Plog-Nachfolge Lutz Marmor übernimmt NDR-Intendanz

Keine Havarie bei der Intendanten-Wahl: Nach langer, stürmischer Schaukelei rettete der NDR-Rundfunkrat die Nachfolge von Jobst Plog in den sicheren Hafen. Die Sender-Navigation im Norden übernimmt jetzt Lutz Marmor.


Hamburg/Hannover - Ein Jahr lang machte die stürmische Wetterlage während der Kandidaten-Suche dem NDR beim Steuermann-Wechsel zu schaffen. Jetzt wählte der Rundfunkrat der zweitgrößten ARD-Anstalt den WDR-Mann Lutz Marmor auf den Posten des Intendanten. Im Januar 2008 beerbt er den derzeitigen NDR-Spitzenmann Jobst Plog, 66, der vorzeitig aus dem Amt scheidet. Stellvertretender NDR-Intendant wird der Landesfunkhaus-Direktor in Hannover, Arno Beyer.

Neuer NDR-Intendant Lutz Marmor: Vom Rhein an die Elbe
DPA

Neuer NDR-Intendant Lutz Marmor: Vom Rhein an die Elbe

Beide Kandidaten bekamen 51 Ja-Stimmen, zwei der 53 abgegebenen Stimmen waren ungültig. Damit lagen sowohl Marmor als auch Beyer nach Angaben des NDR deutlich über der vom NDR-Staatsvertrag geforderten Zwei-Drittel-Mehrheit.

Marmor freute sich über die "überzeugenden Voten des Rundfunkrats und des Verwaltungsrats". Diese stellten einen "großen Vertrauensbeweis dar". Der NDR sei ein journalistisches Unternehmen mit hervorragendem Ruf: "norddeutsch und zugleich weltoffen, unabhängig von wirtschaftlichen ebenso wie von politischen Interessen und nah bei den Menschen". Marmor erklärte, er betrachte es als "große Herausforderung, dieses Unternehmen trotz immer enger werdender finanzieller Rahmenbedingungen erfolgreich in die Zukunft zu führen - eine Zukunft, die digital sein wird."

Die Digitalisierungsbestrebungen der ARD-Anstalten stehen derzeit auf dem Prüfstand. Diese hätten nichts mit journalistischer Grundversorgung zu tun, schrieb Michael Hanfeld von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Gastkommentar bei SPIEGEL ONLINE.

NDR-Intendant Jobst Plog betonte, die Aufsichtsgremien des Senders hätten "Stärke gezeigt" und in großer Unabhängigkeit eine Entscheidung getroffen, die allen professionellen Kriterien standhalte. Die künftige Führungsspitze des NDR werde die offene, freiheitliche Tradition des Hauses fortsetzen.

Der stellvertretende WDR-Intendant Marmor war allerdings nach langem Hin und Her der einzig verbliebene Kandidat. Das Duo Marmor/Beyer wurde am vergangenen Sonntag vom NDR-Verwaltungsrat vorgeschlagen - doch der entscheidende Wahlgang liegt beim Rundfunkrat, in dem Parteien, Gewerkschaften und Kirchen vertreten sind. Als Unwägbarkeit galt, dass von den 58 Migliedern des Rats gut die Hälfte erstmals bei der Wahl dabei war.

Für eine "Lösung jenseits von politischer Einflussnahme" machte sich stets der jetzige Intendant Jobst Plog stark. Plog hatte am 25. Mai erklärt, seine Amtszeit ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages zum 15. Januar 2008 zu beenden.

Die CDU-Regierungschefs von dreien der vier NDR-Staatsvertragsländer, Ole von Beust (Hamburg), Peter Harry Carstensen (Schleswig-Holstein) und Christian Wulff (Niedersachsen), hatten in der von Querelen geplagten Intendanten-Debatte angeblich dem amtierenden NDR- Fernsehprogrammdirektor Volker Herres den Vorzug gegeben. Dies berichtete das "Hamburger Abendblatt" am 3. Juli, nachdem Herres bei einer Probeabstimmung des zwölfköpfigen NDR-Verwaltungsrats durchgefallen war. Elf der Mitglieder stimmten bei einer Enthaltung für das Duo Marmor und Beyer.

"NDR - Christian Wulff 1:0" kommentierte die "taz" den Sieg des Senders über die Politik. Der Zeitung zufolge äußerte Plog öffentlich seinen Unmut über die Einmischung der Politiker: Es sei "nicht Sache der Ministerpräsidenten", seinen Nachfolger zu finden: "Insofern bin ich verblüfft," als die Politik "nicht dementiert hat, sie habe sich auf einen Kandidaten verständigt."

Schon lange werden die ARD-Ämter nicht mehr nach Parteienproporz besetzt. Für diese Neuausrichtung der Senderpolitik hatte stets der amtierende Intendant Plog plädiert - den Einfluss der Parteien hatte er vor seiner Einstellung beim NDR als Justiziar im Jahr 1977 selbst erlebt. Der CDU-dominierte Verwaltungsrat lehnte damals das SPD-Mitglied Plog zunächst ab.

Der 53 Jahre alte WDR-Verwaltungsdirektor Lutz Marmor ist studierter Betriebswirt. Er begann seine ARD-Karriere in der Hauptabteilung Finanzen des WDR. Ab dem Jahr 1991 wirkte er am Aufbau des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg mit. 1995 wurde Marmor Verwaltungsdirektor des NDR in Hamburg, in gleicher Position war er im August 2006 zum WDR nach Köln gewechselt. Wenn der gebürtige Kölner im Januar wieder nach Hamburg kommt, beträgt seine Amtszeit als neuer NDR-Intendant zunächst sechs Jahre.

Auf den Posten des stellvertretenden NDR-Intendanten wurde Arno Beyer gewählt. Beyer ist der Direktor des NDR-Landesfunkhauses Niedersachsen. Der jetzige Vize, Joachim Lampe, steht aus gesundheitlichen Gründen nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung. Er scheidet zum 1. September 2007 aus.

bos/dpa/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.