Platzeck-Biografien Rücktritt eines Bestsellers

Wenn Politiker die Macht ergreifen, greifen Autoren in die Tasten: Matthias Platzeck war ein Top-Thema für deutsche Verleger. Sein Rücktritt macht das Kalkül zunichte - und seine Biografie zum Ladenhüter.

Von Miriam Schröder


Am Montag morgen, neun Uhr, war Christoph Seils auf Seite 50. Das Manuskript, an dem er seit Monaten schrieb, trug den Arbeitstitel "Platzeckbiografie". Eben hatte sich Seils an den Schreibtisch in seiner Kreuzberger Wohnung gesetzt und den Computer hochgefahren. Er wollte dort weitermachen, wo er abends zuvor aufgehört hatte. Er wollte beschreiben, wie der Hygieneinspekteur Matthias Platzeck im Wendejahr 1989 Mitglied des "Runden Tisches" in der DDR wurde. Um neun Uhr eins unterbrach er die Geschichte, "um kurz im Internet zu schauen, was in der Welt da draußen so passiert". "Platzeck tritt vom Parteivorsitz zurück", las Seils. Im selben Augenblick wusste er, "dass es erst mal keinen Sinn macht weiterzuarbeiten".

SPD-Politiker Platzeck: Unbeschriebenes Blatt
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SPD-Politiker Platzeck: Unbeschriebenes Blatt

Seit Weihnachten hatte der Autor einen klaren Auftrag: "Herausfinden, wer Matthias Platzeck ist." Kurz nachdem der ostdeutsche Ministerpräsident im November so unerwartet schnell SPD-Vositzender geworden war, hatte der freischaffende Journalist die Idee: ein Buch schreiben über eine außergewöhnliche politische Karriere, über ein Stück deutsch-deutscher Geschichte. Gleich der erste Verleger war begeistert. Denn für die Wähler im Westen war Platzeck zu dem Zeitpunkt ein noch unbeschriebenes Blatt. Kaum einer kannte seine Geschichte, seine Ideen und Überzeugungen, oder seinen politischen Stil. Für Hoffmann und Campe roch das Projekt nach einem Bestseller. Für Seils bedeutete es Arbeit für ein ganzes Jahr.

Abgeschrieben statt geschrieben

Seit Weihnachten hat er über 50 Interviews geführt, hat sich mit alten Mitschülern getroffen, mit Lehrern, Professoren, Kollegen von damals und mit Parteifreunden von heute. Er ist dem SPD-Vorsitzenden im Wahlkampf von Magdeburg bis Stuttgart gefolgt, er hat Bücher gewälzt über ostdeutsche Geschichte und über die SPD, hat bergeweise Akten angesammelt. Das erste persönliche Gespräch mit Matthias Platzeck sollte letzte Woche stattfinden. Platzeck musste absagen, weil er zu der Zeit mit einem Hörsturz im Krankenhaus lag. Am Montagmorgen gestand er öffentlich ein, dass er die Partei aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter führen kann. Das war "wie eine Vollbremsung von 180 auf Null", sagt Seils. Anfang 2007 sollte die Biografie erscheinen. "In einem Jahr aber", glaubt Seils, "interessiert sich kein Mensch mehr für Platzeck."

So funktioniert Politik, so funktionieren Nachrichten. Wer entscheiden darf, ist wichtig. Und wer nichts mehr zu sagen hat, über den redet auch niemand. Das wissen auch die Buchverlage. Immer schneller bringen sie Sachbücher heraus über Personen oder Themen, die von der Tagespresse hochgejubelt werden.

Politik spricht Bände

Als Gerhard Schröder im Mai vergangenen Jahres Neuwahlen ankündigte, erschienen innerhalb kürzester Zeit acht Bände über Angela Merkel. Ob neu geschrieben oder neu verpackt - die ostdeutsche CDU-Vorsitzende und womöglich erste Kanzlerin der Republik war ein Kassenschlager. Als mit Matthias Platzeck der zweite Ostdeutsche die Führung einer Volkspartei übernahm, witterten die Verlage wieder schnelles Geld.

Bereits Ende März präsentierte der Hugendubel-Verlag "Matthias Platzeck - Die Biografie", geschrieben von zwei Brandenburg-Korrespondenten des Berliner "Tagesspiegel". In nur vier Monaten hatten Michael Mara und Thorsten Metzner alle Informationen verwertet, die sie in jahrelanger Arbeit gesammelt hatten. Dass er krank war und überfordert von seinen drei Ämtern, das wussten sie nicht. "Das hat er selbst vor engen Vertrauten versteckt", sagt Metzner.

Jetzt wissen es alle. Und ob Platzecks Gesicht auf dem Buchtitel nach den ersten zwei Verkaufswochen noch Käufer anlockt, da sind sich Verlag und Autoren nicht ganz sicher: Im Berliner SPD-Theater ist der Mann aus Potsdam künftig nicht mehr die Hauptfigur. Matthias Platzeck ist jetzt wieder "nur" Ministerpräsident in Brandenburg. Mara und Metzner werden weiter über das politische Karussell in Potsdam berichten, dem Platzecks Rückkehr neuen Schwung verliehen hat. Seils wird die Bücher über das Leben in Ostdeutschland zurück in die Bibliothek bringen. Er wird die Akten archivieren, das Dokument "Platzeckbiografie" speichern. Jetzt will er herausfinden, wer die neuen Hoffnungsträger in der SPD sind.



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