Heute in den Feuilletons "Von beinahe enzyklopädischer Größe"

Die "NZZ" vergnügt sich bei René Pollesch in Zürich. Die "taz" huldigt dem zarten Synthiepop von Kedr Livanskiy. Und die "SZ" staunt über das intellektuelle Register des verstorbenen Schriftstellers Lars Gustafsson.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 04.04.2016

In der Welt bewundert Marcus Woeller die Lichtmalerei des spanischen Impressionisten Joaquín Sorolla, dem die Kunsthalle München die erste große Ausstellung in Deutschland widmet: "Man möchte gleichzeitig zurückweichen vor den gehörnten Ochsen, die auf der "Rückkehr vom Fischfang" ein Boot an den Strand schleppen, und hin zu diesem sich im Sonnenlicht blähenden Segel und zu den Wellen, die hier so realistisch anbranden, dass man glaubt, sie hören zu können. Alles wird förmlich spürbar in diesem Bild, die Wärme der Sonne, die feuchte Gischt, der Wind vom Meer, der schwere Atem der Tiere. Näher kann man dieser Szenerie nicht kommen, allenfalls im virtuellen Realitätsraum einer Datenbrille. Doch das hier ist Öl auf Leinwand und von 1894.

Im Logbuch Suhrkamp stellt Marie Luise Knott die Ausstellungsserie "International Village Show / Myvillages" im Gartenhaus der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig vor: Kathrin Böhm aus London, Wapke Feenstra aus Rotterdam und Antje Schiffers aus Berlin bereisen Dörfer in Ghana, Irland, Schweiz, Holland und Südafrika und "animieren die dortigen Bewohner, lokale Produkte für die von ihnen initiierten International Village Shows herzustellen", die dann in den beteiligten Dörfern verkauft werden: "Anders als im klassischen Fair-Trade-Handel gelingt es diesem, aus Kunst geschaffenen Netzwerk, jeden Paternalismus zu meiden. Denn ihr Handel ist von anderer Art, wie das Video zeigt. Mit den Produkten aus fernen Orten werden auch Ideen importiert - so bekommen die Menschen aus Zvizzhi ein 'funktionsloses Ei 'Geheimnis'' in die Hand, aber auch Froschlöffel, Kartoffelsäcke, und vieles mehr. Für den Film baten die drei Kunstfrauen die Dorfbewohner, Reklame für diese unbekannten Produkte zu machen, die es im Dorfladen plötzlich zu kaufen gibt."

Weiteres: Christian Werthschulte entdeckt für die taz im Essener Museum Folkwang die bisher kaum wahrgenommenen pseudonaiven Collagen von Tomi Ungerer. Und Andreas Kilb packt in der FAZ beim Betrachten der im Kupferstichkabinett ausgestellten Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson das Fernweh. Sebastian Borger heißt in der FR den deutschen Kunsthistoriker Hartwig Fischer als neuen Direktor des British Museums willkommen.

Literatur, 04.04.2016

Erst Imre Kertesz, jetzt Lars Gustafsson, seufzt Andreas Breitenstein in der NZZ über den Tod des schwedischen Schriftstellers, der literarisch und philosophisch immer aufs Ganze ging: "Wir sind, was uns unterläuft. Wie in all seinen Romanen stimmt Gustafsson zum großen Gelächter über Groteske und Zufall, Alltag und Aberwitz an - und wir Leser sind glücklich, weil der Autor uns von unseren eigenen Sinnüberforderungen entlastet." In der SZ schreibt Thomas Steinfeld: "Von beinahe unendlicher, enzyklopädischer Größe schien das intellektuelle Register dieses Autors zu sein, bei gleichbleibend hoher Intensität." In der Welt erinnert Wolf Lepenies an Gustafssons Kritik am Wohlfahrtsstaat in den Siebziger: "Das Bekenntnis zum Ideal der Freiheit, seine unbedingte Bevorzugung gegenüber dem Ideal der Gleichheit ließ Gustafsson kritisch auf 'ein mürrisches, störrisches Altschweden' blicken."

Besprochen werden u.a. Jörg Magenaus "Princeton 66" ( taz ) und Peter Stamms "Weit über das Land" ( Berliner Zeitung )

Musik, 04.04.2016

So etwas "Zartes" wie Kedr Livanskiys lyrisches Synthiepop-Album "January Sun" hätte taz-Kritikerin Natalie Mayroth nicht aus Russland erwartet: "Wenn ihr die Realität zu langweilig wird, kreiert sie ihre eigene. Das Projekt Kedr Livanskiy, auf Deutsch: 'Libanesische Zeder', wandelt zwischen Pop und House - ohne zu kitschig oder zu tanzbar zu sein. 'Meine Musik ist der Soundtrack zu meiner idealen Welt.' Die Tracks der ersten EP verweilen in einer Zwischenwelt. Dunkle Klangkollagen treffen auf liebliche Melodien."

Besprochen werden die Uraufführung von Julian Andersons Violinkonzert "In lieblicher Bläue" mit Carolin Widmann und dem Deutschen Symphonie-Orchester in Berlin (Tagesspiegel) und das Comeback-Konzert von Guns N' Roses in Los Angeles. ( Berliner Zeitung ).

Bühne, 04.04.2016

Vergnügt und verwirrt fühlt sich Andreas Klaeui in der NZZ nach René Polleschs "Bühne frei für Mick Levcik!" am Schauspielhaus Zürich, einem gekonnt Brechtschen Readymade: "So entspinnt sich zwischen Remake, Übermalung und Making-of, zwischen Zitat, Variation und Kommentar, Brecht, Sophokles und dem universalen Verblendungszusammenhang aufs Animierteste das gewohnte Pollesch'sche Diskurs-Spannungsfeld. Bertolt Brecht wird zu Mick Levcik (man darf den Namen des Herrn ja nicht ungestraft im Mund führen); Authentizität bezieht sich aus dem Bewusstsein, dass niemand einen Satz, zum Beispiel 'Ich liebe dich', zum ersten Mal sagt - 'wir müssen zitieren, damit wir weiterkommen, anders geht es nicht', sagt S (Sophie Rois): 'Das nennt man Kultur.'"

In der nachtkritik stimmt Christoph Fellmann zu: "In vielen Stücken hat Pollesch immer wieder gegen die Autorenschaft angespielt und gegen die Idee eines inneren, kreativen Ichs, das sich ausdrückt. In Zürich unternimmt er nun einen fast schon exemplarisch zu nennenden Versuch, zu zeigen, wie Originalität nicht aus sich selbst entsteht, sondern in Abweichung vom Modell, in seiner zitierenden Überschreibung. Das ist klug und komisch und kann man gerne zitieren."

Besprochen werden Dieter Giesings Inszenierung von Yasmina Rezas "Bella Figura" am Wiener Burgtheater ("ähnlich stimmungserhellend wie die auf der Bühne konsumierten Psychopharmaka", verspricht Eva Biringer in der nachtkritik ), Kai Tietjes Transgender-Tango "Heute Nacht oder nie" an der Komischen Oper. ( Berliner Zeitung ), Eric de Vroedts Inszenierung von Max Frischs "Stiller" im Schauspielhaus Bochum ( nachtkritik , FAZ) und Moritz Sostmanns Kölner Inszenierung von Roger Vitracs "Victor" ( nachtkritik , SZ).

Architektur, 04.04.2016

Wie gemeinschaftliche Wohnprojekte funktionieren, welche Vor- und Nachteile sie mit sich bringen, lernt Laura Weissmüller in der SZ in der Ausstellung "Keine Angst vor Partizipation" der Münchner Pinakothek: "Für nicht wenige klingt das, was gemeinschaftliche Wohnprojekte umschreibt, eher wie der Albtraum von den eigenen vier Wänden als nach einem Sehnsuchtsort. Gemeint sind Häuser, die von den zukünftigen Bewohnern gemeinsam entwickelt und eben nicht schlüsselfertig von einem Bauträger geliefert werden. Nebenbei verzichten diese Menschen auch darauf, dass ihr Eigentum einmal satte Gewinne abwerfen wird. Dennoch gewinnen solche Projekte immer mehr Fans. Weil in den Städten immer unbarmherziger die Mieten steigen. Weil viele die immer gleichen Wohntypen mit dem ewig selben Grundriss von der Stange leid sind. Aber auch, weil einige damit die Hoffnung verbinden, dass das Wohnen in der Gemeinschaft eine Lücke schließt, die die Moderne hat entstehen lassen."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 04.04.2016

Mit ganz großem Aplomb und musikalischer Untermalung des Editorials veröffentlicht die SZ erste Informationen über die "Panama Papers", die der Zeitung zugespielt wurden und die sie zusammen mit dem "International Consortium for Investigative Journalists" (ICIJ) ausgewertet hat, ein riesiges Datenleck aus einer Anwaltskanzlei in Panama, das peinliche Informationen über Offshore-Vermögen von Politikern und Prominenten weltweit bringt - etwa bei isländischen Politikern. Ein Artikel im Dossier widmet sich Putins engsten Freunden, darunter dem Cellisten Sergej Roldugin , über den offenbar einige Vermögenstranfers in die Karibik liefen - Roldugin hatte offiziell immer bestritten viel Geld zu haben. Die Papier ergeben ein anderes Bild: "Als Sergej Roldugin demnach im Mai 2014 im Namen einer seiner Offshore-Firmen ein Konto bei der Schweizer Gazprombank in Zürich eröffnet, fragt die Bank in einem Formular auch ab, wie viel Geld der neue Kunde besitze. Die Antwort: mehr als zehn Millionen Schweizer Franken. Dazu ein jährliches Einkommen von mehr als einer Million Schweizer Franken, das vornehmlich aus Dividenden, Zinsen und Krediten resultiere."

Wolfgang Krach kündigt im Leitartikel der SZ weitere Enthüllungen an: "Wie die Geschichten zeigen, welche die SZ veröffentlichen wird, nutzen offenbar Terrorgruppen dieses System dazu, sich zu finanzieren. Einem verbrecherischen Regime wie dem syrischen gelingt es mutmaßlich, auf diese Weise die Sanktionen der internationalen Staatengemeinschaft zu umgehen und den Fassbombenkrieg gegen das eigene Volk fortzuführen."

Auch der Guardian berichtet groß über die "Panama Papers" und beleuchtet unter anderem den britischen Aspekt daran: "Diese Inseln sind als Fliegendreck bekannt", schreibt Juliette Garside, "die Kronländer und Überseeterritorien, Inselstaaten wie die Caymans und die britischen Virgin Islands. Auf Karten sind sie nicht größer als ein Punkt am Satzende, aber jedes Jahr fließen durch die warmen Strömungen der Karibik Millarden von Dollar in die Wirtschaft zurück. Ökonomen konstatieren einen nicht nachlassenden, steigenden Wohlstandstransfer, oft von den ärmsten in die reichsten Staaten, der durch dieses Offshore möglich gemacht wird." Der Guardian bindet auch ein Video eines Interviews mit dem isländischen Premierminister David Gunnlaugsson ein, der das Set wegen Fragen zu seinem Offshore-Vermögen verlässt. Auch die französischen Medien kennen kein anderes Thema. Le Monde berichtet über "la mystérieuse société offshore de Michel Platini".

Europa, 04.04.2016

Gestern demonstrierten in Polen Tausende Frauen gegen ein geplantes Gesetz, das ein totales Verbot von Abtreibung vorsieht, berichten der Guardian (hier) und viele andere Medien: "Die Demonstrantinnen riefen 'Hände weg von meinem Uterus' und 'Mein Körper, meine Sache', und sie hielten Kleiderbügel in die Luft, ein drastisches Symbol für illegale Abtreibungen. 'Selbst die Abtreibungsgesetze im Iran sind liberaler als dieser Gesetzesvorschlag', sagt Marta Nowak, eine der Demonstrantinnen, die von linken Parteien über soziale Medien organisiert worden war." Das Wort "Abtreibung" kommt in dem heutigen Artikel des polnischen Außenministers Witold Waszczykowski nicht vor, der auf der Gegenwartsseite der FAZ betont: "Polen zählen zu den Nationen mit der höchsten Wertschätzung für die europäische Integration."

Außerdem: Im Interview mit der taz schildert die Tatarin Tamila Tasheva von der Initiative KrimSOS, wie die Russen auf der Krim hausen: "Die Krim ist jetzt ein Territorium der Angst. Offiziell gelten russische Gesetze, doch sie werden willkürlich angewandt. Die Krim-Staatsanwaltschaft klagt alle möglichen Oppositionellen wegen 'Extremismus' an. Wir bauen gerade auf unserer Homepage eine interaktive, mehrsprachige Karte der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen dort auf. Die treffen nicht nur Krimtataren, aber diese besonders." Und der Politologe Frank Decker vermutet in der SZ, dass die AfD den Weg aller bisherigen rechtsextremistischen oder -populistischen Parteien in Deutschland gehen wird: ab in die Bedeutungslosgkeit nach kurzer Popularität.

Internet, 04.04.2016

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons warnt der Internetskeptiker Evgeny Morozov vor Facebook und Google.

Gesellschaft, 04.04.2016

Die neue französische Debatte um muslimische Mode wurde von einem Dossier des Parisien ausgelöst, das zeigte, dass immer mehr bekannte Modefirmen wie Marks and Spencer, Uniqlo, Dolce & Gabbana oder Mango muslimisch korrekte Frauenkleider (oder was man dafür hält - sieht das links nicht eher wahabitisch aus?) anbieten: "Nach der japanischen Firma Uniqlo, die angekündigt hat, dass sie in ihrem Londoner Geschäft künftig Hidschabs anbieten will, hat sich Marks & Spencer vorangewagt. Badeanzüge, die den ganzen Körper der Frau bedecken, Hände und Füße ausgenommen, werden jetzt in der britischen Kette angeboten. Für 62,95 Euro können Sie auf seiner Website einen 'Burkini' erwerben."

Ideen, 04.04.2016

Die französische Feministin Elisabeth Badinter ruft in einem Interview mit Nicolas Truong in Le Monde zum Boykott von Modemarken auf, die "muslimische Mode" verkaufen. Und sie leitet die ideengeschichtliche Herkunft des heutigen "Differentialismus" gerade auch aus dem französischen Denken her: "Meine Generation wurde mit der Milch des Kulturrelativismus von Claude Lévi-Strauss großgezogen, der uns beibrachte, uns vor der Sünde des Ethnozentrismus in Acht zu nehmen und lehrte, dass keine Kultur einer anderen überlegen sei. In den achtziger Jahren hat der philosophische Differentialismus, der stark von amerikanischen Feministinnen geprägt war, diese Sicht der Dinge noch verstärkt. Universalistinnen wie Simone de Beauvoir glaubten, dass die Ähnlichkeiten zwischen Männern und Frauen die Unterschiede überwogen. Die Differentialistinnen bestanden auf dem Unterschied. Die Kombination von Kulturrelativismus und Differentialismus war dramatisch und trug dazu bei, die Universalität der Menschenrechte in Frage zu stellen."

Der Jurist und Blogger Milosz Matuschek, geboren 1980, rechnet in der NZZ mit der Generation Y ab. Wer das ist, kann er zwar nur grob umreißen - offenbar alles von den Babyboomern des 1964er Jahrgangs aufwärts - aber was sie auszeichnet, weiß er genau: Höchste Anpassungsfähigkeit an Eltern und Autoritäten, Unfähigkeit zur Originalität und Kreativität, kurz: die Generation Y besteht aus "hervorragenden Schafen" und ist so aufregend wie der meistverkaufte Plastikstuhl der Welt: "Sie verschreibt sich zu oft einer Pseudokreativität, die sich in bunten Socken und kecken Hüten äußert, nicht aber in einer Kühnheit des Denkens. Die zur Schau getragene Scheinkreativität wird, wie der Plasticstuhl, zu einer Art von Design, das durch permanente Anwesenheit zum Verschwinden gebracht wird. Übrig bleibt wieder nur die Pose, doch das genügt oft schon, denn nur diese wird tatsächlich belohnt. Querdenker sind in der Regel Störenfriede."

Kulturpolitik, 04.04.2016

In der FAZ wägt die Osteuropahistorikerin Anna Veronika Wendland verschiedene Positionen im ukrainischen Streit um die vom Verschwinden bedrohte Kunst aus der Sowjetepoche ab. Während Gegner der teilweise künstlerisch wertvollen Mosaiken und Monumente die Zeichen als "Tätowierungen der kriminellen sowjetischen Lagerkultur auf der Haut unserer Stadt" betrachten, gibt es auch begründete Zweifel an der Entfernung, so Wendland: "Kann man die Leidensgeschichte der Ukrainer unter sowjetischer Herrschaft auf diese Weise ungeschehen machen? Ist die Geschichte der Sowjetukraine auf eine Leidensgeschichte reduzierbar? Folgt man mit organisiertem Vergessen und Überschreiben nicht wieder der totalitären Tradition einer exklusiven Herrschaft über die Vergangenheit, die man eigentlich durchbrechen will?"



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