Heute in den Feuilletons "Näher dran am Stoff"

Vielleicht wird die deutsche Literatur besser, wenn sie nicht mehr subventioniert wird, überlegt der "Freitag". Nun also doch: Chris Dercon kommt an die Volksbühne, meldet der "Tagesspiegel". Die "Zeit" räumt für die Flüchtlingskatastrophe ihre gesamte Politikstrecke frei.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 23.04.2015

Am 30. April wird Tim Renner verkünden, was Rüdiger Schaper jetzt schon im Tagesspiegel ausplaudert: Demnach soll Tate-Kurator Chris Dercon als Castorf-Nachfolger kommen, der Etat der Berliner Volksbühne deutlich aufgestockt und das Haus mit dem höheren Betrag das Tempelhofer Feld bespielen. Die Volksbühne wäre somit "das erste Theater mit Abfertigungshalle und Naherholungsgebiet. Renner sucht das große Wagnis und scheint zu hoffen, dass sich Geschichte wiederholen lässt. Anfang der Neunziger, als Castorf die Volksbühne übernahm, war sie eine heruntergespielte Bude, hässlich, ohne Zukunft. Wie Tempelhof." Und er orakelt: "Der Berliner Theaterkampf ist nicht vorbei, er beginnt jetzt erst richtig."

Da will sich auch Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper, nicht lumpen lassen und bläst im Tagesspiegel-Gastbeitrag zum großen Bocksgesang. Ausgemachte Sache für ihn: Kommt Dercon (dessen Werdegang Christiane Meixner hier darstellt), geht die Volksbühne, Castorfs Erbe und womöglich gleich der ganze gute Ruf des Berliner Kulturlebens baden, dann herrsche der blanke Event der Performancekultur, vor dem es Flimm merklich ekelt: "Es bleiben also Ödnis und Langeweile in diesen Factories und komplexe Mischformationen und ihre Agenturbetriebe. Das tummelt sich, von EU-Förderrichtlinien knapp unterhalten, von Kulturpolitikern schlechten Gewissens schwach unterstützt, auf dem nämlichen Markt. Nichts Neues im Westen, doch viel alte, angejahrte Moderne."

Eva Behrendt von der taz ist da merklich gelassener: Die Berliner Ensembletheater in Berlin schanzen einander ohnehin schon seit Jahren die Regisseure zu, da können neu gemischte Karten im Sinn der Abwechslung erstmal nicht schaden. Und ein Intendant Dercon wäre "weniger wegen des Berufsbilds Kurator als wegen der Inspirationsquelle Kunst ein interessantes Zeichen. ... Gerade das diskuranstoßende Gorki Theater hat von Langhoffs Kontakten in postmigrantische Künstlerkreise zweifellos profitiert."

Schon 2003 haben sich Robert Wilson und Herbert Grönemeyer für eine Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" zusammengetan, jetzt bringen sie am Berliner Ensemble beide Teile von Goethes "Faust" auf die Bühne. Peter Kümmel hat eine Voraufführung gesehen und berichtet in der Zeit: "Stummfilmhorror haust in den Gesichtern. In ihnen darf sich das Publikum wiedererkennen, denn die starren Harmoniefratzen sind auch die Masken unserer Hoffnung, heil durchs Leben zu kommen. Dass daraus nichts wird, dass Erstarrung nur eine frühe Form des Todes ist, verrät Wilson in jedem Augenblick. Sein Theater ist ein zierliches Spieluhren- und Schneekugeltheater, durch welches ein Angstblitz schießt."

In der nachtkritik spöttelt Matthias Weigel: "Was für ein Event! Was Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, dem zukünftigen Volksbühnen-Leiter vorwirft, findet natürlich regelmäßig an seinem eigenen Hause statt. Und zwar sehr erfolgreich: Theater als Event, Theater als Show, Theater als Unterhaltung - und auch Theater als Musical. Robert Wilson und Herbert Grönemeyer haben aus Goethes Faust I und II ein nahezu durchkomponiertes Musical nach Disney-Bauart gemacht. Geometrischer Formalismus trifft sentimentalen Deutschrock - und zwei Goethe-Texte, die unterschiedlicher nicht sein könnten."

Weiteres: Jana Juvan berichtet im Freitag von einem Theaterabend mit Flüchtlingen im ehemaligen Berliner Stummfilmkino Delphi, nach dem sie sich "total leer" gefühlt hat. In der FR erzählt Enno Stahl, wie es gelang, das verloren geglaubte Stück "Oithono oder Die Tempelweihe" aus der Feder von Mathilde Franziska Anneke ausfindig zu machen.

Besprochen werden in Berlin aufgeführte Choreografien von Trisha Brown ( Tagesspiegel ) und John von Düffels "Bakchen (Pussy Riot)" am Theater Ulm (SZ).

Film, 23.04.2015

Im Standard stellt Dominik Kamalzadeh die Filme des ukrainischen Regisseurs Sergej Loznitsa ("Maidan", 2014) vor, dem das Crossing Europe Festival in Linz eine Retrospektive widmet: "Die Achtsamkeit für das, was Bilder an Wirkkraft mit sich bringen, wie für die rigide Komposition derselben kennzeichnet auch seine selbst gedrehten Arbeiten. Die 30-minütige Miniatur "Artel" (2006) führt zu Fischern ans Weiße Meer, wo Loznitsa die Anstrengung, eine offenbar ellenlange Eisdecke durchzubrechen, aus leicht distanzierter Position, dafür in voller Länge betrachtet. In "Polustanok" (The Train Stop, 2000) filmt er hingegen wartende Menschen in einem Bahnhof als schlafendes Volk, das von den Geräuschen der Station mysteriöserweise unbehelligt bleibt. Diesem Prinzip einer zurückgefahrenen Parteinahme bei gesuchter Nähe zu den Protagonisten bleiben auch Loznitsas Spielfilme verpflichtet."

Tim Burtons neuer Film "Big Eyes" über die Lebensgeschichte der Künstlerin Margaret Keane, deren Ehemann ihre Bilder jahrelang als die eigenen ausgab, konnte Perlentaucher-Kritiker Rajko Burchardt trotz kleinerer Schwächen überzeugen: "Dass Margaret Keanes Bilder ohne die einfallsreichen Anstrengungen des bald auch gewalttätigen Walter womöglich nie eine Öffentlichkeit gefunden hätten, macht 'Big Eyes' als Emanzipationsgeschichte natürlich einigermaßen untauglich. Tim Burton bekommt diesen Widerspruch auch nicht aufgelöst, vielmehr wird der Film durch ihn erst besonders reizvoll." Der Freitag bringt eine Übersetzung von Mark Kermodes Kritik aus dem Guardian: Burton sei "mit 'Big Eyes' sein reifster Film seit 'Big Fish' (2003) gelungen." Außerdem gibts Besprechungen im Standard und der NZZ .

Bei der Retrospektive des Festivals Visions du Réel in Nyon bot sich die Möglichkeit, die Filme des Regisseurs Vincent Dieutre kennenzulernen, freut sich Cristina Nord in der taz: "Eine gute Gelegenheit, zu verfolgen, wie der Pariser Filmemacher Entlegenes zusammenbringt, kombiniert und kontrastiert und dabei Bereiche fürs Kino erschließt, die normalerweise Buchautoren vorbehalten sind."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek staunt in der Welt über die Betreiber von 2000 deutschen Provinzkinos, die sich gerade mit dem Disneykonzern anlegen, der den Kinos schlechtere Verleihbedingungen aufzuzwingen sucht. Peter Nau legt den Berlinern in der taz den Besuch von Peter Pewas' Film "Straßenbekanntschaften" (1948 ) im Kino Arsenal wärmstens ans Herz: Der Film führe an die "Grenze zwischen Unter- und Halbwelt, wie sie für jene spezielle Kundschaft, die damals in den Bordellen anzutreffen war, kennzeichnend ist: gespenstische Existenzen, die von der allgemeinen Unordnung und vom Dunkel der Nacht profitieren." Sehr ausführlich schrieb vor einiger Zeit auch Herbert Spaich (SWR) zu Pewas' Filmen.

Besprochen werden Gerd Kroskes Dokumentarfilm "Striche Ziehen" ( taz , Perlentaucher ), ein neuer Dokumentarfilm über Helge Schneider ("lässig", schreibt Thomas Groh in der taz ), Rosa von Praunheims "Härte" ("ein schöner, empfindsamer Film", schwärmt Katja Nicodemus in der Zeit,  taz ), Alex Garlands Science-Fiction-Film "Ex Machina" ( Tagesspiegel , NZZ , Standard , Presse , Welt , siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau), Robert Bramkamps Experimentalfilm "Art Girls" ( Freitag ), Keren Yedayas Inzest-Drama "That Lovely Girl" ( SZ ) und Joss Whedons neuer "Avengers"-Film ( ZeitOnline , Standard , Welt ).

Musik, 23.04.2015

Die Nu-Metal-Band System of a Down engagiert sich dafür, dass die Türkei den Völkermord an den Armeniern eingesteht, berichtet Julian Trauthig in der FAZ. Moritz von Uslar geht für die Zeit mit Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow spazieren.

Besprochen werden das neue Album von Blur ( Standard , Welt ), das neue Calexico-Album ( Pitchfork ), Liturgys "Ark Work"-Album ( The Quietus ) und ein Konzert von Spandau Ballet ( FR ).

Literatur, 23.04.2015

Über das kapitalismuskritische Berliner Symposium "Richtige Literatur im Falschen?" hörte man von den Kritikern bislang vor allem gelangweilte Verlautbarungen (siehe hier und hier). Im Freitag berichtet Katja Kullmann nun in aller Ausführlichkeit von der Konferenz, den Unsicherheiten und Abwägungen der teilnehmenden Literaten und den Diskussionen. Ihr Fazit: Eine kapitalismuskritische Literatur, bei der nicht nur Privilegierte Unterprivilegierte vorführen, sei wünschenswert, müsse aber populär geschrieben sein und einen deutlichen "Wirklichkeitsbezug" aufweisen, der sich mit bequemen Stipendien nicht erzielen lasse: "Literatur, die unter demselben Zeit- und Gelddruck entsteht, dem die meisten anderen Menschen unterliegen, läse sich womöglich heißer, schärfer, eindringlicher, gehetzter und angespannter, mithin viel gegenwärtiger als Werke, die aus der 'Kulturproduktionsbürokratie' (Jörg Fauser) gefüttert sind. Vor allem wäre diese Literatur eines: näher dran am Stoff."

Außerdem: In Berlin wurden bei einer Lesung neue E-Books von und über Flüchtlinge vorgestellt, berichtet Sophie Sumburane im CulturMag. Im Logbuch Suhrkamp berichtet Andreas Maier Neues aus seinem "Jahr ohne Udo Jürgens".

Besprochen werden César Airas "Wie ich Nonne wurde" ( Freitag ), Safeta Obhodjas' "Die Bauchtänzerin" ( CulturMag ), C laude Simons "Der Fisch als Kathedrale" ( CulturMag ), Michel Buselmeiers "Ende des Vogelgesangs" ( CulturMag ), Philipp Felschs "Der lange Sommer der Theorie" ( CulturMag ), Édouard Louis' "Das Ende von Eddy" ( Zeit ), David Whitehouses "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" ( SZ ), Jürgen Theobaldys "Rückvergütung" (FAZ) und eine arte-Doku über Kurt Tucholsky und die Zwanziger ( FR , hier in der Mediathek).

Kunst, 23.04.2015

Dass die Mailänder Expo mit einer großen Schau Leonardo da Vincis eröffnet, beruht auf "einem gewaltigen Missverständnis", meint Hanno Rauterberg in der Zeit. Sicher, da Vinci war ein Tüftler und Forscher. "Immer aber ist da eine Verhaltenheit, ein Zaudern, in dem, was er zeichnet und denkt. Und das ist das eigentlich faszinierende an Leonardo: dass er die Wirklichkeit zersägt und bloßlegt, dass er ein Männerbein kleinhackt und einen Mutterbauch aufschneidet, weil er allein aus der Introspektion zur Inspiration zu gelangen scheint. Dass er aber dennoch, der Wahrheit messend auf der Spur, jede Form der Vermessenheit meidet. Darin vor allem unterscheidet er sich von den Exponauten der Gegenwart, die alles für machbar und alles Machbare für richtig halten."

Weitere Artikel: Gottfried Knapp (SZ) schreibt zum Tod des Galeristen Otto van de Loo.

Besprochen werden Sebastiao Salgados "Genesis"-Ausstellung im C/O Berlin ( FR ), die Ausstelung "1945 - Niederlage, Befreiung, Neuanfang" (" Diese Ausstellung wird allein durch die faszinierenden Objekte vor dem Skandal gerettet", ärgert sich Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung) und Alicja Kwades Ausstellung "Die bewegte Leere des Moments" in der Schirn in Frankfurt ( Freitag ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 23.04.2015

Kenan Malik kommentiert die Flüchtlingskatastrophe für die New York Times: "Die Europäische Union sollte aufhören, Migranten als Kriminelle zu behandeln. Es muss die Festung Europa schleifen, die Immigrationspoltiik liberalisieren und Migranten legale Wege öffnen. Manche sagen, dass dies zu eine Flut von Migranten führen würde, aber die aktuelle Politik hält die Migranten nicht ab, sie bringt sie nur um."

Die Zeit räumt für die Flüchtlingskatastrophe den gesamten Politik-Teil frei und diskutiert auf 8 Seiten die - durch verschiedenfarbige Überschriften gekennzeichneten - Positionen "alle hereinlassen" und "Grenzen setzen". Gelernt haben am Ende beide Lager etwas: "Wir räumen ein, dass es, irgendwann, einen Moment geben könnte, dass zu schnell zu viele Menschen zu uns kommen... Aber von diesem Moment, davon sind wir überzeugt, sind wir noch Jahre und Millionen Menschen entfernt." Und auch die andere Seite hat etwas kapiert: "Nicht ihr Fundis seid das größte Problem in der Flüchtlingsdebatte. Sondern diejenigen, die bewusst Angst schüren vor den Fremden."

Europa könnte durchaus mehr Flüchtlinge aufnehmen, meint Welt-Redakteur Thomas Schmid in seinem Blog und operiert mit dem problematischen Begriff der "Leitkultur", aber "wer das Sterben auf dem Mittelmeer schnell beenden will, der muss auch sagen, dass er bereit und willens ist, in relativ kurzer Frist ein anderes Europa hinzunehmen. Ein Europa, in dem es die rechtsstaatlich-republikanische Leitkultur schwerer als bisher haben wird, sich zu behaupten. Ein Europa, das viel mehr als heute tun muss, um die Verbindlichkeit dieser Kultur durchzusetzen."

Im Gespräch mit Johan Schloemann in der SZ widerspricht der Politikwissenschaftler Johannes Varwick der Forderung, die EU müsse die Lebensqualität in den Herkunftsländern verbessern: "Ich fürchte, alle technokratischen Ansätze - die Ideen, dass man Regionen von außen stabilisieren oder in ihrer Entwicklung fördern könne - sind mehr oder weniger gescheitert. Das gilt gleichermaßen für den Versuch, mit Blut und Schwert eine gewisse Stabilität oder gar Demokratie zu erzwingen, wie auch für die idealistische Herangehensweise, nämlich durch fairere Handelsbedingungen und die Regulierung des internationalen Wettbewerbs die Lage zu verbessern."

Vor 35 Jahren engagierten sich (in einer historischen Begegnung, die von André Glucksmann herbeigeführt wurde) Jean-Paul Sartre und Raymond Aron für die Boat People. Aber auch Yves Montand oder Michel Foucault setzten sich ein. Heute schweigen die paar übriggebliebenen Intellektuellen, schreibt Henri Tincq in slate.fr "Damals erhob sich der ganze Planet in Empörung gegen das Drama der Boat People. Seit 1975 und dem Fall Saigons hatten Medien über die miserablen Bedingungen für die Flüchtlinge berichtet. Demonstrationen, Spendensammlungen, Willkommensinitiativen, humanitäre Eingriffe: Die Welt mobilisierte sich für die Rettung dieser Menschen, Opfer eines Krieges und unmenschlicher Behandlung, die übers Meer fliehen mussten und vom Ertrinken und Verhungern bedroht waren."

Kulturpolitik, 23.04.2015

Eine deprimierende Parade kulturkonservativer Klischees lieferte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in einer Grundsatzrede über die Digitalisierung: "Ja, das Internet fördert Partizipation - aber in der Anonymität und im schnellen Klick eben auch die Verantwortungslosigkeit.
Ja, das Internet verbreitet Wissen und Informationen in Echtzeit - aber eben auch Unwahrheiten, Verschwörungstheorien, antidemokratische Stimmungsmache oder rassistische Hetze.
Ja, das Internet macht 'Schwarmintelligenz' möglich - aber auch die Macht des Mobs." Aber Aber Aber: Der deutsche Diskurs über das Netz ist apokalyptisch, aber wäre es nicht auch mal Zeit, über die ersten Hälften der deutschen Aber-Sätze nachzudenken? Auch Sascha Lobo muss sich mit seiner "Das Internet ist kaputt"-Aussage als Kronzeuge für den Untergang des Abendlands herbeizitieren lassen.

Nicht zuletzt wegen dieser Haltung ist Deutschland in Sachen Digitalisierung zur Zeit kaum noch wettbewerbsfähig. In einem Gastbeitrag im Tagesspiegel skizziert die Netzpolitikerin Dorothee Belz ihre Vision, wie ein "digitaler Ruck durch Deutschland" gehen und ein "digitales Wirtschaftswunder" herbeiführen könnte: "Dazu gehört neben der Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auch der Wille, einen ordnungspolitischen Rahmen zu schaffen, der auf kleinteilige Gesetzgebungsverfahren verzichtet, Regulierung mit Augenmaß betreibt und dadurch mehr Freiraum für Innovationen schafft."

Außerdem: Kerstin Krupp bilanziert in der Berliner Zeitung recht kritisch das Wirken des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner. Ebendort spricht Monika Grütters in abgewogenen Politikerformeln über die deutsche Theaterlandschaft.

Urheberrecht, 23.04.2015

(Via Mediagazer) Auch in Kanada soll das Copyright auf Musikaufnahmen von 50 auf 70 Jahre verlängert werden - trotz aller Gegenargumente, schreibt Michael Geist in seinem Blog und erinnert daran, dass eine derartige Verlängerung der Rechte leider auch in Europa verabschiedet wurde (ohne dass die hiesigen Medien nur einmal muckten): "Die Europäische Union hat die Verlängerung im Jahr 2011 verabschiedet, aber es gab starken Widerstand von Mitgliedsstaaten. Acht Länder - Belgien, Tschechien, Niederlande, Rumänien, Slowakei, Slowenien und Schweden - stimmten dagegen, während sich Österreich und Estland enthielten. Schweden argumentierte, dass die Verlängerung 'weder fair noch ausgewogen sei', während Belgien argumentierte, dass sie vor allem der Musikindustrie nützte und den Zugang zu kulturellen Gütern in Bibliotheken und Archiven erschwerte."

Nach dem Guardian (unser Resümee) berichtet nun auch die SZ über den Münchner Prozess von Cordula Schacht, die den Random House-Verlag auf Tantiemen für Zitate von Joseph Goebbels verklagt, wie Willi Winkler berichtet: "Random House will den Vergleich mit Cordula Schacht nicht einhalten, weil es 'sittenwidrig' sei, mit den Äußerungen eines Kriegsverbrechers Geld zu verdienen. Die Verlage Hoffmann und Campe, Piper, und Droste haben gezahlt, über die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte auch die Bundesrepublik und der Freistaat Bayern. Nun will sich Random House als erster weigern... In München dürfte nun in weiteres Mal bestätigt werden, dass mit dem Kriegsverbrecher Goebbels Geld verdient werden darf. So will es das Gesetz, und das ist der Rechtsstaat." Nun ja, zum Glück ist Goebbels tot, und das bald 70 Jahre.

Überwachung, 23.04.2015

Der Betreiber des weltgrößten Internetknotenpunktes DE-CIX will vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen das massenhafte und anlasslose Ausspähen von Internetnutzern durch den BND klagen, meldet Zeit Digital: "DE-CIX wirft der Bundesregierung und dem BND vor, sich bei der gesetzlichen Grundlage für angeordnete und ausgeführte Überwachungsmaßnahmen auf ein nicht mehr zeitgemäßes Gesetz zu berufen. Das G-10-Gesetz sei für das digitale Zeitalter nicht präzise genug. Zudem will die Firma prüfen lassen, ob die bisherige BND-Praxis, Ausländer ohne jede Einschränkung abzuhören, mit deutschen Gesetzen vereinbar ist."

Mitch McConnell, Mehrheitsführer im amerikanischen Senat, will durch ein Gesetzesprojekt, das er einbringt, den "Patriot Act", der die Überwachungsmaßnahmen der NSA nach dem 11. September rechtfertigte und im Juni ausläuft, bis ins Jahr 2020 verlängern, berichtet Billy Steele in Engagdet.

Geschichte, 23.04.2015

Das Ullstein-Blog Resonanzboden bringt einen Auszug aus den Memoiren des Franzosen armenischer Herkunft Charles Aznavour: "Die junge türkische Generation, die keine Verantwortung für die Vergangenheit trägt, aber ein wichtiger Garant für die Zukunft ist, hat ein Recht darauf, Bescheid zu wissen und sich frei zu machen von einem Fehler, den sie nicht begangen hat."

Michael Hanfeld wundert sich in der FAZ, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten trotz des Gedenktags am Freitag so wenig zum Völkermord an den Armeniern bringen: "Es ist bedauerlich, fast schon sträflich, dass die bedeutenderen Gesprächssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens es in den vergangenen Tagen versäumt haben, sich mit diesem Jahrhundertthema zu befassen."Immerhin kann man den Videorekorder programmieren, denn heute nacht wiedeholt die ARD Eric Friedlers große Dokumentation "Aghet" aus dem Jahr 2010.

Außerdem: Sven Felix Kellerhoff unterhält sich in der Welt mit dem Historiker Ernst Piper über die jetzt veröffentlichten Tagebücher des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg.

Medien, 23.04.2015

Der angolanische Schriftsteller und Journalist Rafael Marques steht in Luanda wegen Verleumdung vor Gericht, weil er in seinem Buch "Blood Diamonds: Corruption and Torture in Angola" die Beteiligung hoher Generäle und der teilstaatlichen angolanischen Diamantenfirma SMC an Mord, Folter und Enteignung belegt hat, berichtet François Misser in der taz: "Aber der Prozess könnte für die Generäle zum Bumerang werden. Statt Marques zum Schweigen zu bringen, werden seine Vorwürfe jetzt erst recht bekannt. Zum ursprünglichen Prozessbeginn am 24. März, als die Eröffnung auf den 23. April verschoben wurde, ist sein Buch auf Portugiesisch ins Netz gestellt worden."

Internet, 23.04.2015

Weil Printmedien dazu neigen, für ihre Meinungen eine letztverbindliche Deutungshoheit zu beanspruchen, finden die wirklich lebhaften Debatten längst bei Facebook statt, schreibt Ijoma Mangold in der Zeit: "So wie man früher eine Zeitung abonniert hat, ist man jetzt auf bestimmte Facebook-Hosts abonniert, weil unter ihrem Dach der Diskurs irritationsoffen und beweglich bleibt. Da hat jeder seine Vorlieben, aber gute Hosts sind schnell netzbekannt. Sie nutzen Facebook nicht einfach nur als Distributionsmedium, sondern als Ort der Selbstreflexion und Selbstirritation. Sie speisen Artikel ihrer Zeitungen ein und öffnen sie dann geschickt der Vertiefung und Ausdifferenzierung."

Ideen, 23.04.2015

In der Zeit schreibt Thomas Assheuer einen Nachruf auf den Philosophen Michael Theunissen, der am vergangenen Samstag im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Theunissen bezog "bis zuletzt seine philosophische Energie aus der Spannung von Metaphysik und Zeitdiagnose und nahm damit das aktuelle Gefühl der Weltverdüsterung vorweg - die Furcht vor einer globalen Anarchie, die die Gattung mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert und ein anderes Handeln erzwingt. 'Die Nacht ist der bleibende Naturgrund faktischer Geschichte.'"

Gesellschaft, 23.04.2015

Im Bundestag wird diskutiert, Beihilfe zum Suizid unter Strafe zu stellen. Der BGH-Richter Thomas Fischer lehnt im Gespräch mit Heike Haarhoff (taz) eine Verschärfung ab: "Sterbehilfe würde noch stärker als bisher in eine Tabuzone gedrängt. Die Angst vor eigener Bestrafung würde steigen. Aber dass deswegen tatsächlich die Anzahl der Sterbehilfefälle zurückgehen würde, wage ich zu bezweifeln. Sie würden nur nicht öffentlich... 80 Prozent der Menschen im Land sind laut Umfragen für eine völlige Freigabe der Selbsttötung und der Sterbehilfe. Die Politik aber schaut auf die angeblich dumme Bevölkerung und meint, diese vor sich selbst schützen zu müssen. Das ist unhaltbar."

Digitaler Wandel: Könnte es sein, dass auch die deutsche Autoindustrie einen fundamentalen Bruch verschläft, nämlich den 3-D-Drucker?, fragt Don Dahlmann bei den Mobilegeeks: "Wenn man davon ausgeht, dass der 3D-Druck im Laserschmelzverfahren für Metall und Verbundstoffe schon jetzt so weit ist, dass man komplette Autos und teilweise Motoren damit herstellen kann, erkennt man, dass große Fertigungen damit überflüssig werden. Und damit auch alle Arbeitsplätze, die damit zusammenhängen, auch und vor allem in der Zulieferindustrie."



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