Pleite für Einheitsdenkmal "Es reicht nicht, eine Kerze hinzustellen"

Der Wettbewerb für ein deutsches Einheitsdenkmal ist gescheitert: Von 563 Entwürfen war keiner gut genug. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD), warum die Aufgabe so kompliziert ist und plädiert dafür, erfahrene Künstler gezielt anzusprechen.


SPIEGEL ONLINE: Über 500 Entwürfe und keiner dabei, der in die Endrunde kommt - das ist doch eine künstlerische Bankrotterklärung für Gesamtdeutschland.

Künftige Denkmalstätte Schlossplatz: "Aufgabenstellung sehr schwierig"
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Künftige Denkmalstätte Schlossplatz: "Aufgabenstellung sehr schwierig"

Schmitz: Das sagen Sie. Ich halte mich da lieber zurück und kann nur resümieren, dass die Aufgabenstellung sehr schwierig gewesen zu sein scheint.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag es, dass das Verfahren gescheitert ist?

Schmitz: Das Verfahren ist ja nicht wirklich gescheitert. Es gab einen offenen Wettbewerb, an dem sich alle haben beteiligen können. Es gab auch keinen Streit in der Jury, wir waren einvernehmlich der Meinung: Guten Gewissens kann man hier nichts empfehlen. Es geht ja darum, sowohl der deutschen Einheit vor 20 Jahren zu gedenken als auch einen Bogen der deutschen Revolution von 1848 zu schlagen. Dazu muss man noch den Bezug zu Leipzig hinkriegen, wo auch ein Denkmal geplant ist. Und dann sollte man auch noch dem Standort am neu aufgebauten Berliner Stadtschloss gerecht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie sahen denn die Entwürfe aus?

Schmitz: Es gab die ganze Bandbreite, von ganz traditionellen Modellen mit einer Statue des Kaisers auf seinem Ross bis hin zum Vorschlag, die Kolonnaden vor dem Alliiertengebäude am Kleistpark dorthin zu versetzen. Aber das können Sie sich selbst ansehen, ab dem 5. Mai werden alle 532 Entwürfe im Kronprinzenpalais in Berlin ausgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Denkmal würden Sie sich denn wünschen?

Schmitz: Das ist eine Gestaltungsaufgabe, die man einem Künstler überlassen sollte. Als Politiker möchte ich mich da zurückhalten. Nur so viel: Wir haben es hier mit einem positiven Denkmal zu tun. Es soll an die positiven Aspekte der deutschen Geschichte erinnern, neben all den negativen, für die es in Berlin bereits Denkmäler gibt. Es soll der Freude über die Wiedervereinigung Ausdruck verleihen und an die Freiheitsbewegung erinnern, deren Schlusspunkt die Vereinigung vor 20 Jahren war.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?

Schmitz: Der Bund als Bauherr hat zuerst den offenen Wettbewerb versucht. Ich würde ihm empfehlen, im nächsten Ausschreibungsverfahren Künstler gezielt anzusprechen, die Erfahrung in solchen Dingen haben.

SPIEGEL ONLINE: Waren denn alle, die einen Entwurf eingereicht haben, Laien?

Schmitz: Das ist eine der Spekulationen, die es gibt. Ich kann es nicht beurteilen, denn es war ein anonymer Wettbewerb. Wir haben nicht gewusst, wer hinter den Entwürfen steht.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Elemente, die Sie in den neuen Entwürfen sehen möchten?

Schmitz: Fünf oder sechs sind sehr knapp ausgeschieden, die sollte man sich nochmal ansehen. Das hat die Jury auch dem Bund empfohlen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es zu früh für ein solches Denkmal?

Schmitz: Ich glaube nicht. Für mich sieht es so aus, dass Kunst mit ihrer abstrakten Formensprache nur ganz schwer an ein konkretes Ereignis erinnern kann. Es reicht nicht, eine Kerze hinzustellen, die vierzig Meter hoch ist und oben eine Flamme hat. Und es gab noch abstraktere Entwürfe, sehr beliebt war eine Möbius-Schleife, also ein Kreislauf, der in sich geschlossen ist und um sich geschlungen - auch ein Allerweltsmotiv, das uns nicht überzeugt hat.

SPIEGEL ONLINE: Steht uns wieder eine so lange Diskussion wie beim Holocaust-Mahnmal bevor?

Schmitz: Beim Holocaust-Denkmal ist es inzwischen Konsens, dass die Debatte als Teil des Denkmalprojektes angesehen wird. Daher würde mich das nicht schrecken. Eine Diskussion ziert eine demokratische Gesellschaft, da setzt sich eben nicht der Mufti ein Denkmal hin, das nur ihm gefallen muss. Es sollte vielleicht diesmal nicht ganz so lange dauern wie beim Holocaust-Mahnmal.

Das Interview führte Malte Göbel



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