Polit-Desperado Beppe Grillo "Die Linke ist ein Leichenwagen"

Niemand kann Berlusconi gefährlich werden - außer vielleicht Beppe Grillo. Der Komiker und bekannteste Blogger Italiens will Chef der größten Oppositions-Partei werden. Warum die sich davor fürchtet, erklärt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie tatsächlich Vorsitzender der größten italienischen Oppositionspartei, der Demokratischen Partei (DP) werden - oder war das ein Scherz?

Grillo: Ich meine das vollkommen ernst. Die italienische Öffentlichkeit muss verstehen, dass eigentlich doch seit mindestens 20 Jahren gar keine Opposition existiert. Die Oppositionsführer sind nur Berlusconis Krücken! Sie schließen sich in ihren teuren Lofts ein, weil sie wissen: Würden sie sich den Bürgern öffnen, müssten sie sofort abdanken. Sie bezeichnen mich als feindselig - was für ein hässliches Wort. Ich verurteile den Interessenkonflikt, die Korruption, die Privatisierung des Wassers, die Nuklearenergie. Da bin ich äußerst feindlich gestimmt!

Satiriker Grillo: "Die Oppositionsführer sind nur Berlusconis Krücken!"

Satiriker Grillo: "Die Oppositionsführer sind nur Berlusconis Krücken!"

Foto: AP

SPIEGEL ONLINE: Die Reaktionen aus der DP sind kühl - Piero Fassino, einer der führenden Politiker der Partei, kommentiert, die DP sei kein Taxi, in das man nach Belieben einsteigen könne. Wo bleibt die Freude über Ihr Angebot?

Grillo: Die DP weiß genau: Wenn ich in diesem Schein-Wettkampf antrete, die sie als Vorwahlen bezeichnet, würde ich wahrscheinlich gewinnen. Davor haben die Parteiführer verdammte Angst! Die ganze Linke ist ein Schwindel - das sind doch lebende Tote. Die Partei ist kein Taxi? Stimmt! Die Partei ist ein Leichenwagen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Parteiantrag auf Sardinien wurde abgelehnt - werden Sie in Ihrem Wohnort Genua mehr Glück haben?

Grillo: Nix, ich fahre auch gar nicht erst hin. Wozu? Die Türen des Parteibüros werden dort ebenfalls verschlossen sein. Ist mir auch egal. Spannend ist doch: Die 30 Zeilen in meinem Blog, die ich vor ein paar Tagen geschrieben habe - die haben ausgereicht, um die gesamte DP in die Krise zu stürzen! Sie ist also offensichtlich sehr schwach.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen der Opposition vor, kein Programm zu haben. Welche politischen Ziele verfolgen Sie?

Grillo: Erstens: die öffentliche Wasserversorgung. Das ist ein enormes Problem hier. Die Leitungen funktionieren nicht, und wir verschwenden wahnsinnig viel. Zweitens: erneuerbare Energien, zum Beispiel Solarenergie. Italien muss aus der Atomenergie aussteigen. Im Umweltschutz sollten wir uns an Deutschland ein Beispiel nehmen. Ihr bekommt so was mit zwei Zeilen Gesetzestext auf die Reihe! Hier haben die Regierenden kein Interesse daran, in erneuerbare Energien zu investieren, sie wollen bei Kohle und Öl bleiben. Drittens: Mobilität. Wir brauchen Car- und Bus-Sharing, zudem muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden. Viertens: freier und kostenloser Zugang zum Internet - als Bürgerrecht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren die italienische Parteienherrschaft heftig - sind Sie auch gegen Politik?

Grillo: Ha, der Vorwurf der Anti-Politik! Das ist Quatsch. Ich mache Politik. Die Linke ist selber antipolitisch, sie ignoriert die Geschichte. Tatsache ist: In Italien gibt es keine Demokratie - nur ein illegitimes Parlament. Dessen zwei Kammern mit über 950 Abgeordneten und Senatoren wurden von nur sieben Parteisekretären ernannt.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern, alle Abgeordneten mit Vorstrafen aus dem Parlament hinauszuwerfen ...

Grillo: Es ist inakzeptabel, dass fast hundert verurteilte Verbrecher im Parlament sitzen. Berlusconi ist einer von ihnen, präsentiert sich aber als Meister Proper der Politik - vollkommen rein. Im Ernst: Es ist eine Tragödie.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Politik ohne einen Parteienapparat umsetzen?

Grillo: Das will ich gar nicht! Ich habe so eine Struktur bereits geschaffen. Auf meinem Blog treffen sich Millionen junger Leute, sie verabreden sich und organisieren Treffen. Wir machen richtige Politik, von unten! Fast hunderttausend junge Leute arbeiten heute in dem Netzwerk, seit vier Jahren, in 500 Städten. Sie kommen über Bürgerlisten in die kommunalen Parlamente. In 30 Gemeinderäte sind sie gewählt worden, überall im Land: in Modena, Ferrara, Brindisi, Ancona. Darüber hat bloß niemand berichtet.

SPIEGEL ONLINE: In Bologna hat die Bürgerliste "Beppe Grillo" bei den vergangenen Wahlen vier Prozent erzielt ...

Grillo: Richtig, das war unser bisher größter Erfolg. Aber wir sind überall. Und das alles ohne Geld. Unser nächstes Ziel: Im Oktober wollen wir ein Referendum gegen Atomkraft auf den Weg bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie sich gegen Berlusconis Medienmacht behaupten?

Grillo: Mit dem Internet. Die Regierung wird garantiert versuchen, auch noch das Internet zu blockieren - aber das wird nicht funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Vor einiger Zeit hatten Sie noch verkündet, nicht in die Politik gehen zu wollen.

Grillo: Und das sage ich immer noch. Ich bin 61 Jahre alt. Ich will überhaupt nicht ins Parlament. Das sollen die jungen Leute machen - die müssen sich um die Politik kümmern, nicht die alten Säcke. Diese Scheintoten, die seit mehr als 30 Jahren auf ihren Posten sitzen und einfach gar nichts tun. Sie arbeiten nicht! Der Staat zahlt ihren Unterhalt, basta. Sie lachen vielleicht darüber - aber nur, weil Sie in Deutschland sind.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie denn den größten Unterschied zwischen den beiden Ländern?

Grillo: In Italien gibt es einfach keinen Staat, der irgendetwas für seine Bürger tut. Der Staat existiert hier nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind eigentlich die italienischen Grünen geblieben?

Grillo: Die Grünen haben politischen Selbstmord begangen. Als ihr damaliger Parteiführer endlich Minister war, hatte er die Zukunft in der Hand - aber er hat es vorgezogen, stattdessen die Koalition aufzulösen. Es gibt eine Menge dummer Idioten hier und eine Menge betrügerischer Idioten. Eine explosive Mischung.

SPIEGEL ONLINE: Auch viele Ihrer Ziele sind grüne Themen - haben Sie noch Ihren Ferrari? Kein besonders umweltfreundliches Auto, oder?

Grillo: Stimmt, ich hatte mal einen Ferrari, und das ist 18 Jahre her. Ich könnte genauso gut immer noch einen haben - darum geht es nicht. Als Churchill seine Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede hielt, hat er auch nicht selbst geblutet. Was ich tue, ist nicht so entscheidend. Wichtig ist, wie meine Kinder und Enkel in 20 Jahren leben werden und dass sie sich politisch engagieren. Ich stehe für eine politische Bewegung, die wirklich von unten kommt, durch das Internet. Aber ich bin nur ihr Repräsentant.

Das Interview führte Franziska Gerhardt
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