Polit-Drama auf Arte Eine Hyäne namens Blair

Wie Tony Blair einem Parteifreund den Chefposten abgaunerte: Vor seinem Kinoerfolg "The Queen" hat Stephen Frears schon einmal ein zentrales Kapitel der jüngeren britischen Geschichte verfilmt. Das Politduell "Doppelspitze" ist noch immer höchst brisant.

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Der Mann mit dem Brummbass gibt so schnell nicht auf. "Gordon Brown wartet immer noch", heißt es am Ende dieses Filmes, und obwohl die Produktion schon über drei Jahre alt ist, hat die Aussage immer noch Gültigkeit: Im Sommer soll der für seine lautstarke Gradlinigkeit geschätzte und gefürchtete Schatzmeister der britischen Regierung endlich den immer glückloser agierenden Tony Blair als Premierminister beerben – und damit jenen Posten übernehmen, der ihm nach Meinung vieler Parteifreunde eigentlich schon seit einem Jahrzehnt zusteht.


Wie ihm einst diese Spitzenposition von Blair abgeluchst wurde, davon erzählt nun "Doppelspitze" als Mischung aus Spekulation, Psychogramm und politischer Analyse. Der Focus liegt dabei auf dem Mai 1994. Damals starb der Labour-Chef John Smith, und die Partei stand vor einer weit reichenden Neuordnung. Als Spitzenkandidat für die nächste Wahl hatte sich eigentlich Brown in Stellung gebracht, doch in einem geschickten Manöver wurde er von seinem telegenen Gegenspieler Blair abgehängt.

In ihrer Figurenzeichnung sind Regisseur Stephen Frears und Autor Peter Morgan nicht eben zimperlich: Brown (David Morrissey) trauert und versucht einen Nachruf zu verfassen, Blair (Michael Sheen) setzt schon mal alle Räder in Bewegung, um sich selbst auf den frei gewordenen Posten zu hieven. Dabei nutzt er geschickt die eigene Medienwirksamkeit.

Tierischer Ehrgeiz

Brown und Blair – in "Doppelspitze" wirken sie streckenweise wie Bär und Hyäne. Da ist der wuchtige Schotte mit dem breiten Schädel, der schon mit 15 Flugblätter für die Partei verteilt und an seinen ehedem entwickelten Idealen festhält. Und da ist der wendige Pragmatiker aus dem reichen Südengland, der in der Politik eine unter vielen anderen Karrieremöglichkeiten sieht. "Wie geht es dem Tory in deinem Büro?", wird Brown einmal in Anspielung auf den ehrgeizigen Junganwalt Blair ironisch von einem Labour-Kollegen gefragt.

Doch so unterschiedlich die beiden Kontrahenten sind – jeder findet in dem anderen eben auch eine wichtige Ergänzung der eigenen Fähigkeiten. Brown, der schon früh vom "big job" träumt, nutzt das strategische Talent seines Parteifreunds; Quereinsteiger Blair lernt vom Graswurzelpolitiker aus Glasgow das Tagesgeschäft. Zusammen gehen sie ein gutes Stückchen ihres Weges - immerhin werden beide vom Wunsch geeint, die Partei zu modernisieren.

So schlägt der Film am Anfang konsequenterweise einen Bogen in die frühen Achtziger, wo Brown und Blair ein kleines muffiges Büro teilen und sich mit den unterschiedlichen Flügeln der Partei zu arrangieren versuchen: mit den Trotzkisten und den Gewerkschaftern, mit Pazifisten und Militaristen. Dazu werden Doku-Aufnahmen von früheren Parteitagen eingestreut. Was für ein bunter und ungeordneter Haufen die Linke in Großbritannien doch einmal war! Weil man aber mit so einem Klüngel eben nicht an die Regierung kommt, träumen die Oppositions-Jungspunde Brown und Blair eben von einem neuen Erscheinungsbild, von "New Labour" – auch wenn sie sich darunter etwas anderes vorstellen mögen. Der Zweck heiligt das Bündnis.

Kumpel-Western aus England

In der Analyse dieser Instrumentalisierungstechniken gewinnt "Doppelspitze" seine größte Schärfe. Wie in ihrem gemeinsamen Film "The Queen", wo sie die sich verschiebenden Machtverhältnisse beim Königshaus und bei der Regierung nach dem Tod von Lady Di beleuchteten, schlüsseln Frears und Morgan auch in "Doppelspitze" die Gemengelage aus Psychologie, Medienstrategien und politischem Kalkül auf. Vor dem Dreh hatte man etwa 40 wichtige Zeitzeugen interviewt, und die verbleibenden Leerstellen im Machtkampf wurden fiktional gefüllt. Deshalb beginnt der Film mit dem Hinweis "Das meiste, was folgt, ist wahr" – der einst auch den Kumpel-Western "Butch Cassidy und Sundance Kid" eröffnete.

Wie bei den Western-Ganoven gilt bei den beiden Polit-Hasardeuren: Die ganze Wahrheit werden sie wohl ins Grab mitnehmen. Die fantasievolle Rekonstruktion der Ereignisse ist dafür bis ins letzte Detail schlüssig inszeniert und gespielt. So auch die zentrale Szene, in der Blair seinen Kontrahenten 1994 in einem Edelrestaurant im schicken Londoner Stadtteil Islington dazu überredet, aufs Spitzenamt zu verzichten und dafür den um einige Einflussmöglichkeiten erweiterten Job des Schatzmeisters zu übernehmen: Brown nippt mit knurrendem Magen und grollender Visage an einem Glas Selters, Blair lässt sich gut gelaunt einen Hasen und einen trocken Weißen kredenzen.

Und wie sieht es 13 Jahre nach dem historischen Treffen aus? Blair hat sich bei den Briten flächendeckend unbeliebt gemacht, und auch für den anderen sieht es nach den allerjüngsten Umfragen gar nicht mehr so rosig aus. Hungrig aber ist der Bär Gordon Brown über das letzte Jahrzehnt geblieben. Jetzt will er endlich ran an den Braten. Eine Hyäne, die ihm die Beute wieder abgaunert, ist zurzeit nicht in Sicht.


"Doppelspitze", heute, 22.45 Uhr, Arte



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