Ausstellung über Abraham Die Sinnlichkeit des Gehorsams

Abgründige Filme sind die Spezialität von Peter Greenaway. Nun hat der britische Regisseur in Berlin eine Ausstellung über Abraham kuratiert - die religiöse Urgeschichte über das Menschenopfer begreift er als emotionales Drama.


Abraham wollte gehorsam sein, und seinen Sohn Isaak opfern, weil Gott es befahl. So steht es im Alten Testament, 1. Buch Mose, 22: "Gott sprach: Nimm Deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak...und bring ihn dort als Brandopfer dar." Doch im letzten Moment schickte Gott einen Widder und akzeptierte das Tier als Opfer.

Diese spektakuläre Geschichte ist nun Thema einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, die am Donnerstag eröffnet wird. "Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway". Wer den Namen Peter Greenaway hört, denkt weniger an die Bibel als an ganz großes Kino mit grotesken und mysteriösen Geschichten zu Themen wie Herrschaft, Unterwerfung und Ohnmacht, Sex, Spiele und Tod mit Filmtiteln wie "Der Kontrakt des Zeichners", "Der Bauch des Architekten" oder "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber". Der britische Regisseur Greenaway war Kult, das allerdings in den Achtzigerjahren.

Danach waren seine Filme weniger aufsehenerregend, und er selbst sagte, dass das Kino tot sei, "das Bildhafte" aber weiterlebe. Dem widmete er sich dann als Maler, Performer, Theater- und Opernregisseur - und als Ausstellungsmacher. So inszenierte er zum Beispiel Multimedia-Installationen, wie eine Schau zum Ikarus-Mythos, in der er eine Vater-Sohn-Beziehung thematisierte.

Ein menschliches, sinnliches und emotionales Drama

Jetzt greift Greenaway im Jüdischen Museum wieder ein großes Thema voller Ungereimtheiten und Widersprüche auf - zusammen mit seiner Frau, der Multimedia-Künstlerin und Bühnenregisseurin Saskia Boddeke. Besonders interessant dabei: Das 1. Buch Mose 22 gehört zur Überlieferung aller drei monotheistischen Religionen, aber es wird im christlichen, jüdischen und islamischen Glauben unterschiedlich gedeutet und bewertet.

Greenaway und Boddeke begreifen die Opferung subjektiv. Der Text der Abraham-Urgeschichte ist für sie ein menschliches, sinnliches und emotionales Drama, so die Museumskuratorin Margret Kampmeyer.

Schon im Treppenhaus wird der Besucher mit Licht und goldener Schrift auf das Thema eingestimmt. Im ersten Raum zeigt eine Projektion verschiedene Kinder und junge Menschen, die "Ich bin Ismael" oder "Ich bin Isaak" sagen und damit, so die Idee der Künstler, "eine Art Identifikation heute" im Spannungsfeld von Gehorsam und Vertrauen herstellen sollen.

Schon hier ist es hilfreich, die Texte des Katalogs zu lesen. Nur bibelfeste Besucher werden sich erinnern, dass Abraham einen älteren Sohn Ismael hatte, der in der jüdischen Urgeschichte keine Rolle spielt. Als es aber in der arabischen Welt im 8. Jahrhundert eine Umwertung und eine nationale Idee vom Arabertum gibt, wird Ismael dort als der auserwählte Sohn anerkannt, der gemeinsam mit seinem Vater den Tod annimmt - und nicht der jüdische Sohn Isaak. So kommt im Islam mit Ismael eine ganze Familiengeschichte ins Zentrum, die Greenaway mit einem Film über die Mütter der Abraham-Söhne - Sara und Hagar - in einem der nächsten Räume thematisiert.

Tötungsinstrumente zur Schlachtung des Sohnes

In fast allen Räumen sind kurze Text-Zitate zu den gezeigten Episoden an der Wand angebracht, im Isaak/Ismael-Raum sind es die Stammbäume der beiden Brüder - ein authentischer aus dem Alten Testament, und nach dem Willen Greenaways ein arabischer, konstruiert aus der Geschichte, weil die Araber keiner Stammesidee anhängen und genau wie die Christen die Konversion kennen.

Wie schon in seinen Filmen setzen Greenaway und Boddeke nicht auf rational nachvollziehbare Geschichten, sondern auf die Kraft der Bilder. So sieht man theatralisch ins Bild gesetzte Artefakte, wie zum Beispiel in einem goldenen Raum neun Manuskripte in neun Vitrinen, in einem anderen das schwarze Schaf mit goldenen Hörnern von Damien Hirst.

Tötungsinstrumente zur Schlachtung des Sohnes bedecken eine Wand, ebenso 140 Kreuze und viele Fesselungsvorrichtungen. Dazu ziehen sich filmische Inszenierungen mit eigens dafür komponierter Musik von Raum zu Raum, die eine lange Geschichte erzählen.

Manche der Arrangements sind auch rein sinnlich - allein Geruch, Geräusch, Klang und Licht oder Dunkelheit müssen dem Betrachter ausreichen, das zu erkennen und aufzunehmen, was Greenaway in einer Episode erzählen will - den Teufel, der Gott und Abraham versuchen will, die Engel, deren Stimmen die Opferung beenden, den Widder, der anstatt des Sohnes am Ende geopfert wird.


"Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway". Jüdisches Museum Berlin. 22.5.-13.9., www.jmberlin.de



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Olaf 19.05.2015
1.
Vielleicht ist Gehorsam deshalb so beliebt, weil er von der Verantwortung für das eigene Handeln befreit.
Mario V. 19.05.2015
2. Krank
Ein allmächtiger Gott erschafft die Welt und den Menschen. Dann fordert er von seinen Geschöpfen allerlei Grausamkeiten, damit sie auf diese Weise ihren Gehorsam demonstrieren, oder bestraft sie, wenn sie nicht an ihn glauben oder nicht nach seinem Willen leben. Ist wohl doch nicht so weit her mit der Allmacht, wenn seine Schöpfung macht was sie will, und nicht was er will.
gbpa005 19.05.2015
3. Der erste Fall der
"Ich habe nur Befehle befolgt" ist wohl eine der dümmsten wie tragischsten Ausreden der Menscheitsgeschichte und beileibe kein Produkt des 20. Jhd. Dass bei Abraham noch dazu irgendwelche unsichtbare Stimmen dabei waren, die ihm befahlen seinen Sohn zu töten, das würde heute klar als Fall für die geschlossene Psychiatrie gelten. Erschreckend, dass das heute immer noch als Musterbeispiel für gottgefälliges Handeln gilt.
wernerwenzel 19.05.2015
4. Vielleicht ist die Abraham Geschichte
ein Hinweis darauf, dass "Gott" ein König war. Denn Könige und Herrscher verlangen ja von Vätern, dass sie ihren Sohn im Krieg opfern. Ich halte das für eine plausible Erklärung. Vielleicht könnte man sogar den Namen Gottes bzw. des Königs finden.
diskretes Kontinuum 19.05.2015
5. Fußnote
Diese scheinbar paradoxe Geschichte kondensiert einen revolutionären Akt: die Absage an das Menschenopfer. Vor (und auch nach) dem Judentum waren in sehr vielen Religionen Menschenopfer an der Tagesordnung. Dagegen rebellierten die Juden und fanden einen Gott, der Menschenopfer nicht nur nicht fordert, sondern ablehnt und verflucht. So waren Europas Hexenverbrennungen keine Idee des Christentums, sondern im Gegenteil, ein Relikt von heidnischen Religionen. Wer die Wahrheit des Judentums ablehnt, fällt schnell wieder in eine Welt zurück, in der Menschen für scheinbare höhere Mächte und Zwecke ermordet werden.
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