"Playboy" ohne Nackerte Was bleibt, wenn das Höschen kommt?

Wie "Yps" ohne Urzeitkrebse: Der US-"Playboy" zeigt künftig keine komplett nackten "Playmates" mehr. Fraglich, ob es dem Magazin damit gelingen kann, den Absturz in die Bedeutungslosigkeit abzuwenden.

AP/ Playboy

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Ein "Playboy" ohne ganzseitige Hochglanzbilder nackter Frauen? Wäre das nicht wie "Yps" ohne Urzeitkrebse oder die "ADAC Motorwelt" ohne Werbung für Treppenlifte? Dabei hat sich das Magazin unsterbliche Verdienste um die sexuelle Befreiung des Mannes von den ästhetischen Zumutungen der Realität erworben.

Das ist kein Witz. Ich übernachtete einmal auf dem Dorf im Chiemgau in einem alten Bauernhof, im ehemaligen Jugendzimmer des Sohns der Familie. Vor dem Einschlafen nahm ich einen in Leder eingebundenen Katechismus vom Regal über dem Bett, und heraus flatterte vergilbtes Papier. Es war irgendwann in den Sechzigerjahren mit der Schere sorgfältig aus einem Artikel der Münchner "Abendzeitung" ausgeschnitten worden, in dem es wohl um die Eröffnung eines Freibades ging. Zu sehen waren zwei grobkörnige junge Frauen in Badeanzügen - ein rührend flackerndes Licht sexuellen Interesses. Ein einziger "Playboy" unter der Matratze hätte diese konservativ-katholische Welt komplett aus den Angeln gehoben.

Der deutsche "Playboy" soll zwar weiterhin mit Nackten erscheinen - als Kernprodukt der Hochglanz-Erotik galt aber von jeher das Original, das in den Fünfzigern die Vorstadtidyllen der USA erschreckte: Erstmals erschien das Magazin 1953 mit einem verhältnismäßig züchtigen Sweetheart Of The Month. Doch alle Lust will Ewigkeit und vor allem mehr, weshalb Bob Gucciones ab 1965 mit Schamhaaren im "Penthouse" punktete und Herausgeber Hugh Hefner ab 1974 gleich zeigte, wohin das ganze Geräkel im Grunde münden musste.

Objekte, aber immerhin luxuriöse Objekte

Inzwischen dümpeln alle diese einst schmierig-stolzen Schlachtschiffe der Aufklärung und Ausbeutung im Abwrackbecken. Auflagenopfer eines Überbietungswettbewerbs, der in der Natur der Sache liegt. Im Internet ist tatsächlich jeder vorstellbare und auch unvorstellbare sexuelle Akt kostenlos abrufbar, man mag's kaum glauben. Fast wünscht man sich die Zeit zurück, da der "Playboy" seine "Hasen" wie Yachten oder Armbanduhren inszenierte. Als Objekte zwar, aber immerhin luxuriöse Objekte - und keine Fußabstreifer oder Pissoirs.

So gesehen wäre die Nachricht längst überfällig, der "Playboy" schaffe die Nackten und damit seinen eigenen Markenkern ab. Tatsächlich handelt es sich um einen als taktischen Rückzug bemäntelten PR-Coup, dem die publizistische Ratlosigkeit dahinter anzumerken ist.

In Zeiten von feministischer Pornografie und Indie-Erotik sind die porentief gewachsten Frauen, die der "Playboy" erfand (wie übrigens auch den Mann, der dergleichen geil zu finden hat), ein onkeliger Anachronismus. Und eine Lady Gaga muss sich nicht mehr wie noch Madonna "für den 'Playboy' ausziehen", die twittert bei Bedarf schlicht ihre üblichen Selfies.

Es ist eben kein Zufall, dass Hugh Hefner, 89, nicht der einzige Lustgreis mit verminderter Zeigefreude ist. Erst im Januar verkündete Zeitungsmogul Rupert Murdoch (84) die Abschaffung derPage Three Girls, die seien doch etwas altmodisch - während hierzulande die "Bild" ihre vergnügten Seite-1-Mädchen immerhin ins Innere des Blattes verschob.

Die Frage ist also nicht: "Was bleibt, wenn die Nackten weg sind?" Die Frage wird sein, wie der "Playboy" den Verlust seiner ästhetischen und gesellschaftlichen Bedeutung mit nun eben nicht mehr komplett nackten Frauen abwenden will. Denn provokant sollen die Bilder selbstredend bleiben, für wen auch immer.

Wenn es gut läuft, werden künftig die Porträts von Kampfpilotinnen, Herzchirurginnen und Kernphysikerinnen die Wände von Bauwagen zieren. Und als nächstes gibt es bei Youporn nur noch stille polnische Kurzfilme zu sehen.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
totalmayhem 13.10.2015
1.
Eines steht schon seit laengerem fest: ob mit oder ohne Titten, der Playboy ist um Laengen serioeser als Spiegel Online.
Enguerrand de Coucy 13.10.2015
2. Willkommen in der
Gemeinschaft der Puritaner.
Glasperlenspiel 13.10.2015
3. Das kommt davon...
... wenn die Verleger bzw. Herausgeber alle knapp 90 Jahre alt sind.
mrerenoth 13.10.2015
4. Dann müssen es eben...
die Interviews richten. Haha. Blöde Idee!
bausa 13.10.2015
5. Schade
ich lese seit 30 Jahren Playboy und habe noch alle Exemplare auf dem Dachboden.Immer wenn mir nach der guten alten Zeit ist blättere ich in ihnen.Im Digi Zeitalter ändert sich halt alles.Schade
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