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01. Mai 2015, 13:58 Uhr

Handke-Premiere am Thalia

Das Lied vom Leben

Von

Zweieinhalb Stunden Bewegung ohne Pause - Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" rauschte als pralle Extrempantomime über die Hamburger Thalia-Bühne.

So ist das Leben! Ist es so? Das Schöne an Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" sind die vielen Menschen-Bilder und oft rasend kurzen Szenen, aus denen sich jeder seine Essenz vom Dasein picken kann. Das ist Schau-Spielen in seiner pursten Form, getanzt, gekeucht, gelacht, geschrien, nur ohne Worte.

Fast atmet der Zuschauer die Bewegung mit. Das Erschreckende hingegen ist die Fülle dieses monströsen Bewegungsessays, die förmlich erdrückt, wo man die Komik als Erleichterung herbeisehnt, bevor der Horror wieder zuschlägt. Schlimme Wechselbäder. Aber so ist doch das Leben! Oder?

Was sich Peter Handke vor über 20 Jahren ausgedacht hatte und dann 1992 in Wien unter Claus Peymanns Regie uraufgeführt wurde, sollte ja als Thema zeitlos sein. Am Hamburger Thalia Theater hat sich jetzt das estnische Regie-Duo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo Handkes Stück vorgenommen und dabei entscheidend eingegriffen.

Hatte der große Jürgen Gosch (1943-2009) am selben Ort vor zwei Dekaden nur gut über eine Stunde für seine Version benötigt, so dehnten Semper und Ojasoo das Werk auf satte zweieinhalb Stunden. Kein Wunder, das Sujet verführt dazu.

Ort des Spiels ist ein fiktiver Platz in Europa, auf dem sich Menschen, die sich nicht kennen, in kurzen und längeren Momenten begegnen, Paare/Passanten, stereotype Situationen, erkennbare Gruppen wie Geschäftsleute oder Piloten, dazu amorphe Massen oder markante Figuren. Mit dieser Grundidee kann man trefflich spielen, und die Regisseure holten sich sicherheitshalber vom Meister Handke die Erlaubnis, das Muster seiner detaillierten Regieanweisungen ein wenig dehnen zu dürfen. Man weiß ja, dass Autoren oder deren Erben bezüglich ihrer Werke zickig sein können. Handke hatte nichts gegen gewisse Aktualisierungen, zumal die Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts inzwischen wirklich etwas patiniert sind.

Erleuchtung inklusive

Zunächst bekam der Platz eine mächtige bewegliche und dramaturgisch akzentuierende Mauer, die ein wenig an Dimiter Gotscheffs Gebäude in der legendären Berliner Inszenierung der "Perser" erinnerte. Klar, dass selbiges Bauwerk später zur Klagemauer mutierte, am Ende der Inszenierung gar zur Paradiespforte inklusive buchstäblicher Erleuchtung, Vertreibungsszene und Auftritt von Gottvater, Sohn sowie Maria und Joseph.

Alles ist in dieser Handke-Afri-Cola, sogar ein wenig seliger Hippie-Schmu. Diese Erweiterungen zerrten etwas an den Nerven, zumal sie einzelnen Szenen (tanzende Soldaten in Tarnanzügen) arg an Regietheater-Urstanzen erinnerten. Und der Idee der Aktualisierung, die sich gerade bei Kriegsthemen derzeit anbietet, etwas entgegenlief. So blieb Manches im Ungefähren und führte zu vermeidbaren Längen.

Was aber in der Fülle der Szenen beeindruckte, war der hingebungsvolle Einsatz der vielen Akteure. Sei es Karin Neuhäuser als in Ehren ergrauter Marylin-Monroe-Ersatz, Mathias Leja in zahllosen Rollen oder Sebastian Rudolphs gesammelte Exzentrikerporträts: Ergänzt von einem Heer wunderbar beweglicher und ausdrucksvoller Komparsen ließ das Regieduo die Thalia-Bühne förmlich explodieren, um sie anschließend in nahezu meditativer Stille versinken zu lassen. Sambatänzer und Muslimas, selbstbewusste Exhibitionisten und Rollstuhlfahrer beim Blowjob.

So ganz ohne Texte ging es dann doch nicht ab. Die aber waren gesungen, von einem großartigen Chor, wie aus einem Oratorium. Peter Handkes Regieanweisungen zu seiner Großpantomime "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" erklangen gleich zu Anfang. Unterstützt von sehr abwechslungsreicher Bühnenmusik (Lars Wittershagen) begleitete dieser Chor, effektvoll als Besucher in Parkett und Rang platziert, die Handlung, sorgte für kräftige emotionalisierte Akzente, manchmal kitschig, immer effektvoll und am Schluss, als die Bewegung auf der Bühne erstarrte, gar als quasireligiöse Überhöhung.

Ein Tick zu viel für manche im Publikum, aber in dieser pathetischen Inszenierung doch konsequent. So ist es eben, das Leben, nicht immer geschmackvoll, aber oft prallvoll.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, das Stück sei 1993 in Bochum uraufgeführt worden. Tatsächlich fand die Uraufführung 1992 unter Peymann am Wiener Burgtheater statt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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