Polemik Generation Depri

Kann hier mal bitte jemand den Nölstecker rausziehen? Kann mal jemand eine andere Platte als die mit dem ewig gleichen depressiven Klagelied auflegen? SPIEGEL-ONLINE-Autorin Renée Zucker, 52, erregt sich über eine Generation, die außer Jammern nichts gelernt hat.


Ab sofort sollen Ohrwürmer wie demographischer Wandel, Nachhaltigkeitsfaktor, soziale Sicherungssysteme, Arbeitsplatzunsicherheit, sinkende Geburtenrate usw. aus dem öffentlichen Liedgut gestrichen werden. Dagegen war die Komposition der "Mehrstoffwertkomponententonne" ja geradezu verrucht. Das war damals, als Joschka Fischer noch hessischer Umweltminister war, und seine Parteigenossen lieber bis tief in die Nacht an komplizierten Müllentsorgungsplänen arbeiteten, anstatt Drillinge fürs Vaterland zu zeugen.

Generation Weichei: Angst essen Seele auf
DAK/Müller

Generation Weichei: Angst essen Seele auf

Wenn sie das nämlich getan hätten, müssten die jungen Leute von heute nicht um Hab und Gut, ja ihre gesamte nationale Spezies fürchten.

Die Deutschen werden also aussterben. Ja und? Was ist so schlimm daran? Vielleicht hat Deutschland fertig - historische Rolle erfüllt und das war’s. Vielleicht ist Deutschland Trendsetter für Europa und die anderen folgen? Italien ist uns schon ganz nah auf den Fersen. Zukünftiges Motto also hier: Inder statt Kinder. Dann hört vielleicht auch endlich das Gejammer auf.

Früher war alles besser. Da jammerten immer nur die Alten, dass früher alles besser war und heute schlecht ist. Nun jammern die Jungen, dass früher alles besser war, und ihnen niemand gesagt hat, dass es auch mal schlechter kommen könnte.

Gibt es eine unangenehmere Weichei-Truppe als diese sogenannte "Sandwich-Generation" (so genannt, weil sie von älteren wie jüngeren "in die Zange genommen wird",- ganz normal also, wie man meinen möchte ) die sich als Opfer eines umlagefinanzierten Rentensystems empfindet und so schrecklich darunter leidet, "dass das Wort Planungssicherheit zur Utopie geworden ist", wie neulich in einem Artikel in der "FAZ" zu lesen war.

Reformverlierer seien sie in Wirklichkeit, die zwischen 1960 und 1980 Geborenen, klagte die Autorin, die schon jetzt ihre düstere Zukunft in 30 Jahren vor Augen hat, in der sie und ihre Generationsgenossen nicht nur weniger Rente bekommen werden, sondern sich tatsächlich "um die eigenen Kinder, die eigenen Eltern und die eigene private Vorsorge kümmern" müssen. War das nicht eigentlich schon immer so? Das Leben eine einzige Herausforderung mit immer wieder neuen Aufgaben?

Ich meine mich außerdem zu erinnern, dass unter diesen Reformverlierern, zumindest im sechziger und halben siebziger Jahrgang auch die duften Dotcom-Gewinner zu finden waren, die den Hals gar nicht voll genug kriegen konnten von all den blinkenden und blitzenden Möglichkeiten unserer globalisierten Wirklichkeiten. Dass sie genau so schillernd auf dem Bauch landeten wie sie vorher aufgestiegen waren, nannte man in den guten alten Zeiten Künstlerpech.

Es ist eine Generation (wenn wir denn davon ausgehen sollen, dass tatsächlich alle solche Jammerlappen sind), deren Angehörige zu Gefangenen ihres Lebensstandards wurden, gefesselt von Sicherheits- und Organisationsdrang, gequält von hysterischen Angstanfällen und Bildern des sozialen Abstiegs, der offenbar vornehmlich darin besteht, dass man sich um andere (und noch um die eigene Alterssicherung!) kümmern muss.

"Ausgerechnet jetzt, in der Mitte unserer Existenz ist das Leben so kompliziert geworden – mit neuen Verantwortlichkeiten und unerwarteten Verbindlichkeiten,- dass wir froh sind, uns einigermaßen erfolgreich von einem Tag zum nächsten zu hangeln", klagt es in der "FAZ" aus der Generation am Abgrund, als habe es zum Zeitpunkt ihrer Geburt eine Urkunde mit der planungssicheren Zusage gegeben, dass das Leben ein einziges Fest sei.

Umgeben von Drohkulissen fühle sich die Generation, heißt es, bohrende Fragen belasten den Alltag: ob man den Arbeitsplatz behalte, zugleich die Kinder vernünftig erziehe; sich die Vogelgrippe einfange oder die Veränderung des Wetters nicht nur einen Strich durch den nächsten Urlaub, sondern durch das halbe Leben mache und ob man in Immobilien investieren soll, wo doch jetzt schon Häuser leer stehen.

In einer aktuellen Umfrage war neulich zu lesen, dass Türken weniger Ängste haben und optimistischer in die Zukunft schauen als Deutsche. Man möchte also den 26- bis 46-Jährigen, wenn es ihnen denn so schlecht geht, empfehlen, umgehend den nächsten türkischen Nachbarn aufzusuchen.

Ja, danke, mir geht es gut. Nein, ich habe keinen festen Arbeitsplatz – bei mir hat noch nicht mal der Schreibtisch Beine, sondern ruht als Buchenplatte zwischen Fensterbank und Nachtkonsölchen vom Sperrmüll. Die bange Frage, ob ich mein Geld in Immobilien oder Fonds investiere, hat sich mir nie in den Weg gestellt.

Wie meine Rente aussehen wird? Ich hab' keine Ahnung, obwohl ich schon 52 Jahre alt bin, und es besser wissen sollte. Vor Rinderwahnsinn, Schweinepest und Vogelgrippe habe ich mich nie gefürchtet, nicht nur, weil ich schon lange kein Fleisch mehr mag, sondern weil die Wahrscheinlichkeit, unters Auto zu kommen oder einem Herzinfarkt zu erliegen, weitaus größer ist. Und mein Kind hab ich nach bestem Wissen erzogen, aber natürlich war es nie gut genug.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil ich die Nase voll habe von diesem larmoyanten Gejammer der Thirty- und Forty-Somethings habe. Weil ich jüngst unter der Überschrift "Wir Verlierer" einen Artikel über "Eine Generation", die "in den Abgrund blickt" las, der mir Hitzewallungen verschaffte, die völlig außer der Reihe waren.

Früher dachte ich, Gott hat die Deutschen mit Geld und Langeweile bestraft. Heute glaube ich, er hat ihnen dazu noch die unentwegte Angst geschenkt, beides auf einmal zu verlieren.



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