur für Europa künftig einnehmen könnte, ließen dabei aber jede positive Vision von Europa und auch jeden Freiheitsbegriff missen, kritisiert Katharina Teutsch in der FAZ. Cornelius Wüllenkemper ist in der SZ ganz zufrieden mit dem Abschlussmanifest, das "auf die 'Wahrnehmung des Fremden' und die Bereitschaft, widersprüchliche Realitäten zu akzeptieren" setzt.

Auch die zuletzt etwas eingeschlafene Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur wurde in Berlin nochmal angestoßen: Für die taz war Andreas Hartmann im Roten Salon, wo Florian Kessler, der die Debatte mit einer Polemik in der Zeit losgestoßen hatte, an zwei Abenden mit Schriftstellern und anderen Vertretern des Betriebs diskutierte. Auf der Bühne war Kessler deutlich weniger konfliktfreudig: "Aus dem Unruhestifter Florian Kessler wurde auf der Bühne schnell einer, der so wirkte, als habe er früher in der Schule seiner Deutschlehrerin die Aktentasche hinterhergetragen. Ganz behutsam und hundertprozentig konfliktscheu gingen die Autoren Olga Grjasnowa, Nora Bossong, Simon Urban und Thomas Klupp aber auch miteinander um und damit letztlich ganz so, als wollten sie den Vorwurf, die jungen deutschen Schriftsteller von heute stünden für rein gar nichts mehr ernsthaft ein, vor Publikum bekräftigen."

In der SZ schreibt Hilmar Klute den Nachruf auf Hugo Ernst Käufer. Volker Breidecker gratuliert in der SZ, Sandra Kegel in der FAZ der Schriftstellerin Eva Demski zum 70. Geburtstag. Außerdem ist in der NZZ Martin Meyers Laudatio auf Robert Menasse anlässlich der gestrigen Verleihung des Max-Frisch-Preises abgedruckt, der Tages-Anzeiger bringt Menasses Dankesrede.

Besprochen werden Renata Adlers "Rennboot" ( Zeit ), Hans Herbert Grimms wiederentdeckter Erster-Weltkriegs-Roman "Schlump" ( Tagesspiegel - mehr) und Stephan Wackwitz' "Die vergessene Mitte der Welt" (SZ).

Bühne, 12.05.2014

Michael Thalheimer hat in seiner Frankfurter Inszenierung der "Nora" seine Heldin vorne rechts auf die Bühne gestellt und da stehen lassen. 80 Minuten lang. FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier ist entsetzt: "Es ist, als habe der Regisseur die Figur von allem Sagbaren abgewürgt. Sie scheint ihm absolut gleichgültig." FR-Kritikerin Judith von Sternburg findet das Konzept eher interessant: "Die anderen Figuren haben einen langen Weg zu ihr von der hohen, schmalen Tür am hintersten Teil des Keiles bis ganz nach vorne. So weit ist der Weg, dass sie zunächst winzig aussehen. Keine optische Täuschung, bloß eine enorme Distanz. Sie zu überwinden, kann lächerlich machen, hier auf jeden Fall: Ein imaginärer Laufsteg für Elende." Weitere Besprechungen in der Welt und der Nachtkritik .

In der Berliner Zeitung schreibt Dirk Pilz Notizen zur Halbzeit des Berliner Theatertreffens, wo es nicht nur für Twitterer reserviere Sitzreihen gibt, sondern auch einen kleinen Plagiatsskandal (hier dazu mehr).

Besprochen werden Ariane Mnouchkines Pariser "Macbeth" (Eberhard Spreng bezeugt im Tagesspiegel erst einen "üppigen", dann einen "kruden", schlussendlich aber doch einen "unterhaltsamen Bilderbogen"), Armin Petras' in Stuttgart aufgeführte "Marquise von O"-Inszenierung ( Nachtkritik ) und die "Anne Frank"-Inszenierung in Amsterdam (SZ).

Film, 12.05.2014

Sehr ermattet und wenig amüsiert berichtet Cristina Nord in der taz vom Deutschen Filmpreis: "Lobbyismus und Floskeln, offensiv ausgestelltes Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Anspruchshaltung, eingebettet in eine Gala, bei der der Moderator Jan Josef Liefers noch den schlechtesten Witz vom Teleprompter ablas: Wollte man zuspitzen, dies wäre das Resümee des Freitagabends." In der FAZ wundert sich Andreas Kilb unterdessen kein Stück über die unambitionierte Endauswahl: "Die Akademie kann als vereinsmäßig verfasste Institution eben nur den Mehrheitsgeschmack ihrer Mitglieder spiegeln, und der tendiert zur halbkünstlerischen Mitte."

Weitere Artikel: Im Kurier spricht Alexandra Seibel mit Mario Adorf über dessen neuen, in der SZ von Christine Dössel besprochenen Film "Der letzte Menstsch". Hannes Stein freut sich in der Welt, dass die Fernsehserie "24" nach mehrjähriger Pause fortgesetzt wird. Verena Lueken trifft sich für die FAZ fünf Jahre nach dessen internationalen Durchbruch mit Christoph Waltz in Los Angeles. Besprochen wird außerdem Niels Bolbrinkers Doku "Die Wirklichkeit kommt" ( taz ).

Musik, 12.05.2014

Sven Sakowitz von der Jungle World hat mit dem Album "Alle Ampeln auf Gelb!" der aus der Kultband Superpunk hervorgegangenen Hamburger Soulband Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen bereits die Feelgood-Platte des kommenden Sommers ausfindig gemacht: "In einer besseren Welt wäre 'Kennst du Werner Enke?' jedenfalls der Sommerhit des Jahres. Kinder sängen das fröhliche 'Düdüdüdüdü' morgens auf dem Schulweg, abends tanzten sympathische Menschen auf Strandpartys im Sonnenuntergang zu dem treibenden Dance¬floor-Filler. Wie fast jeder der zehn Songs ist auch dieser von Spielfreude und einem ansteckenden Optimismus geprägt." Hier gibt es einige Hörproben.

Gerrit Bartels resümiert im Tagesspiegel den Eurovision Song Contest. Toll findet es Fabian Leber (ebenfalls Tagesspiegel) unterdessen, dass sich Conchita Wurst gar nicht erst auf ironische Camp- und Trashästhetik eingelassen hat: "Hier ging es nicht um klassisch-üppige Travestie, um ein faschingsartiges Rollenspiel, das auch auf 60-jährige Familienväter anziehend wirken kann, weil immer klar ist, wer der Clown ist. Conchita Wurst hatte sich selbst ernst genommen - und ihr Act wird genau deshalb auch politisch ernst genommen." Für Jan Feddersen in der taz war Wurst "die Beste in performativer Hinsicht". So richtig begeistert klingt das nicht. Hier nochmal Conchita Wursts Auftritt:



Allerdings kam der Auftritt nicht überall so gut an. So twitterte Vizepremierminister Dmitrij Rogosin, der ESC-Sieg Wursts zeige "Anhängern einer europäischen Integration, was sie erwartet - ein Mädchen mit Bart", während der LDPR-Abgeordnete Wladimir Schirinowski sogar "das Ende Europas" heraufbeschwört, meldet Spiegel Online. Ganz andere Sorgen hat ORF-Finanzchef Richard Grasl, der überlegt, wie die 20 Millionen Euro teure ESC-Show gestemmt werden kann, die nächstes Jahr von Österreich ausgerichtet wird, berichtet der Kurier.

Für die Berliner Zeitung hat Johannes von Weizsäcker das Berliner Festival für "Doofe Musik" besucht. Besprochen werden das neue Album von Roddy Frame (FAZ), ein düster-elektronischer Konzertabend im Berliner Berghain mit Sixth Sense und Gazelle Twin ( Berliner Zeitung ) und ein Konzert von Alban Gerhart mit den Berliner Philharmonikern ( Tagesspiegel ).

Kunst, Ausstellungen, Architektur, 12.05.2014

Paris war mal die Welthauptstadt der Kunst und ist nun zur Provinz herabgesunken, klagt Anne de Coninck in slate.fr. Zwar haben drei junge französische Künlstlerinnen, Laure Prouvost, Camille Henrot und Pauline Curnier, jüngst bedeutende Preise bekommen - aber sie leben in London, New York und Berlin: "Sie zeigen, dass es für junge Künstler unmöglich geworden ist zu reüssieren, wenn sie in Frankreich und der französischen Kunstszene bleiben."

Weitere Artikel: Worin sich Europa vom Rest der Welt unterscheidet, ist das Modell der europäischen Stadt, schreibt Gottfried Knapp im Aufmacher der SZ und referiert schwärmerisch die europäische Architekturgeschichte.

Besprochen werden die Ausstellung "Heinrich Klotz und die Wunderkammer DAM", mit der das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt sein 30-jähriges Jubiläum feiert ( FR ), der neue Dokumentarfilm über Ai Weiwei ( FR ), die um ein Kapitel zum Kunsthandel erweiterte Neuauflage von Melissa Müllers und Monika Tatzkows Buch "Verlorene Bilder, verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde" ( taz ) und eine Ausstellung von Max Liebermanns Heckengärten-Malereien in der Liebermann-Villa am Wannsee ( Tagesspiegel ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 12.05.2014

Allen, die wie etwa Götz Aly (hier) oder Jörg Baberowski (hier) andeuten, dass die Ukraine eigentlich gar nicht existiert, antwortet Timothy Snyder in einem Essay in der New Republic, dass die Ukraine - jenseits ihrer älteren Geschichte , auf die sie sich berufen kann - schon deshalb existiert, weil sie Schauplatz der zentralen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts war, des Soziozids an den Bauern und des Holocaust: "Die Ukraine stand im Zentrum der Politik, die Stalin 'innere Kolonisierung' nannte, die Ausbeutung von Bauern innerhalb der Sowjetunion statt entfernter Kolonialvölker, und sie stand auch im Zentrum von Hitlers Plänen für eine externe Kolonisierung. Der Nazi-'Lebensraum' war in erster Linie die Ukraine." Und Snyder stellt fest: "Wenn die Ukraine keine Vergangenheit hat, dann hat Hitler nie versucht, ein Reich zu bauen und Stalin hat nie Terror durch Hunger verbreitet."

Christoph von Marschall berichtet im Tagesspiegel von den deutsch-polnischen Medientagen in Potsdam. Thema war die Ukraine - und unter den Journalisten herrschte Einigkeit über eigene Versäumnisse: "In beiden Ländern seien 'die Medien auf die Entwicklung nicht vorbereitet' gewesen. Sie hätten die Ukraine und auch Russland jahrelang vernachlässigt, analysiert Maria Przelomiec vom Polnischen Sender TVP. Washington, Brüssel und generell Westeuropa galten als wichtiger - 'doch auf einmal sieht es so aus, als werde die Zukunft Europas im Osten entschieden'."

Geschichte, 12.05.2014

Nicht nur in Italien, auch in Frankreich gibt es eine Konfliktlinie zwischen Nord und Süd, die im Ersten Weltkrieg aufbrach, als man den Soldaten aus der Provence erste Niederlagen der französischen Armee anlastete, schreibt Wolf Lepenies in der Welt: "Bereits die französische Niederlage gegen Preußen im Jahre 1870 wird den Soldaten aus dem Midi angelastet; der Philosoph Ernest Renan geht so weit zu behaupten, das Unglück Frankreichs liege im Süden und das Land hätte keine Probleme mehr, wenn es sich endlich vom Languedoc und der Provence trennen würde."

Religion, 12.05.2014

Sehr scharf antwortet Hamed Abdel-Samad in der Welt auf Joseph Croitorus Kritik seines Buchs "Der islamische Faschismus" in der SZ (unser Resümee) - die Redaktion der SZ ließ ihn offenbar nicht auf Croitorus Vorwurf der Geschichtsklitterung entgegnen. Es geht wieder einmal um die Nähe der Muslimbrüder zum Faschismus, die Croitoru mit dem Argument bestreitet, dass Hassan al-Banna dem Faschismus gegenüber erst skeptisch gewesen sei und sich dann ganz distanziert hätte: "Belege für diese anfängliche Skepsis und spätere scharfe Kritik bringt Croitoru nicht. Dagegen gibt es zwischen 1935 und 1946 zahlreiche Verlautbarungen und Artikel al- Bannas und seiner Gefährten, die ihre Nähe zum europäischen Faschismus deutlich bestätigen. Während des Zweiten Weltkriegs behauptete der Gründer der Muslimbruderschaft, Deutschland, Italien und Japan stünden dem Islam nah." Croitorus Artikel steht in der SZ auch online.

Politik, 12.05.2014

Michelle Obama hat an Stelle ihres Manns die wöchentliche kleine Rede ans amerikanische Volk gehalten - um über die in Nigeria entführten Mädchen zu sprechen: "In diesen Mädchen sehen Barack und ich unsere eigenen Töchter." Sie spricht auch über den Mut der Mädchen: "Ihre Schule war vor kurzem wegen terroristischer Drohungen geschlossen worden, aber diese Mädchen bestanden darauf zurückzukehren, um ihre Prüfungen abzulegen."



Im Daily Telegraph berichtet Colin Freeman aus Abuja in Nigeria, dass die Mädchen tagelang nur etwa dreißig Kilometer von ihrer Schule entfernt festgehalten wurden, die Behörden aber nicht eingriffen. Dafür verurteilten immer mehr prominente Muslime das Kidnapping: "General Ibrahim Babangida, a former Nigerian military ruler, urged the country's Muslims to stop extremists sullying the name of Islam. ... In Qatar, the International Union for Muslim Scholars also condemned 'the terrible crimes offensive to Islam' and said the actions of Boko Haram were 'very far from Islamic teachings.' It called on Boko Haram to immediately release the girls, saying that threats to sell them into slavery were against Islamic Sharia law. The Nigerian extremists also were condemned in online conversations at jihadi forums."

In der FAS plädiert der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka an seine Landsleute, den Extremisten nicht nachzugeben: "Wir können nicht empfehlen, alle sollten sich den uniformierten Streitkräften anschließen, die ihre Rettungseinsätze in Höhlen und Sümpfen im Urwald durchführen, nicht nur um den Feind zu vernichten, sondern, im Augenblick, um unsere Kinder zu retten, die man mit Gewalt aus ihren Bildungseinrichtungen geraubt hat, um sie - wir wollen nicht darum herum reden, sondern dem ganzen Schrecken ins Auge sehen, damit wir das Unheil erkennen, das uns als Volk bedroht - zu Sexsklaven irgendeines ungewaschenen Hundes zu machen. Diese Kinder werden massive Hilfe benötigen, wenn sie wieder zu Hause sind. Wer sich jetzt verweigert, verrät unsere eigenen Nachkommen und stärkt die fortgesetzten Verbrechen gegen unsere Menschlichkeit. Es gibt keine Alternative: Wir müssen den Kampf zum Feind tragen." (Der Text ist die gekürzte Version einer Rede, die Soyinka auf einer Buchmesse in Port Harcourt in Nigeria hielt.)

Kulturpolitik, 12.05.2014

Jürgen Kaube freut sich in der FAZ, dass Pädagogen sich in einem Offenen Brief endlich gegen die Pisa-Tests wehren, die inzwischen vor allem der Politik nützten: "Je mehr Reform, desto aktiver kommt sich die Politik vor, desto beschäftigter sind Verwaltungen und desto mehr Absatzfreude entsteht bei den Ausrüstern in den Verlagen und an den pädagogischen Lehrstühlen, die sich für so etwas hergeben. Also kann es für sie alle gar nicht genug Reform, gar nicht genug Krisendiagnosen, gar nicht genug Bewegung in der Pisa-Tabelle geben." (Andreas Schleicher von der OECD, an den der Brief gerichtet war, hat inzwischen kurz drauf geantwortet.)

Stefan Koldehoff fürchtet in der FAZ, dass der sich abzeichnende Streit um die Sammlung Gurlitt (ein 93-jähriger Cousin und sein 65-jähriger Sohn haben bereits erklärt, das Testament anfechten zu wollen), die Klärung der Raubkunstvorwürfe unerträglich verzögern könnte.

Weiteres, 12.05.2014

Die SZ druckt Hans-Ulrich Wehlers Dankesrede für den Lessing-Preis für Kritik, in der er Kritik an der zunehmenden sozialen Ungleichheit in Deutschland übte. In der FR sieht Norbert Mappes-Niediek eine neue Balkankrise heraufziehen, wenn die EU nicht schleunigst Serbien und Bosnien integriert. Die Krautreporter wollen ein Magazin für investigativen Journalismus werden und dafür per Crowdfunding 900.000 Euro auftreiben, meldet der Spiegel. Mit dabei sind Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr, Jens Weinreich und Thomas Wiegold, Chefredakteur wird Alexander Streit (eine Damentoilette wird in den Redaktionsräumen also vorerst nicht benötigt).



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