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19. Juli 2016, 12:53 Uhr

S.P.O.N. - Oben und unten

Da habt ihr eure Revolution!

Eine Kolumne von

Danke "Pokémon Go"! Wir dachten, das Zeitalter der Ideen und Utopien sei vorbei. Jetzt aber geht die Jugend endlich wieder auf die Straße.

Wir hatten fast schon aufgegeben. Wir dachten, das Zeitalter der großen Ideen und Utopien sei vorbei, die Sache mit der Revolution hätte sich erledigt und der Wille zur Veränderung gleich mit. Wir dachten, die Leute sind zu blöd, zu faul und zu egoistisch, sie sitzen in der U-Bahn und machen Hashtags auf ihren Smartphones, statt in lockerer Atmosphäre zu flirten und zu konspirieren. Wir dachten, wir sind im Eimer.

Und wir waren verwirrt. Es war doch alles da - aber es passierte nichts! Wir dachten: Alter, was ist los mit den Leuten, was braucht ihr noch, um eure verwöhnten Wellnesshintern hochzukriegen, um aufzustehen und die Ketten der Unterdrückung zu sprengen? Denn wir wussten, wir hatten auf der technischen Seite unser Bestes getan: Die Voraussetzungen für politische Mobilisierung sind heute so gut wie noch nie. Wir sind informiert und vernetzt und haben alle Skills und Tools für Partizipation, wir können Pamphlete publizieren und Petitionen starten, wir können Abstimmungen durchführen und sogar Onlinepranger errichten, wir haben die politischen Kampfinstrumente vergangener Jahrhunderte in digitaler Form neu entwickelt.

Der einzige Wert, der für uns zählte, war unser Akkuladestand

Und doch drehten wir uns bisher nur um uns selbst, alles sprach für den Rückzug ins Innerste, sogar die Lust auf Urlaub war uns vergangen, die Terroristen hatten uns von den Stränden weggeballert. Wir schalteten die Fernseher aus, bevor ihre Gesichter sich in unseren Alpträumen festsetzten und zogen uns immer weiter zurück, wir fotografierten unsere eigenen Gesichter und lasen Bücher über unseren Darm, und der einzige Wert, der für uns zählte, war unser Akkuladestand. Aber genau da lag der Hase im Pfeffer! Wir brauchten erst lange haltende Smartphone-Akkus, um die Revolution zu starten. Die Freiheit bringt dir nichts, wenn du an einer Steckdose hängst.

Die Revolutionstheoretiker und -theoretikerinnen ahnten das schon lange. Aldous Huxley schrieb 1949 im Vorwort zur Neuauflage seines Buches "Schöne neue Welt", die "wirklich revolutionäre Revolution lässt sich nicht in der äußeren Welt bewirken, sondern nur in den Seelen und Körpern der Menschen". Technische Entwicklungen, das wusste er, müssten sich mit psychologischen verbinden, eine Seite reicht nicht.

Es war auch klar, dass wir alte Laster überwinden müssen. Auf den Tag genau heute vor 108 Jahren schrieb Emma Goldman, es werde keine Freiheit geben, solange Geldgier unser Verhalten bestimme. Aber Geld interessiert uns nicht mehr, es ist langweilig geworden, seit wir es haben. Gähn, Geld.

Wir ahnten, dass ein neuer Wert her muss, für den es sich zu kämpfen lohnt; einer, der nicht im privaten Klein-Klein verhaftet ist, sondern draußen. Denn jedes wahre politische Handeln geschieht, wie Hannah Arendt schrieb, gemeinsam im Licht der Öffentlichkeit. Und sie wusste: "Revolutionen brechen aus und sind unwiderstehlich, wenn sich herausgestellt hat, dass die Macht auf der Straße liegt."

Ja, da liegt sie auf der Straße, in Hinterhöfen und in Parks und sie ist: ein Pokémon!

Wow.

Das Phänomen Pokémon kennen wir zwar schon seit 1996, aber wir waren damals noch nicht bereit. Wir hatten noch nicht alle Smartphones mit Standorterkennung und geiler Grafik, wir wussten nicht, was Apps sind und wären uns wohl auch zu fein gewesen, unser Herz an sie zu hängen. Es waren die Neunziger, wir steckten fest in einer ewigen Schleife von Ironie, alles war bunt, käuflich und niedlich, wir waren a blond bimbo girl in a fantasy world, Politik war weit weg.

Es gibt eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ernten

Jetzt schließt sich ein Kreis, unsere Mittel für politischen Aktivismus sind zur Vollkommenheit gelangt und Pikachu ist wieder da und immer noch süß und inzwischen postironisch. Wir erkennen: Es gibt eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ernten. Alles fügt sich zusammen und in "Pokémon Go" sehen wir, wofür Generationen gekämpft haben. Da habt ihr eure Revolution!

Noch haben wir es nicht geschafft, die Klassengesellschaft zu überwinden, noch gibt es iOS und Android, aber sie leben in friedlicher Koexistenz und größter Nähe. Sie weinen gemeinsam, wenn der Server down ist, und verfolgen in Solidarität und Liebe ihre Ziele, sie überwinden dafür Brücken und Bahngleise, sie erklimmen Dächer und werden von der Polizei gejagt, sie wagen sich in Höhlen oder stürzen von Klippen, sie erobern Friedhöfe und Museen. Die Jugend ist endlich wieder auf der Straße.

In wen hatten wir schon alles unsere Hoffnungen gesteckt! In den neuen Papst, in Carsharing und Superfood. Aber das war alles nicht so vollkommen wie "Pokémon Go".

Bertolt Brecht hatte sich noch lustig gemacht über geile neue Technik, in seinem Gedicht "700 Intellektuelle beten einen Öltank an". Darin heißt es: "Ohne Einladung / Sind wir gekommen / Siebenhundert (und viele sind noch unterwegs) [...] Gestern warst du noch nicht da, / Aber heute / Bist nur du mehr. [...] Herrlich, herrlich, herrlich! / Du Unscheinbarer! / Du bist kein Unsichtbarer."

Er konnte es ja nicht ahnen! Die Leute sind nicht dumm, sie wollen nur belohnt werden, dann bewegen sie auch ihren Hintern. Sie brauchen ein klares Ziel vor Augen, das sie in kleinen Etappen und mit Fun erreichen können. If I can't dance , it's not my revolution!, wisst ihr noch? Das heißt jetzt: If I can't play , it's not my revolution!

Freiheit, schrieb Erich Mühsam, ist "nichts, was gewährt werden kann. Freiheit wird genommen und gelebt." Und Pokémon werden gefangen! That's it, Freunde der Zukunft. Mehr gibt es nicht.


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