Persönlichkeitsrechte Gericht stoppt Contergan-Film

Im Streit um den Contergan-Film "Nur eine einzige Tablette" hat der produzierende WDR eine Niederlage hinnehmen müssen: Das Hamburger Landgericht bestätigte jetzt die einstweilige Verfügungen, die von den damaligen Opferanwalt gegen den TV-Film erwirkt wurde.

Hamburg - Es sollte das ARD-Event des Herbstes werden, doch die Chancen, dass der TV-Film "Nur eine einzige Tablette" überhaupt ausgestrahlt werden kann, sind seit heute sehr gering geworden. Das Hamburger Landgericht bestätigte Einstweilige Verfügungen, die der Pharmahersteller Grünenthal und der ehemalige Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen gegen den WDR erwirkt hatten. Thema des von Regisseur Adolf Winkelmann gedrehten Films ist der Contergan-Skandal der fünfziger und sechziger Jahre.

In dem Rechtsstreit zwischen Sender, Produktionsfirma Zeitsprung und Pharma-Unternehmen geht es vor allem um die Frage, ob es sich bei "Nur eine einzige Tablette" um ein dokumentierendes Werk oder reine Fiktion handelt. Im Mittelpunkt des bereits im Januar fertig gestellten WDR-Zweiteilers steht ein Anwalt (Benjamin Sadler), der selbst Vater eines contergangeschädigten Kindes ist und einen Prozess gegen das verantwortliche Pharmaunternehmen anstrengt.

Der damalige Opferanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen, an den die Sadler-Figur angelehnt ist, sah seine Persönlichkeitsrechte verletzt und wurde heute in vollem Umfang vom Hamburger Landgericht bestätigt. Bei der Abwägung der kollidierenden Grundrechte habe sich das Persönlichkeitsrecht gegenüber der Kunstfreiheit durchgesetzt, begründete Richter Andreas Buske das heutige Urteil. "Eine ausreichende Verfremdung der aus der Wirklichkeit entlehnten Vorgänge lässt sich nicht feststellen", hieß es. Das Publikum könne nicht unterscheiden zwischen Wahrheit und Erdichtetem. Sven Schulte-Hillen, der in dem Prozess seinen Vater vertritt, sagte laut "Süddeutscher Zeitung", dass die Biographien und Charaktereigenschaften seiner Eltern in dem Film nicht ausreichend verfälscht worden seien. Auch beklagte der Anwalt eine "unzumutbare Darstellung" intimer Szenen.

Das von der Firma Grünenthal 1957 entwickelte Schlafmittel Contergan war in den sechziger Jahren auch gegen Schwangerschaftsübelkeit verschrieben worden. Rund 5000 Kinder kamen daraufhin mit schweren Missbildungen zur Welt. Nach einem mehrjährigen Prozess um den Contergan-Skandal stellte das Aachener Landgericht 1970 das Verfahren gegen sieben leitende Angestellte der Firma Grünenthal ein. Das Unternehmen brachte gut 50 Millionen Euro als Entschädigung für die Opfer in eine Contergan-Stiftung ein. Der Anwalt von Grünenthal, Dirk Dünnwald, hatte laut "SZ" vor Gericht geltend gemacht, dass seine Mandanten im Film "verbösert" würden.

Die Produktionsfirma und der WDR hatten argumentiert, dass die im Film vorgenommenen Veränderungen ausreichend seien. Die von Schulte-Hillen inspirierte Figur habe eine contergangeschädigte Tochter, die als Einzelkind aufwächst, Schulte-Hillen hingegen habe drei Kinder, von denen ein Sohn geschädigt sei. Richter Buske hatte laut "SZ" zunächst dafür plädiert, in Vor- und Nachspann des Films explizit auf den fiktionalen Charakter der Handlung hinzuweisen, prallte mit seinem Kompromissvorschlag bei den klagenden Parteien jedoch ab.

"Dieses Urteil bestätigt unsere Auffassung, dass sich das tragische und sensible Thema Contergan nicht für einen Unterhaltungsfilm eignet", sagte Grünenthal-Geschäftsführer Sebastian Wirtz nach dem Gerichtstermin. Das Aachener Familienunternehmen sei für eine historisch einwandfreie Aufarbeitung der Tragödie. "Wir können jedoch einen Unterhaltungsfilm nicht akzeptieren, der Realität und Fiktion in unzulässiger Weise vermischt und Falschaussagen verbreitet", betonte Wirtz.

Unterdessen halten WDR und Zeitsprung zu ihrem Projekt, laut eigenen Angaben "ein zweitteiliges fiktionales TV-Drama vor dem Hintergrund realer Ereignisse um den Contergan-Skandal". "Auch wenn wir die Begründung des Gerichts noch nicht kennen: Die Entscheidung ist kein gutes Signal für die fiktionale Aufarbeitung von wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen unseres Landes", erklärte WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf.

Gemeinsam mit der Produktionsfirma werde der WDR die Gründe der Gerichts-Entscheidung prüfen und plane außerdem, gegen das Urteil Berufung beim Hanseatischen Oberlandesgericht einzulegen. "Wir werden alles dafür tun, dass der Film gezeigt werden kann", kündigte Zeitsprung-Justitiar Mirek Nitsch an.

bor/ddp/dpa