Idealisierung von Peter Handke Perfide Mülltrennung

Nobelpreisträger Peter Handke hat eine Ex-Partnerin misshandelt und die Trauerfeier eines Diktators besucht. Kann man die Kunst nicht aber vom Künstler trennen? Na klar. Es ist jedoch ein Luxus, den man sich leisten können muss.

Autor Peter Handke: räudiger Trotz
Julien de Rosa/ EPA-EFE/ REX

Autor Peter Handke: räudiger Trotz

Eine Kolumne von


Kann man die Kunst vom Künstler trennen? Es ist eine eigenartige Frage, weil alles an ihr unklar ist. Wer ist "man", und was genau soll getrennt werden? Der arbeitende Mensch vom privaten Menschen, der geschriebene Text vom sprechenden Autor, der Film von den Umständen, unter denen er gedreht wurde?

Dennoch ist die Frage nach der Trennung zwischen Künstlern und ihren Werken eine, die immer wieder gestellt wird. Wie soll man mit Filmen umgehen, deren Produzent Frauen vergewaltigt hat? Oder mit Filmen, deren Hauptdarsteller seine Partnerin geschlagen hat? Oder mit Musik, bei der man davon ausgehen kann, dass der Sänger Kinder missbraucht hat? Oder: Sollte jemand, der mit Kriegsverbrechern sympathisiert, einen Nobelpreis bekommen?

Die Kunst kennt keine Tabus

Oft werden diese Fragen mit einem "darf" formuliert: Darf man noch Filme von Roman Polanski, Harvey Weinstein oder Woody Allen sehen? Darf man zu Michael Jackson tanzen, R. Kelly hören, über Louis C.K.s Witze lachen? Darf man Peter Handke einfach nur für einen großen Literaten halten? Natürlich darf man, rein juristisch. Die Frage ist, ob es etwas gibt, was den Konsum der Kunst, ihre Rezeption, ihre Würdigung nachhaltig beeinflusst, wenn man bestimmte Dinge über die Menschen weiß, die sie geschaffen haben.

Bei manchen Künstlern - Künstlerinnen nicht mitgemeint - hat man das Gefühl, sie haben irgendwann eine magische Grenze überschritten, jenseits derer ihre Bewunderer ihnen jeden erdenklichen Fehler verzeihen: Witze auf Kosten von Minderheiten? Freiheit der Kunst, er kennt keine Tabus! Eklige Sprüche über Frauen? Herrlich verschroben, so kauzig! Übergriffe gegen Journalisten? Ein Enfant Terrible! Ehefrau verprügelt? Hach, Genie und Wahnsinn! Mit Diktatoren gekuschelt? Ein widerständiger Charakter, ein Lebemann, der polarisiert, ein ewiger Provokateur, der sich von niemandem etwas sagen lässt.

An der Entscheidung, dass Peter Handke den Literaturnobelpreis bekommen soll, ist einiges beachtlich. Die Verleihung im letzten Jahr fiel aus, weil die Schwedische Akademie mit diversen Skandalen beschäftigt war, unter anderem wurde dem Ehemann eines ihrer früheren Mitglieder Belästigung und Vergewaltigung vorgeworfen. Das Nobelkomitee wurde neu aufgestellt. Und nun wird mit Handke ein Autor geehrt, dem seine ehemalige Partnerin Marie Colbin 1999 in einem offenen Brief vorwarf, sie getreten und geschlagen zu haben - was Handke dem Biographen Malte Herwig gegenüber später auch zugab: "Ich habe ihr einen Tritt in den Arsch gegeben. Ich glaube, ich hab ihr auch eine heruntergehauen. Ich wollte einfach arbeiten, und das ging nicht. Trotzdem war das nicht gut. Ich hab mich auch selber nicht gemocht." Aber reicht das?

Verstörende Reaktionen im Fall Handke

Handke ist ein Autor, der sich äußerst abfällig über Frauen und #MeToo äußerte, ein Autor, der zugegeben hat, einen Kritiker geschlagen zu haben. Ein Autor, der in einem Gespräch mit dem Journalisten André Müller sagte, er fühle sich "dem Hitler als Mensch" gelegentlich "sehr nahe", er fühle außerdem manchmal eine "tiefe, perverse Sympathie für die faschistische Gewalt, die aus der Verzweiflung kommt". Und ein Autor, der auf der Trauerfeier für einen Diktator eine Rede hielt.

Dementsprechend verstörend lesen sich die Reaktionen derer, die Handke für einen würdigen Nobelpreisträger halten. Die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters nannte Handke "einen der wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren", der "so manches politische Tabu gebrochen" habe. Der Literaturkritiker Denis Scheck sagte: "Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten."

Aber nicht nur die. "Der Nobelpreis für Peter Handke ist ein Schlag ins Gesicht, nicht nur für die Betroffenen der Massaker in Bosnien. Es ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die an Menschenrechte und Fakten glauben", schrieb die Autorin Jagoda Marinic. "Meinen jene, die Werk und Person nun trennen möchten, dass die Opfer des Genozids das auch sollen?"

Kunst und Künstler zu trennen ist Luxus

Wie sollten sie das können? Wenn ein Künstler Verbrechen begeht, gutheißt oder leugnet, wenn er Täter zu Opfern macht, dann ist Kunst und Künstler zu trennen ein Luxus, den man sich leisten können muss. Es ist eine perfide Form der Mülltrennung, die da stattfindet, wo solche Künstler verteidigt werden: Ja, sie haben schon mal dies oder das gesagt oder getan, sich "verlaufen", "verrannt", "verzettelt", aber man müsse abseits davon doch die Literatur als solche betrachten und sozusagen den Restmüll vom ästhetisch Brauchbaren trennen. Was aber, wenn man das nicht kann? Und zwar nicht, weil man keine Ahnung von Literatur hat, sondern gerade weil man bestimmte Ansprüche an sie hat?

Die US-amerikanische Abteilung des Autorenverbandes P.E.N. hat tiefes Bedauern über die Wahl Handkes geäußert: "Wir sind sprachlos über die Auswahl eines Schriftstellers, der seine öffentliche Stimme dazu genutzt hat, historische Wahrheiten zu beschneiden und den Ausführenden eines Genozids Beistand zu leisten."

Auch der Träger des diesjährigen Deutschen Buchpreises Sašsa Stanišsic hat die Entscheidung kritisiert: "auch deswegen, weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt. Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat." Handke hat unter anderem über Stanišsics Heimatstadt Višsegrad geschrieben und lässt seinen Erzähler Zweifel an der Darstellung der Geschehnisse säen, etwa, indem dieser die Frage aufwirft, wie es sein könne, dass eine Truppe von serbischen Partisanen die muslimische Mehrheitsbevölkerung terrorisiert.

Was sollen das für Grenzen sein?

Es stellt sich weniger die Frage, ob man die Kunst vom Künstler trennen kann als die Frage, wer das kann. Denn einige können das ja offenbar ganz wunderbar. Der Reflex, auf der Trennung von Kunst und Künstler zu bestehen, ist umso stärker, je umfassender die eigene Bewunderung für den Künstler bisher war, und der Versuch, die Enttäuschung abzuwehren, umso vehementer, je stärker das eigene Selbstbild ins Wanken geraten könnte, wenn man sich eingesteht, wen man da verehrt (hat).

Dabei geht es nicht darum, ob man einzelne Fehler oder Ausrutscher verzeiht oder ausblendet - die natürlich auch Künstlern passieren können -, sondern darum, ob man gewillt ist, aus einem Menschen, der gewalttätig ist oder Opfer von Gewalt verhöhnt, diese Seiten gewissermaßen herauszurechnen, um ihm weiterhin in Ruhe huldigen zu können.

Was daran am unangenehmsten ist, ist nicht, dass es Leute gibt, die diese Kunst dann noch konsumieren wollen, sondern der räudige Trotz, mit dem sie dieses Bedürfnis rechtfertigen, diese Mischung aus Unterwürfigkeit (gegenüber dem Künstler) und Überheblichkeit (gegenüber seinen KritikerInnen).

Als gäbe es tatsächlich saubere Grenzen, die man ziehen könnte zwischen Menschen, die Kunst erschaffen, den Bedingungen, unter denen sie es tun, und den Werken, die sie zustande bringen. Was sollten das für Grenzen sein, und wer könnte sie ziehen?

Würden Leute, die da auf einer strikten Trennung von Werk und Künstler bestehen, sich auch ein Landschaftsgemälde von Hitler an die Wand hängen, wenn es ein richtig gutes Bild wäre? Und wenn nicht: Nur aus Angst vor Ächtung - oder doch aus einer inneren Überzeugung, dass die eigenen ästhetischen Bedürfnisse nicht in jedem Fall der einzig gültige Maßstab für die Bewertung von Kunst sein können?

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand, Handkes Erzähler würde Verbrechen leugnen. Wir haben diese Stelle präzisiert.



insgesamt 279 Beiträge
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chrho67 15.10.2019
1. Der Nobelpreis ...
... geht klar an den Künstler, nicht an eines seiner Bücher. Insofern muss auch der Preisträger würdig erscheinen.
nocolour 15.10.2019
2. Lovecraft?
Als Paradbeispiel für einen Literaten mit wahnsinnig riesigem Einfluss, aber ebenso wahnsinnig problematischen Charakterzügen kann H.P. Lovecraft doch auch wundervoll herhalten. Im Kern ein übelster Rassist, Sexist und Nationalist, ganz Kind seiner Zeit und verstrickt in all den Überlegenheitsnarrativen der weißen, westlichen Welt. Auf literarischer Ebene stellt dieser Mann dennoch DEN Horroautor des 20. Jhd. dar, auf dessen Machwerk so viele Grundkonzepte des zeitgenössischem Horrorgenres berufen, dass es quasi unmöglich an ihm vorbei zu kommen. Was mich zu Frage bringt, inwiefern es notwendig ist Kunst und Künstler voneinander zu trennen? Kognitive Dissonanz lässt sich auch dazu nutzen das Machwerk eines Menschen zu feiern, während man ihn als Persönlichkeit mit all seinen Einstellungen, Ansichten und ideologischen Aufladungen verabscheut. Natürlich ist es unmöglich das Eine ohne das Andere wirklich nachhaltig und tiefgreifend zu verstehen, aber vielleicht liegt ja auch genau darin die Anziehungskraft eben solcher Geister. Und ich denke, dass Handke, bei all den Dingen, die man uhm rechtens nicht nur vorwerfen darf sondern muss, immer noch ein Autor ist, mit der Fähigkeit Menschen an die Seiten eines Buches zu fesseln. Ob er dafür den Nobelpreis verdient hat? Fragwürdig. Kritisierbar. Aber dennoch Realität.
b.schumann 15.10.2019
3. Wie blöd,
habe ein paar Sachen von Handke wohl zu früh gelesen. Also vor dieser "Würdigung". Pech für mich, suche nachher mal einen Platz in der zweiten Reihe des Bücherregals. Ist mir aber mit Wagner auch schon passiert, dass ich das Arschloch nicht in der Musik wiedergefunden habe. Den höre ich sicherheitshalber auch nur mit Kopfhörer. Will mich schließlich nicht outen.
cremuel 15.10.2019
4.
Sehr schöner Beitrag zu der pseudo-naiven "Man muss das doch trennen können"-Manier. Und am besten finde ich den Hinweis darauf, dass es zwar guilty pleasures geben kann (wobei das natürlich für den Anhänger des Genozids an muslimischen Bosniern ein zu schwaches Wort ist), diese dann aber bitte nicht mit Beschimpfungen derjenigen einhergehen sollten, die das Selbstverständliche aussprechen. Was das Bewusstsein der eigenen Gottesgesandheit und die Unfähigkeit zum Kritisiertwerden angeht, ein würdiger Grass-Nachfolger.
nobody_incognito 15.10.2019
5.
Pfft - klar kann man Kunst und Künstler trennen. Ist ja dann die Frage woher die Kunst kommt und wie der Künstler dazu kommt sie uns rüber zu bringen? Dass Adolf Hitler in der Lage gewesen wäre "Animal Farm" oder "Der Prozeß" zu schreiben ist mal schwer vorstellbar, allenfalls wie man sich vorstellen kann wie ein Verbrecher als Türsteher seinen Lebensunterhalt bestreitet und wenn der Job nicht reicht, dann eben wieder zum Verbrecher bzw. GröFAZ wird. Kaiser Nero ist auch so ein Beispiel, bzw. sein Leben an sich ist selbst zum Kunstwerk geworden. Sind wir nicht alle bloß irgendwelche mehr oder weniger unbewussten Aktionskünstler, die sich dauern fragen was wir uns gegenseitig überhaupt sagen wollen oder sollen? :-D
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