Öko-Drama in Stuttgart Das goldene Zeitalter endet in der Kloake

Der Regisseur Armin Petras inszeniert am Stuttgarter Schauspielhaus "Pfisters Mühle" nach Wilhelm Raabes, wenn man so will, Umweltskandal-Roman von 1884 - und muss selbst für einen verletzten Schauspieler einspringen.

"Pfisters Mühle" am Stuttgarter Schauspielhaus: Jagd nach Profit
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"Pfisters Mühle" am Stuttgarter Schauspielhaus: Jagd nach Profit


Am Ende - am zweiten Ende muss man sagen - ist die Erde wüst und leer. Ein riesiger Berg von Lumpen liegt auf der Bühne, rechts ein Autowrack, knöchelhoch steht ölig glänzendes Wasser: Die Natur ist endgültig vernichtet, aber auch die angebliche Zivilisation hat nur für Ruinen und Ödnis gesorgt. Grell leuchten Scheinwerfer ins Parkett, blenden uns für Sekunden - dann sieht man die Personen, die zuvor zwei Stunden lang ums Überleben kämpften und vom Fortschritt überrumpelt und verführt wurden, in dieser trüben Lache stehen.

Unbeweglich wie Schaufensterpuppen verharren die in die Zukunft Ausgewanderten unter dem triefenden Müll-Ball, der nun bedrohlich über ihnen schwebt, während sich vorne die Zurückgebliebenen aus dem Untergrund noch einmal ins matte Licht quälen. Eine Stimme singt zärtlich von einem Wiedersehen, vielleicht "drüben", wo immer das sein mag.

Dieses tableau vivant der Betrogenen, zu dem man sich nach einer langen Pause nochmals für nur knapp 15 Minuten im Saal einfinden muss, sucht man bei Wilhelm Raabe vergeblich, aber man liest von ihm zwischen den Zeilen in seinem Roman "Pfisters Mühle", in dem der Dichter bereits 1884 Klage erhebt gegen die Mechanismen der Moderne, die nur am Profit orientiert ist und Existenzen vernichtet, damit die Kasse stimmt. Die industrielle Revolution frisst ihre Kinder und speit sie wieder aus als willenlose Marionetten des Kapitals.

Die Szene ist der großartige Schlusspunkt in Armin Petras' widerborstiger, verrückter Inszenierung eines hinterhältig unromantischen Textes. Der Berliner Künstler Martin Eder, der hier erstmals als Bühnenbildner arbeitet, hat das Bild aus verlorenen Menschen und letzten Dingen gestaltet.

Jubelnd in den Abgrund der schönen neuen Welt

Das erste Ende des Abends, vor der Pause, war noch ganz Raabe: Peter Kurth als ruinierter Müller und Gastwirt Pfister trat an die Rampe, hinter ihm schob sich die graue Betonwand gefährlich auf ihn zu, und er stieß einen finalen krächzenden Ton in sein Horn - das Signal zum Aufgeben.

Man hatte ihm seinen Existenzraum und Lebenstraum vernichtet: Die neue Zuckerfabrik bachaufwärts verseuchte das "helle Mühlenwasser", es stank zum Himmel. Die Gäste blieben aus, und wer doch noch kam, schwadronierte von einer goldenen Ära, der sich der alte Pfister nicht versagen dürfe. Der aber wütete nur noch einmal in sinnloser Verzweiflung und wurde dann immer stummer, regungsloser, trauriger. Aus dem Bach dampfte es giftig, aus dem meterbreiten Abflussrohr in der Wand tropfte es tödlich: eine "pestilenzianische Angelegenheit", vor der die anderen naiv ihre Augen und Nasen verschlossen.

Raabe hatte mit "Pfisters Mühle" den, wenn man so will, ersten Öko-Roman geschrieben und radikal im romantischen Sprachgewand von einem Umwelt-Skandal berichtet, der die empören sollte, die noch nicht blind dem Technik-Wahn verfallen waren.

In Armin Petras' Bühnenbearbeitung (mitunter ein wenig verwirrend und ohne Kenntnis der Erzählung nicht immer leicht nachzuvollziehen) sind alle wie angefixt von den angepriesenen Segnungen der neuen Zeit. Die gierig gemachten Menschen vergessen Anstand und Moral, vertraute Verwandte übervorteilen und hintergehen sich, in immer absurderer Hatz jagen sie den prognostizierten Profiten hinterher, und nur an Weihnachten stimmen sie nochmal scheinheilig den (Ab-)Gesang auf die guten alten Tage an.

Momente unsentimentaler Wehmut

Bei Petras geht das nicht ohne grelle Überzeichnung ab, nicht ohne Bühnenqualm und scheppernden Sound, nicht ohne haarsträubenden Slapstick (wirklich komisch in ernster Tragik agieren Svenja Liesau und Holger Stockhaus) und unbedenklich eingestreute aktuelle Kritik an der zeitlosen Unvernunft. Mit futuristischer Euphorie und aus lächerlicher Angst, den Anschluss an die Zukunft zu verpassen, werden die gerade noch bieder gemütlichen Bürger zu Opfern des "Tempozids" (Michail N. Epstein) und rasen jubelnd in den Abgrund der schönen neuen Welt.

Aber mitten in diesem donnernden Zusammenbruch von Werten und Gewissheiten gibt es in Stuttgart mit einem wunderbaren Ensemble doch auch immer wieder Momente von so unsentimentaler Wehmut, in denen der Verlust der Vergangenheit und der Schmerz darüber ganz intensiv spürbar werden.

Etwa wenn Müller Pfisters Verwandte und Freunde, die nichts mehr retten können und wollen (schon allein, weil sie längst selbst an den Segnungen der Industrialisierung kräftig verdienen), ein letztes Mal nach der Sommerzeit auf dem Lande in die Stadt abreisen und die alte Magd Christine zurückbleibt. Auf einmal ist da diese ins Gemüt stechende Endgültigkeit in der Aufbruchstimmung. Wie der Diener Firs aus Tschechows "Kirschgarten" steht nun Maja Beckmann als Christine, dieser gute Geist in "Pfisters Mühle", vergessen, verloren und nutzlos am Rand einer verscherbelten Wirklichkeit und möchte untergehen in den Trümmern ihrer abgelaufenen Zeit.

Regisseur springt für verletzten Schauspieler ein

Erzählt wird dies alles aus der Sicht des "alten Eberhard Pfister", dem Sohn des Müllers - einer Figur, die sich ganz mühelos zwischen dem Gestern und Heute bewegt, sich erinnert und gleichzeitig in die Handlung eingreifend teilnimmt an den laufenden Ereignissen. Den sollte eigentlich Wolfgang Michalek spielen, der aber verletzte sich bei der letzten Probe schwer. Und so sprang einer ein, der das Stück wie sonst keiner kennt: der Autor, Regisseur und Stuttgarter Intendant höchstpersönlich.

Armin Petras, der zwar vieles, aber kein gelernter Schauspieler ist, vertauschte das Markenzeichen Wollmütze mit einem Zylinder und meisterte in schwarzem Gründerzeit-Kostüm seine Doppelrolle als inszenierende Bühnenfigur beziehungsweise Bühnenfiguren in Szene Setzender meisterhaft: Wie weiland der große polnische Regisseur Tadeusz Kantor trieb sich Petras verschlagen am Rampenrand und im Hintergrund umher, dirigierte mit spitzem Federkiel die Abläufe und brabbelte, bisweilen sogar wütend, meist aber streng gütig seinen Text. Die Stuttgarter (fast alle) verzichteten angesichts Petras' bemerkenswerter Gesamtleistung ausnahmsweise mal auf ihre Buhs - und jubelten dem Ensemble zu.

Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft. Nach dem Roman von Wilhelm Raabe. Regie: Armin Petras.
Im Schauspielhaus Stuttgart, nächste Vorstellungen am 22.11. (nur noch Restkarten an der Abendkasse) sowie 7. und 14.12.; Tel. 0711/20 20 90.



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