Heute in den Feuilletons Statt zum Mauerfall ging Handke in die spanische Ödnis

Muss jetzt die Rockgeschichte umgeschrieben werden? "Stairway to Heaven" steht unter Plagiatsverdacht. Die "SZ" besichtigt das als Museum neueröffnete Kaufhaus Schocken in Chemnitz. Und Jens Christian Grøndahl rät in der "NZZ" seinen Schriftstellerkollegen, sich vom Zeitgeschehen fernzuhalten.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 21.05.2014

Cannes, 7. Klappe. Anke Sterneborg gratuliert in der Zeit dem Verleiher Wild Bunch dazu, mit Abel Ferraras neuem, umstrittenen Film "Welcome to New York" nicht ins offizielle Festivalprogramm eingeladen worden zu sein: Etwas Besseres hätte dem sich lose mit dem Dominique-Strauss-Kahn-Skandal befassenden Film gar nicht passieren können, meint sie. "Das Guerilla-Screening am Rande des Festivals am begehrten Startwochenende ist ein gelungener Werbecoup, durch den ein schmuddeliger kleiner Film allemal mehr Aufmerksamkeit bekam, als er wirklich verdient." Ganz so einfach will es sich Cristina Nord mit diesem Film - den sie als zu Kopierschutzzwecken mit ihrer Namenseinblendung versehenen Stream gesehen hat, was zur Folge hatte, dass ihr Name gleich auf mehreren Pobacken prangte - nicht machen. Den Vorwurf, der Film bediene antisemitische Klischees, will sie in der taz zwar nicht von der Hand weisen: Doch man werde ihm "nicht gerecht, wenn man ihn einfach nur abscheulich findet. Es ist wohl eher so, dass Ferrara gerade nach dem sucht, was Abscheu auslöst. Statt es in seiner Mise en Scène zu beschönigen, stellt er es aus. ... [Dies] ist ein unbehaglicher Film, was seinem zutiefst unbehaglichen Sujet entspricht."

Im Tagesspiegel identifiziert Jan Schulz-Ojala nicht nur in Abel Ferraras abseits gezeigtem Film, sondern auch im Wettbewerb des Festivals einen bemerkenswerten Trend: Es wimmelt regelrecht von "Macho-Monstern": "Angeknackst sind sie in ihrer Psyche allesamt, ihr Machtbedürfnis aber stellen sie, ob seelisch oder körperlich, umso brutaler zur Schau. Sollte da, nehmen wir das Kino als Gradmesser für Globalbefindlichkeiten, nach Jahren mit männlichen Jammergestalten ein neuer Typus entstehen - zwar dumm, aber laut und durchsetzungsbedürftig, mit Bizeps oder Brieftasche?"

In der Berliner Zeitung resümiert Anke Westphal die vergangenen Festivaltage: Besonders "Deux Jours, Une Nuit", den neuen Film der in Cannes schon oft prämierten Dardenne-Brüder, hält sie für sehr palmenwürdig. Wenke Husmann von Zeit Online kann dem nur beipflichten, und auch Tobias Kniebe ist in der SZ sehr angetan vom neuen Werk der Palmen-Dauerabonnenten, denen er eine Entwicklung "hin zu immer noch größerer Klarheit, Einfachheit, Stringenz" attestiert. Vollkommen begeistert berichtet unterdessen Nino Klingler von critic.de von seiner Kinoerfahrung mit diesem Film: "Am Ende ist man nicht nur ausgelaugt wie nach einem Big-Budget-Thriller, sondern gleich noch viel reicher um Erfahrungen und Einsichten, so stark sensibilisiert für verschiedene Lebenswege in ihrer ganz wirklichen Verfassung, dass man nur ehrfürchtig staunen kann. Dafür gehe ich ins Kino."

In der FAZ rät Verena Lueken unterdessen der Jurypräsidentin Jane Campion, Naomi Kawases Film "Still the Water" mit der Goldenen Palme zu prämieren. Dem kann sich Susanne Ostwald in der NZZ nur anschließen: "Traumverloren schön, mitreißend, bewegend, zutiefst spirituell, aber ohne esoterische Auswüchse ist dieser Film". Und auch Hanns-Georg Rodek gerät in der Welt ins Schwärmen: "Selten hat es im Kino eine so lange, so unsentimentale, so tröstende Sterbeszene gegeben wie in 'Still das Wasser', selten ist eine junge Liebe so sachlich-schön erblüht. Der Mensch, möchte man für die Dauer eines Kawase-Films glauben, ist doch ein Rädchen der Schöpfung und nicht ihr Rädelsführer."

Abseits von Cannes: Der Tages-Anzeiger meldet, dass der Kameramann Carlo Varini beim Sturz aus dem Fenster eines brennenden Hauses ums Leben gekommen ist. In der Welt schreibt Gerhard Midding den Nachruf auf den Kameramann Gordon Willis. Hans-Jörg Rother gratuliert im Tagesspiegel dem auf russische Filme spezialisierten Kino Krokodil in Berlin zum 10-jährigen Bestehen. Besprochen wird Bryan Singers "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" ( taz , Standard , Kurier ).

Kunst, 21.05.2014

Burkhard Müller (SZ) begeht das als Museum für Archäologie neueröffnete Kaufhaus Schocken in Chemnitz, dem er von Herzen Höchstnoten ausspricht, insbesondere auch, was die historische Tiefe dieses auf fünf Etagen verteilten Rundgangs durch die Archäologiegeschichte betrifft: "Der naheliegenden Gefahr des Setzkastens, der sich ins Kleinteilige verliert, begegnet die Großzügigkeit der Kurve. In ihr treten die Kontinuitäten und Verwandlungen der langen Zeit, wie sie im Leben der einfachen Leute vorüberzog, anschaulich vor Augen."

Im Freitag unterhält sich Christine Käppler mit Juan Gaitán, den Leiter der 8. Berlin Biennale, unter anderem über dessen Entscheidung, das Ethnologische Museum im von allen Kunst-Hotspots der Stadt fernen Dahlem in das Festival zu integrieren.

Besprochen werden eine Videokunst-Installation in der Münchner Villa Stuck, die Luis Buñuels Film "L'Âge d'Or" nachstellt ( Tagesspiegel ), eine Pierre Huyghe gewidmete Schau im Museum Ludwig in Köln ( taz ) und die Ausstellung "Dem Licht Entgegen" auf der Mathildenhöhe in Darmstadt ( FR ).

Literatur, 21.05.2014

Der dänische Schriftsteller Jens Christian Grøndahl denkt in einem weitschweifigen Essay in der NZZ darüber nach, ob es Aufgabe der Schriftsteller ist, aktuelle Ereignisse zu kommentieren: "Das erinnert mich an einen Essay von Peter Handke, in dem er beschreibt, wie ihn seine Berliner Freunde 1989 drängten, mit ihnen zu kommen, um den Mauerfall mitzuerleben. Geschichte geschieht vor unseren Augen, sagten sie, in der Annahme, dass solche Zeugenschaft der Traum eines jeden Schriftstellers sei. Woraufhin Handke Berlin verließ, um durch desolate spanische Landstriche zu reisen und einen Essay über die Jukebox zu verfassen. Wie ein flämischer Maler machte er sich gerade dort auf die Suche nach Bedeutung und Tiefe, wo diese scheinbar nicht vorhanden waren."

Besprochen werden unter anderem Marie NDiayes Roman "Ladivine" ( Freitag ), Su Turhans Bayernkrimi "Bierleichen" ( taz ), Yali Sobols Roman "Die Hände des Pianisten" (FAZ), Ines Geipels "Generation Mauer" ( Berliner Zeitung ) und Mawils Comic "Kinderland" (SZ).

Bühne, 21.05.2014

Berauscht kehrt Helmut Mauró (SZ) von Àlex Ollés "Faust"-Inszenierung in Amsterdam zurück: Sänger, Musik und Regie - fast nur Spitzenleistungen! Dennoch grämt es ihn ein wenig, "dass diese Tragödie ihren moralinsauren fauligen Dauergeruch nie los wird. ... Dirigent Marc Minkowsky scheint hier überraschenderweise ganz in seinem Element zu sein. Selbst dort, wo ihm die Rotterdamer Philharmoniker nicht in jeder Zuckung akkurat folgen, tobt und wütet er, suhlt sich in der romantisch-sinnlichen Katastrophenmusik, wird geradezu lüstern, wenn Gretchen, die Unberührbare, ihrem Liebesleid erliegt."

Weitere Artikel: Im Standard unterhält sich mit Ronald Pohl mit Johan Simons über dessen Inszenierung von Jean Genets "Die Neger" im Rahmen der Wiener Festwochen. Besprochen wird Volker Löschs am Theater Bonn aufgeführte "Waffenschweine" (SZ).

Musik, 21.05.2014

Muss die Rockgeschichte umgeschrieben werden? "Stairway to Heaven", einer der größten Rocksongs aller Zeiten, ist womöglich ein Plagiat: Wie Vernon Silver in Bloomberg Businessweek berichtet, hat die Stiftung des 1997 verstorbenen Gitarristen Randy California von der Band Spirit Klage wegen Urheberrechtsverletzungen eingereicht. Demnach habe California im Jahr 1968 den Song 'Taurus' geschrieben, im folgenden Jahr habe sich Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page das Intro dann bei gemeinsamen Konzerten mit Spirit abgeschaut.

Weitere Artikel: Ulrich Stock von der Zeit spricht mit den Machern des Schaffhauser Jazzfestivals. Gabriela Schöb berichtet in der NZZ vom 3. Volksmusikfestival in Altdorf. Besprochen wird die David-Bowie-Ausstellung in Berlin ( Standard, Kurier, SZ , auch mit einer Bilderstrecke).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 21.05.2014

Im Tagesspiegel erklärt der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow im Interview, warum er hofft, dass nicht Julia Timoschenko bei den Wahlen in der Ukraine am 25. Mai gewinnt: "Weil sie mit niemandem koalieren will. Selbst der Kandidat der Partei der Regionen, Mychajlo Dobkin, ist zum Wohle der Ukraine zu Koalitionen bereit. Timoschenko ist nur die Macht wichtig. Im Prinzip kontrollieren ihre Leute schon jetzt die Ukraine, Innenminister Arsen Awakow ist Mitglied ihrer Partei und Präsident Olexander Turtschinow, früher Leiter des Inlandsgeheimdiensts, ihre rechte Hand. Sollte sie Präsidentin werden, haben wir die gleiche Situation wie nach der Orangenen Revolution oder wie unter Janukowitsch. Wir hätten dann erneut die Diktatur durch eine einzige politische Kraft."

Im Forum der Welt plädieren der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und der liberale Ministerpräsident der Niederlande Mark Rutte dafür, dass die EU sich weniger um europaweite Kriterien für die Schulmilch oder Olivenölkännchen kümmert. Das könnten die einzelnen Staaten hervorragend selbst regeln. Wichtiger sei es, die Kernbereiche zu stärken: "Die Ukraine-Krise hat erneut belegt, dass die Europäische Union in globalen und für die Absicherung des Friedens in Europa so schwerwiegenden Fragen noch immer nicht imstande ist, kurzfristig eine abgestimmte außenpolitische Gemeinschaftsposition zu entwickeln."

Weitere Artikel: Auch Wolfgang Schäuble plädiert im FAZ-Feuilleton für eine Stärkung des Subsidiaritätsprinzips in der EU: "Die EU könnte sich im Wesentlichen auf Handel, Finanzmarkt und Währung, Klima, Umwelt und Energie sowie Außen- und Sicherheitspolitik konzentrieren - auf die Bereiche also, in denen nur die europäische Ebene nachhaltig erfolgreich handeln kann." Und in der SZ überlegt der Politologe Jan-Werner Müller hin und her, ob die Rechtspopulisten die EU lahm legen können, wenn sie bei den Wahlen zum EU-Parlament so erfolgreich sind wie befürchtet.

Religion, 21.05.2014

(Via Mashable) Einige Iranerinnen haben nach Pharell Williams' "Happy" auf Youtube getanzt - und sind prompt festgenommen worden.

Pharell Williams hat bereits reagiert:

Medien, 21.05.2014

Was bezwecken die FAZ und der Springer-Verlag eigentlich mit ihrer Anti-Google-Kampagne vor den Europawahlen, fragt Marcel Weiß in Neunetz: "Das Leistungsschutzrecht ist die Blaupause für das, was gerade passiert. Auch beim LSR fing die Lobbyarbeit für ein neues Gesetz mit Artikeln in den Presseerzeugnissen an. Ein Döpfner-Interview hier, ein Artikel von einem als unabhängigen Experten ausgegebenen Lobbyisten da." Weiß vermutet, dass sich die Presseverlage bestimmte obligatorische Vorzugsbehandlungen durch Google in die Gesetze schreiben lassen wollen - Sigmar Gabriel spricht bereits von einer "kartellrechtsähnlichen Regulierung", die er anstrebt.

turi2 greift einen Bericht des Handelsblatts auf, wonach die FAZ im letzten Jahr höhere Verluste gemacht hat. Der Geschäftsführer Thomas Lindner antwortet mit Kürzungen: "Lindner will weiter Personal in der Redaktion abbauen, betriebsbedingte Kündigungen soll es dabei nicht geben. Lindner setzt allein auf Vorruhestandsregelungen und Fluktuation. Bereits im März hatte die FAZ ihre Seitenzahl reduziert."

Außerdem: Thomas Schuler berichtet in der Berliner Zeitung über ein Labor für multimediales Erzählen, das Cordt Schnibben beim Spiegel eingerichtet hat.

Politik, 21.05.2014

Online ist jetzt Claudius Seidls Plädoyer aus der FAS für das Freihandelsabkommen mit den USA: Unserer Kultur könnte das nur gut tun.

Überwachung, 21.05.2014

In der Leitglosse der FAZ regt Niklas Maak sich über das E-Call-System auf, das ab nächstem Jahr verpflichtend in alle Neuwagen innerhalb der EU eingebaut werden und bei Unfällen automatisch Informationen an die Polizei liefern soll. Wirklich nur bei Unfällen? "Der Versichererverband Insurance Europe plädiert schon heute dafür, Versicherungsunternehmen Zugriff auf E-Call-Daten ihrer Kunden zu geben. Allein das Wissen, dass man jederzeit überwacht wird, könnte für ein vorsichtigeres Fahrverhalten sorgen, argumentieren deutsche Polizeivertreter."

Gesellschaft, 21.05.2014

Im Guardian wird jede Minderheit verteidigt. Doch wehe, Sie sind eine untersetzte Frau. Dann ist Schluss mit lustig bei der Linken. Und bei der Rechten sowieso. Das musste jetzt die irische Mezzosopranistin Tara Erraught erfahren, die beim Glyndebourne-Festival den Octavian im "Rosenkavalier" sang, berichtet in der Welt Lucas Wiegelmann: "Es ist das erste Mal, dass Tara Erraught in dieser Weise angegangen wird. Bei früheren Auftritten - etwa an der Bayerischen Staatsoper, wo sie Ensemblemitglied ist - wurde ihr Gewicht nie thematisiert. Die ungewöhnlich einhellige und besonders boshafte Berichterstattung [mehr hier] hat in England nun eine Debatte ausgelöst. Die Bloggerin Katie Lowe schrieb in einem Gastbeitrag für den Guardian: 'Mehrheitlich männliche Kritiker haben sich entschieden, aus einem weiblichen Körper ein Problem zu machen - ein Körper, der nicht außergewöhnlich, sondern einfach nur nicht dünn und statuenhaft ist ... Es scheint, dass Talent einfach nicht reicht. Jedenfalls nicht, wenn man eine Frau ist.'"



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