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01. Juni 2019, 11:32 Uhr

Starfotograf Peter Lindbergh

"Ich halte es für tragisch, an seinem Gesicht herumzufummeln"

Ein Interview von

Peter Lindbergh eröffnete einen neuen Blick auf weibliche Schönheit, mit den Supermodels wurde in den Neunzigern auch der Fotograf berühmt. Nun läuft die Doku "Women's Stories" über ihn im Kino.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lindbergh, Sie haben Ihr Smartphone vor sich liegen. Ist das für Sie inzwischen eigentlich auch eine Kamera oder wird es nur als Telefon genutzt?

Lindbergh: Leider ist es nicht nur ein Telefon. Natürlich benutze ich es nicht zum Arbeiten, aber ich fotografiere auch mit dem Telefon. Wie diese Instagrammer eben, die wir Fotografen alle so hassen, weil sie viel bessere Fotos machen als wir. Und tatsächlich muss man ja auch sagen, dass man mit den Dingern viel bessere - und mehr - Fotos macht als mit normalen kleinen Kameras, die man sonst um den Hals hängen hatte. Nur groß aufziehen lassen sich Handyfotos noch immer nicht ohne weiteres, was vermutlich für uns professionelle Fotografen ein Glück ist.

SPIEGEL ONLINE: Was hat eigentlich in Sachen Fotografie und Schönheitsidealen den größeren Schaden angerichtet, die Verwendung von Photoshop oder Botox?

Lindbergh: Photoshop ist eine ganz große Tragödie, keine Frage. Bei Botox dagegen bin ich mir oft gar nicht sicher, ob das jemand wirklich verwendet. Nur in den ganz krassen Fällen, wo sich auf der Stirn tatsächlich gar nichts mehr bewegt. Insgesamt halte ich es für tragisch, an seinem Gesicht herumzufummeln. Das ist doch dazu da, etwas auszudrücken; es ist quasi der Zeuge einer Situation oder eines Gefühls. Aber natürlich muss man das jedem selbst überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Verständnis dafür, was schön ist, über die Jahrzehnte verändert?

Lindbergh: Ja, das würde ich schon sagen. Allerdings nicht unbedingt mein Frauenbild, wenn Sie das meinen. Eine Frau, die ich vor 30 Jahren schön fand, finde ich auch heute noch schön, wenn ich mir die Bilder ansehe. Und auch früher schon konnte ich nichts damit anfangen, wenn sich jemand eine dicke Schicht Schminke in sein Gesicht geklebt hat. Wer so im Studio erscheint, darf erst einmal alles abwischen, damit der Mensch darunter zum Vorschein kommt.

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist denn dann anders als früher?

Lindbergh: Ich habe über die Jahre noch mehr erkannt, dass Schönheit nichts mit Jugend zu tun hat. Nicht dass ich früher nur blutjunge Mädchen fotografiert hätte. Aber wie magisch schön etwa eine Charlotte Rampling mit über 70 Jahren aussieht, weiß ich heute vielleicht noch mehr zu schätzen. Einen echten Menschen, der sein ganzes Leben im Gesicht trägt, vor sich sitzen zu haben, ist toll. Und selten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie eigentlich das gleiche, ob Sie ein professionelles Model oder eine Schauspielerin fotografieren?

Lindbergh: Nein. Models sind dazu da, für die Kamera zu arbeiten. Die gucken in die Kamera, wenden sich ihr zu. Schauspieler dagegen sind darauf trainiert, das Objektiv zu vergessen. Das macht für meine Arbeit einen erheblichen Unterschied!

SPIEGEL ONLINE: Als in den späten Achtzigerjahren nicht zuletzt dank Ihrer Fotos die Ära der Supermodels begann, läutete das auch einen Wandel des Frauenbildes in der Mode- und Werbefotografie ein. Wie bewusst haben Sie das damals forciert?

Lindbergh: Prinzipiell ging es mir immer um die Fotografie, nicht ums Politische. Aber ich konnte mit dem Frauenbild, das bis dahin dominierte, einfach nichts anfangen. Diese Repräsentativ-Frauen, beschützt und hergezeigt von irgendwelchen Männern, reine Kleiderständer - fürchterlich. Mich interessierten Frauen, die selbst etwas zu sagen haben und Selbstbestimmung ausstrahlen. So wie die Mädchen damals an der Kunsthochschule, mit denen ich studierte, die natürlich keine Dior-Abendkleider, sondern T-Shirts trugen.

SPIEGEL ONLINE: Also steckten Sie Ihre Models in schlichte, weiße Oberhemden...

Lindbergh: Erst einmal sagte ich zu meinen Auftraggebern, ich könne nicht für sie arbeiten, denn ich konnte Frauen einfach nicht auf die althergebrachte Weise fotografieren. Die ersten, denen ich dann mein alternatives Frauenbild zeigte, schmissen meine Fotos weg. Aber dann konnte ich meine Models in den weißen Hemden doch unterbringen - und der Erfolg zeigte, wie überfällig diese Veränderung im Frauenbild scheinbar war. Das war damals ja wirklich der Wahnsinn: Innerhalb von drei Monaten waren diese Fotos und Models überall und alles andere erst einmal für zehn Jahre weggeblasen. Als hätten alle nur darauf gewartet.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich hielt die Sache aber kaum mehr als ein Jahrzehnt. Warum eigentlich?

Lindbergh: Erst einmal ging alles nur steil nach oben. Wenig Make-up, Haare locker nach hinten, T-Shirt statt Ballkleider, Windhund und Luxusmöbel - das wurde ein Trend, auf den alle aufsprangen. Nach meinen Fotos kam das Video von George Michael, dann engagierte Versace diese Models und plötzlich konnte Linda Evangelista behaupten, sie stehe für weniger als 10.000 Dollar nicht auf. Was ja auch so war, ganz gleich, was sie heute sagt. Wenn sie auf dem Cover eines Magazins war, verkauften sich bis zu 25 Prozent mehr Exemplare. Aber recht schnell entdeckte auch die Industrie diese Supermodels für sich. Die Kosmetikbranche fing diese Mädchen wieder ein und nutzte sie dazu, eben doch wieder ordentlich Schminke aufzutragen. Der Kommerz, aus dem sie ausgebrochen waren, eroberte sie sich zurück. Außerdem stand in der Fotografie die nächste Revolution an.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Lindbergh: Leute wie Jürgen Teller und die ganzen britischen Fotografen, die Ende der Neunziger aufkamen. Die brutalisierten die Models, wenn man so will. Größtenteils waren es die gleichen Mädchen, die sie fotografierten, nur dass denen plötzlich Narben ins Gesicht geschminkt wurden oder so. Das fand ich weniger gut, das war mir zu gemacht, während es bei uns vorher um eine authentischere Philosophie ging. Jedenfalls verblasste der Boom der Supermodels irgendwann wieder, auch wenn Cindy oder Naomi ja immer noch da sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Blick Ihrer Kamera auf eine Frau anders als auf einen Mann?

Lindbergh: Ich würde schon sagen, dass es in der Arbeit noch eine andere Komponente gibt, wenn ich Frauen fotografiere. Genauso, wie wenn ein homosexueller Fotograf Männer fotografiert. Und damit meine ich nicht nur den erotischen Blick. Die Fronten sind für mich mit einem Mann klarer. Das ist beim Fotografieren nicht anders, als wenn ich mit jemandem essen gehe. Mit einem Mann komme ich recht schnell auf einen Nenner: Man versteht sich oder nicht, und auf diesem Level bleibt das dann auch. Mit einer Frau stehen dagegen immer neue Fragen im Raum. Wo fängt Flirten an? Was wird von mir erwartet? Wie würde die Situation von außen wahrgenommen? Diese zusätzlichen Facetten machen alles komplizierter, aber natürlich auch interessanter.

SPIEGEL ONLINE: Viele dieser Fragen stellt man sich heutzutage intensiver und anders als früher. Würden Sie aus heutiger Perspektive betrachtet Fotoinszenierungen anders handhaben als Sie es in den Neunzigern getan haben?

Lindbergh: Nee, wieso? Ich hatte immer einen natürlichen Respekt vor Frauen - und eine große Abneigung davor, Einfluss oder Druck auf andere Menschen auszuüben, nur weil man eine bestimmte Position innehat, die einem das ermöglicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch sicherlich Dinge, die dank eines sich auch unter dem Eindruck von #MeToo verändernden Zeitgeistes sicher heute nicht mehr gingen. Viele Fotos etwa von Helmut Newton kommen einem da in den Sinn.

Lindbergh: Ich hoffe nicht, dass diese Bilder heute nicht mehr gehen. Für mich geht es bei diesen Debatten nicht um die Kunstwerke, sondern um Menschen, die ihre Macht missbraucht haben, so wie etwa Harvey Weinstein. Im Bademantel herumsitzen und beim Casting nach jedem Rockzipfel der Mädchen zu schnappen, so etwas geht natürlich gar nicht. Auch ich würde mir wünschen, in einer Welt zu leben, in der eine Frau mit jedem Mann in einen Fahrstuhl steigen kann, ohne Angst haben zu müssen.

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