Polit-Veteranen im Talk Maischberger allein unter Alten

Großes Palaver der Stammesältesten im Talkshow-Tipi: Bei Maischberger diskutierten vier altgediente Parteisoldaten und ein neoliberaler Senior zum Thema "Volksparteien am Ende - wer führt uns aus der Krise?" Ausgerechnet CSU-Hardliner Peter Gauweiler behielt als Einziger einen klaren Kopf.
Von Jan Freitag

Wenn die deutsche Talkshow neben den allzu festen Personalstrukturen ein Problem hat, so ist es geriatrischer Natur. Als Sandra Maischberger vor einer Woche ihre 200. Sendung mit der Fragestellung feierte, ob wir Bayern noch brauchen, war sie von alten Männern und einer bei aller Liebe auch nicht mehr ganz jugendhaften Dame (Katja Ebstein!) umgeben. Als die Moderatorin am Dienstag eine ähnliche Frage zum Thema Volkspartei stellte, war selbst das weibliche Feigenblatt verschwunden und niemand geringerer als CSU-Veteran Peter Gauweiler gab mit 59 Jahren das Küken der Runde. Durchschnittsalter: 68,8.

Das Haar meist weiß und die Anzüge so dunkel, dass Maischbergers grauer Blazer zum Farbtupfer wurde: "Volksparteien am Ende - wer führt uns aus der Krise?" lautete der wenig juvenile Titel zur Nacht. Aber mussten an der Seite des altgedienten Gauweilers ausgerechnet der Altlinke Ulrich Maurer, der Altneoliberale Hans-Olaf Henkel und das altersweise Brüderpaar Hans-Jochen (SPD) und Bernhard (CDU) Vogel Platz nehmen?

Es war ein wenig wie im Gemeinschaftstipi wilder Western, wo Stammesälteste beim abendlichen Palaver erzählen, dass Manitu die Büffel sendet, wenn der Mond zum dritten Mal die Nacht durchläuft. Und wenn die junge Polit-Kriegerin Sandra mal ihre Stimme zur unbotmäßigen Nachfrage erhob, ob der Sendungstitel nicht stimme, wenn schon die "Staatspartei Bayerns so eben 40 Prozent schafft?", erklang ein mitleidiges "Ach, Frau Maischberger" aus dem Munde Gauweilers. Schon die Einführung der Vogels als "berühmtestes Brüderpaar der Politik" hatte ein fürsorgliches "langsam, langsam" aus der rechten Sitzecke nach sich gezogen, und auch ansonsten herrschten Grinsen, Frotzeln, Stirngerunzel.

Die Atmosphäre war also bis tief in die Sendezeit hinein großväterlich, und so stellt sich aufs Neue die Frage, warum man die Frage nach dem Ende eines tradierten Systems ausgerechnet von dessen überkommenem Personal, den Lordsiegelbewahrern des Errungenen, beantworten lassen muss, den Platzhirschen also, statt den Bilderstürmern. Den Parteiwechsler Ulrich Maurer als Kronzeugen der Erneuerung von unten zu besetzen, ist fast schon grotesk, gemessen am Ursprung seiner Partei, der Linken. Einziges juveniles Symbol Maurers: Er trug als Einziger keinen Schlips. Vielleicht nannte ihn Hans-Jochen Vogel bei seiner Ex-Genossenschelte auch deshalb herablassend "mein lieber Uli".

Jungs, jetzt reißt euch mal am Riemen!

So plätscherte alles vor sich hin, bis Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, der alte Rottweiler des Neoliberalismus, kundtat, er habe 1986 die Sonntagsarbeit in seiner Böblinger Chipfabrik einführen müssen, wofür ihm Oskar Lafontaine als einziger Sozialdemokrat Verständnis zollte. Da war die Richtung dann klar: Schluss mit dem Vorbeireden am Thema, der Populismus der Linken ist an allem schuld. Plötzlich taten alle so, als gäben die Volksparteien nur Stimmen an Sozialisten ab. Sandra Maischberger versuchte noch zu retten, was zu retten war und fragte Hans-Jochen Vogel, ob er enttäuscht darüber sei, dass der letzte große Charismatiker seiner SPD nun einer kleineren Partei vorsteht - und erntete doch wieder nur Linkenschelte.

Da war es umso erstaunlicher, dass ausgerechnet ein wahrscheinlich bewusst als Hardliner eingeladener Gast vor der Sendung Kreide gefressen hatte: Peter Gauweiler, einst Befürworter einer Meldepflicht für Schwule, spielte den Mediator, wollte die Liberalisierung einer kritischen Prüfung unterziehen, stellte mit einladender Geste zum Systemfeind Maurer das Investmentbanking in Frage, bat um Obacht im Gebrauch der Kampfparole Populismus und schien dafür sogar seinen bayerischen Dialekt entschärft zu haben, bis nur noch sein Sedlmayer-Gedächtnisbart als Link in die christsoziale Vergangenheit diente.

Wenn schon ein politischer Has-Been wie Peter Gauweiler aufzeigen muss, wie groß Maischbergers Diskrepanz zwischen Titel, Thesen und Temperamenten nach fünf Jahren auf diesem Sendeplatz werden kann, dann sollte sich die Redaktion wirklich langsam Gedanken machen. Der Rest der Sendung versank in Kakophonie: Henkel verteidigte fleißig die Marktwirtschaft, Maurer seinen Lafontaine, Gauweiler seinen Strauß, Vogel seinen Vogel, alle den Staat und keiner die Volkspartei. Henkel hackte auf Populisten rum, Maurer auf Schröder, Gauweiler auf unsachliches Diskutieren, Vogel auf Vogel, jeder auf den Staat und am Ende redeten alle durcheinander, bis die Sendung im kollektiven Selbstgespräch implodierte und Sandra Maischberger mit dieser bezaubernden Verzweiflungsfalte zwischen den Augen sagen wollte: Jungs, jetzt reißt euch mal am Riemen!

Die Krise, zitierte Hans-Olaf Henkel in einem klaren Moment Max Frisch, "ist ein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen". Dafür sollte Sandra Maischberger vielleicht mal eine Frauenrunde einladen. Am besten eine junge.

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