Platz zehn für Lena Und jetzt: Kreuzigt sie!

Sie hat mehr gegeben als sie musste. Sie hat sich für dieses Land gequält, um unsere Hoffnungen zu erfüllen. Sie hätte es einfacher haben können, doch sie hat den schweren Weg gewählt. Gebt Lena Meyer-Landrut endlich, was sie verdient: das Bundesverdienstkreuz.

dapd

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Sie hat es hinter sich, und sie hat Glück gehabt.

Platz zehn beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf ist das denkbar beste Ergebnis für Lena Meyer-Landrut: Wäre sie nicht in den Top Ten oder gar im letzten Drittel des Teilnehmerfeldes gelandet, wäre pseudomitleidige Häme über die junge Sängerin hereingebrochen: von "Lenas Tränen" hätten wir dann lesen dürfen, vom "Absturz einer Angehimmelten", vom "peinlichen Pop-Flop". Und selbstverständlich wäre auch die alte Diskussion wieder aufgeflammt, ob diese Frau überhaupt singen kann. Von ihrem Englisch ganz zu Schweigen.

Noch schlimmer als das wäre nur ein Sieg gewesen. Deutschland nochmal im La-La-Lena-Taumel, verdammte Axt, das hätte man doch im Kopf nicht ausgehalten - am wenigsten wohl Meyer-Landrut selbst. Nochmal die Interview-Ochsentour machen zu müssen, nochmal ins Zentrum einer nationalen Hysterie zu geraten, noch mal jede Geste, jede Äußerung, jedes Lächeln und jeden Augenaufschlag öffentlich interpretiert zu bekommen - das konnte man ihr nicht ernsthaft wünschen, selbst als größter Fan nicht.

Der aufdringliche Abholer

Als Lena Meyer-Landrut im Mai 2010 den Sieg beim ESC-Finale in Oslo holte, war danach eine besonders klebrige Form der Verehrung zu beobachten: blasse Politiker, die sich aus dem Erfolg der so lebendigen Sängerin etwas Popularität saugen wollten.

Unvergessen in diesem Zusammenhang ist insbesondere der spätere Bundespräsident Christian Wulff, der sich, es war eine seiner letzten Amtshandlungen als niedersächsischer Ministerpräsident, am Flughafen von Hannover beim begeisterten Empfang der Heimkehrerin mit einem Blumenstrauß an die Gangway stellte und ihr fortan nicht mehr von der Seite wich. Dass die Geehrte mit dem aufdringlichen Landesvater ganz offensichtlich wenig anzufangen wusste, störte Wulff nicht im Geringsten: unverzagt schob er sich immer wieder gütig lächelnd neben Meyer-Landrut ins Bild. Wenige Tage darauf wurde Wulff Bundespräsident und eröffnete sich damit zahlreiche weitere Chancen auf Auftritte im Umfeld wirklich populärer Prominenter.

Schon vorher hatten sich da drei andere aufstrebende Volksvertreter einer Masche bedient, sich lenamäßig ins Gespräch zu bringen, gegen die sich die junge Frau ebenso wenig wehren konnte wie gegen den Abholservice Wulffs: die siegreiche Sängerin solle mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden, forderten Philipp Mißfelder und Marco Wanderwitz von der CDU sowie der FDP-Mann Burkhardt Müller-Sönksen.

Die Aufstrebenden fordern Ehrung

Eine Idee, gegen die eigentlich niemand etwas haben konnte - bis auf das Ordensreferat des Bundespräsidialamtes. Denn selbst wenn es sich bei dem Ordensvorschlag nicht nur um eine wohlfeile Eigenwerbung der Vorschlagenden gehandelt haben sollte und diese tatsächlich einen Brief an die niedersächsische Staatskanzlei geschrieben hätten (zuständig für die Kreuze ist zunächst das Bundesland, in welchem die künftige Ordensperson wohnt) - es war 2010 schlicht nicht möglich, Lena Meyer-Landrut auszuzeichnen. Jedenfalls noch nicht.

Denn auszuzeichnen sind nur "Verdienste, die in der Regel unter Zurückstellung der eigenen Interessen über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Einsatz erbracht wurden", heißt es beim Bundespräsidialamt. Und: "Eine einzelne Leistung genügt im Allgemeinen nicht."

Das hat sich nun geändert: nicht ihr einmaliger ESC-Sieg in Oslo macht Lena Meyer-Landrut auszeichnungswürdig, sondern das Jahr danach, das sie zweifellos "unter Zurückstellung der eigenen Interessen" und "über einen längeren Zeitraum", dazu allemal "mit erheblichem Einsatz" diesem Land gewidmet hat - zumal es wesentlich bequemer für sie gewesen wäre, sich auf dem ersten Erfolg auszuruhen und als Siegerin von der ESC-Bühne abzutreten. Für diese Leistung, für diesen zehnten Platz ist ihr das Land höchsten Respekt schuldig.

Nun denn, die Herren Mißfelder, Wanderwitz und Müller-Sönksen: Fordern Sie erneut! Schreiben Sie einen weiteren Brief! Und Sie, Herr Präsident, walten Sie Ihres Amtes: Kreuzigen Sie Lena!

Oder ist Ihnen Platz zehn etwa nicht mehr würdig genug?

Naja, vielleicht brauchen die Aserbaidschaner ja noch jemanden, der sie zum Flughafen fährt.



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Seite 1
rubjack 15.05.2011
1. Ähm
Zitat von sysopSie hat mehr gegeben, als sie musste. Sie hat sich für dieses Land gequält, um unsere Hoffnungen zu erfüllen. Sie hätte es einfacher haben können, doch sie hat den schweren Weg gewählt. Gebt Lena Meyer-Landrut endlich,*was sie verdient, meint Stefan Kuzmany: Das Bundesverdienstkreuz. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762672,00.html
Ist das jetzt sarkastisch gemeint? Ich gebe zu, dass ich diesen Text in zweierlei Hinsicht verstehen kann. 1. Sarkastisch. Bezogen auf die Forderung dieser Petitionseinreicher 2. Als etwas ernst gemeintes. Dann habe ich ein echtes Problem, wenn der ANtrag durchgehen würde. Denn dann hätte das Bundestverdienstkreuz endgültig seinen Charakter als Auszeichnung für aussergewöhnliche Leistungen für die BRD und deren Bürger verloren. Denn unter dem Strich war alles, was Lena getan hat, für sie selbst, bzw. ihrem Geldgeber Raab und nicht eine aussergewöhnliche Leistung. Da hätte man auch Nicole entsprechend auszeichnen müssen ;-) Und jetzt haut auf mich drauf!
kimba2010 15.05.2011
2. ...
Wofür soll die das Kreuz jetzt genau bekommen, für das Trällern belangloser Lieder in englischer Sprache oder die gute Zusammenarbeit mit dem Millionär Raab?
metbaer 15.05.2011
3. ...
Ich hoffe, hinter dem Artikel steckt eine Ironie, die ich nicht aus dem Artikel herauslesen konnte. Denn wenn nicht, dann ist diese Idee der totale Unsinn. Bundesverdienstkreuz für 2x beim ESC singen?? Das kann doch wohl nicht ernst gemeint sein. Ich hab nichts gegen Lena, gehöre nicht zu der Fraktion, die auf ihr rumhackt. Aber man muss nicht für jeden Blödsinn Bundesverdienstkreuze verteilen!
Peter Sonntag 15.05.2011
4. Das Bundesverdienstkreuz ?
Zitat von sysopSie hat mehr gegeben, als sie musste. Sie hat sich für dieses Land gequält, um unsere Hoffnungen zu erfüllen. Sie hätte es einfacher haben können, doch sie hat den schweren Weg gewählt. Gebt Lena Meyer-Landrut endlich,*was sie verdient, meint Stefan Kuzmany: Das Bundesverdienstkreuz. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762672,00.html
Und gebt ihr auch ihre Ruhe, damit sie sich ins Privatleben zurückziehen kann. Es reicht jetzt. Geld genug wird sie angesammelt haben, selbst wenn der Herr Raab in höchstem Maße am Gewinn beteiligt war.
lewii 15.05.2011
5. Kommerz - nein, Danke
So sehr ich ihre Leistungen in den beiden ESC würdige, und ich sie am liebsten umarmen würde, dass der Grand-Prix endlich mal in Deutschland stattfand -- NEIN, ein Bundestverdienstkreuz darf nicht zu einer dem Kommerz zu verdankenden Ehrung verkommen. So weit darf Deutschland bitte nicht sinken.
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