Werke in Milliardenwert Bundesregierung wusste von Raubkunst-Fund

Hat er noch mehr Nazi-Raubkunst versteckt? In der Münchner Wohnung des Sohns eines Kunsthändlers wurden Werke in Milliardenwert gefunden. Nach der Razzia hat der Besitzer noch mindestens ein Bild verkauft. Die Bundesregierung weiß schon länger von dem Fall.

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München/Berlin/Hamburg - Die Bundesregierung weiß bereits seit längerem über den Fund von etwa 1500 bislang verschollenen Werken aus der Zeit der klassischen Moderne in München Bescheid. "Die Bundesregierung ist seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Durch die Vermittlung von Experten, die sich mit "entarteter Kunst" und von den Nationalsozialisten geraubter Kunst auskennen, würden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg unterstützt.

Am Sonntag war durch das Magazin "Focus" bekannt geworden, dass ein 80-jähriger Münchner jahrzehntelang in seiner Wohnung einen 1500 Werke umfassenden Kunstschatz gehortet hat. Offenbar um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, soll er einzelne Bilder verkauft haben.

Eines davon ist Max Beckmanns "Löwenbändiger (Zirkus)", in Gouache und Pastell auf Velin gemalt, unter Glas gerahmt, unten rechts mit Kohle schwer leserlich in Sütterlinschrift signiert und datiert auf das Jahr 1930. Versteigert wurde das Bild im Dezember 2011 für 860.000 Euro vom Kölner Auktionshaus Lempertz, nach einer vorherigen Schätzung im Katalog auf 300.000 Euro.

Im Lempertz-Katalog wird in den Angaben zur Herkunft des Bildes auf die Berliner Galerie Alfred Flechtheim verwiesen. Flechtheim musste 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen. Das Kunsthaus bestätigt: Experten fanden heraus, dass es aus dem Nachlass Flechtheims stammte, mit dessen Erben man sich auf ein Geschäft einigte. Nach dieser Einigung sei der "Löwenbändiger" daraufhin für 864.000 Euro mit Aufschlag versteigert worden.

Hinter dem Verweis auf Flechtheim folgen zwei Namen aus der Familie des Münchner Mannes, der jetzt laut "Focus" von bayerischen Zollfahndern der Steuerhinterziehung beschuldigt wird; "seitdem Familienbesitz Süddeutschland" ist der letzte Eintrag in der Rubrik. Die Familie ist in Kunstkreisen bekannt, der zwischenzeitliche Besitzer gilt als einer der wichtigsten Kunsthändler im "Dritten Reich", der mit den Nationalsozialisten kooperierte und zugleich Repressalien ausgesetzt war.

"Ein alter Mann und sein Kronjuwel"

Eine an der Durchsuchung der Wohnung beteiligte Zeugin bezweifelte allerdings die "Focus"-Angaben, wonach es sich um 1500 Gemälde gehandelt habe. Es seien zwar viele Gemälde, aber auch "ein gewaltiger Teil" an weniger wertvollen grafischen Arbeiten unter diesen Kunstwerken gewesen, sagte die Frau, die ungenannt bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AFP.

Der Mann habe die Kunstwerke unter klimatisch katastrophalen Bedingungen aufbewahrt, berichtete die Zeugin weiter. Sie hätten sich zum größten Teil in Regalen in einem kleinen Zimmer der Wohnung befunden. Nach ihrer Beobachtung seien die Bilder aber dennoch nicht stark beschädigt gewesen.

Der Nachrichtenagentur dpa bestätigte das Kunsthaus Lempertz, dass der Besitzer das Gemälde "Löwenbändiger" von Max Beckmann im Spätsommer 2011 zur Auktion abgegeben habe - und damit nach der Beschlagnahme des Kunstschatzes in seiner Wohnung im Frühjahr.

Dies legt die Vermutung nahe, dass bei der Razzia nicht alle Kunstwerke entdeckt worden sind, der Mann also möglicherweise noch über weitere Kunstverstecke verfügt.

Misstrauisch sei man nicht geworden. "Das wirkte, als habe ein alter Mann sein Kronjuwel geholt, um für die letzten Jahre noch flüssiges Kapital zu haben", sagte der Justiziar des Auktionshauses, Karl-Sax Feddersen. Dies sei der erste Kontakt zu dem Verkäufer gewesen.

Regierungssprecher Seibert sagte in Berlin, er habe "keine Informationen" darüber, ob aus dem Ausland bereits Besitzansprüche geltend gemacht worden seien. Das Finanzministerium verwies nur darauf, dass die Staatsanwaltschaft Augsburg für alle Auskünfte zuständig sei. Diese will sich am Dienstagvormittag erstmals öffentlich in der Sache äußern.

Lesen Sie hier mehr über den spektakulären Kunstfund in München.

dba/feb/dpa/AFP

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Seite 1
Claudia_D 04.11.2013
1.
Zitat von sysopGetty ImagesHat er noch mehr Nazi-Raubkunst versteckt? In der Münchner Wohnung des Sohns eines Kunsthändlers wurden Werke in Milliardenwert gefunden. Nach der Razzia hat der Besitzer noch mindestens ein Bild verkauft. Die Bundesregierung weiß schon länger von dem Fall. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/picasso-beckmann-matisse-in-wohnung-in-muenchen-schwabing-a-931625.html
Immer wieder schön zu erfahren, was diese Regierung so alles unter Verschluss hält...
gesell7890 04.11.2013
2. wollt man
es also auch unter den Teppich kehren? ist ja auch ein unangenehmes Thema...
spon-1274195501097 04.11.2013
3. Seit 2 Jahren bekannt?
Wie erklärt die bayerische Steuerverwaltung diesen unglaublichen Vorgang, dass die Bilder im Milliardenwert schon zwei Jahre gebunkert werden, ohne dass man versucht, die rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen oder die Kunstwerke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Herr Seehofer, was soll das?
Hari Seldon 04.11.2013
4.
Ich bin nicht sicher, ob da überhaupt ein Kriminalfall dahintersteckt - außer der Steuerhinterziehung natürlich. Da in dem Artikel steht, dass er mit Repressalien durch die Nazis zu tun hatte. würde ich erst mal nicht davon ausgehen, dass er von den Nazis gestohlene Werke also "Raubkunst" gekauft hat. Aus den Informationen des Artikels würde ich eher spekulieren, dass jemand aus der Famlie des jetzigen Besitzers jüdischen Flüchtlingen die Bilder abgekauft hat. Selbst wenn er dabei deren Notsituation ausgenutzt hat, hat er sie 1. nicht gestohlen und 2. dürften die Bilder im Gegensatz zu Schmuck und ähnlichem zu der Zeit ziemlich unverkäuflich und riskant zu besitzen gewesen sein. Außerdem waren die Erben der jüdschen Vorbesitzer am Erlös der Auktionen ebenfalls beteiligt. Insofern kein Grund zur Aufregung. Bleiben noch die Stuerhinterziehung und die unsachgemäße Lagerung, für die der Achtzigjährige verantwortlich ist. Kann natürlich auch anders gewesen sein - aber bisher klingt es so.
dwg 04.11.2013
5.
Zitat von sysopGetty ImagesHat er noch mehr Nazi-Raubkunst versteckt? In der Münchner Wohnung des Sohns eines Kunsthändlers wurden Werke in Milliardenwert gefunden. Nach der Razzia hat der Besitzer noch mindestens ein Bild verkauft. Die Bundesregierung weiß schon länger von dem Fall. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/picasso-beckmann-matisse-in-wohnung-in-muenchen-schwabing-a-931625.html
Mich würde jedenfalls mal die Rechtsgrundlage interessieren, nach der unsere Behörden dem Erben eines Kunsthändlers die geerbten Bilder entziehen. Das bisschen Steuerhinterziehung reicht da wohl nicht für. Nach bald drei Jahren wäre auch mal Zeit für eine Anklageerhebung. Die Erben Flechtheim sind zumindest bei dem bekannten Verkauf entschädigt worden. Vor allen Dingen würde ich die Bilder gerne SEHEN.
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