Ferda Ataman

Plädoyer für Anstand Politisch korrekt - und stolz drauf

"Ich werd' doch wohl mein *Schimpfwort*-Schnitzel essen dürfen!" Der Kampf gegen politische Korrektheit erlebt gerade ein Frühlingserwachen. Doch jede Gesellschaft braucht wohltuende Tabus - sie regeln unser Zusammenleben.

Ich gehöre zu denen, die Grenzen für Sagbares gut finden. Ob Sie das nun "politisch korrekt" nennen oder Rücksicht im Miteinander, ist mir egal. Ich will nicht als Frauenzimmer, Weib oder "Ausländergöre" bezeichnet werden. Und ich will keine Ethniensoße im Supermarkt oder ein Schimpfwort-Schnitzel auf dem Speiseplan. "Zigeunerschnitzel" zu essen, ist kein Menschenrecht. Trotzdem halten manche daran fest , als wäre es eins.

Wider die politische Korrektheit kleben sie an dem Begriff, als wäre es der Untergang des Abendlands, wenn man das Ding "Paprika-Schnitzel" oder "Balkan-Schnitzel" nennt. Wie kann man auf einem Schimpfwort beharren, das die am stärksten diskriminierte Minderheit in Europa verunglimpft?

Für mich sind anständige Umgangsformen eine Errungenschaft der Zivilisation. Jede Gesellschaft braucht ein paar wohltuende Tabus, die das Zusammenleben regeln. Doch seit die reaktionären Zeitgenossen ihr Frühlingserwachen erleben, hat die Debatte um "Political Correctness" wieder Fahrt aufgenommen.

Das Thema beschäftigt uns so sehr, dass man dazu eine Abteilung im Innenministerium einführen könnte. Alle paar Wochen wird eine neue politisch-unkorrekte Sau durchs Dorf getrieben. Jedes Mal halten die Früher-War-Alles-So-Schön-Verträumten die Fahnen hoch für das Recht auf politische Unkorrektheit.

Allein 2019: Erst sorgte Annegret Kramp-Karrenbauer im Karneval für heftige Diskussionen, weil sie Witze über Männer machte, die sie für Waschlappen und Intersexuelle hält. Sie klang dabei wie ein Kind, das am Esstisch laut "Kaka" ruft und dann hofft, dass alle reagieren. Und, oh wie schön, alle haben reagiert.

Dann brach bei rückwärtsgewandten Zeitgenossen Panik aus, weil eine Hamburger Kita die Eltern darum bat, die Kinder nicht als "Indianer" (und "Scheich") zu kostümieren . Den Nachwuchs nicht in den Federschmuck von amerikanischen Ureinwohnern zu stecken, von denen die meisten deportiert oder ermordet wurden oder an eingeschleppten Krankheiten starben, scheinen manche schon als grenzwertige Unterdrückung zu empfinden.

Grenzwertige Unterdrückung?

Und seit Monaten wird wieder mal über den "Sarotti-Mohr" gestritten , das Schokoladen-Logo, das die Firma selbst 2004 ausgetauscht hat. Neuester Auslöser: das alte Markenbild mit Schwarzem Diener  hängt im Foyer eines Mannheimer Kulturzentrums, was einige kritisiert hatten - zu Recht. Das Bild mag süß sein, aber es ist vor allem eine Reminiszenz an Kolonialismus, Sklaverei und Unterdrückung. Kein Zuckerschlecken, echt nicht.

Jedes Mal haben sich bundesweit Medien eingeschaltet, Kommentare dafür und dagegen veröffentlicht, Straßen- und Onlineumfragen gemacht und Experteninterviews geführt. Jedes Mal wird neu darüber debattiert, ob Worte wie "Mohr" oder "Zigeuner" rassistisch seien. Natürlich sind sie es. Man müsste nur klären, was Rassismus bedeutet. Aber Kindheitserinnerungen an Schokoladentafeln, Sprechverbote und Tabubrüche - da ist Musik drin, da haben alle eine Meinung.

Political Correctness oder PC [pi-si], wie es auf Englisch heißt, ist längst ein Kampfthema der Rechten. Wer Konservative am Stammtisch abholen will, erklärt den sprachlichen Anstand zur Moralkeule, mit der man um seine Meinungsfreiheit gebracht wird. So ein Quatsch. Politisch korrekt zu sein, steht für die grundsätzliche Haltung, respektvoll miteinander umzugehen. Das hat mit Zensur oder "Sprechverboten" nichts zu tun. Verbote sind im Strafgesetzbuch geregelt, in Paragraf §130 zur Volksverhetzung , und der greift hier fast nie.

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Ataman, Ferda

Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 208
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29.11.2022 01.51 Uhr

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Es kann fast alles gesagt werden. Und es wird auch fast alles gesagt. Wer unbedingt Menschen und ganze Gruppen beleidigen will, kann das tun. Der soll dann aber bitte nicht rumheulen, wenn jemand das kritisiert. Die "Sprachpolizei" kommt dann halt.

Klar, es ist schwieriger geworden, seine Ressentiments frei auszuleben - oder Frauen und andere Geschlechter ständig zu ignorieren. Das wird geächtet. Immer mehr diskriminierende Begriffe, die früher freiherzig verwendet werden konnten, sind in Verruf geraten. "Bimbo", "Itaker" und "Knoblauchfresser" oder auch harmlosere Wörter wie "Fremdlinge" oder "Gastarbeiter" sind aus dem Alltagsgebrauch der meisten Menschen verschwunden. Selbst "Ausländer" soll man die Ausländer heute nicht mehr nennen - die heißen jetzt Migranten oder "Menschen mit Migrationshintergrund". Damit kommen nicht alle klar.

Reaktionäres PC-Opfer-Gejammere

Der PC-Abwehrreflex ist eine Reaktion darauf, dass sich unsere Sprache und unser Verhaltenskodex verändert haben. Deswegen schreien viele Erwachsene jetzt laut: Kaka! Bildlich gesprochen natürlich.

Die Behauptung, man dürfe in Deutschland nicht mehr über Probleme reden, kommt keineswegs nur von Ultrarechten, sondern auch von Leuten wie Sigmar Gabriel  oder Zeit-Herausgeber Josef Joffe . Und sie ist anschlussfähig: In der Mitte-Studie 2018 der Friedrich-Ebert-Stiftung, die nächste Woche vorgestellt wird, wird wohl wieder die Mehrheit der Befragten der Aussage zustimmen: "In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden." 2016 waren das fast 55 Prozent .

Das reaktionäre PC-Opfer-Gejammere funktioniert ziemlich gut: Keine Partei und kein Medium will sich dem Vorwurf der eingeschränkten Meinungsfreiheit aussetzen. Also binden viele immer radikalere rechte Positionen ein. Ich habe in meinen Jobs in Redaktionen und Behörden oft gehört: "Bloß nicht politisch korrekt, bei uns gibt's keine Sprechverbote."

Nur: Wer solche Plattitüden runterleiert, hat das vermutlich nicht zu Ende gedacht. Sollen wirklich alle alles sagen dürfen? Wäre ein Innenminister, der Witze über Behinderte oder Juden macht, satisfaktionsfähig? Darf ein Bundeskanzler sexistisch über Frauen reden und das Familienministerium als Gedöns-Politik abtun? Nein.

Ich verstehe überhaupt nicht, was es an kommunikativen Geboten und anständigen Umgangsformen auszusetzen gibt. Auf Minderheiten herumzutrampeln, ist keine Freiheit, sondern eine Frechheit. Also: Ich bin politisch korrekt und stolz darauf.

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